Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Eine heiße Spur zur Kinder-Neugier

Wo es keine klassische Vorschule gibt – Die Spree-Kita in Berlin macht Angebote Vor-der-Schule

von Vera Lorenz

Neulich hat Emma Konstantin geheiratet. Emma ist fünf und Konstantin sechs, er geht schon in die Schule. Warum sie geheiratet haben? Weil sie sich schon immer lieb haben, sagt die Braut. Und viele Kinder aus der Delphin- und der Krokodil-Gruppe haben mitgemacht, die Hortkinder sowieso. Die einen haben einen Kuchen gebacken, die anderen die Kostüme gebastelt, die nächsten den Flur geschmückt, eine kleine Pfarrerin hat sich ein paar passende Worte ausgedacht und die Kinder haben sich erzählt, wie Heiraten so geht. Jetzt zeugen viele Fotos von dem gelungenen Fest. Nur Emma – die hat ihren Ring verloren, den schönen roten aus Papier. Aber, so meint sie, ob mit oder ohne Ring: verheiratet sei sie immer noch.

Hochzeit in der Kita: Drehbuch und Ablauf kommen von den Kindern, die Erwachsenen helfen nur. „Situationsansatz“ heißt das Zauberwort. Ideen der Kinder werden aufgenommen, um ein paar Tage lang an einem Thema zu arbeiten. Das heißt dann Bildung. Aha.

Der eigenwillige Ansatz passt zum Haus; diese Kita ist etwas Besonderes. Nicht nur, weil sie so neu und hell und durchsichtig ist. Nicht nur, weil sie einen eigenen Garten hat und weil hier noch gekocht wird (und dann auch noch vollwertig). Nicht nur, weil es eine Warteliste gibt von Eltern, die ihre Sprösslinge nur hier aufgehoben wissen wollen. Sie ist was Besonderes, weil sie einen besonderen Begriff von Bildung lebt.

Die Spree-Kita in Berlin-Moabit wird von der Evangelischen Heilands-Kirchengemeinde unterhalten. Die zwölf Erzieher(innen) sind zwischen 30 und 40 Jahre alt, ein Durchschnitt, der sich von vielen überalterten Berliner Einrichtungen unterscheidet. Hier ist man aufgeschlossen für Neues. Für das Team um die Leiterin Arnhild Recke beginnt Bildung nicht mit der klassischen Vorschule. Bildung ist für alle da. Vorschule heißt hier Vor-der-Schule.

Was sagen Leiterin, Erzieherinnen und Mütter dazu und was lernen die Kinder?

Die Leiterin

Arnhild Recke ist seit 28 Jahren im Geschäft. Erfahrung und Wissen plus Aufgeschlossenheit für Neues, das ist das Pfund, mit dem sie wuchern kann. Frau Recke ist Erzieherin mit Leib und Seele. Sie beschreibt den Prozess, in dem sich ihr Team einen Begriff von Bildung erarbeitet: seit dem Jahr 2000, Baustein für Baustein, evaluiert im vorigen Jahr. Eine Erzieherin lässt sich fortan zur „Facherzieherin für Bildung“ schulen. Für das ganze Team fand gerade eine Kita-zentrierte zweitägige Fortbildung statt. Thema: „Der rote Faden – pädagogische Planung transparent und zielorientiert“. „Kita-zentriert“ und „zielorientiert“ – was nach Unternehmensberatung klingt, entspricht den Wünschen von Einrichtung und Eltern. Denn: „Die Eltern gucken sehr genau hin, was wir hier machen,“ sagt Frau Recke und dass der ungewöhnliche Ansatz schwerer zu vermitteln ist als gedacht. Klar, mit dem Bild vom Trichter auf dem Kinderkopf, in den Wissen gegossen wird, will hier niemand etwas zu tun haben. Weder Erzieher(innen) noch Eltern. Aber was genau bedeutet Selbst-Bilden? Wie wird ein Kind lernfreudig, motiviert und selbstbewusst? Was heißt Bildung im Kita-Alltag? Was lernt mein Kind? Fragen, die manche Eltern ganz genau beantwortet haben wollen.

In der Spree-Kita haben 105 Kinder von null bis zehn Jahre Platz. Es gibt einen kleinen Kleinkindbereich, einen Hortbereich für derzeit 40 Kinder (die Anne-Frank-Schule ist gleich nebenan) und dazwischen die 3- bis 6-Jährigen, altersgemischt in Kerngruppen mit Namen Delphin, Regenbogenfisch und Krokodil. Nach einem Morgenkreis können die Kinder aus zwei bis drei Angeboten wählen, was sie die nächste halbe bis dreiviertel Stunde machen wollen. Danach treffen sie sich wieder in ihren Kerngruppen für den restlichen Tag. In der Mittagsruhe von 13 bis 15 Uhr gibt es altersgemäße Angebote: die Kleinsten schlafen, die nicht mehr ganz so Kleinen ruhen, den Anderen wird vorgelesen und die Vorschüler sind in einer Gruppe zusammen, für sie gibt es Angebote in Musik und Bewegung. Angebote für Vorschüler – ja, aber keine Vorschule.

Wissensvermittlung steht hier nicht an erster Stelle, wenn auch die Kita-Leiterin weiß: „Der Druck auf die Eltern, ihr Kind immer früher fit zu machen für die Schule, ist enorm gewachsen.“ Die PISA-Diskussion verstärkt diesen Druck. Geguckt wird weniger, was das eigene Kind schon gut kann oder nicht, sondern der Anspruch an die Kita ist groß, dass diese dem Kind vieles beibringt.

Die Spree-Kita kommt diesem Bedürfnis auch nach – außerhalb der Kernzeiten können Dreijährige Englisch lernen oder Türkisch. Das kostet extra.

Auf die Frage, wie die Kinder damit klar kommen, dass sie sich jeden Morgen neu für ein Angebot nach dem Morgenkreis entscheiden müssen, verweist die Leiterin auf den Zusammenhang von Bildung und Bindung. Eine sichere Bindung zu den Erzieher(inne)n gilt in der Spree-Kita als Qualitätsmerkmal der Arbeit. Gemeint ist Nähe, Geborgenheit, offene feinfühlige Zuwendung, kontinuierliche Sicherheit. Die zwölf (zumeist Teilzeit-)Erzieher(innen) decken mit ihren Fähigkeiten die verschiedenen elementaren Bildungsbereiche ab. Die Kinder sind die offene Arbeit gewöhnt, die meisten lieben Herausforderungen. Die Erzieher(innen) geben acht und motivieren, beweisen Fingerspitzengefühl. Sie fragen sich, was der Grund sein könnte, dass ein Kind dieses oder jenes nie macht, sprechen mit dem Kind darüber, bauen Angst oder Unlust ab.

Dem Bedürfnis der Eltern, viel über die Bildung ihres Nachwuchses erfahren zu können, kommt das Spree-Kita-Team mit einer großen Liebe zur Dokumentation nach: Überall auf den Fluren hängen Arbeiten der Kinder, versehen mit Beschreibungen der Lern-Situation. In den Wochenplänen sind die mittwöchentlichen Ausflugsziele auffindbar, beim Frühstückscafé (von acht bis neun Uhr) im Foyer des Hauses kann auch die ein oder andere Elternfrage beantwortet werden.

Die Erzieherinnen

Den Morgenkreis als Ausgangspunkt für Angebote beschreibt Erzieherin Manuela Brüske. Tiere sind immer wieder Thema, viele Kinder in der Stadt sehnen sich nach einem Tier. Eines Tages erschien ein Mädchen mit einer Schnecke im Marmeladen-Glas. Die Kinder waren begeistert, nahmen die Schnecke auf die Hand, fühlten und sahen, wie das Tier vorwärts kam. Das Schnecken-Thema war geboren und zog sich durch mehrere Tage: Eine Mutter holte aus dem Keller ein kleines Terrarium, Manuela schaffte Bücher aus der Bibliothek heran. Dann lasen die Kinder nach, was eine Schnecke in einem Terrarium so braucht, taten Kies hinein und säten Gras. Schnecken-Singspiel, -Würfelspiel, -Bewegungsspiel, Schnecken in Knete und gebacken, Zuckerschnecken und Gummi-Dinos friedlich vereint, Reden übers Schneckenhaus und der Wunsch, sich manchmal wie eine Schnecke zurückziehen zu können. „Wussten Sie, dass eine Schnecke ihre Eier in die Erde legt?“ Auch Erwachsene – von der kindlichen Neugier angesteckt – lernen etwas dazu… Inzwischen ist die Schnecke wieder in freier Wildbahn. Schließlich war sie nur zu Gast in der Spree-Kita.

Manuela Brüske liebt diesen Situationsansatz, sie lässt sich von den Kindern mitreißen. Der kleine Robert will die Kinder beim Morgenkreis zählen. Sonst hat das seine Erzieherin gemacht (um die Zahl an die Küche melden zu können). Nun zählt Robert jeden Morgen. Und die anderen Kinder zählen mit.

„Wir hindern kein Kind am Lernen, wer seinen Namen schreiben will, dem helfen wir dabei. Wer rechnen will, der kann rechnen. Mit Sandpapier-Zahlen,“ sagt Annette Lochan. Die Erzieherin und Grundschulpädagogin mit Montessori-Ausbildung schätzt die besonderen Arbeitsbedingungen in der Spree-Kita, in der ein offenes Lernen möglich ist. Zwar ist das Zimmer mit den Montessori-Materialien das allerkleinste, aber Annette lässt sich etwas einfallen: Da schlängeln sich dann ungewöhnliche Materialien wie Sandpapier-Zahlen und Knöpfe auf dem Flur entlang, legen eine heiße Spur zur Neugier der Kinder.

Dem kindgerechten Montessori-Ansatz sollte in der Spree-Kita mehr Raum gegeben werden, das meint Annette Lochan auch im übertragenen Sinne. Schwierig findet sie, Erwachsenen ihre Art von Lernangebot immer wieder zu vermitteln. Sie versucht, mit den Eltern im Gespräch zu bleiben und Angriffe nicht persönlich zu nehmen.

Die Elternvertreterinnen

Manuela Spuhl, Mutter von Lucas (fünf) aus der Delphin-Gruppe, sagt: „Bildung gehört in die Schule. Der Ernst des Lebens beginnt noch früh genug.“ Sie lacht, sie weiß, dass ihre Meinung nicht gerade repräsentativ ist und setzt noch eins drauf: „Statt mit drei Jahren Englisch zu lernen, ist gutes und richtiges Deutsch angebrachter.“ Für die Elternvertreterin ist wichtig, dass Lucas lernt, sich in eine Gruppe einzufügen, mit anderen Mentalitäten und Gebräuchen umgehen kann (15 Prozent der Spree-Kita-Kinder sind nicht-deutscher Herkunft) und dass er viel Spaß hat an Ausflügen und anderen Unternehmungen. Frau Spuhl vertraut dem Kita-Team, dass es jedes Kind so nimmt, wie es ist, es weder über- noch unterfordert.

Simone Pfister, Mutter der 5-Jährigen Alica, Herausgeberin des monatlichen Elternbriefes, spricht von Wissen als nur einem Modul von Bildung. Wichtiger als Wissensvermittlung ist ihr, dass ihre Tochter lernt, die eigenen geistigen Kräfte zu aktivieren. Statt im Zahlenbereich bis zehn rechnen zu können, sollen Kinder eine Vorstellung davon bekommen, wozu Zahlen da sind, da teilt Frau Pfister den weiten Bildungs-Ansatz der Kita. Für die Mutter ist ein erfolgreicher Kita-Tag, „wenn Alica mit vielen Fragen und Ideen nach Hause kommt“. Von der Kita erwartet sie mehr Transparenz und thematische Stringenz. Sie möchte, dass Wünsche der Eltern aufgenommen werden; der Englisch-Unterricht ist so ein Wunsch und dass er realisiert wurde, freut die Elternvertreterin.

Die Kinder

Auf die Frage, was sie heute gelernt haben, reagieren die Fünfjährigen verdutzt. Aber was und womit sie gespielt haben, das können sie genau beschreiben. Sie erzählen von einer Geschichte, die sie gehört haben und in der es um Friedrich geht, der die falschen Turnschuhe trägt, um zu einer Gruppe von Kindern gehören zu können.

Die Spree-Kita in Berlin-Moabit ist eine besondere Einrichtung. Hier kann sich jedes Kind bilden und dabei noch jede Menge Spaß haben: Emma und Konstantin und die vielen anderen gehen gerne hierher.

Vera Lorenz ist Journalistin und Pressesprecherin der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin