Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Wird der Mensch noch Gebraucht?

Über die Würde des Menschen im Informationszeitalter

von Wolfgang Huber

1.
Im Jahr 1900 veröffentlichte die schwedische Schriftstellerin Ellen Key ihr Buch „Das Jahrhundert des Kindes“, das 1902 auch in deutscher Übersetzung erschien. In flammenden Worten erklärte sie: „Bevor nicht Vater und Mutter ihre Stirn vor der Hoheit des Kindes in den Staub beugen; bevor sie nicht einsehen, dass das Wort Kind nur ein anderer Ausdruck für den

Begriff Majestät ist; bevor sie nicht fühlen, dass es die Zukunft ist, die in Gestalt des Kindes in ihren Armen schlummert, die Geschichte, die zu ihren Füßen spielt – werden sie auch nicht begreifen, dass sie ebensowenig die Macht oder das Recht haben, diesem neuen Wesen Gesetze vorzuschreiben, wie sie die Macht oder das Recht besitzen, sie den Bahnen der Sterne aufzuerlegen.“

Die Vision vom Jahrhundert des Kindes blieb unerfüllt. Das 20. Jahrhundert wurde nicht dazu. Es war eher ein „Jahrhundert des Krieges“ als ein „Jahrhundert des Kindes“. Die von Ellen Key formulierte optimistische Vision hatte sich allerdings auch selbst dadurch in Frage gestellt, dass sie die Zukunft von Kindern im 20. Jahrhundert in das Licht eines naiven Wissenschaftsglaubens tauchte. Ellen Key glaubte an die Selbstentfaltung der Natur. Wenn am nur das Kind gewähren lasse, dann werde sich eine Höherentwicklung der Menschheit schon als Ergebnis des unausweichlichen Fortschritts herausstellen. In seiner Natürlichkeit

betrachtete sie das Kind als heilig. Sie hoffte auf die Selbstvervollkommnung der menschlichen Gattung und auf die Entwicklung des Menschen zu einem „höheren Typus“ durch staatliche Erbgesundheitspflege. Sie hoffte darauf, dass die Umwandlung der gesellschaftlichen Verhältnisse – neue Ehen, neue Heime und neue Schulen – auch die Lebensverhältnisse für Heranwachsende verändern werde. Sie war davon überzeugt, dass die Zukunft mit den Mitteln der Erziehung beherrscht werden könne; die Mittel der überlieferten Religion dagegen hielt sie für entbehrlich.

Im Jahr 1999 hat die Schweitzer Schriftstellerin Regine Schindler unter dem Titel „Zur Hoffnung erziehen“ die Summe ihrer pädagogischen Überlegungen, insbesondere auch zur religiösen Erziehung in der Familie formuliert. Erneut ist die Überlegung von den Kindern her zu sehen, das Gelingen ihres Lebens zum Dreh- und Angelpunkt zu erheben. Aber der Überschwang der Wissenschaftsgläubigkeit ist vorüber. Diejenigen Themen treten wieder in den Blick, die sich nicht einfach wissenschaftlich auflösen lassen: die Orientierung des Kindes in seiner Welt, der Umgang mit Ohnmacht, Leiden und Tod sowie die Ausrichtung des eigenen Lebens und Handelns. In einer unpathetischen und nicht vereinnahmenden Weise wird deshalb auch wieder nach der Wirklichkeit Gottes gefragt.

Damals, am Anfang des Jahrhunderts, wurde ein „Jahrhundert des Kindes“ proklamiert, mit dem der Abschied vom christlichen Glauben und die Zuwendung zur Wissenschaftsgläubigkeit verbunden sein sollte. Nun, am Ende des Jahrhunderts, wird bei Regine Schindler „Gott im Kinderalltag“ wiederentdeckt. Zugleich wird der Wissenschaftsgläubigkeit der Abschied gegeben; und gerade so wird Hoffnung als Grunddimension des Heranwachsens von Kindern gerade in den ersten Lebensjahren wieder vor Augen gesellt. Dass Kinder Geborgenheit erleben, dass sie in einem Raum der Liebe aufwachsen können, ist der entscheidende Schlüssel zu einem veränderten Heranwachsen. Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland hat in diesem Zusammenhang von einem „Perspektivenwechsel“ gesprochen. Die Lebenswirklichkeit in Familie und Gesellschaft aus der Perspektive von Kindern wahrzunehmen bedeutet zuallererst: ihre Rechte zu respektieren und Zeit für sei zu haben.

2.
Die Rechte von Kindern sind das eine. Vor zehn Jahren, am 20. November 1989, verabschiedete die Vollversammlung der Vereinten Nationen die Konvention über die Kinderrechte. Sie trat, nach der notwendigen Zahl von Ratifikationen, ein Jahr später in Kraft. Deutschland ratifizierte sei 1992 mit ausländerrechtlichen Vorbehalten. Die Konvention ist inzwischen von mehr Staaten ratifiziert worden, als die Vereinten Nationen Mitglieder haben, nämlich von 191 (die Mitgliederzahl beträgt 188). Lediglich die Vereinigten Staaten von Amerika, die aus Gründen der nationalen Selbstbestimmung zur Kodifizierung von Menschenrechten durch die Vereinten Nationen überhaupt Abstand halten, und Somalia, wo das staatliche Gewaltmonopol außer Kraft gesetzt ist und keine Zentralregierung mehr existiert, stehen abseits.

Diese Konvention bezieht sich auf das Heranwachsen von Jungen und Mädchen im Alter bis zu achtzehn Jahren. Die frühen Lebensjahre, die uns in der „Deutschen Liga für das Kind“ besonders wichtig sind, sind eingeschlossen. Das Recht der Kinder auf Entwicklung, auf bestmöglichen Schutz vor Gefahren und auf Anhörung in wichtigen Fragen sind festgelegt. Entscheidungen sollen „im besten Interesse der Kinder“ gefällt werden.

Doch auch in Staaten, die der Kinderrechtskonvention zugestimmt habe, wird diese nur sehr zögernd umgesetzt. In der überwältigenden Mehrzahl aller 188 UN-Mitglieder ist körperliche Züchtigung beispielsweise nach wie vor als Erziehungsmittel erlaubt. Darauf hat der schwedische Menschenrechtsexperte Thomas Hammarberg unlängst im Rahmen eines Symposions zum zehnjährigen Jubiläum der UN-Kinderrechtskonvention aufmerksam gemacht. Er hat an alle Staaten appelliert, von Gesetzes wegen das Schlagen von Kinder als Erziehungsmittel zu verbieten. Es ist zu hoffen, dass dieser Appell in Deutschland bald Gehör findet und das gesetzliche Verbot des Schlagens von Kindern verwirklicht wird. Noch immer ist die Auffassung verbreitet, Kindern müssten Grenzen gesetzt werden und deshalb sei das Schlagen von Kindern unvermeidlich. Gewiss brauchen Kinder Grenzen; und die Vorstellung einer vermeintlich anti-autoritären Erziehung, Kinder kämen ohne Grenzziehungen aus, gehört der Vergangenheit an. Doch die Frage, wie diese Grenzen bewusst gemacht werden können, wird erst dann richtig gestellt, wenn dafür nicht auf die Mittel physischer oder psychischer Gewalt zurückgegriffen wird.

Neben dem Schutz der Kinder vor Gefahr und Gewalt ist ihre Beteiligung am sozialen und politischen Prozess eine andere, gleich gewichtige Dimension bei der Stärkung der Rechtsstellung von Kindern. Auf der lokalen und nationalen, aber ebenso auch auf der internationalen Ebene sind die Beteiligungsmöglichkeiten von Kindern zu stärken.

Kinderparlamente sowie die Kontakte von Kindern zu politisch Verantwortlichen und Entscheidungsträgern sind dabei wichtige Elemente. Sobald man Kinder in den ersten Lebensjahren in diese Betrachtung einbezieht, stößt man auf die Frage des für diese Kinder stellvertretend von ihren Eltern wahrgenommenen Wahlrechts. Ohne Zweifel verschieben sich die Prioritäten politischer Entscheidungen, wenn Kinder in ihnen eine Stimme haben. Frau Senatorin Peschel-Gutzeit hat sich in einer – mich jedenfalls – sehr überzeugenden Weise zur Fürsprecherin dieses Gedankens gemacht. Er verdient es, in größerer Breite aufgenommen und diskutiert zu werden.

3.
Die Stärkung der Rechte von Kindern ist das eine, die persönliche Zuwendung zu ihnen ist das andere. „Vielleicht“ – so hat Regine Schindler formuliert – „empfinden Kinder das Nicht-Zeit-Haben der Eltern, den „Stress“ als härtere Strafe als alle Prügel?

Vielleicht nehmen sie solches Verhalten nur halbbewusst war, weil es alltäglich ist? Oder es wächst die Eifersucht auf den Fernseher, auf Computer und Internet, die als zärtliche Partner der Eltern nicht nur deren Zeit, sondern auch deren Zuwendung ganz zu absorbieren drohen? Möglicherweise belastet die Hektik des modernen Alltags die Eltern tatsächlich. Jedenfalls muss das Vermitteln von Geborgenheit und Getragensein … immer wieder neu eingeübt werden. Ruhige Zeiten dafür zu finden, braucht Fantasie – und viel guten Willen.“

Auch im persönlichen Verhalten ist der Übergang zu einem Jahrhundert des Kindes, in dem der Sinn für die eigenständige Würde von Kindern fraglos anerkannt ist, noch nicht vollzogen. Das sich ausbreitende Nützlichkeitsdenken weist eher in eine andere Richtung. Über die Bedingungen für das Aufwachsen von Kindern zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist keineswegs entschieden. Gegeneinander stehen ein Denken, das sich am „Wert“ eines Menschen orientiert, und ein Denken, das sich an der „Würde“ der menschlichen Person ausrichtet.

Die Bereitschaft, für eine bestimmte Phase in der Entwicklung einer Familie das Heranwachsen von Kindern als bestimmendes Thema zu akzeptieren, scheint zurückzugehen. Gewiss müssen dafür neue Formen gefunden werden. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Umstellung der persönlichen Biographie auf das Heranwachsen von Kindern allein den Frauen zugetraut und zugemutet wurde, gehört der Vergangenheit an. Doch die neue Selbstverständlichkeit, mit der das Heranwachsen von Kindern – gerade in den ersten Lebensjahren – keinen Einfluss auf die Berufstätigkeit von Vätern oder Müttern haben darf, hat problematische Folgen. Sie trägt unter anderem dazu bei, dass vor allem im Osten Deutschlands die Horterziehung nach wie vor als weithin selbstverständlich gilt; ein Raum der Geborgenheit in der Familie kann sich dadurch nur während weniger Stunden des Tages, nur an den – dadurch häufig überlasteten – Wochenenden und in Ferienzeiten entwickeln. Die Eltern – ob gemeinsam oder allein erziehend – delegieren in beunruhigend hohem Umfang ihre Erziehungsaufgabe an Institutionen und das heißt auch: an wechselnde Bezugspersonen. Eine wichtige Möglichkeit dafür, dass Kinder ein Bewusstsein für Zugehörigkeit und Gemeinschaft entwickeln und in einem überschaubaren Nahbereich Verantwortungsbewusstsein ausbilden können, wird vergebe. Die Langzeitfolgen für die Neigung zu Fremdenfeindlichkeit, zur Gewaltanwendung und zu anderen Folgen der Kriminalität hat Christian Pfeiffer zugespitzt, aber treffend deutlich gemacht.

Zur Verharmlosung besteht kein Anlass. So sehr man die Hilfe öffentlicher Einrichtungen für das Heranwachsen von Kinder fordern, fördern und in Anspruch nehmen muss, so kurzsichtig bleibt es, diese Institutionen an die Stelle der Familie treten zu lassen. Und so sehr wir für einen Wandel in der Gestalt der Familie, im Verhältnis der Generationen zueinander und in den Rollenzuweisungen für Männer und Frauen eintreten müssen, so unangebracht ist es zugleich , die Familie totzusagen oder totzureden. Wir bleiben auf sie angewiesen und haben guten Grund, pfleglich mit ihr umzugehen. Die Verbindlichkeit im Zusammenleben der Generationen erweist sich auch heute als ein kostbares Gut. Es sei in diesem Zusammenhang daran erinnert, dass das biblische Gebot, Vater und Mutter zu ehren, sich in seinem ursprünglichen Sinn auf das Verhältnis von Erwachsenen zu ihren als gewordenen Eltern bezieht. Die Fürsorge für die Schwächeren auch im Verhältnis der Generationen zueinander bildet den Grundimpuls dieses Gebot. Der Fürsorge von Erwachsenen für ihre alt gewordenen Eltern entspricht insofern spiegelbildlich die Fürsorge von Eltern für ihre heranwachsenden Kinder. Die Möglichkeit dieser Fürsorge hängt daran, dass Eltern sich Zeit für ihre Kinder nehmen.

Dass Eltern für ihre Kinder Zeit haben, hängt an persönlichen Prioritätsentscheidungen – so weit die Wahl zwischen Fernsehen, Videos oder Internet auf der einen und den Kindern auf der anderen Seite betroffen ist. Es hängt aber auch an zeitpolitischen – insbesondere arbeitszeitpolitischen – Rahmenbedingungen. Dies ist einer der Aspekte, unter denen die Angriffe auf den arbeitsfreien Sonntag nur mit größter Sorge betrachtet werden können. Die Flexibilisierung von Arbeitszeiten, wo sie denn als unausweichlich erscheint, muss verstärkt unter familienpolitischen Gesichtspunkten betrachtet werden. Wer im Einzelhandel insbesondere für Großstädte die Erweiterung von Ladenöffnungszeiten während der Woche für unumgänglich hält, sollte jedenfalls den freien Sonntag hüten wie seinen eigenen Augapfel. Der Wert gemeinsamer freier Zeit für die Sozialkultur unseres Landes scheint indessen von manchen Akteuren in besorgniserregender Weise unterschätzt zu werden. Wenn jedoch der Sonntag für den Vater auf den Montag, für die Mutter auf den Mittwoch und für die Kinder auf den Sonntag fällt, dann wird das Zusammenleben in Familien durch die arbeitszeitpolitischen Rahmenbedingungen ausgehöhlt. Das ist nicht der einzige, aber es ist ein wichtiger Grund dafür, den gegenwärtigen Angriffen auf den arbeitsfreien Sonntag mit aller Deutlichkeit entgegenzutreten. Die Mütter und Väter unserer Verfassung waren klüger, als sie am Sonntag als „einem Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung“ festhielten.

4.
Auch das Leben in den ersten Lebensjahren ist von dem Wandel betroffen, den unser Bild vom Menschen durchläuft. Mit diesem Wandel verbindet sich die Gefahr, dass wir uns eher am „Wert“ als an der „Würde“ des Menschen orientieren. Unter „Wer“ verstehen wir die wirtschaftlich messbare Leistung, die wir einer Person zuschreiben. Es ist dasjenige, wofür, wie Kant sich ausdrückte, „ein Äquivalent verstattet ist“. Der Wert eines menschlichen Lebens bemisst sich demnach an dem Nutzen, der aus diesem Leben gezogen werden kann – sei es für den Betreffenden selbst, für andere Personen oder für die Gesellschaft im Ganzen. Die „Würde“ eines Menschen dagegen tritt erst dann in den Blick, wenn wir uns verdeutlichen, dass jeder Mensch niemals bloß als Mittel für bestimmte Zwecke – sei es im Blick auf den eigenen Nutzen oder den Nutzen für andere – zu betrachten ist, sonder stets auch als Zweck an sich selbst. Gewiss ist für das Selbstwertgefühl der meisten Menschen die Erfahrung wichtig, dass sich ihr Leben als nützlich erweist, dass sie gebraucht werden und etwas Sinnvolles zustande bringen. Doch wenn menschliches Leben nur noch an seiner Nützlichkeit gemessen wird, ist das Tor zur Unmenschlichkeit geöffnet. Dieser Übergang von der Orientierung an der Würde des Menschen zu seinem bloßen Wert führt unweigerlich zur „eugenischen“ Betrachtung des werdenden Lebens wie des heranwachsenden Kindes. Die Fortschritte von Reproduktionsmedizin und Gentechnik verführen zu einer Denkweise, die darauf ausgerichtet ist, den „Wert“ des einzelnen Menschen, des einzelnen Kindes zu erhöhen.

Sobald diese Möglichkeiten nicht mehr zur Minderung menschlichen Leidens, sondern zur „biotechnischen Optimierung“ eingesetzt werden sollten, ist die Tür zur „Selektion“ von Menschen nach ihrem vermeintlichen Wer geöffnet.

Es ist deshalb auch kein Zufall, dass in den Interventionen des Karlsruher Philosophen Peter Sloterdijk zu dieser Thematik der Begriff der „Selektion“ ausdrücklich fällt. Für die gentechnische Optimierung des menschlichen Lebens, die er für notwendig und machbar hält, hat er den Begriff der „Anthropotechnik“ eingeführt. Nun wird die Frage nach der ethischen Verantwortbarkeit von gentechnischen Eingriffen in den genetischen Code des Menschen schon lange diskutiert. Ist dieser Eingriff im Grundsatz erlaubt; sollen ihm Ziele und Grenzen gesetzt werden; und wer ist für die Definition von Zielen und Grenzen verantwortlich? So heißen die Fragen, die in diesem Zusammenhang diskutiert werden. Sloterdijks Beitrag zu diesem Thema, so haben Ernst Tugenjhat und Robert Spaemann übereinstimmend festgestellt, zeichnet sich vor allem durch einen Mangel an Kenntnis der bisherigen Debatte und demzufolge auch an unmittelbarer fachlicher Kompetenz aus. Umso suggestiver aber wirken auf manche Leser seine Vorschläge – vor allem da sie durch eine sehr effektive publizistische Kampagne, zu der auch die Kritiker das Ihre beigetragen haben, populär gemacht wurden.

Schon vor drei Jahren hat Sloterdijk in unüberbietbarer Härte formuliert: „Vor uns liegt ein Weltalter, in dem der Unterschied zwischen Siegern und Verlierern wieder mit antiker Härte und vorchristlicher Unbarmherzigkeit an den Tag tritt. … Ich würde das nicht Sozialdarwinismus nennen.“ Die Anwendung dieser – dann eben nur: darwinistischen – Denkweise auf die neuen Möglichkeiten der Gentichnik lässt sich so zusammenfassen: In der Geschichte des Humanismus wurde stets die Aufgabe anerkannt und wahrgenommen, auf die „zweite Natur“ des Kindes Einfluss zu nehmen. Durch Erziehung, Heiratsregeln und die Privilegierung von Menschen mit bestimmten Eigenschaften wurden nicht nur Ziele der „Zähmung“, sondern auch der „Züchtung“ des Menschen verfolgt. Kein Zufall ist es nach Sloterdijks Auffassung, dass dafür schon bei Plato das Bild des „Hirten“ verwendet wurde; denn der Hirte ist immer ein „Züchter“. Doch die Möglichkeiten der Einflussnahme auf die zweite Natur gehen zurück; sie führen nicht immer zum gewünschten Ergebnis; sich auf sie zu beschränken, ist aber auch nicht mehr nötig. Denn inzwischen ist es möglich, auf die „erste Natur“ Einfluss zu nehmen und durch planmäßige Manipulation des Genpools die Evolution der „ersten Natur“ planmäßig zu steuern. Die modernen „Hirten“, die diese Aufgabe übernehmen sollen, sind nach Sloterdijks Vorstellung Humanwissenschaftler – eine irgendwie demokratisch kontrollierte Elite, die in einer Art Weltkonzil die Züchtungsregeln festlegt, denen zu folgen ist.

Ausdrücklich hat Sloterdijk erklärt, all das ziele nur auf die medizinische Optimierung der einzelnen; eine „Biopolitik für Gruppen“ habe er nicht im Sinn. Wie diese Unterscheidung gemeint ist, bleibt indessen sein Geheimnis. Aber auch abgesehen davon ist es abwegig, in solchen medizinischen Optimierungen eine Alternative zu den Leistungen von Erziehung, Sozialisation, kultureller Prägung oder religiöser Identitätsbildung zu sehen. Denn „Bildung“ dieser Art durch Eingriffe in die Evolution zu ersetzen, ist zwar tollkühn, aber zugleich ohne jede Erfogsgewissheit. „Weil sich komplexe, evolutionäre Systeme nicht linear entwickeln, sind langfristige Entwicklungstendenzen weder voraussagbar noch steuerbar. Erst im nachhinein können wahrscheinliche Ursachen für eine bestimmte Entwicklungsrichtung identifiziert werden“ (Wolf Singer). Deshalb reduziert sich Sloterdijks anspruchsvolles Programm am Ende auf das bitter stimmende Projekt der „Selektion“. Dass ein Konzil von Humanwissenschaftler darüber entscheiden soll, macht es nicht besser, wenn Kinder unter den Gesichtspunkten ihrer Verwertbarkeit einer Selektion ausgesetzt werden. Es kann nicht unser Zukunftsprojekt sein, dass Kinder unter den Druck der Frage geraten, ob sie Ergebnis der richtigen „Selektion“ sind. Dass Sloterdijk dabei ausdrücklich betont, diese Vorstellung einer „medizinischen Optimierung“ beziehe sich nur auf das Individuum, eine „Biopolitik“ für Gruppen habe er dagegen nicht im Sinn, erleichtert nichts. Denn dass eine zentrale Optimierung von einzelnen nicht auch „biopolitische“ Konsequenzen für Gruppen hat, ist theoretisch unbegründet und praktisch unwahrscheinlich. Man kann nur nicht voraussagen, worin diese Folgen bestehen. Aber dadurch, dass man prinzipiell nicht vorhersehbare Folgen herbeiführt, entledigt man sich nicht der Verantwortung für die Folgen des eigenen Tuns.

Wenn tatsächlich die erste Natur, so hat Robert Spaemann angemerkt, leisten soll, was im bisherigen Projekt des Humanismus der zweiten Natur überantwortet wurde – also Sprache, Erziehung, Umgang und Kultur – „dann ist der Mensch tatsächlich überwunden durch ein neues Tier, auch wenn dieses Tier, ‚Übermensch‘ heißt.“ Wer wie Sloterdijk behauptet, dass Erziehung, Umgang und Kultur humanisiert werden kann, der erklärt zugleich, dass wir uns mit diesen Mitteln symbolischer Kommunikation nicht über die Maßstäbe verständigen können, die für eine solche Humanisierung bestimmt sind. Dann aber fehlt auch jeder Maßstab für die Humanisierung durch Eingriffe in die erste Natur. Diese Eingriffe entpuppen sich dann als reines Herrschaftsinstrument, nicht als Mittel der Humanisierung. Dass er dies gegen seinen Willen deutlich gemacht hat, ist ein klärender Beitrag von Sloterdijk. Aber es ist dann auch nötig, aus diesem Verdienst wider Willen die Konsequenzen zu ziehen: Es geht nach wie vor nicht darum, Kinder in ihrem Wert zu optimieren. Es geht darum, sie in ihrer Würde zu achten und ihnen ein Aufwachsen in Würde zu ermöglichen.

5.
Dieses Aufwachsen wird nicht einfacher. Die Kindheit derer, die in den nächsten Jahren geboren werden, wird bestimmt durch das Lebensgefühl derer, die heute junge Erwachsene sind. 1998 kamen in Deutschland 782000 Kinder zur Welt. Das waren 27000 weniger als im Vorjahr. In den alten Bundesländern betrug der Geburtenrückgang 4,2 Prozent. In den neuen Bundesländern betrug der Zuwachs, der infolge des Gebärstreiks nach der Wende noch immer von einem sehr niedrigen Niveau ausging, 1,9 Prozent. Die jungen Erwachsenen der achtziger und neunziger Jahre wurde als „Hegoisten“ bezeichnet – sie waren Hedonisten und Egoisten zugleich. Sie wollte frei und unabhängig sein und ihre Zeit für sich selbst haben. Auf diese Weise wollten sie glücklich leben, ohne an die Gründung einer Familie denken zu müssen. Dass Freude, Sport, Hobbys und Urlaubsreisen wichtiger seien als Heirat und die Gründung einer Familie, behaupteten unter den 14-29-Jährigen im Jahr 1985 45 Prozent, im Jahr 1989 49 Prozent, im Jahr 1994 54 Prozent. Inzwischen scheint diese Zahl nicht weiter zu steigen. Ob man das schon eine Trendwende nennen kann, ist zweifelhaft. Auch mit dem Lebensgefühl der „Generation @“ – der „Generation Klammeraffe“- verträgt sich die Verantwortung für das Heranwachsen von Kindern nur schwer.

Das Lebensgefühl zur Jahrtausendwende – so hat Horst W. Opaschewski gesagt – „steht unter dem Zeichen von @ (gesprochen: ett). @ wird in der Computersprache respektlos als „Klammeraffe“ bezeichnet, weil es in den E-Mail-Adressen die Klammer zwischen dem Absendernamen und dem jeweiligen Online-Dienst … bildet. Die Kinder und Jugendlichen von heute wachsen ganz selbstverständlich mit der Computerisierung ihrer Lebenswelt auf.“ Sie sind nicht mehr die „Generation X“, sondern die „Generation @“.

Deshalb reden wir im Blick auf das Gesellschaftsbild, das sich heute abzeichnet, von der „Informationsgesellschaft“. In ihr bildet sich eine neue Lebenskultur aus, die nach Opaschewski durch folgende Merkmale gekennzeichnet ist:
Unabhängigkeit: Als Informationssuchende spielen die Glieder dieser Gesellschaft eine weitgehend aktive Rolle und legen auf ihre kreative Autonomie besonderen Wert.
Offenheit: Wer online geht, exponiert sich, gibt persönliche Gedanken preis und verhält sich emotional besonders offen.
Toleranz: Die globale Kommunikation ist vorurteilsfrei. Unterschiede wie jung/alt, arm/reich oder gesund/behindert verlieren an Bedeutung oder werden in ihrer Andersartigkeit akzeptiert.
Meinungsfreiheit: Sie legen großen Wert auf den unzensierten Zugang zur neuen Internetkultur und sehen die Möglichkeiten, eigene Ansichten frei auszudrücken, geradezu als Grundrecht an.
Unmittelbarkeit: Im Computerzeitalter erfolgen die persönlichen Reaktionen (z.B. beim Chatten) unmittelbar. Die Generation @ lebt in einer Live-Welt, in der alles sofort erledigt wird.

Das Leitbild, das sich daraus ergibt, ist der flexible Mensch, ein beschleunigter elektronischer Nomade. Zu eigenen moralischen Überzeugungen hat er keine Zeit – weder was die Ausbildung noch was die Bewährung solcher Überzeugungen betrifft. Ebenso wenig Zeit hat er für die Erziehung der nächsten Generation. Auch den Umgang der Kinder mit den Medien überlässt er der Technik selbst. „Cybersitter“ und „Net Nanny“ sorgen „rührend“ für das Wohl der Kinder: Sie werden als Software eingesetzt und filtern diejenigen Fernseh- oder Internetangebote heraus, die im Blick auf „Sex and Crime“ für die kleinen Kinder schädlich sein könnten. Was übrig bleibt, ist eine vermeintlich ungefährliche elektronische Rundumversorgung. Eine persönliche Verantwortung für den Fernseh- oder Internetkonsum der Kinder wird dadurch überflüssig. Dass dieser Konsum dadurch vertretbar wird, kann man mit guten Gründen bezweifeln.

6.
Das ist eines der Beispiele dafür, welche Folgen es hat, wenn menschliches Leben nur unter dem Gesichtspunkt betrachtet wird, welchen „Wert“ es in sich trägt, welche Leistungsfähigkeit von ihm erwartet werden kann, welchen wirtschaftlichen „Mehrwert“ es hervorbringen wird.

Der Ansatz bei der Würde der menschlichen Person weist in eine andere Richtung. Er lädt zu einem Perspektivenwechsel ein, in dem das Leben von Kindern nicht zuerst unter dem Gesichtspunkt seiner „Verwendbarkeit“ betrachtet, sondern in seinem Eigenrecht anerkannt wird. Die Kodifizierung von Kinderrechten, das Nachdenken über ein Wahlrecht für Kinder und andere Initiativen weisen in diese Richtung.

Wie der Konflikt zwischen diesen beiden Denkrichtungen ausgeht, ist keineswegs entschieden. Bestanden werden kann er nur, wenn der Vorrang der „Würde“ vor dem“Wert“ und damit der Vorrang einer Ethik der Würde vor einer Ethik der Interessen auch im Blick auf das Heranwachsen von Kindern zur Geltung gebracht wird.

Auf der einen Seite begegnen wir einer Ethik der Interessen. Ihre Frage heißt: Wie kann man eigene Interessen möglichst wirkungsvoll durchsetzen? Auf der anderen Seite begegnen wie einer ethischen Grundorientierung, die sich primär nicht nur auf die Interessen bzw. auf den Nutzen bezieht, der von einer Person und ihrer Wirksamkeit erwartet werden kann, sondern auf die Wirklichkeit der Würde jedes Individuums, jedes Menschen in seiner Personalität. In diesem Konflikt geht es übrigens nicht, wie manche gelegentlich sagen, um den Gegensatz zwischen rationaler Argumentation – für die angeblich nur die Interessen der beteiligten Personen entscheidend sind – und irrationaler Wertung, die sich an so etwas Irrationales wie die Würde des Menschen hält. Sondern es geht um einen Konflikt zwischen zwei ethischen Ansätzen, in deren Rahmen dann auch wissenschaftliche Daten jeweils eingeordnet werden. Ich bezeichne diese beiden ethischen Grundorientierungen, die gegenwärtig miteinander im Streit liegen, als Ethik der Würde auf der einen Seite und Ethik der Interessen auf der anderen Seite.

Eine Ethik der Interessen bestreitet, dass es übergeordnete Prinzipien gibt, mit deren Hilfe ein Konsens in ethischen Konfliktfragen von öffentlichem Gewicht herbeigeführt werden kann. Solche Prinzipien sind, so heißt das Argument, angesichts des gesellschaftlichen Pluralismus im Streit. Soweit sie in ihrer Begründung auf religiöse Wurzeln verweisen, gelten sie in dieser Betrachtung ohnehin als öffentlich nicht vermittelbar. Ethische Urteile haben sich diesem Ansatz zufolge ausschließlich an den Interessen der beteiligten Personen zu orientieren. Es muss also immer dem Weg der Vorzug gegeben werden, der möglichst viele Interessen oder Präferenzen, wie man dann auch sagt, möglichst vieler Menschen berücksichtigt. Dabei gelten diejenigen, Präferenzen als besonders wichtig, bei deren Verwirklichung auch die Allgemeinheit einen Nutzen hat. Der größtmögliche Nutzen der Allgemeinheit bildet sich aus den Interessen aller Beteiligten.

Die entscheidende Folgerung aus diesem Ansatz lautet: Nur diejenigen Personen müssen bei einer ethischen Abwertung berücksichtigt werden, die ihrerseits überhaupt dazu in der Lage sind, Interessen oder Präferenzen zu entwickeln und zu artikulieren. Die Fähigkeit, Interessen zu haben und zu aktualisieren, ist dieser Auffassung zufolge das entscheidende Merkmal der Person. Nur Personen in diesem Sinn haben einen eigenständigen Ort. Lebensrechte werden nach dieser Konzeption überhaupt nur denen zugesprochen, bei denen es einen berechtigten Anspruch auf Schutz der eigenen Lebensinteressen gibt. Der Umkehrschluss ist unvermeidbar: Wo Lebensinteressen nicht als vorhanden nachgewiesen werden können, dort gibt es keinen Grund für die Zuschreibung von Lebensrechten.Dort können also die nicht mehr begründbaren Lebensrechte auch aberkannt werden.

Es ist eindeutig, in welchen Bereichen dieser Ansatz die dramatischen Folgen hat: bei nichtgeborenem Leben, bei schwerbehinderten Embryonen und Frühgeborenen – und an der Grenze zum Tode, beim altgewordenen und kranken Leben. Denn in dem Augenblick, in dem man sagt: Nur derjenige hat einen Anspruch auf den Schutz seines Lebensrechts, der selber zur Artikulation von Lebensinteressen imstande ist, ist der Damm nicht nur gebrochen, sondern weggeräumt, der die Verfügung über das Lebensrecht anderer Menschen eröffnet. Das Begründungsverhältnis kehrt sich nämlich um: Es bedarf keiner Begründung mehr, warum Lebensrechte aberkannt werden. Es bedarf der Begründung, warum sie gewährt werden sollen. Selbstbewußtsein und Kommunikationsfähigkeit des jeweiligen Individuums sind vorausgesetzt. Ethiker, die so argumentieren, nehmen damit das Recht für sich in Anspruch, abschließend darüber zu verfügen, was den Menschen zum Menschen macht. Sie unterwerfen den Menschen der Verfügung durch andere Menschen.

Diesem Konzept steht die Ethik der Würde entgegen. Sie ist am radikalsten in ihren religiösen Formen zum Ausdruck gebracht worden. Die Reformation hat sie mit dem Gedanken begründet, dass der Mensch sich nicht durch seine eigenen Leistungen hervorbringt und nicht durch seine eigenen Werke letztgültige Anerkennung erwirken kann. Der Mensch ist mehr, als er selbst aus sich machen kann. Die Reformation hat, wie man weiß, durchaus ein positives Verhältnis zur menschlichen Leistungsfähigkeit. Der Berufsgedanke, der aus der Reformation hervorgegangen ist, beweist das auf seine Weise. Aber die Ideologisierung menschlicher Leistung, die Gleichsetzung der menschlichen Person mit ihren Leistungen – das ist der Irrtum, gegen den sich die Rechtfertigungslehre der Reformation gewendet hat. In einer Zeit, die wie keine andere Zeit vorher die menschliche Person mit ihrer Leistungsfähigkeit gleichsetzt, haben wir eine unglaublich dringliche Verpflichtung, diese Einsicht neu zum Leuchten zu bringen. Der Mensch ist eine von Gott geliebte und anerkannte Person – unabhängig von seine Taten, unabhängig nicht nur von dem, was ihm misslungen ist, sonder auch unabhängig von dem, was ihm gelingen kann, und nur diese geschenkte Würde, diese zuerkannte Freiheit ist die Basis dafür, dass Menschen dann auch mit ihrer Leistungsfähigkeit verantwortlich umgehen können.

Ich weiß kaum eine aktuellere Einsicht des christlichen Glaubens als diese. Sie bildet die Grundlage dafür, dass Christen und die Kirche sich mit großem Nachdruck auf die Seite der Ethik der Würde stellen. Es gibt für diese natürlich auch säkulare Begründungen. Doch klarer und unzweideutiger ist nach meiner Überzeugung die Begründung der Würde des Menschen aus seinem Gegenübersein zu Gott.

Welche Begründung auch immer man sich persönlich zu eigen macht – die elementare Einsicht in die Unantastbarkeit menschlicher Würde macht nicht blind für Interessen. Wie wissen, dass im menschlichen Leben Interessen eine Rolle spielen und auch ihre Berechtigung haben. Aber entscheidend ist die Frage nach der Grenze, jenseits deren das Ausleben und Durchsetzen von Interessen nicht mehr verantwortbar ist. Und diese Grenze ist mit dem Gedanken der menschlichen Würde gegeben. Die kulturelle, religiöse und verfassungsrechtliche Tradition unseres Landes gibt der Menschenwürde auch genau diese Stellung. Wir sollten uns nicht einreden lassen, das sei nicht mehr aktuell.

7.
Natürlich ist dieser Gedanke für unterschiedliche Begründungen offen. Die Begründung, die ich Ihnen vorgetragen habe, erscheint mit selber als die plausibelste. Sie ist damit nicht die einzig mögliche. Doch die große Gefahr im gegenwärtigen ethischen Pluralismus besteht darin, dass wir die Ethik der Würde überhaupt hintanstellen und uns mit einer Ethik der Interessen begnügen. Sie aber hat zur Folge, das wir auch die menschliche Person nicht mehr in ihrer Würde achten, sondern nur noch nach ihrem Wert beurteilen. Ein solche Beurteilung aber verführt unweigerlich zur Denkweise der Selektion. Wie nahe uns diese Denkweise wieder gerückt ist, habe ich Ihnen am Beispiel der Vorstellung von der medizinischen Optimierung des Individuums vor Augen gestellt. Unter dem Druck dieser Vorstellung wird, wenn wir ihn nicht widerstehen, vor allem das werdende Leben und die Kindheit in den ersten Lebensjahren geraten.

Die große Kontroverse, die darüber gegenwärtig ausgetragen wird, ist deshalb ein unmittelbares Thema der „Deutschen Liga für das Kind“. Dass sie es in dieser Auseinandersetzung an Klarheit nicht fehlt lässt, ist meine Hoffnung. Einige Argumente zu dieser Klarheit wollte ich beitragen, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Prof. Dr. Wolfgang Huber ist Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg und Mitglied des Kuratoriums der Deutschen Liga für das Kind