Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Das Berliner Bildungsprogramm – eine Übersicht

Der Berliner Senator für Bildung, Jugend und Sport beauftragte Ende 2002 eine Gruppe von Wissenschaftler(inne)n, einen Bildungsplan für Kindertageseinrichtungen zu entwickeln. Das von der Gemeinnützigen Gesellschaft für innovative Pädagogik, Psychologie und Ökonomie (INA) an der Freien Universität unter der Gesamtleitung von Dr. Christa Preissing erarbeitete „Berliner Bildungsprogramm für die Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern in Tageseinrichtungen bis zu ihrem Schuleintritt“ wurde im Juni 2003 der Öffentlichkeit vorgestellt.

Frühkindliche Bildungsprozesse sind ganzheitlich und komplex. Gerade deshalb müssen sie in einem Bildungsprogramm gut strukturiert dargestellt, auf Ziele bezogen und mit Aufgaben für die Erzieherinnen verbunden werden.

Orientierung an der Lebenswelt des Kindes und an kindlichen Aneignungsprozessen

In diesem Bildungsprogramm steht im Zentrum des Bildungsverständnisses die Frage, welche Bedeutung Bildungsprozesse für das Kind haben. Denn frühkindliche Bildungsprozesse sind an das unmittelbare Erleben des Kindes in seiner Lebenswelt gebunden. Drei Dimensionen der Bedeutsamkeit für das Kind werden unterschieden:

Sich ein Bild von sich selbst machen = das Kind in seiner Welt

Sich ein Bild von den anderen machen = das Kind in der Kindergemeinschaft

Sich ein Bild von der Welt machen = Weltgeschehen erleben, Welt erkunden

Die kindlichen Bildungsprozesse werden als aktive, soziale, sinnliche und emotionale Prozesse der Aneignung von Welt gekennzeichnet. Dies trägt dem in der Bildungsforschung hervorgehobenem Charakter von Bildung als vielfältiger und eigensinniger Selbsttätigkeit des Kindes in sozialen Beziehungen Rechnung. Bildung ist kulturell geprägt. Die geschlechtsspezifische, soziale, ethnische und weltanschauliche bzw. religiöse Eingebundenheit des Kindes prägen seine Lebenswelt und seine Erfahrungen. Ein Bildungsprogramm muss sich auf die unterschiedlichen Voraussetzungen beziehen, die Kinder mitbringen.

Orientierung an Zielen

Bildung ist eigensinnige Aneignungstätigkeit des Kindes. Bildung ist gleichzeitig bewusste Anregung der kindlichen Aneignungstätigkeit durch die Erwachsenen. Bildung ist eine öffentlich verantwortete Aufgabe, die in den Bildungsinstitutionen von Pädagoginnen und Pädagogen wahrgenommen wird. Jedes Kind hat ein Recht auf diese Anregungen.

Jede bewusste Anregung braucht Ziele. Sie bezeichnen die Richtung, in der ein Kind bei der Ausschöpfung seiner individuellen Möglichkeiten unterstützt werden soll. Die Ziele begründen sich auf ethisch-normative Überzeugungen innerhalb der Gesellschaft und auf einer Analyse der Gesellschaft mit Blick auf die vom Kind benötigten Kompetenzen, um in der Welt, in der es aufwächst, bestehen zu können und handlungsfähig zu bleiben bzw. zu werden. Die Ziele sind formuliert in Hinblick auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes und gliedern sich in:

  • Ich-Kompetenzen
  • Soziale Kompetenzen
  • Sachkompetenzen
  • Lernmethodische Kompetenzen

Diese Systematik nimmt die in der Pädagogik der frühen Kindheit und in der Grundschulpädagogik bewährte Gliederung in Ich-, Sozial- und Sachkompetenzen auf und wird wegen der Bedeutung des lebenslangen Lernens ergänzt um die lernmethodischen Kompetenzen.

Orientierung an den praktischen Bildungsaufgaben der Erzieherinnen

Bildungsprozesse vollziehen sich während des gesamten Kita-Alltags. Sie sind nicht begrenzt auf didaktisch geplante Angebote der Erzieherin oder Beschäftigungen. Deshalb sind die Bildungsaufgaben jeweils gegliedert in

  • Gestaltung des Alltags in der Kita
  • Spielanregungen und Spielmaterial
  • Arbeit in Projekten
  • Raumgestaltung und Materialausstattung

Beobachtung und Dokumentation

Die Beobachtung und Dokumentation der kindlichen Bildungsverläufe muss sich an den Zielen für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes orientieren, damit eventuelle besondere Begabungen oder Beeinträchtigungen frühzeitig erkannt und entsprechende Unterstützungen für einzelne Kinder geplant werden können. Die Beobachtung und Bewertung dessen, was ein Kind erreicht hat, orientiert sich nicht an einer von außen gesetzte „Entwicklungsnorm“ – es geht vielmehr um die gezielte Unterstützung der individuellen Möglichkeiten eines jeden Kindes in den definierten Kompetenzbereichen und um die Beschreibung seiner individuellen Bildungsgeschichte.

Orientierung an Inhalten: die Bildungsbereiche

Die Inhalte, mit denen jedes Kind im Verlauf seines Kita-Lebens Erfahrungen gemacht haben soll und das Wissen und Können, das es sich angeeignet haben sollte, sind in sieben Bildungsbereiche gegliedert:

  • Körper, Bewegung und Gesundheit: kindliche Aneignungstätigkeit ist an Körpererfahrung gebunden ist, die durch Bewegung erzeugt wird; Gesundheit, verstanden als umfassendes physisches, psychisches und soziales Wohlbefinden, ist hierfür wichtige Voraussetzung.
  • Soziales und kulturelles Leben: Bildung ist kulturell geprägt und ohne soziale Beziehung nicht denkbar.
  • Sprachen, Kommunikation, Schriftkultur: Sprache ist in unserer Gesellschaft das vorherrschende Medium, in dem wir kommunizieren und mit dem wir Erkenntnis strukturieren und systematisieren; Schriftsprache ist unverzichtbar, um sich in der Wissensgesellschaft zu orientieren, zu beteiligen und erfolgreich zu sein.
  • Bildnerisches Gestalten: ästhetische Wahrnehmung und bildnerischer Ausdruck sind eigenständige Wege zur Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit.
  • Musik: Musik ist mit ihren Melodien, Rhythmen und Klangfarben eine wesentliche Quelle für seelische Empfindung und Genuss; Musik eröffnet Verständigungsmöglichkeiten über Sprachgrenzen hinweg.
  • Mathematische Grunderfahrungen: Mathematik hilft dem Kind, die Welt zu ordnen, zu Verallgemeinerungen zu kommen, Begriffe zu finden und Verlässlichkeit zu erfahren.
  • Naturwissenschaftliche Grunderfahrungen: Naturwissenschaftliche Beobachtungen erzeugen Fragen und regen zu Experimenten an, die dem Kind ermöglichen, sich selbst in Beziehung zur Welt zu setzen und logische Zusammenhänge zu erkennen.

An alle Bildungsbereiche sind Analysefragen geknüpft, zu denen jede Erzieherin Erkundungen für ihre Kindergruppe betreiben muss. Dies kann geschehen durch Beobachtung der einzelnen Kinder und der Kindergruppe, durch Gespräche mit den Kindern, durch Gespräche mit Eltern, durch Erkundungen mit Kindern, durch den Austausch mit Kolleginnen und durch ihre Erkenntnisse aus Ausbildung und Fachliteratur.

Zusammenarbeit mit den Eltern

Eltern sind die wichtigsten Partner in der pädagogischen Arbeit. Gegen sie können alle Bildungsbemühungen der Erzieherinnen kaum Erfolg haben. Das Bildungsprogramm zeigt Möglichkeiten auf, wie die Zusammenarbeit mit Eltern gestaltet werden kann.

Übergang in die Grundschule

Die Einschulung bezeichnet einen entscheidenden Schritt in der Biographie eines Kindes und im Familienleben. Wie das einzelne Kind den Übergang erlebt und bewältigt, wird davon abhängen, wie eine Verständigung zwischen Kind, Erzieherin, Eltern und Lehrerin gelingt. Das Bildungsprogramm thematisiert vorrangige Fragen des Übergangs.

Die ausführliche Fassung des Berliner Bildungsprogramm ist im Internet zu finden unter www.senbjs.berlin.de.