Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Eltern fit für die Schule

Ein Projekt zur Förderung der Bildungspartnerschaft zwischen Familie, Kita und Schule

Von Christa Broksch

Seit mehr als zwanzig Jahren arbeite ich in Kitas der Landeshauptstadt München mit einem sehr hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund. So stellte sich mir recht bald die Frage: Wo müssen wir ansetzen, um Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit für unsere Kinder zu gewährleisten?

Die Erfahrungen zeigen, dass die herkömmliche Elternarbeit – z.B. Elternabend, Entwicklungsgespräch, Literatur, Anschauungsmaterial – meist sehr theoretisch ist und nicht den positiven Effekt erzielt, den wir uns erhoffen. Die Bemühungen sind immer nur bedingt von Erfolg gekrönt, da den meisten Eltern der Transfer in die Praxis nicht gelingt. Zugleich ist erwiesen, dass Eltern der Schlüssel zum schulischen und dem daraus resultierenden beruflichen Erfolg sind.

So entstand 2008 die Idee, für unsere Eltern ein Projekt zu entwickeln, das ihnen vielfältige kindgerechte Spielvarianten zur selbstständigen Umsetzung in ihrem häuslichen Umfeld aufzeigt, mit dem Schwerpunkt der praktischen Materialerfahrungen. Ziel ist, dass die Eltern durch das eigene Erleben motiviert werden, die einzelnen Lernbereiche im Alltag ganzheitlich und mit viel gemeinsamen Spaß zu fördern. In acht aufeinanderfolgenden Wochen bieten wir den Eltern jeweils 90 Minuten die Möglichkeit, die folgenden Themen mit uns alltagstauglich zu erforschen:
– Farben und Formen
– Zahlen und Mengen
– Gegensätze, Unterschiede
– Jahreszeiten, Monate, Wochentage, Tageszeiten
– Schreibvorbereitung
– Verkehrserziehung
– Familie
– Themen der ersten Klasse in Kooperation mit der Grundschule

Vorgehensweise
Wichtig ist der persönliche Bezug zu den Eltern. Sie brauchen Vertrauen, um sich auf das Experiment „Lernen wie man lernt“ einzulassen! Die vielfältigen und ständig wechselnden Methoden sind so gewählt, dass die Eltern durch die aktive Teilnahme an den Angeboten eigene Lernerfahrungen machen. Das Material ist in jedem Haushalt zu finden (z.B. Knöpfe), kann aber auch mit wenig Aufwand selbst hergestellt werden (z.B. Wetterkalender) oder ist günstig zu erwerben sowie langfristig und vielseitig einsetzbar (z.B. Rechenmaschine).

Am Ende jeder Stunde bekommen die Eltern eine Hausaufgabe. Diese dient zur Vertiefung der eigenen Erfahrungen und wird gemeinsam mit den Kindern zu Hause bearbeitet. Grundlage hierfür sind die von den Eltern selbst erprobten Spielmöglichkeiten z.B. beim Thema „Zahlen und Mengen“: Ein Holzpuzzle mit den Zahlen null bis neun liegt auf dem Tisch. Wir nehmen die Zahlen heraus und legen sie mit geschlossenen Augen wieder ein. Dann darf ein/e Vater/Mutter die Zahlen in ein Stoffsäckchen füllen und ein anderes Elternteil soll die Zahl „vier“ erfühlen und zeigen. Wir klatschen und stampfen die Menge.

Nun soll jemand die Hände hinter dem Rücken verstecken und eine Zahl mit den Fingern zeigen. Die anderen Eltern müssen diese auf der Rechenmaschine darstellen und auf eine Tafel schreiben. Dann legen wir Knöpfe auf den Tisch zu den Zahlen und fragen die Eltern, was man damit jetzt machen könnte. Sie beginnen, die Knöpfe als Menge den Zahlen zuzuordnen. Wir geben den Tipp, die Knöpfe immer in Zweiergruppen darunter zu legen, weil man dann auf einen Blick sehen kann, ob alles richtig ist. Gleichzeitig lernt man ganz von selbst das Multiplizieren der Zahl „zwei“.

Jetzt darf ein/e Vater/Mutter irgendwo ein paar Knöpfe wegnehmen und sie bei einer anderen hinzulegen. Die Aufgabe ist nun, die Zahlen so zuzuordnen, dass die jeweilige Menge der Knöpfe wieder zu den darüber liegenden Zahlen passen. Eine einfache Textaufgabe ist geschafft: Wenn ich hier etwas wegnehme (minus) und woanders dazu lege (plus), verändert sich immer die Zahl. Als Hausaufgabe sollen die Eltern erst mit ihren Kindern im Spiel die Zahlen erfassen und später eine Collage fertigen mit den Zahlen von null bis neun – gemalt oder ausgeschnitten – und sie mit den jeweiligen Mengen versehen.

Zu Beginn der nächsten Einheit wird die Hausaufgabe und dabei evtl. aufgetretene Schwierigkeiten, aber auch die positiven Erlebnisse bei der Vermittlung der Lerninhalte an die Kinder besprochen. Eigene Ideen von Eltern und Kindern zur praktischen Umsetzung der einzelnen Themen sind erwünscht und werden entsprechend positiv verstärkt. Bei der vorletzten Einheit „Familie“ gestalten die Eltern mit ihren Kindern selbstständig die von uns gestellten Aufgaben. Wir bestärken oder unterstützen sie im gemeinsamen Tun mit ihren Kindern, wo noch Bedarf ist. Den Abschluss des Projektes übernimmt eine Lehrerin der Grundschule. Sie probiert mit den Eltern für zu Hause praktikable Materialien zum Üben des Unterrichtsstoffes der ersten Klasse aus und zeigt ihnen, wie man diese selbst herstellen kann.

Rückblick
Die Kinder sind stolz, dass ihre Eltern in die „Schule“ gehen und erzählen den Erzieher(inne)n jede Woche begeistert, was sie zu Hause ausprobiert haben. Die Eltern nehmen sich im Alltag mehr Zeit für ihre Kinder, um gemeinsam mit ihnen neue Lebensfelder zu entdecken. Sie merken, dass ihre eigene Bildung Voraussetzung dafür ist, ihre Kinder in der Schule zu unterstützen. Die Eltern haben verstanden, dass Kinder genau wie sie selbst durch Wiederholung lernen und sie damit in der frühen Kindheit beginnen müssen, diese Lernerfahrungen ihren Kindern zu ermöglichen. Je häufiger sich die Kinder mit den Lernfeldern ganzheitlich auseinander setzen, desto leichter fällt es ihnen, dem Unterricht zu folgen, da sie auf bereits Erlerntes zurückgreifen können.

Eine Mutter berichtet, dass ihr Sohn, obwohl sie ihn an seine Lieblingsserie erinnerte, lieber mit ihr weiter kochte und deshalb auf das Fernsehen verzichtete. Ein Vater erzählt uns, dass seine beiden Töchter, die sich sonst immer streiten, jetzt mit dem neuen Material aus dem Projekt sehr kreativ spielen. Die Töchter entwickeln immer neue Spielvarianten, das hat ihn sehr gefreut. Als Eltern müssen sie jetzt nur lernen, dass es auch mal unordentlich sein darf und auch etwas lauter zugeht, aber die Hauptsache ist, dass die Kinder Spaß beim spielerischen Lernen haben!

Das Feedback der Eltern ist sehr positiv, sie wünschen sich, dass dieses Projekt in allen Kindergärten angeboten wird. Alle Eltern sollten daran teilnehmen und es könnte sogar um weitere Lernbereiche wie z.B. das Thema „Körper“ ergänzt werden. Die vertrauensvolle Beziehung zwischen den Eltern und den Kursleitern ist die Basis, um trotz unterschiedlicher Kulturen und Bildungsschichten aktiv teilzunehmen und dabei keine Hemmungen zu haben, z.B. mit verbundenen Augen etwas zu schmecken, bei der Übung mit den Präpositionen auf den Stuhl zu steigen/darunter zu kriechen, Formen auf den Rücken des Nachbarn zu malen, sowie Fehler bei der Hausaufgabe zuzugeben.

Perspektive
„Eltern fit für die Schule“ erleichtert allen Beteiligten den Übergang vom Kindergarten in die Grundschule. Hier wird die längst fällige Bildungspartnerschaft zwischen Familie, Kita und Schule gelebt. Nach Aussagen der Lehrer(innen) nehmen die Kinder motivierter am Unterrichtsgeschehen teil, haben bessere Schreib-, Lese- und Rechenkompetenzen, einen detaillierteren Wortschatz, erkennen logische Zusammenhänge und können verschiedene Situationen in einen Kontext zueinander setzen. Die Eltern begleiten den Schulalltag verlässlich, weil sie sich ihrer Verantwortung über den schulischen Erfolg/Misserfolg bewusst sind. Ihre Haltung gegenüber den Lehrer(inne)n ist offen und kooperativ.

Ein wichtiger Aspekt ist die Übertragbarkeit dieses Projektes. In einem dreitägigen Workshop schulte ich meine Kolleg(inn)en der benachbarten städtischen Kindergärten. Fünf Einrichtungen bieten seit dem letzten Jahr ebenfalls „Eltern fit für die Schule“ an. Bei der Umsetzung legte ich Wert auf die individuellen Ressourcen der Kolleg(inn)en und deren Klientel. So gibt es jetzt mit verschiedenen Abwandlungen, aber immer an den Bedürfnissen der Eltern und am Basiskonzept orientiert, dieses Projekt für alle Bildungsschichten und Kulturen. Die Resonanz der Elternschaft lautet: „Wir sind überrascht von dem, was unsere Kinder eigentlich alles nebenbei lernen können, wenn wir ihnen ausreichend Zeit schenken, sich mit dem Alltag in der Familie und dem dazugehörigen Umfeld aktiv auseinander zu setzen“.

In diesem Jahr starten wir erstmalig die Weiterführung des Projektes in Kooperation mit der Grundschule. Den ersten Termin gestalten wir gemeinsam, u.a. ist geplant, im Rollenspiel dargestellte Situationen zuzuordnen, die z.B. durch einen laufenden Fernseher ein entspanntes und konzentriertes Arbeiten verhindern oder durch einen eigenen, ruhigen Arbeitsbereich dasselbe ermöglichen. Die nachfolgenden drei Einheiten „Rechnen“, „Schreiben“, „Lesen“ übernehmen die Lehrer(innen) der ersten Klassen und stellen hier den Eltern praktische Beispiele vor, wie sie die Hausaufgaben- und Lernsituation zu Hause mit ihren Kindern individuell gestalten können.

Christa Broksch ist Leitung der städtischen Kindertageseinrichtung Rose-Pichler-Weg in München.