Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Gewaltfreie Erziehung – geht das überhaupt?

von Irene Johns

Unser 5-jähriger Sohn würde auf die Frage, ob gewaltfreie Erziehung möglich ist, antworten: „Ja. Wenn mich jemand hauen will, rufe ich einfach: Auszeit.“ Und da das im Kindergarten so verabredet ist, geht er davon aus, dass der andere dann auch aufhört. Er glaubt, dass das auch bei Erwachsenen klappt. Auf die Frage, was denn passiert, wenn er selbst ganz wütend ist, antwortet er: „Ich sage dann Wörter, die man nicht sagen darf und wenn mich ein Kind haut oder kratzt, mache ich das auch.“ Er sagt es etwas trotzig.

Eines jedenfalls ist klar, Kinder haben ein Bewusstsein dafür, dass Schlagen nicht in Ordnung ist, dass es weh tut und verletzt.

Einmal abgesehen davon, dass ein Kind nicht erzieht und ich mit dem Beispiel die Dinge scheinbar auf den Kopf gestellt habe, macht es doch deutlich, wie unterschiedlich wir den Begriff „gewaltfreie Erziehung“ auslegen können. Wir können ihn sehr eng fassen und den Begriff der Gewalt auf körperliche Gewalt und den der Erziehung auf das Verhältnis zwischen Eltern beziehungsweise anderen Erziehungspersonen und Kind beschränken. Wir können gewaltfreie Erziehung aber auch weiter fassen und mit Gewalt jedes Vorgehen bezeichnen, bei dem Absichten ohne Rücksicht auf die Absichten, Erwartungen und Rechte anderer durchgesetzt werden, auch durch Unterlassung, Herabsetzung, Missachtung und Vernachlässigung. Und wir können den Begriff „Erziehung“ ausweiten auf jede Instanz, die auf die kindliche Entwicklung entscheidend Einfluss nimmt.

Wenn wir zum Beispiel feststellen, dass viele Kinder heute Orientierungen über das Fernsehen suchen, dann können wir – wenn Kinder viel fern sehen und Alltagserlebnisse fehlen um das im Fernsehen gesehene einordnen zu können – vom Fernsehen als einer miterziehenden Instanz sprechen. Und dann sind wir bei dem Problem des Wirkungsrisikos von Gewaltdarstellungen in den Medien und der Verantwortung von Programmachern.

Und wir können noch einen Schritt weiter gehen und andere gewaltförmige Strukturen in unserer Gesellschaft in die Diskussion einbeziehen, welche die Erziehungsbedingungen mit prägen und damit auf das Denken, Fühlen und Handeln von Kindern Einfluss haben.

Spätestens hier wird deutlich, dass gewaltfreie Erziehung in einem weit gefassten Sinne bedeutet, dass wir als Gesellschaft insgesamt Verantwortung für die Reduzierung von Gewalt übernehmen müssen, und dies nicht allein den Eltern oder vielleicht noch den Erzieher(inne)n, Lehrkräften oder Sozialarbeiter(inne)n zuschreiben können. Ich sage dies vor dem Hintergrund, dass wir in unserer Gesellschaft eine zunehmende Zweiteilung im generativen Verhalten beobachten. Wir haben eine Tendenz, dass entweder eine Zwei-Kinder-Familie verwirklicht oder auf Kinder ganz verzichtet wird. Das heißt, ohne Kinder zu leben ist heute schon für viele Erwachsene eine bewusst gewählte Lebensform. Bei allen Diskussionen über gesellschaftliche Verantwortung für Kinder und über Fragen der Zukunft ist dies eine bedeutsame Entwicklung.

Ich werde mich – obwohl ich von einem Gewaltbegriff ausgehe, der neben der körperlichen auch die seelische und sexuelle Gewalt und die Kindesvernachlässigung umfasst – in diesem Beitrag im wesentlichen auf die körperlichen Strafen beschränken. Hier sehe ich den größten Diskussions- und Handlungsbedarf und – wenn die von der Regierungskoalition vorgeschlagene Gesetzesänderung des §1631 Abs. 2 BGB und damit die Festschreibung eines Rechts von Kindern auf gewaltfreie Erziehung tatsächlich erfolgt – auch den wichtigsten Schritt hin auf eine gewaltfreie Erziehung. Und ich werde mich bei dem Begriff der Erziehung auf das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern beschränken.

Pro und Contra gesetzliches Züchtigungsverbot

Die Debatte um ein gesetzliches Züchtigungsverbot ist seit vielen Jahren von heftigen emotionalen Auseinandersetzungen begleitet. Bei vielen Menschen ruft diese Diskussion Erinnerungen an die eigene Kindheit wach, die schmerzlich sein können. Oder sie berührt aktuelle Erfahrungen als Mutter oder Vater mit Gefühlen von Ohnmacht, Wut oder Unsicherheit im Kontakt mit dem eigenen Kind. Und bei manchen Menschen ruft sie Unverständnis hervor, da sie davon überzeugt sind, dass sogenannte gerechte Strafen wie zum Beispiel Ohrfeigen ein unverzichtbares Erziehungsmittel darstellen. Immer wieder höre ich Argumente wie „das ist ein Eingriff in die Privatsphäre der Familie“ oder „eine seelische Verletzung ist viel schlimmer“ oder „das meinen Sie doch nicht im Ernst, dass Erziehung ohne Züchtigung möglich ist“. Äußerungen wie diese machen mich wütend und ratlos. Wie soll ich jemanden überzeugen, der Kindern nicht die gleiche Würde zugestehen will wie einem Erwachsenen?

Auf dieser Ebene ist kaum noch eine sachliche Diskussion möglich. Es geht dann um die Sicht, die wir vom Kind haben, um unser Verständnis von der Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern. Dann geht es nicht mehr um die Frage „Gewaltfrei erziehen – geht das überhaupt?“, sondern um die Frage der Legitimität von körperlicher Züchtigung.

Aus meiner Sicht gibt es keine Begründung, die eine körperliche Bestrafung von Kindern als Erziehungsmittel rechtfertigt. Das heißt nicht, dass nicht auch ich Situationen kenne, in denen ich mein Kind schon heftig angeschrien oder vor mir her geschubst hätte. Allerdings nenne ich das nicht eine gelungene Erziehung. Sondern es sind Hilflosigkeit, Ohnmacht oder Wut, die uns unsere körperliche und verbale Überlegenheit und unsere Autorität als Eltern ausnutzen lassen.

Mein Hauptargument für eine Erziehung ohne Gewalt und für die ausdrückliche Benennung eines Leitbildes der Erziehung ohne Gewalt bezieht sich auf die Würde des Kindes und seine Gleichwertigkeit im Verhältnis zu Erwachsenen. Einen Erwachsenen würden wir in vergleichbaren Situationen weder schubsen, ohrfeigen noch prügeln, warum also unser Kind? Erst danach kommt für mich das Argument der Folgen für das Kind und der grundsätzlichen Sinnlosigkeit von Ohrfeigen, Prügeln und anderen körperlichen Strafen.

Manche Menschen argumentieren, seelische Verletzungen seien viel schwerwiegender als körperliche Gewalt. Hier wird ein Gegensatz aufgestellt, den es weder real noch im Erleben des Kindes gibt. Denn jede körperliche Strafe ist mit einer seelischen Verletzung verbunden, mit einer Demütigung und mit Gefühlen von Ohnmacht und Angst. Wie schwerwiegend die Folgen für das einzelne Kind sind, stellt sich individuell sehr verschieden dar. Aber selbst wenn im Einzelfall die Folgen gering sein können, ist damit die Frage der Legitimation nicht beantwortet.

Das Argument, Aktionen für eine gewaltfreie Erziehung und gegen Klapse, Ohrfeigen und Prügel seien ein Eingriff in die Privatsphäre der Familie, stellt letztlich ebenfalls eine Ablehnung der Idee dar, Kindern die gleiche Würde zuzugestehen wie Erwachsenen.

Als Hauptargument gilt nach wie vor die immer noch weit verbreitete Meinung, daß Kinder zu schlagen als Erziehungsmittel wirksam sei.

Strafe als Erziehungsmittel

Ein Vergleich der Ergebnisse von Studien aus den Jahren 1979 (Institut für Demoskopie Allensbach) und 1992 (Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen) zeigt, dass der Prozentsatz von Erwachsenen, die das Elternrecht in Bezug auf körperliche Strafen (ausgenommen den „Klaps“) beschränken wollen, in diesem Zeitraum von 31% auf 75% gestiegen ist. Gleichzeitig zeigen diese Ergebnisse, dass es immer noch viele Menschen gibt, die von körperlichen Strafen als Erziehungsmittel überzeugt sind. Wenn wir uns anschauen, wie viele 10-20-Jährige retrospektiv über Körperstrafen durch Eltern berichten, dann sind wir immerhin bei einem Prozentsatz von 69,5% (Wetzels 1997).

Im Säuglings- und Kleinkindalter versuchen Eltern oft mit Klapsen ihr Kind vor Gefahren zu schützen. Sie geben ihrem Kind einen Klaps, wenn es nach der heißen Teekanne greift, an die Steckdose faßt oder auf eine Straße läuft. Ihr Verhalten erscheint dadurch gerechtfertigt, daß ihr Kind vor Schaden bewahrt werden soll und es doch lernen müsse, Gefahrenquellen zu meiden. Gefühlsmäßige Bedenken, die Eltern haben mögen, werden mit dieser Begründung überwunden. Nur unzureichend gerät in den Blick, dass damit der Klaps sehr bald zu einer gewohnten Reaktion werden kann, nicht nur bei Gefährdung, sondern auch, wenn das Kind zum Beispiel quengelt, mit der Hand in sein Essen patscht oder sich trotz wiederholten Aufforderns nicht anzieht. Manche Eltern halten körperliche Strafen in diesem Zusammenhang für eine „gerechte“ Strafe. Sie sind fest davon überzeugt, dass ein Klaps ihrem Kind hilft, die richtigen Normen und Werte zu entwickeln und sich in die Erwachsenenwelt einzuordnen. Gestützt wird diese Einstellung bis heute durch einen juristischen Kommentar zum §1631 Abs. 2 BGB, in dem es heißt: „Die körperliche Züchtigung ist nicht schon als solche entwürdigend, der Klaps auf die Hand und selbst eine wohlerwogene, nicht dem bloßen Affekt des Elternteils entspringende („verdiente“) Tracht Prügel bleiben nach der Gesetz gewordenen Fassung zulässige Erziehungsmassnahmen“ (Diedrichsen in Palandt 1997 §1631 Rdnr 9).

Demgegenüber beweist die Forschung, dass ein geschlagenes Kind zwar kurzfristig von dem „unerwünschten“ Verhalten abläßt, langfristig jedoch keine Verhaltensänderung erreicht wird. Vielmehr bewirkt die entstehende Angst vor Strafe, dass freie Wahl- und Handlungsmöglichkeiten für das Kind nicht zur Verfügung stehen. Das äußerste, was sich über Strafe erreichen läßt, ist, dass Kinder sich angepasst verhalten, nur um Strafe zu vermeiden, nicht aber zum Beispiel aus Rücksichtnahme auf andere.

Risiko einer Eskalation

Körperliche Bestrafungen bergen immer das Risiko einer Eskalation in sich. Eltern sehen dieses Risiko meist nicht oder zu spät. Ist der Klaps erst zur gewohnten Reaktion geworden, kann es leicht zu heftigeren Schlägen führen. So geben Eltern ihrem Kind, das nach der heißen Teekanne greifen will, einen Klaps auf die Finger. Wenn es wieder greifen will, hauen sie wieder und dieses Mal schon ein bisschen fester.

Wie hoch das Risiko einer Eskalation ist, zeigen die Ergebnisse einer Langzeituntersuchung an der Universität Nottingham in Großbritannien an über 700 Familien (vergl. Leach 1999): Bei denjenigen Eltern, die bereits ihren Säuglingen Klapse gegeben hatten, bevor diese ein Jahr alt waren, hatte bis zum Alter von vier Jahren sowohl die Häufigkeit als auch der Schweregrad der körperlichen Bestrafung zugenommen. Und viele Eltern, die auch nach dem siebten Lebensjahr noch ihre Kinder schlugen, benutzten nicht mehr nur die bloße Hand. Dies zeigt, dass der Übergang von körperlicher Bestrafung wie Klapse, Ohrfeigen, Schläge zur Kindesmisshandlung ein fließender sein kann. Kindesmisshandlung ist nur ein graduell von einer grundsätzlich tolerierten Haltung abweichender Ausdruck.

Ausmass und Folgen von Gewalt gegen Kinder

Nach vorsichtigen Schätzungen müssen wir davon ausgehen, dass in Deutschland circa 20% aller Erwachsenen in ihrer Kindheit mit schwerwiegenden beziehungsweise häufigen Formen der körperlichen oder sexuellen Gewalt konfrontiert waren. Vergleichbare Daten zur psychischen Misshandlung und Kindesvernachlässigung liegen nicht vor. Man nimmt an, dass die Zahlen zur Vernachlässigung sich bei etwa 5% bis 10% aller Kinder bewegen.

Die Folgen von Gewalt für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern sind gravierend. Klapse, Ohrfeigen und Schläge zerstören das Selbstbewusstsein des Kindes, trüben das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern und behindern Kinder, eigene Erfahrungen zu machen. Ein 14-jähriges Mädchen, das ins Kinderschutz-Zentrum kam, weil es von seinem Vater physisch und psychisch misshandelt worden ist, berichtet: „Manchmal würde ich gerne meine Wut einfach in die Welt hinaus schreien oder demjenigen meine Wut erzählen. Manchmal habe ich auch…, dass ich auf Papa so sauer bin, dann würde ich ihm gerne meine ganze Meinung erzählen, aber dann habe ich soviel Angst und zuviel Respekt gehabt.“ In dieser – für sie zunächst ausweglosen – Situation hat sie für sich folgende Lösung gewählt: „Ich schlucke die Wut runter, dann kriege ich meistens Magenschmerzen und dann tue ich eine Wärmflasche drauf und dann verdampft sie.“ Dieses Beispiel zeigt einen der zahlreichen Bewältigungsversuche von Kindern, die anrühren, die aber auch zutiefst traurig machen.

Die verbreitete Meinung, körperliche Strafen durch Eltern seien aufgrund der engeren Beziehung weniger schädigend, erweist sich als Irrtum. Im Gegenteil, die Schädigung bei innerfamilialer Gewalt ist größer, weil Kinder sich dem Verhalten ihrer Eltern in viel höherem Maße anpassen und sich mit ihnen identifizieren. Kinder leben in dem Glauben, dass ihre Eltern gut sind und das Richtige tun. Wenn Kinder gedemütigt, geohrfeigt, geprügelt oder misshandelt werden, glauben sie, ihre Eltern hätten sie liebgehabt und nicht geprügelt, wenn sie selbst nur fleißiger und netter gewesen wären. Mit dieser Deutung halten sie die Hoffnung aufrecht, letztendlich doch noch irgendwann von den Eltern geliebt zu werden. Ihre Selbsterhaltung zwingt sie, die bestrafenden bösen Seiten der Eltern zu leugnen und sich statt dessen diese selbst zuzuschreiben: „Da meine Eltern nicht schlecht sein können, bin ich selbst schlecht.“ Die Vorstellung, schlecht zu sein und die damit verbundenen Schuldgefühle werden in das eigene Selbstbild aufgenommen und verankert. Folgen dieser Verarbeitung des Erlebten sind häufig noch im Erwachsenenalter Schuldgefühle, Scham, Selbsthass. Dieser Zusammenhang erklärt auch, warum viele geschlagenen Kinder später als Erwachsene körperliche Strafen rechtfertigen oder bei starken Belastungen in alte Muster zurückfallen, obwohl sie sich vorgenommen hatten, ihre Kinder anders zu erziehen als sie selbst erzogen worden sind.

Wie kommen wir dem Ziel einer gewaltfreien Erziehung näher?

Aus der Kenntnis der Entstehungsbedingungen von Gewalt und der Schutzfaktoren, die verhindern, dass Eltern eigene Gewalterfahrungen aus ihrer Kindheit an ihre Kinder weitergeben, können wir ableiten, welche Bedingungen eine gewaltfreie Erziehung langfristig fördern. Im wesentlichen sind drei Handlungsfelder zu unterscheiden. Es geht um Veränderungen der Einstellungs- und Handlungsmuster in der Gesellschaft, um Fragen der Sozialpolitik und um Anforderungen an Hilfesysteme. Ich beschränke mich an dieser Stelle auf den Bereich Einstellungs- und Handlungsmuster, denn die Diskussion über die Legitimität körperlicher Strafen und die Würde von Kindern zeigt, dass wir im Verhältnis der Erwachsenen zu Kindern einen grundlegenden Perspektivenwechsel brauchen.

Ich will dies an drei Punkten ausführen.

(1) Stärkung der rechtlichen Position des Kindes mit einem klaren Leitbild der gewaltfreien Erziehung. Im 10. Kinder- und Jugendbericht haben wir das Fazit gezogen, dass Rechte der Kinder so beschaffen sein müssen, dass sie sowohl der Subjektstellung des Kindes als auch den Bedingungen ihres Aufwachsens Rechnung tragen. Dies bedeutet, der Würde von Kindern und Erwachsenen sowie dem Schutz ihrer Persönlichkeit in gleicher Weise Rechnung zu tragen und gleichzeitig als Erwachsene Kinder in ihrem Aufwachsen und Selbständigwerden zu unterstützen.

In diesem Zusammenhang haben wir gefordert, Artikel 6 Grundgesetz um ein Recht von Kindern auf Förderung ihrer Entwicklung zu erweitern. Diese Änderung sollte – ähnlich wie die Ergänzung von Artikel 3 Grundgesetz mit Bezug auf die Förderung von Frauen – zu einer weiteren Sensibilisierung für die Rechte von Kindern beitragen und der Auffassung entgegentreten, Rechte von Kindern entzögen sich einer verfassungsrechtlichen Regelung, weil sie im Elternrecht aufgingen.

Weiterhin haben wir uns ausdrücklich für eine gesetzliche Verankerung gewaltfreier Erziehung im §1631 Abs. 2 BGB ausgesprochen, um damit die immer noch verbreitete Einstellung zur Eltern-Kind-Beziehung als „besonderem Gewaltverhältnis“ weiter abzubauen. Eine gesetzliche Verankerung hat eine bedeutsame Leitbildfunktion und setzt der Anwendung von Gewalt im familiären Kontext ein deutliches Unwerturteil entgegen.

(2) Öffentliche Diskussion von Erziehungsfragen. Ich plädiere für eine öffentliche Behandlung von Erziehungsfragen. Aus dem Thema Erziehung leiten sich viele Fragen ab, zum Beispiel darüber, was Kinder in welchem Alter an Fürsorge und Pflege brauchen, welche Handlungsalternativen Eltern bei Konflikten haben, wie Kindern Grenzen gesetzt werden können, wie Beteiligungsmöglichkeiten zu eröffnen sind, welche positiven Körperkontakte Kinder brauchen, welche Signale Kinder senden, wenn sie Körperkontakt nicht wollen oder beenden wollen, wie ihnen Werte und Normen vermittelt werden usw.

Vorstellbar sind witzige Fernseh- und Hörfunkspots für Eltern als Erziehungshilfe, um spezifische Gefährdungen von Kindern zu vermitteln und Vorschläge zu deren Reduzierung zu machen. Broschüren können unterstützend sein, andere Medien erreichen aber eine breitere Bevölkerungsschicht.

Um möglichst viele Eltern zu erreichen, sollten Gruppenangebote und Trainings nicht auf Familienbildungsstätten und Volkshochschulen beschränkt bleiben, sondern im Rahmen von Elternabenden in Schulen und Kindertagesstätten angeboten werden.

Die Diskussion über Erziehung sollte nicht auf Erwachsene beschränkt bleiben. Da wir wissen, dass eine emotional korrigierende Erfahrung möglichst früh einsetzen muss, müssen wir bereits mit Kindern und Jugendlichen über Erziehung sprechen. So können Kinder bereits in der Kindertagesstätte lernen, was Fürsorge bedeutet, indem zum Beispiel ein 6-jähriges Kind eine Patenschaft für ein 3-jähriges Kind übernimmt und diesem hilft, wenn es Unterstützung braucht. Das gleiche gilt für Jugendliche. Sie können im Rahmen von Peer-Education-Programmen Verantwortung für andere Kinder und Jugendliche übernehmen, u.a. in Projekten wie „Jugendliche beraten Kinder und Jugendliche am Kinder- und Jugendtelefon“ oder als Konfliktlotsen in Schulen.

Zu diskutieren ist auch, ob Erziehung und Elternschaft als Thema nicht bereits in der Schule behandelt werden sollten.

(3) Stärkere Partizipation von Kindern. Der Charakter der Beziehung zwischen Eltern und Kindern hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert und ist tendenziell partnerschaftlicher geworden. Auch im politischen Raum ist ein stärkeres Bewußtsein dafür entstanden, daß Kinder eigenständige Personen mit Selbstbestimmungsrechten und ernst zu nehmenden Meinungen sind. In der Praxis sieht es aber nach wie vor düster aus. Es gibt zwar eine zunehmende Kinderbeteiligung, aber zum Teil werden Partizipationsformen wieder aufgegeben, teils, weil sie sich als zu wenig kindgerecht oder effektiv erweisen, teils, weil keine Umsetzungsmöglichkeiten für die Ideen der Kinder da sind.

Kinder haben heute zumeist weder in Jugendverbänden noch in Kindertagesstätten, Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen einen wirklichen Einfluß auf Entscheidungsprozesse. Die Gefahr besteht, daß die Mitbestimmungsmöglichkeiten mehr oder weniger auf Projekte und demokratische Spielwiesen beschränkt bleiben.

In der Familie ist die Veränderung in der Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern sicher am gravierendsten. So beziehen inzwischen nach Angaben der Kinder zwei Drittel der Eltern in Ost und West kindliche Äußerungen in ihre Überlegungen ein, vereinbaren Regeln mit Kindern gemeinsam und anderes mehr. Dennoch ist der Prozess der Veränderung sehr langsam und mühsam.

Um Kinder zu stärken und besser zu integrieren ist es notwendig, sie an Entscheidungen in allen ihren Lebensbereichen zu beteiligen. Es ist nicht ausreichend, dass Erwachsene allein definieren, was Kindesinteresse ist. Kinder haben andere Sichtweisen und Erfahrungen, von denen auch wir Erwachsenen profitieren, weil wir zum Beispiel Dinge plötzlich anders sehen und anders begreifen. Darüber hinaus sind sowohl in der UN-Kinderrechtskonvention, im Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) und in Ländergesetzen umfassende Beteiligungsrechte von Kindern festgeschrieben.

Eine Stärkung der Beteiligung von Kindern hilft der Tendenz gegenzusteuern, Kinder lediglich zu betreuen, zu versorgen und zu beschützen. Beteiligungsangebote bieten Kindern die Möglichkeit, demokratische Fähigkeiten zu lernen, eine eigene Meinung zu vertreten, die Meinung anderer zu achten, Konflikte auszutragen, Kompromisse auszuhandeln; sie fördern Gemeinsinn und Solidarität und können damit auch Gewalt und Vandalismus verhindern.

Gewaltfreie Erziehung ist möglich

Gewaltfreie Erziehung ist möglich – zumindest soweit wir uns auf körperliche Gewalt beziehen und das wäre bereits ein großer Schritt. Dies setzt voraus, dass wir als Gesellschaft der körperlichen Gewalt gegen Kinder und damit jeder körperlichen Strafe als Erziehungsmittel eine klare Absage erteilen und das Leitbild der gewaltfreien Erziehung gesetzlich verankern. Da jede körperliche Bestrafung das Risiko einer Eskalation beinhaltet, verspreche ich mir von diesem Weg auch eine Verringerung des Ausmaßes von Kindesmisshandlung.

Gewaltfreie Erziehung setzt voraus, dass es im Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern zu einem grundlegenden Perspektivenwechsel kommt, aus dem letztlich beide Seiten mit einer gestärkten Handlungskompetenz hervorgehen. Kinderschutz kann sich heute nicht mehr beschränken auf Behüten, Beschützen und Bewahren, sondern muss in den Vordergrund stellen, mit Kindern gemeinsam sich und die Kinder in seinen Handlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten zu stärken. Im 10. Kinder- und Jugendbericht haben wir als Zielvorstellung eine neue Kultur des Aufwachsens für unser Zusammenleben mit Kindern formuliert. Ich hoffe, dies wird der Weg sein, den wir ins nächste Jahrtausend gehen wollen.

Irene Johns ist Diplom-Pädagogin und Leiterin des Kinderschutz-Zentrums Kiel. Sie war Mitglied der Berichtskommission des 10. Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung.