Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Betreuung von Mutter und Kind durch Familienhebammen

von Inken Harring und Rita Hülsmann, Bund Deutscher Hebammen

Zu den Aufgaben von Hebammen gehört seit jeher die Prävention von Fehlentwicklungen während der Schwangerschaft und in der Zeit nach der Geburt. Daraus hat sich ein spezielles Tätigkeitsfeld unseres Berufsstandes entwickelt, das der Familienhebamme.Das Besondere der Familienhebamme ist die Verbindung der klassischen Hebammentätigkeit mit einer bedarfsorientierten psychosozialen Betreuung.

Modellhaft möchten wir den Hamburger Stadtteil Barmbek Süd vorstellen. Die ökonomische Situation ist hier durch deutlich unterdurchschnittliche Einkommen und eine überdurchschnittliche und steigende Zahl von Sozialhilfeempfänger(inn)en geprägt, darunter eine hoher Anteil alleinerziehender Frauen. Eine Folge davon ist die erhöhte Säuglingssterblichkeit im Vergleich zum übrigen Stadtgebiet. Hier setzt die Arbeit der Familienhebamme an, deren Tätigkeit in das örtliche Kinder und Familienzentrum integriert ist. Mit niedrigschwelligen Angeboten wie einem Stadtteil-Café, einem unverbindlichen Treffpunkt mit einfachen Zugangsmöglichkeiten zu Hilfen, sollen Frauen schon möglichst früh in der Schwangerschaft erreicht werden. Das Projekt der Familienhebamme existiert hier seit Anfang 1998. Es wird von zwei Hebammen mit je einer halben Stelle durchgeführt, die in ein Kooperationsnetzeingebunden sind, bestehend aus Krankenhäusern, Kinderärzten, dem Amt für soziale Dienste, Drogenberatungsstellen, Mütterberatungsstellen und freiberuflichen Hebammen.

In der sensiblen Phase von Schwangerschaft und Wochenbett ist es es der Familienhebamme möglich, auch solche Frauen zu erreichen, die normalerweise nur wenige oder überhaupt keine Hilfsangebote wahrnehmen. Der Besuch einer Hebamme steht jeder Frau zu und ist daher nicht mit behördlicher Überwachung assoziiert. Der lange möglichst von Beginn der Schwangerschaft bis zum Ende des ersten Lebensjahres des Kindes ist ein wichtiges Element in der Betreuung vor allem der mehrfach belasteten Familien bzw. Frauen. Hier ist ein hohes Maß an Kontinuität und eine Politik der kleinen Schritte nötig, um gemeinsam eine positive Veränderung der Lebensbedingungen zu erreichen. Die Hausbesuche dauern – situationsbedingt – zwischen ein und zwei Stunden. Der Bedarf wird zum Teil von den Frauen selbst angemeldet oder wir schlagen einen Hausbesuch vor, wenn wir dies für sinnvoll halten. Während der Hausbesuche

– lernen wir das häusliche Umfeld und Familienangehörige der Frau kennen, so dass gegebenenfalls gemeinsam an einer Veränderung der Lage gearbeitet werden kann;

– geben wir in praktischen Belangen immer da Hilfestellung, wo dies gewünscht wird oder notwendig erscheint; Beispiele hierfür sind das Baden und Wickeln, Stillberatung oder die regelmäßige Ernährung des Babys einschließlich der Reinigung der Fläschchen sowie der Einkauf und die Zubereitung von altersgemäßer Säuglingsnahrung;

– untersuchen wir Schwangere, Wöchnerinnen und Babys körperlich und bauen so auf einer einfachen Handlungsebene eine Beziehung auf;

– beraten wir bei aktuellen Problemen wie z.B. Schwangerschaftsbeschwerden ,vorzeitigen Wehen, Milchstau oder Gelbsucht des Kindes; bei Bedarf werden die Frauen mit Materialien wie Sitzbädern, Tees oder homöopathischen Medikamenten versorgt;

– erfragen wir die Wünsche und offenen Fragen der Frauen, wobei vielfältige Themen genannt werden, die von Gedeihstörungen des Kindes oder Streß mit dem Partner bis zu finanzielle Probleme reichen;

– vermitteln wir bei manchen Problemen an andere Institutionen weiter, sofern die Frauen dies wünschen; auch die Begleitung zu einem Arzttermin oder Behördengang kann sinnvoll sein, wenn eine Frau verunsichert oder mit der Situation überfordert ist;

– besuchen wir die Frau so lange, bis sie sich zutraut, alleine zurechtzukommen oder in der Lage ist, außerhäusige Angebote wahrzunehmen.

Die Frauen schätzen die Hausbesuche sehr und berichten über einen Zuwachs an Selbstvertrauen, den sie durch das schrittweise Erproben ihrer Kompetenzen unter Anleitung erfahren. Auf diese Weise wirkt die Arbeit der Familienhebamme präventiv und trägt zur Verbesserung der Entwicklung von Kindern auch um nächsten Jahrhundert bei.

Bund Deutscher Hebammen e.V.
Steinhäuser Str. 22, 76135 Karlsruhe
Tel.: 0721-98189-0, Fax: 0721-98189-20
www.bdh.de

Kinder- und Familienhilfezentrum Barmbek-Süd
Wohldorferstr.30, 22081 Hamburg
Tel. 040-29820606, Fax. 040-29821312