Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Kind und Familie in der postmodernen Gesellschaft

von Franz Resch

Die Liga für das Kind hat sich die Förderung der Entwicklung von Kindern in den frühen Lebensjahren zu ihrem Grundanliegen gemacht. Dabei geht es einerseits um die Minimierung von Entwicklungsrisiken und andererseits um die Mobilisierung von Ressourcen. Die Wechselbeziehungen zwischen Kind, Familie und Gesellschaft müssen näher beleuchtet werden. Gerade am Übergang in das nächste Jahrtausend mag eine grundsätzliche Überlegung zu den Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes in der postmodernen Kultur angebracht sein.

Während manche Forscher heute den Menschen als genetisch vorgefertigt betrachten und den Erziehungseinflüssen der gesellschaftlichen Umwelt jegliche wesentliche Bedeutung absprechen, macht sich im Medienalltag ein Kulturpessimismus breit, der wachsende kindliche und jugendliche Kriminalitätszahlen sowie einen zunehmenden Trend psychischer Auffälligkeiten in Zusammenhang mit gesellschaftlichen Veränderungen und familiären Problemen bringt (z.B. Postman 1985, Wartella 1995, Halpern 1995).

Wie können gesellschaftliche Rahmenbedingungen auf die Entwicklung des Kindes Einfluss nehmen? Geplant ist eine Ortung gesellschaftlicher Veränderungen unserer postmodernen westlichen Zivilisation mit Fokussierung auf die Emotionen des Individuums. Inwieweit finden Lebensstil, Werte, Denk- und Handlungsstile in den auskristallisierten Erfahrungen von Kindern ihren Niederschlag? Wie sehr findet sich das Große im Kleinen, wie können Weltbild und Lebensgefühl im Auge der Bezugsperson für das Kind aufleuchten? Die Gesellschaft im Großen eröffnet Handlungsräume, Entwicklungsfelder und soziale Rollenangebote für Kinder und Jugendliche, die auf diesem Feld ihre Entwicklungsaufgaben meistern. Die Gesellschaft im Großen nimmt damit Einfluss auf die Entwicklungsstile der Kinder. Weiters gibt die Gesellschaft im Großen den Erwachsenen entsprechende Lebensräume, die sich auf das Mikroklima der innerfamiliären Beziehungen auswirken. Die Gesellschaft definiert damit die Bedingungen des familiären Rahmens. Unter Bezugnahme auf das ökologische Modell von Bronfenbrenner (1979, 1986) sollen diese Problemstellungen näher beleuchtet werden.

Die Abhandlung des Begriffes Entwicklung beim Menschen wäre unvollständig ohne eine simultane Auseinandersetzung mit neurobiologischen Prozessen der Gehirnfunktion und den psychosozialen Rahmenbedingungen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse der letzten Jahre bezüglich der neuronalen Vernetzung ist, dass sämtliche Nervengewebe in ihren Verschaltungen sich reaktiv auf äußere und innere Signale verändern können (Nelson and Bloom 1997). So zeigen persönliche Erlebnisse, Eindrücke, Gefühle – wie Sicherheit und Geborgenheit oder Angst und Verlassenheit – ihre Spuren im Substrat des Gehirns. Das Gehirn ist also nicht mit einer Kamera zu vergleichen, welche einfache Umweltinformationen abbildet, sondern das Gehirn rekonstruiert seine Vernetzungsstruktur nach den Phänomenen, die erkannt und wiedererkannt werden. Das Gehirn ist also eine Art Interpretationssystem, das aus der Fülle von Außenreizen Informationen schafft und weiterverarbeitet. Ein Schlagwort der gegenwärtigen Diskussion ist die „neuronale Plastizität“: das Gehirn ist in der Lage, immer wieder neue funktionelle Einheiten zu kreieren, je häufiger ein bestimmtes neuronales Aktivierungsmuster auftritt, desto dauerhafter wird die innere Repräsentation desselben (Perry et al 1998). Neurobiologische Prozesse stehen also mit psychosozialen Prozessen in kontinuierlicher Wechselwirkung.

Die Entwicklung der kindlichen Seele, die Selbstwerdung des Kindes, hat die Funktionstüchtigkeit neurobiologischer Prozesse zur Voraussetzung, und sie vollzieht sich in einer interaktionellen Matrix.

Das Werden des Einzelnen in seiner Individualität kann als die Auskristallisation vieler Interaktionen mit frühen Bezugspersonen im primären Umfeld und mit allen Menschen (Erwachsenen und Kindern) im sekundären Umfeld gelten, denen das werdende Individuum tagtäglich und mit emotionaler Bezogenheit begegnet. Die Selbstwerdung des Kindes ist ein Weg von außen nach innen, von der Interaktion zum inneren Konstrukt derselben. Der Mensch bedarf von Natur aus eines sozialen Rahmens für seine Entwicklung. Er ist in ein Gefüge zwischenmenschlicher Beziehungen eingebettet, wobei diese eine wesentliche Voraussetzung für das körperliche Gedeihen, das Selbstverständnis und die Entwicklung des inneren Weltbildes darstellen. Solche frühen Beziehungen haben einen natürlichen Kern, da sie für das Überleben zu wichtig sind, als dass sie nur einer kulturellen Übereinkunft überlassen bleiben könnten. Papoušek (1994) und Grossmann (1985) beschreiben eine intuitive elterliche Fürsorge, die es Eltern von Natur aus ermöglicht, kindliche Signale aus Tonus und Haltung so zu lesen, dass sie sich dem Kind gegenüber kontingent verhalten können. Solche instruktiven – das Erlernen und Üben fördernden – Funktionen elterlichen Einflusses sind immer in eine affektive Vertrauensbeziehung eingebunden. Bindung als eine besondere Art einer gefühlshaft getragenen sozialen Beziehung zwischen dem Kind und einer bevorzugten Person ist nicht nur eine Eigenschaft des Kindes oder der Mutter, sondern eine zwischenmenschliche Qualität, die von beiden Interaktionspartnern getragen wird (Bowlby 1969). Dabei erscheint es nicht verwunderlich, dass Störungen der intuitiven elterlichen Fürsorge, die durch Verzweiflung, Desinteresse, Überforderung oder Gleichgültigkeit hervorgerufen sein können, das Kind nachhaltig beeinflussen. Wenn aber die Bezugsperson selbst zum Verursacher von Traumen für das Kind wird, wie wir dies im Rahmen von Misshandlung und sexuellem Missbrauch erkennen müssen, dann ist dem Kind die sichere Basis der Vertrauensbeziehung plötzlich entzogen, dann setzen massive Abwehrvorgänge (z.B. Dissoziation) ein, die nachhaltige Wirkungen auf das szenische Gedächtnis und die Steuerung des Aufmerksamkeitsfokus haben können (Resch et al. 1998).

Nicht nur auf seiten der Eltern können frühe Bindungen beeinträchtigt werden. Wenn man das kindliche Temperament als konstitutionelle individuelle Differenzen der Aktivität, Reaktivität und Selbstregulation in den Domänen Emotionalität, Motorik und Aufmerksamkeit (modifiziert nach Rothbart und Mauro 1990) betrachtet, nimmt es nicht Wunder, dass unterschiedliche Kinder ein unterschiedliches Beziehungsangebot an die Eltern machen.

Vorhersagen von Verhaltensstörungen aufgrund von Temperamentseigenschaften allein erweisen sich aber als widersprüchlich (Rotbarth et al. 1995). Vorhersagen von Verhaltens- und Erlebnisbesonderheiten durch Beziehungs- und Erziehungsvariablen scheinen besser zu gelingen als solche, die sich nur auf Temperamentskonzepte beziehen. Es scheint so zu sein, dass die „Passung“ zwischen Individuum und Umwelt entwicklungsdynamisch bedeutsamer ist als isolierte externe oder interne Einzelfaktoren (Resch et al. 1999).

Wenn nun Bezugspersonen eines Kindes selbst über Einflüsse der Gesellschaft, in sozialer Not befindlich oder von persistierenden Ängsten und Unsicherheiten getragen sind, dann bauen sie mit ihren Kindern gemeinsam eine interaktionelle Welt auf, die im emotionalen Austausch die Umweltproblematik in das Selbst des Kindes einbringt. Affektive Aufschaukelungsprozesse negativer Emotionen können eine Verstärkerfunktion haben und auf diese Weise die subjektive psychosoziale Not von Bezugspersonen an das Kind heranbringen. Bronfenbrenner (1979, 1986) beschreibt vier Arten von Umweltsystemen, die ineinander eingebettet sind. Das Mikrosystem als die unmittelbare Umgebung des Kindes bildet die interaktionelle Matrix, in der Bindungsprozesse (Bowlby 1969, Grossmann et al. 1985, Schmidt und Strauß 1996), affektives Tuning (Stern 1985) sowie soziale Referenzierungsprozesse (Dornes 1993) unmittelbar stattfinden. Das Mesosystem bezeichnet die Beziehungen der gegenwärtigen unmittelbaren Umwelt des Kindes mit anderen Umwelten. Es umfasst die Peergroup, die nachbarlichen Verhältnisse und ist durch Wechselwirkungen zwischen mehreren Mikrosystemen gekennzeichnet. Das Exosystem enthält alle Bereiche, denen das Kind nur mittelbar ausgesetzt ist, die es aber nicht minder positiv oder negativ beeinflussen können (z.B. die Arbeitswelt der Eltern oder die Schulbehörde). Das Makrosystem schließlich enthält die übergeordneten institutionellen Bereiche der Kultur, das soziale und politische System eines Landes, das über Ideologien und Normensysteme indirekt auf die Entwicklungsbedingungen des Kindes einwirken kann.

Im Folgenden soll nun die Frage aufgeworfen werden, ob psychosoziale Problemstellungen bei Kindern und Jugendlichen in diesem Jahrhundert zugenommen haben. In einer breiten Übersicht beschreiben Smith and Rutter 1995, dass in allen entwickelten Ländern psychosoziale Störungen seit dem 2.Weltkrieg häufiger werden. Dies ist an einem Anstieg der Prävalenz der meisten psychosozialen Störungsbilder bei Adoleszenten ablesbar.

Nur bei Ess-Störungen kann dieser Trend nicht mit Sicherheit bestätigt werden. Es scheint, dass die Aufklärung über Ess-Störungen und ihre Problematik zu einer erhöhten Inanspruchnahme von psychosozialen Hilfeangeboten geführt hat. Bei Kriminalität, Suiziden und Drogenmissbrauch finden sich gehäuft männliche Individuen, bei Depression und suizidalen Verhaltensweisen gehäuft weibliche. Auch Ess-Störungen kommen bei Mädchen viel häufiger vor als bei Jungen.

Welche Erklärungsversuche können wir für diese zeitlichen Trends liefern? Rutter und Smith stellen ganz deutlich dar, dass es nicht Verschlechterungen der Lebensbedingungen sein konnten, die für diese Anstiege verantwortlich zu machen sind. Arbeitslosigkeit ist ein wesentlicher psychosozialer Risikofaktor, aber Arbeitslosigkeit als Phänomen kann gerade nach dem 2.Weltkrieg nicht den Anstieg an Störungen erklären. Auch körperliche Krankheiten können psychische Probleme nach sich ziehen, nur sind die Gesundheitsbedingungen in den Ländern nach dem Krieg eher besser geworden. Wir müssen also mögliche gesellschaftliche Implikationen des Makrosystems in subtileren Einflussnahmen suchen. Ist es die Zerstörung familiären Zusammenhalts, die sogenannte Broken-Home-Konstellation, die für zunehmende psychosoziale Störungen verantwortlich zu machen ist? Welche anderen psychosozialen Risiken haben Kinder und Jugendliche zu gewärtigen? Kann der Einfluss der Massenmedien so stark sein, dass er für einen Anstieg psychosozialer Störungen verantwortlich zeichnet? Oder sind es vielleicht Veränderungen ethischer Werte oder andere subtile Einflüsse, die die postmoderne Kultur auf das Mikrosystem ausübt, so dass das familiäre Klima dadurch beeinflusst wird? Im einzelnen gibt es Evidenzen für einen Einfluss der Arbeitsbedingungen, der Massenmedien, der Erziehungsbedingungen und der Wertewelt in den Familien (Smith und Rutter 1995).

Alle diese Einflüsse müssen sich aber letztlich an einem Punkt verdichten, nämlich dort, wo sie Eingang in die Selbstentwicklung und das Weltbild des Kindes finden. Im Folgenden sollen einige Qualitäten der postmodernen Kultur als gesellschaftliche Rahmenbedingungen definiert und schließlich der Versuch unternommen werden, den Anstieg psychosozialer Probleme darüber verstehbar zu machen.

Der Ausdruck Postmoderne, den zahlreiche Denker im Anschluss an den französischen Philosophen Lyotard benutzen, der ihn seinerseits von amerikanischen Soziologen übernahm (Marc Augé 1994) bedeutet, dass das Konzept der Moderne heute nicht mehr dieselbe Evidenz besitzt wie noch zu Beginn dieses Jahrhunderts. Es gibt nicht mehr eine dominierende Stilrichtung, eine Grundidee, Leitlinie oder Strebung; Vielfalt, Pluralität und Multikulturalität sind angesagt. Andere Autoren beziehen sich auf die Globalisierung, wobei das Wirtschaftssystem unter einem erhöhten globalen Konkurrenzdruck steht und sich einem verschärfenden Wettbewerb unterziehen muss (Kennedy 1993). Die Notwendigkeit, Produkte so schnell wie möglich auch zu verwerten, zieht einen Wettbewerb mit Hilfe „einprägsamer Bilder“ nach sich (Kuhlmann 1994). Massenmedien wie Kino, Fernsehen und Video sind Ergebnisse unseres Jahrhunderts. Die Postmoderne ist auch durch eine zunehmende Vernetzung von Informationsmöglichkeiten gekennzeichnet. Telefon, Fax, der Computer im eigenen Heim und die weltweite Verbindung über das Internet erschließen sich den Kindern bereits in frühen Lebensjahren. Durch den beschleunigten Umsatz von Bildern, Produkten und Informationen kommt es zu einer zunehmenden Unübersichtlichkeit. Es scheint aber doch, dass es schließlich von den sozialen Konstruktionsleistungen jedes einzelnen Individuums abhängt, „ob der Massenkonsum etwa von elektronischen Bildmedien zur Zerstreuung oder gar Auflösung von Personalität führt, oder ob sich auch im Überfluss und permanenten Wandel neue Erlebnis- und Verhaltensroutinen einstellen“ (Zitat Kuhlmann 1994, S.23). Schulze (1994) beschreibt eine sogenannte Erlebnisorientierung von Individuen, die mit einem objektiven Entscheidungsdruck einher geht. Erlebnisorientierung bedeutet dabei, dass die Menschen herausfinden müssen, was zu ihnen passt, und was ihren subjektiven Vorlieben entspricht. In der posttraditionellen Gesellschaft haben soziale und regionale Herkunftswelten nicht selten ihre verhaltensnormierende Kraft eingebüßt. Der Jugendliche in den reichen Gesellschaften des Westens sieht sich „… einem immer größeren Angebot an Konsumgütern, Lebensstilen, Beziehungsformen, Berufsalternativen etc. gegenüber“ (Zitat Kuhlmann 1994, S.23). Diese spezifische Wahl des Individuums ist schwierig, da es darauf ankommt, die eigenen Wünsche zu bestimmen und zu erkennen, was man wirklich will.

Es wird die Selbstverantwortlichkeit des Individuums betont, auf diese Weise steigt aber die Gefahr, steigenden Ansprüchen an soziale Flexibilität nicht genügen zu können und sich von sozialen Prozessen beschämt oder sozialängstlich abzuwenden, oder sich aggressiv abzureagieren (Resch 1998).

Ohne Fokussierung auf die Familie sind die Fragestellungen einer zunehmenden emotionalen Inbalance bei Jugendlichen sowie einer Zunahme von Risikoverhaltensweisen wie Drogensucht, Delinquenz, Aggressivität oder Autoaggression nicht zu beantworten. Liegt das Problem in einer Veränderung familiären Zusammenlebens? Und wenn – welche Rolle spielt der Einfluß des Makrosystems?

Der erste Blick fällt auf die Broken-Home-Situation, auf Gewalt in der Familie, Alkoholismus, Dauerstreit und sexuelle Übergriffe. Diese dramatischen Brüche des Mikroklimas wurden von Forschern transaktionaler Mechanismen der Entwicklungspsychopathologie in ihren negativen Auswirkungen erkannt und wissenschaftlich dargelegt (Luthar et al. 1997). Auch die zunehmende Zahl alleinerziehender Elternteile muss unsere Aufmerksamkeit erringen, da sich eine erhöhte Gefährdung des emotionalen Dialogs in solchen Ein-Eltern-Konstellationen nachweisen lässt. Trotzdem erklärt die Broken-Home-Situation nur einen Teil der Verhaltenstrends der nächsten Generation. Wir müssen auf subtilere Mechanismen achten.

Das zentrale Motiv des Postmodernismus ist das Motiv einer mit grundsätzlichen Dissensen rechnenden Pluralität (Billmann-Mahecha 1997). In der Komplexität der postmodernen Welt werden Selbst und Umwelt mit Systemeigenschaften beschrieben. Das kausale Denken hat sich zugunsten eines kybernetischen „Netzwerk“-Denkens dezentriert. Wir müssen die Prozesshaftigkeit von Strukturen wie Selbst und Weltbild anerkennen. Wir müssen letztlich die Prozesshaftigkeit von Wissen und Begriffen, die unser Denken prägen, anerkennen. Die Relativität von Erkenntnissen, Geltungsbereichen, die Unbestimmtheit des Wissens tritt in den Vordergrund. Im zwischenmenschlichen Diskurs führt die Relativität von Bedeutungen je nach kommunikativen Rahmenbedingungen aber zu Problemen. Denken wir nur an Familien aus unterschiedlichen Kulturkreisen, wo rasch wechselnde Bedeutungszuschreibungen im zwischenmenschlichen Kontakt zu Problemen der gemeinsamen Konstruktion von Wirklichkeit führen können. Kulturtransfer-Schocksyndrome und Realitätsverluste können die Folge sein. Wissenschaftliche Unvorhersehbarkeit ist innerhalb von definierten Rahmenbedingungen auszuhalten. In Alltagsentscheidungen jedoch, in der Stabilisierung des eigenen Lebensvollzugs ist der Verlust an Entscheidungssicherheit, der Verlust an Vorhersagemöglichkeiten und der Verlust an Einheitlichkeit für das Individuum jedoch schmerzlich. Wieviel Relativität, Flexibilität, Unsicherheit, Momenthaftigkeit, Undurchschaubarkeit und Unüberblickbarkeit verkraftet der Mensch ohne Identitätsdiffusion, erlernte Hilflosigkeit oder realitätsgefährdende Irritation? Wieviel Sachzwängen, wieviel Systemdruck und situativen Notwendigkeiten kann er – immer wieder mit Neuem konfrontiert – standhalten? Können wir Menschen überhaupt leben ohne Berechenbarkeit, ohne Gewohnheit, ohne Ritual?

Wenn gesellschaftliche Lebensformen und Werte einem raschen Wandel und einer starken Kontextgebundenheit unterliegen, muss die notwendige Verlässlichkeit im Mikrosystem zwischenmenschlicher Intimität gefunden werden, gerade dort findet sich aber ein egozentrisch-hedonistisches Chaos, wenn jedes Individuum vor allem versucht, sich in unterschiedlichen sozialen Rollen zu behaupten und im gesellschaftlichen Rahmen durch Flexibilität Anerkennung zu finden.

Liegt nicht in (über)fordernder Vielfalt von Wahlmöglichkeiten – für die Erwachsenen und Heranwachsenden – unter dem Druck rasch wechselnder Entscheidungsnotwendigkeiten einerseits und der Forderung nach klaren Grenzen und gestalteten Erfahrungsräumen, in denen die Möglichkeit zu offenem zeitlosem emotionalen Austausch besteht, eine sich zunehmend öffnende Schere?

Wenn Eltern und Kinder unter dem Alltagsdruck in Überforderungsgefühlen, in Gefühlen mangelnder Handlungskontrolle oder Befürchtungen mangelnder situativer Kompetenz verhaftet sind oder ihrer Selbstbehauptung in der Arbeitswelt erliegen, dann stören diese Beeinträchtigungen der eigenen Befindlichkeit von Bezugsperson und Kindern den emotionalen Diskurs im Mikrosystem. Schließlich gerät der sozio-emotionale Entwicklungsprozess der Kinder in Gefahr. Wenn nämlich die Erziehungsarbeit als Gestaltung von Erfahrungsräumen nicht mehr möglich wird und die Bezugspersonen durch emotionale Unausgeglichenheit und mangelnde Beziehungsgestaltung das Kind nicht beheimaten können, führt dies zu einer negativen Entwicklung des kindlichen Selbst. Beispiele aus der Forschung über die Beziehungsgestaltung von Eltern mit psychischen Beeinträchtigungen (z.B. Depressionen) gibt es viele (Resch 1996). Sowohl die mangelnde Erziehungsleistung als auch die Beeinträchtigung des emotionalen Diskurses führen zu einer Schwächung des kindlichen Selbstwertes, der kindlichen Handlungskompetenz, der kindlichen emotionalen Steuerung – kurz gesagt, zu einer Beeinträchtigung der kindlichen Selbststruktur. Auf diese Weise könnte die postmoderne Verunsicherung des erwachsenen Individuums sich in einer fatalen emotionalen Deprivation der Kinder äußern.

Immer wieder gab es Bestrebungen, durch Forderungen, Mütter sollten keiner eigenen Berufstätigkeit nachgehen, eine vermeintliche Garantie für kindliche emotionale Bedürfniserfüllungen zu erzwingen (siehe James and Prout 1997), aber eine solche versteinerte Argumentation hilft weder Eltern noch Kindern, sie hält nur ein Familienbild aufrecht, das heute in vieler Hinsicht nicht mehr gültig ist (Resch 1996). Die Gesellschaft könnte aber Familien, die der postmodernen Fluktuation ausgesetzt sind, institutionell unterstützen – beispielsweise durch Erleichterungen vorübergehender Arbeitszeitflexibilisierung bei Eltern mit Kleinkindern, die Schaffung von attraktiven Tageseinrichtungen, Tagesstätten mit pädagogisch und psychologisch kompetent geführten Gruppenaktivitäten, die eine Erfahrungsraumgestaltung für Kinder ermöglichen. Auch Schulen könnten sich neben dem Bildungsauftrag wieder eines Erziehungsauftrags erinnern und psychosoziale Lernangebote sowie eine aktive Lebens- und Erlebnisraumgestaltung aufbauen. Die Erzeugung von Mikrosystemen auch außerhalb des unmittelbaren Familienkreises erscheint notwendig (Cicchetti und Toth 1997).

Worin liegen die größten Herausforderungen für die zukünftige Entwicklung unserer Kinder? Liegen sie nicht in der Gefahr einer emotionalen Entdifferenzierung, die durch noch so große kognitive Förderung und Ausbildung nicht kompensiert werden kann? Liegt die Herausforderung nicht in der Ausdifferenzierung von Bewertungs- und Entscheidungsstrukturen, in der Verbesserung von sozialen Verständigungsprozessen, in der verbesserten Abstimmung eigener Erlebniswelten mit anderen, also einer Förderung der emotionalen Differenzierung? Unsere Kinder benötigen eine emotionale Erziehung, die Einfühlungsvermögen, soziale Perspektivenübernahme, Impulskontrolle und die Ausbildung von Toleranz zum Ziel hat.

Die Entwicklung eines differenzierten Verständnisses für eigene und andere Befindlichkeit halte ich für die wesentliche Herausforderung des ausgehenden Jahrhunderts. Inmitten weltweiter Konflikte und waffenstarrender Selbstbehauptung unterschiedlichster Völker und Kulturen haben wir schmerzlich lernen müssen, dass die Bildung und Verwissenschaftlichung des Alltagsverstandes allein die emotionalen Abgründe des Menschen nicht zu überbrücken vermag. In die komplexe postmoderne Welt des nächsten Jahrtausends wage ich im Namen der Liga für das Kind eine These zu setzen: Wir werden uns mit den Emotionen des Menschen beschäftigen müssen, mit seinen Wünschen, Hoffnungen, untergründigen Motiven und Passionen, mit seinen Empfindlichkeiten und Glaubensvorstellungen, mit Wechselwirkungen von Denken und Fühlen und damit letztlich mit den Grenzen seiner Gefühlszustände, in denen alles Handeln sich vollzieht. Wir werden uns intensiv damit beschäftigen müssen, damit unseren Kindern nicht eine emotionale Klimakatastrophe droht. Eine Gesellschaft, die negative Emotionen dämonisiert, verachtet und zugunsten eines Lustprinzips verleugnet, eine Gesellschaft, die Aggression, Angst oder Trauer negiert, überspielt oder damit Geschäfte macht, eine Gesellschaft, die Aggressivität und den Verlust von Gemeinschaftsgefühl belohnt oder gar verherrlicht, wird von eben diesen negativen Emotionen und Verhaltenstendenzen eingeholt und bedroht werden.

Der Beitrag ist eine gekürzte und veränderte Fassung des Übersichtsartikels „Entwicklungspsycho(patho)logie und Gesellschaft“, zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift Persönlichkeitsstörungen: Theorie und Therapie (PTT) 4/1999. Mit freundlicher Genehmigung des Schattauer Verlages.

Prof. Franz Resch ist Ordinarius für Kinder- u. Jugendpsychiatrie der Universität Heidelberg und Präsident der Deutschen Liga für das Kind