Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Vorbeugen ist besser als Heilen

von Klaus Gritz, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands

„Vorbeugen ist besser als Heilen“ lautet ein alter Slogan. Diese Chance wird jedoch in unserer bisherigen Gesundheitsplanung bei weitem noch nicht ausreichend genutzt. Selbst die Erkenntnis, dass Vorbeugen nachweislich auch billiger als Heilen ist, hat keinesfalls dazu geführt, die Investitionen für ärztliche Vorbeugemaßnahmen (Prävention) zu steigern.

Wie segensreich sich Prävention auswirken kann, wird am Beispiel der Röteln-Impfung klar, mit deren konsequenter Anwendung man verhindern kann, dass Jahr für Jahr etwa 100 schwerstgeschädigte Kinder geboren werden, weil deren Mütter in der Schwangerschaft Röteln durchmachten. Ein anderes Beispiel ist die Vitamin D-Gabe im ersten Lebensjahr, mir der Tausende von Kindern vor Rachitis bewahrt werden.

Während die Behandlung von Krankheiten im Kindesalter dank der Fortschritte der Medizin leichter geworden und dadurch etwas in den Hintergrund getreten ist, entwickelt sich die Prävention immer umfangreicher. Krankheiten brauchen nicht geheilt zu werden, wenn man sie nicht erst entstehen läßt.

Der Hamburger Kinderarzt Jürgen Schmetz fordert die „Prävention ab Nabelschnur“. Man muss den Beginn jedoch noch vor die Nabelschnur – also vor die Geburt – verlegen. Gute Elternschaft ist nicht angeboren, sondern will erlernt werden. Das geschah früher ganz selbstverständlich im Verband der Großfamilie, die es inzwischen nicht mehr gibt. Selbst gutwillige junge Eltern sind orientierungs- und hilflos. Hier ist unser vorbeugender Rat in Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen zwingend.

Nach der Geburt müssen Eltern und Kind bis zum Erwachsensein mit Vorsorgeuntersuchungen und –maßnahmen begleitet werden, um eine ungestörte Entwicklung des Kindes zu sichern.

Die primäre Prävention muss bereits vor der Geburt und sogar vor der Schwangerschaft beginnen; denn Erkrankungen der Mutter während der Schwangerschaft können das Kind schädigen. Verantwortlich dafür sind neben den Röteln die Toxoplasmose, Schilddrüsenerkrankungen und Zuckerkrankheit der Mutter oder Gifte wie Nikotin, Alkohol und andere Drogen. Auch ein harmonisches, kindgerechtes und sozial abgesichertes Umfeld gehört zur primären Prävention.

Nach der Geburt ist die Vermeidung von Rachitis und Karies notwendig. Wichtig sind die Ernährungsberatung, das Aufzeigen von Unfallgefahren in Haus und Garten, die Allergieprävention und Schutzimpfungen.

Die sekundäre Prävention befasst sich mit der Früherkennung und Frühtherapie von Fehlentwicklungen, Missbildungen und Schädigungen, die bereits vor oder während der Geburt angelegt oder erworben wurden und die weitere Entwicklung des Kindes beeinträchtigen können. Wenn es z.B. bei einer Rhesusfaktor-Unverträglichkeit möglich ist, beim Kind eine Blutaustauschtransfusion noch im Mutterleib vorzunehmen, wenn das Kind einer zuckerkranken Mutter durch die frühe Geburtseinleitung gerettet werden kann, wenn Ultraschalluntersuchungen während der Schwangerschaft bereits operationsbedürftige Nieren- oder Herzfehlbildungen aufdecken und Operationen sogar noch im Mutterleib möglich machen, dann läßt sich für die Zukunft eine Vielzahl weiterer Möglichkeiten erahnen.

Angeborene Stoffwechselkrankheiten werden heute durch Screenings unmittelbar nach der Geburt entdeckt, und eine früh einsetzende Therapie kann die Schädigung des Kindes verhindern. Die Früherkennung von Hör-, Sprach- und Sehstörungen, motorischen Entwicklungsverzögerungen, Teilleistungsstörungen und Hüftanomalien gewährleisten einen rechtzeitigen Therapiebeginn.

Die tertiäre Prävention dient der Verbesserung der ambulanten und wohnortnahen Langzeitbehandlung von Kindern und Jugendlichen mit angeborenen oder erworbenen chronischen Krankheiten (z.B. Diabetes, Asthma, Rheuma, Herzfehler, Muskoviszidose).

Leider fallen auch psychische und psychosoziale Fehlentwicklungen oft genug in die tertiäre Prävention. Sie haben zum großen Teil ihre Ursache in unserer gesellschaftlichen Struktur. So registrieren wir mit Sorge die Zunahme psychischer Erkrankungen und dissozialen Verhaltens. Gewalt, Misshandlungen und Missbrauch, Sucht, Suizidgefährdung, die Schädigung durch Bewegungsmangel, übermäßigen und inadäquaten Medienkonsum nehmen zu.

Die ständig wachsende Aufgabe des Schutzes unserer Kinder können wir Ärzte nicht allein bewältigen. „Anwälte“ des Kindes sind auch Angehörige anderer Berufe – Theologen, Juristen, Pädagogen, Politiker. Wenn wir diese Kräfte bündeln, ist wirkungsvolles Vorbeugen möglich. Eine Chance dafür sehen wir in der Deutschen Liga für das Kind.

Berufsverband der Ärzte für Kinderheilkunde und Jugendmedizin Deutschland e.V.
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