Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Wir Eltern können unseren Erziehungs- und Bildungsauftrag nicht abgeben

Jörg Maywald im Gespräch mit Horst Fleck

Maywald: Viele Eltern verbinden mit früher Bildung die Vorstellung, dass schulisches Lernen und Leistungsstress jetzt schon im Kindergarten beginnen. Was halten Sie von diesen Befürchtungen?

Fleck: Soweit schulisches Lernen gemeint ist, ist diese Befürchtung berechtigt, nicht jedoch bezogen auf frühe Bildung. Als Hauptgrund für diese Sorge sehe ich unser traditionelles Verständnis von Bildung, nämlich die ausschließliche Vermittlung von Wissen. Selbst unsere bayerischen Eltern haben oft Schwierigkeiten, Bildung als einen bereits im Mutterleib beginnenden fließenden Prozess nachzuvollziehen, obwohl das Bayerische Kindergartengesetz den Kindergarten seit nahezu 30 Jahren als Bildungseinrichtung definiert

Maywald: Für eine andere Gruppe von Eltern können systematische Bildungsangebote wie Vorschul-programme oder Fremdsprachenunterricht gar nicht früh genug beginnen. Ist das gut für die Kinder?

Fleck: Keinesfalls in Bezug auf Vorschulprogramme! Die Nachteile schulischer Ansätze im Kindergarten hat eine Studie des Staatsinstitutes für Frühpädagogik bereits Ende der 1970er Jahre verdeutlicht. Leider sind uns Eltern die wichtigsten Ergebnisse – wie z.B. signifikanter Leistungsabfall in den ersten Grundschuljahren – meist nicht bekannt. Wir Eltern würden sonst davon absehen, das pädagogische Personal immer wieder mit Forderungen nach Vorschulelementen bereits für unsere Dreijährigen unter Druck zu setzen. Sprachvermittlung hingegen ist eines der wichtigsten Themen in diesem Altersbereich. Im Kindergartenalltag muss neben dem Hochdeutsch auch Raum für Umgangssprache, Dialekt und ausländische Muttersprache bleiben, denn diese vermittelt dem Kind Vertrautheit und Geborgenheit. Das mühelose und akzentfreie Beherrschen der deutschen Sprache nach nur zwei Kindergartenjahren habe ich bei Kindern nichtdeutscher Herkunft bereits mehrfach mit größtem Staunen erlebt.

Maywald: Zahlreiche Bundesländer erarbeiten derzeit verbindliche Richtlinien für die Bildung im Elementarbereich. Wo liegen Ihrer Ansicht nach die größten Defizite?

Fleck: Inhaltlich sind die bisher vorgelegten Konzepte umfassend und halten jedem internationalen Vergleich stand. Was bisher fehlt sind klare Aussagen über ein Mindestmaß an Verbindlichkeit sowie die Beschreibung der Rahmenbedingungen, als da sind personelle Ausstattung, Raumbereitstellung, Verfügungszeit, Möglichkeiten des beruflichen Aufstieges sowie Aus- und Weiterbildung des Fachpersonals.

Maywald: Worin besteht eigentlich die Rolle der Eltern, wenn es um die Bildung von Kindern in den ersten sechs Lebensjahren geht?

Fleck: Bis zum dritten Lebensjahr sollte mindestens einem Elternteil ein Maximum an Erziehungs- und damit an Bildungszeit zur Verfügung stehen. Die Bedeutung des elterlichen Bezugs in diesen ersten Jahren für eine gesunde Entwicklung des Kindes ist hinreichend belegt. Selbstverständlich sollte darüber hinaus ein bedarfsgerechtes Angebot an Krippenplätzen berufsbedingte Zeitlücken der Eltern überbrücken helfen. Familienstrukturen mit drei Generationen in einem Haushalt und mal schnell erreichbaren Onkeln und Tanten gehören zunehmend der Vergangenheit an.

Glücklicherweise verdeutlichen uns Eltern die neuen Bildungskonzepte, dass wir unseren Erziehungs- und Bildungsauftrag ab dem dritten Lebensjahr keinesfalls vollständig an den Elementarbereich abgeben können. Wir sind also zur Zusammenarbeit aufgefordert unter permanenter Rückbesinnung auf die Bedeutung der eigenen Erziehungsaufgaben. Die Chance dieser Gemeinsamkeit im Bildungsprozess unserer Kinder sollten wir uns nicht entgehen lassen.

Horst Fleck ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Elternverbände Bayerischer Kindertageseinrichtungen und Mitglied im Vorstand des Bundeselternverbandes Kindertageseinrichtungen