Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Kindergarten plus

Stärkung der Persönlichkeit vierjähriger Kinder in Kindertageseinrichtungen

von Julia Dahlmann und Jörg Maywald

In den vergangenen zwölf Monaten hat die Deutsche Liga für das Kind das Bildungsprogramm Kindergarten plus entwickelt. Ziel des Programms ist die Stärkung der Persönlichkeit vierjähriger Kinder in Kindergärten durch Förderung ihrer sozialen und emotionalen Kompetenzen. Lions Clubs haben den Testlauf des Programms an verschiedenen Orten finanziell und ideell unterstützt. Als nächster Schritt ist geplant, das Programm in mehreren Bundesländern zu erproben.

Die Diskussion um das schlechte Abschneiden Deutschlands in der PISA-Studie hat auch den Kindergarten erfasst. Gefordert wird unter anderem, dass sich Kindertagesstätten zu Bildungseinrichtungen entwickeln. Dabei wird häufig übersehen, dass nicht einfach schulische Formen des Lernens auf die Zeit der frühen Kindheit übertragen werden können. Bildung in den ersten Lebensjahren ist ganzheitliches Lernen mit allen Sinnen, ist aktives Erkunden der Umwelt und Kennenlernen von sich selbst und anderen Menschen. Frühe Bildung ist eingebettet in stabile und sichere Bindungen zu nahestehenden Bezugspersonen und umfasst gleichermaßen motorische, sprachliche, musikalische, künstlerisch-kreative, logisch-mathematische, erkundend-experimentierende, soziale und emotionale Aspekte.

Voraussetzung für ein gesundes Selbstbewusstsein, Respekt anderen Menschen gegenüber und für spätere Erfolge in Schule und Beruf ist der Aufbau einer starken Persönlichkeit in den ersten Lebensjahren. Ein besonderer Schwerpunkt früher Bildung muss daher auf der Stärkung und Förderung sozialer und emotionaler Bildung liegen. Dies entspricht Erkenntnissen aus Neurobiologie und Humanwissenschaften, denen zufolge auf allen Stufen der kindlichen Entwicklung jedem kognitiven Lernschritt ein affektiver Entwicklungsschritt voraus geht.

Ziele von Kindergarten plus

Vorrangiges Ziel von Kindergarten plus ist die Stärkung der kindlichen Persönlichkeit durch Förderung der sozialen und emotionalen Kompetenzen vierjähriger Kinder in Kindertageseinrichtungen. Unter Berücksichtigung des Entwicklungsstands und der individuellen Fähigkeiten der Kinder fördert das Programm die für den Lernerfolg im Kindergarten und später in der Schule unverzichtbaren Basisfähigkeiten: Selbst- und Fremdwahrnehmung, Einfühlungsvermögen, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, Wahrnehmung von Selbstwirksamkeit und Eigenkompetenz, Motivations- und Leistungsfähigkeit, Beziehungsfähigkeit.

Zentrale Kennzeichen des Programms sind ein ganzheitliches Bildungsverständnis, Einbringen eines Impulses („Plus“) von außen, Erziehungspartnerschaft zwischen Eltern, Tageseinrichtungen und externen Trainern, Nachhaltigkeit über den Projektzeitraum hinaus sowie der Aufbau eines Netzes von Programmpaten zur Mitfinanzierung und Stärkung der gesamt-gesellschaftlichen Verantwortung für frühkindliche Bildungsprozesse.

Das Programm

Das Programm für die Kinder besteht aus neun Bausteinen (Modulen), die in den Kindergartengruppen im Zeitraum etwa eines halben Jahres von speziell dafür ausgebildeten Trainern zusammen mit den Erzieher(inne)n durchgeführt werden. Zur nachhaltigen Weiterführung der behandelten Themen über den Zeitraum des Projekts hinaus erhalten die Erzieher(innen) eigens dafür zusammengestellte pädagogische Materialien.

Den Eltern wird durch Kindergarten plus vermittelt, dass sie für den Bildungserfolg ihres Kindes eine herausragende und unersetzliche Rolle spielen. Parallel zur Durchführung des Programms mit den Kindern erhalten die Eltern speziell gestaltete Elternbriefe, in denen sie über die Inhalte der Module informiert werden und Anregungen bekommen zur Umsetzung der Themen im Alltag der Familie.

Die Leitungen und Träger der beteiligten Einrichtungen werden umfassend über Ziele, Methoden, praktische Umsetzung und Nachhaltigkeit des Programms aufgeklärt. Voraussetzung für eine erfolgreiche Durchführung ist die Bereitschaft der Einrichtungen zur aktiven Mitarbeit und Unterstützung.

Kindergarten plus ist mit den verschiedenen pädagogischen Ansätzen (Montessori, Reggio, Situationsansatz, Waldorf u.a.) kompatibel. Das Programm ersetzt nicht das bestehende Konzept eines Kindergartens, sondern ist eine ergänzende Initiative, die langfristige Wirkungen in Gang bringen soll.

Hauptziel der Module für die Kinder ist das Erleben und die Förderung sozialer und emotionaler Kompetenzen unter Einbezug von Körper, Geist und Seele. Zwei Identifikationsfiguren begleiten die Kinder durch das Programm: ein Mädchen und ein Junge mit Namen Tula & Tim. Die Bilder dienen der Erzieherin zur Vor- und Nachbereitung der Module und helfen den Kindern das Erlebte zu wiederholen und reflektieren.

Ergänzend zu den Modulen für die Kinder sind zwei Elternabende und zwei Fortbildungen für die Erzieher(innen) Teil des Programms.

Eine Kindergarten plus – Gruppe umfasst acht bis zwölf Kinder im (Entwicklungs-)Alter von vier Jahren. In diesem Alter haben Kinder die Fähigkeit der sozialen Perspektivenübernahme ansatzweise ausgebildet und beginnen, über Gefühle sprechen und nachdenken zu können.

Ausblick

Parallel zur Entwicklung wurde Kindergarten plus im Zeitraum Dezember 2002 bis Juli 2003 in neun Kindergartengruppen in Bayern, Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz getestet. Auf Basis der in den Tests gewonnenen Erfahrungen wurden die Materialien anschließend überarbeitet. Ab Oktober 2003 liegen sie in aktueller Fassung vor. Im Kindergartenjahr 2003 /2004 soll das Programm in mehreren Bundesländern erprobt werden.

Unser Dank gilt Julia Schneewind und Anja Landowsky, die bis April 2003 an der Entwicklung des Programms Kindergarten plus mitgewirkt haben.

Julia Dahlmann ist Diplom-Pädagogin. Sie war von April bis September 2003 Koordinatorin des Projekts Kindergarten plus.

Dr. Jörg Maywald ist Soziologe und Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind

Bericht Trainerinnen:

Wenn die Trainerinnen kommen …

von Ina Steinkamp und Dorothee Vennemann

Morgens um neun Uhr in der Kita St. Marien in Haltern. Die Trainerinnen kommen in den Kindergarten. Im Kopf neue Ideen und Anregungen. Im Koffer Lieder, Spielideen, Bastelmaterial und leckeres Obst. Mit dem Hinweis auf Tim und Tula sammeln wir die Kinder aus den einzelnen Gruppen ein. Selbstgemalte Namensschilder überzeugen selbst die zögerlichsten unter ihnen. Die Spannung steigt – was ist heute im Koffer? Welches Thema wird behandelt? Zunächst holen wir die Gefühlsperle aus dem Koffer. Denn zu jedem Modul bekommen die Kinder eine Perle. Wie die selbstgefädelten Ketten, so wachsen mit jedem Mal auch die Eindrücke und Erfahrungen der Kinder.

Im Gespräch erarbeiten wir das Thema des Tages, die Sinne. Die Kinder lassen ihren Gedanken und Phantasien freien Lauf. Unsere Aufgabe ist es, das Stimmengewirr ein wenig zu ordnen. Nach dieser Herausforderung in puncto Aufmerksamkeit und Konzentration lockert eine anschließende spielerische Aktion Geist und Körper wieder auf. Heute lässt sich endlich auch der sonst so scheinbar desinteressierte Sebastian vom Gruppengeschehen mitreißen. Mit viel Umsicht führt er seinen „blinden“ Partner (Augen verbunden) an allen Hindernissen vorbei. Er, der sich bisher nichts zutraute und auch den anderen Kindern gegenüber abweisend war, wächst über sich hinaus.

Die Reaktionen der Kinder auf uns als von außen kommende, unvoreingenommene Trainerinnen verschaffen der Erzieherin immer wieder neue, ungeahnte Eindrücke und Einsichten über ihre Kinder: ein „plus“ für die Erzieherin. Jetzt kommt die wohlverdiente Obstpause. Bei Bananen und Möhren kommen wir ins Gespräch und starten dann gestärkt und erfrischt durch zum Rest des Programms. Mit einem Lied und einer Bastel- oder Malaktion aus dem Koffer geht es weiter. Zum Schluss übergeben wir der Erzieherin die zum Modul passenden Elternbriefe.

Die Trainerinnen gehen, Tim und Tula bleiben. Bis zum nächsten Mal …

Ina Steinkamp ist Diplom-Sprachtherapeutin in Haltern
Dorothee Vennemann ist Diplom-Sozialpädagogin in Haltern

Bericht Kita:

Stärkung der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft

von Anne Gros und Renate Klünder

Mit Unterstützung des Lions Club Bad Marienberg konnte in unserer Kindertagesstätte „In der Falterswiese“ das Projekt Kindergarten plus durchgeführt werden. Ziel des Projekts war die Förderung kognitiver sowie sozialer und emotionaler Kompetenzen.

Ein regelmäßiger Austausch und die fachliche Abstimmung zwischen dem Team der „Falterswiese“ und externen Fachleuten verhinderten eine isolierte Arbeit und schafften gemeinsame Zielsetzungen. Die Zielgruppe der vierjährigen Kinder schien uns besonders geeignet, und für manches Kind war es eine Herausforderung, sich auf neue Personen einzulassen.

Das Projekt war unter dem Aspekt der Ganzheitlichkeit aufgebaut. Die Themen Körper, Emotionen, Selbsterfahrung, Beziehung, Grenze und Struktur wurden altersentsprechend umgesetzt. Eine regelmäßige Obstpause gehörte als Bestandteil zu jedem Modul und regte die Kinder an, auch ihnen unbekannte Obst und Gemüsearten auszuprobieren. Im geschützten Raum der Kindergruppe knüpften die Kinder neue Freundschaften und lernten Regeln und Grenzen zu akzeptieren. Durch das „Zusatzpersonal“ (Trainerinnen) entstanden optimale Rahmenbedingungen (12 Kinder pro Gruppe) um verstärkt Kleingruppen zu bilden. Die Erzieherinnen hatten die Möglichkeit, die Kinder intensiver bei den einzelnen Aktivitäten zu beobachten und in Reflexionsgesprächen wurden Entscheidungen getroffen, wie das einzelne Kind in seinen Entwicklungs- und Bildungsprozessen weiter unterstützt werden kann.

Die Themen der Module waren bereits vor Beginn des Projekts ein wichtiger Bestandteil unseres pädagogischen Alltags. Doch gerade dadurch fühlten wir uns in unserer Arbeit bestärkt. Die Erziehungs- und Bildungspartnerschaft zwischen Eltern, Erzieherinnen und Trainerinnen wurde durch Kindergarten plus intensiviert.

Ein Dankeschön an die Trainerinnen und Mitarbeiterinnen der Deutschen Liga für das Kind!

Anne Gros ist Erzieherin in der Kindertagesstätte In der Falterswiese in Rennerod
Renate Klünder ist Erzieherin und Leiterin der Kindertagesstätte In der Falterswiese in Rennerod

Parallel zur Entwicklung des Programms wurde Kindergarten plus in folgenden Kindertageseinrichtungen getestet:

Kindertagesstätte Livländische Straße in Berlin-Wilmersdorf
Kindertagesstätte Spatzenhaus in Frankfurt (Oder)
Kindertagesstätte St. Clara in Berlin-Neukölln
Kindertagesstätte St. Marien in Haltern
Kommunale Kindertagesstätte In der Falterswiese in Rennerod
Städtischer Kindergarten Sudetenstraße in Wolfratshausen
Städtischer Kindergarten Weidach in Wolfratshausen

Wir danken den Lions Clubs für die finanzielle Unterstützung von Kindergarten plus:

LC Bad Marienberg
LC Berlin Kurfürstendamm
LC Gifhorn
LC Haltern
LC Kempten
LC Kiel Baltic
LC Wolfratshausen
LC Würzburg
Lions District Westfalen-Ruhr