Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Kindergarten plus

Ganzheitliches Lernen als Vorbereitung auf die Schule

Von Stella Valentien

Bevor Kinder in das Schulsystem eintreten, bewältigen sie große Entwicklungsaufgaben. Entscheidend sind dabei in den ersten Jahren der Aufbau von Beziehungen sowie der Erwerb von Autonomie. Deutlich wird dies besonders im emotionalen Bereich. Hier wächst das Kind von der interpsychischen Emotionsregulation, also der Bewältigung von gefühlsmäßig bedeutenden Situationen mit Unterstützung der Hauptbezugspersonen in die intrapsychische Emotionsregulation hinein. Es lernt, mit seinen Gefühlen eigenständig umzugehen und wird seiner selbst sicher.

Mit sechs Jahren verfügen Kinder über ein beträchtliches Emotionswissen, können Gefühle adäquat ausdrücken und in vielen Situationen selbst ihre Emotionen regulieren (Petermann, Wiedebusch, 2003, S. 27ff). Es ist bekannt, dass emotional und sozial kompetente Kinder ihre geistigen Potentiale besser nutzen können und auch bessere Schulleistungen erzielen. Bei Kindern mit geringeren emotionalen Fähigkeiten ist die Wahrscheinlichkeit von Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Störungen erhöht. Auch für den späteren Erfolg im Beruf ist es wichtig, neben den notwendigen Fachkenntnissen über sozial-emotionale Kompetenzen – so genannte weiche Fähigkeiten (soft skills) – zu verfügen. Dies spiegelt sich auch im Deutschen Qualitätsrahmen (DQR) für lebenslanges Lernen wider. Sozial- und Selbstkompetenz stehen hier gleichwertig neben den fachlichen Anforderungen. Die Basis für den sozial-emotionalen Kompetenzerwerb wird innerhalb der Familie gelegt. Aber auch Kindertageseinrichtungen sind wichtige Orte sozialen und emotionalen Lernens. Besonders deshalb, weil hier der Bezug zu den Familien im hohen Maß besteht. Die Aufgabe, die sozial-emotionale Entwicklung zu fördern, gehört zu den Grundanliegen der Arbeit in Kindertageseinrichtungen.

Kindergarten plus, ein wissenschaftlich fundiertes Bildungs- und Präventionsprogramm für den Elementarbereich, das von der Deutschen Liga für das Kind entwickelt wurde, unterstützt die Stärkung der kindlichen Persönlichkeit. Ein weiteres Ziel von Kindergarten plus ist es, Kinder vor Gefahren zu schützen, denn seelisch starke Kinder sind besser geschützt vor Gefährdungen wie Gewalt und Suchtabhängigkeit.

Im Rahmen der Konzeption der Einrichtung konkretisiert Kindergarten plus das in den Bildungsrahmenplänen für den Elementarbereich vorgesehene emotionale und soziale Lernen durch eine gezielte Förderung. Das Programm richtet sich an vier- bis fünfjährige Kinder und wird in einer eigens zusammen gestellten Kindergruppe in einem Zeitraum von drei bis vier Monaten durchgeführt. Unter Berücksichtigung individueller Fähigkeiten werden dabei die für den Lernerfolg im Kindergarten und im späteren Leben unverzichtbaren Basisfähigkeiten verstärkt gefördert: Selbst- und Fremdwahrnehmung, Einfühlungsvermögen, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, Wahrnehmung von Selbstwirksamkeit und Eigenkompetenz, Motivations- und Leistungsfähigkeit, Beziehungsfähigkeit.

Das Programm, für das sich seit 2004 Kindertageseinrichtungen in ganz Deutschland zertifizieren lassen können, trifft bundesweit auf großes Interesse der Praktiker(innen). Im Oktober 2010 wurde in Mönchengladbach die 1.000ste Einrichtung geschult. Insgesamt haben bis September 2011 Erzieher(innen) aus mehr als 1.100 Kitas an der Kindergarten plus-Basisfortbildung teilgenommen.

Das Programm und die Qualifizierung der Fachkräfte erfahren auch auf politischer Ebene Anerkennung. Im Bundesland Rheinland-Pfalz kann die Kindergarten plus-Basisfortbildung in den Fortbildungsheften von Erzieher(inne)n als fachliche Qualifizierung eingetragen werden. In Baden-Württemberg unterstützt das Kultusministerium in Zusammenarbeit mit den Lions Clubs die Verbreitung des Programms. Im Saarland können Kitas die Kindergarten plus-Zertifizierung in Zusammenarbeit mit dem Landesinstitut für präventives Handeln erreichen. In Nordrhein-Westfalen hat die Stadt Duisburg im Rahmen des Bundesprogrammes „Toleranz fördern – Kompetenz stärken“ Fördermittel erhalten, um Kindergarten plus bis 2013 in 20 Kitas zu implementieren.

Über 250 Rückmeldungen von Kitas, die in Form von Fragebögen und Projektdokumentationen die Geschäftsstelle der Deutschen Liga für das Kind bisher erreichten, belegen die praxisnahe und kindgerechte Methodik des Programms. 99 Prozent der teilnehmenden Einrichtungen empfehlen das Programm weiter, 80 Prozent planen weitere Durchführungen, da sie von der Wirksamkeit überzeugt sind. Weitere 18 Prozent sprechen sich grundlegend positiv für das Programm aus und machen wiederholte Durchführungen von den Rahmenbedingungen, z. B. dem Personalschlüssel, abhängig (Löchert, 2011, S. 38).

Die Wirksamkeit des Programms ist wissenschaftlich belegt. Eine Evaluation von Kindergarten plus wurde 2008 bis 2011 von einer Forschungsgruppe am Psychologischen Institut der Leuphana Universität Lüneburg unter Leitung von Prof. Dr. Maria von Salisch durchgeführt. Die zentrale Schlussfolgerung des Zwischenberichts über die Ergebnisse der ersten beiden Messzeitpunkte der Evaluationsstudie lautete: „Die Durchführung des Programms im Kindergartenalltag erweist sich mithin als eine sinnvolle und nützliche Möglichkeit, Kinder bereits in jungen Jahren in der Entwicklung ihrer sozialen und emotionalen Kompetenzen zu unterstützen“ (Klinkhammer, Köckeritz, von Salisch, 2010, S. 53).

Die Qualität des Programms wird vom Kindergarten plus-Team in der Deutschen Liga für das Kind in Zusammenarbeit mit der Praxis stetig weiterentwickelt. Inhalte, Methoden und pädagogische Materialien, die Fortbildungen und fachlichen Texte für die Erzieher(innen) werden erweitert und aktualisiert.

Bildungskonzept und präventiver Ansatz
Dem Programm liegt ein Menschenbild zugrunde, das den Anderen in seiner Einzig- und Andersartigkeit respektiert. Kindergarten plus verfolgt dabei einen Bildungsansatz, der alle Sinne anregt und emotionales, soziales und geistiges Lernen ermöglicht. Gespräche und Spiele in der Gruppe sind ebenso wichtig wie Musik und Singen, Bewegung und kreative Aufgaben. Kindergarten plus konzentriert sich auf den Bereich der emotionalen und sozialen Bildung und orientiert sich an Erkenntnissen aus Neurobiologie und Humanwissenschaften, dass jedem geistigen Lernschritt ein emotionaler Entwicklungsschritt vorausgeht („Schlüsselrolle der Gefühle“). Erfolg oder Misserfolg im Bereich des kognitiven Lernens hängen in hohem Maße davon ab, inwieweit zuvor emotionale und soziale Fähigkeiten ausgebildet werden konnten. Lernen wird also als individueller und ganzheitlicher Vorgang innerhalb einer sozialen Gemeinschaft begriffen.

Auf diesen weiten Bildungsbegriff, der neben dem Wissens- und Kompetenzerwerb auch die Persönlichkeitsbildung einschließt, bauen die Methodik und die pädagogischen Anregungen des Programms auf. Dabei wird berücksichtigt, dass Kinder unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten zu Bildung nutzen. Sowohl Selbstbildungs- als auch ko-konstruierende Lernprozesse sowie Formen der Vermittlung von Kompetenzen durch den Erwachsenen werden in der Durchführung möglich. Kindergarten plus folgt dem Setting-Ansatz, sieht das Kind als Subjekt und berücksichtigt die Orientierung am Kindeswohl. Wichtige Methoden in der Durchführung sind deshalb die Gestaltung gelingender Kommunikationssituationen (auf Erzieher-Kind- sowie auf Kind-Kind Ebene), das Ermöglichen von forschend-kreativer Auseinandersetzung mit Themen in der Kindergruppe sowie das Modelllernen.

Zentrale Bestandteile des Konzepts
Setting-Ansatz
Kindergarten plus ist sowohl ein Bildungsprogramm als auch ein Programm der primären Prävention nach dem Setting-Ansatz (Förderung der Kinder im Setting Kindertageseinrichtung). Zur Erreichung des wichtigsten Ziels – Stärkung der kindlichen Persönlichkeit – bezieht Kindergarten plus deshalb neben den Kindern auch die Eltern und Erzieher(innen), die Einrichtung und ihren Träger sowie die Stellung der Kindertageseinrichtungen in der Öffentlichkeit ein.

Orientierung am Kindeswohl
Das „Recht des Kindes auf Achtung“ (Janusz Korczak) und der Respekt vor dem Kind als Subjekt im pädagogischen und auch im rechtlichen Sinne bilden die Grundlage von Kindergarten plus. Mit der Subjektstellung verbindet sich zugleich die Anerkennung von Individualität, Eigenaktivität und Selbstbestimmung jedes Kindes. Kindergarten plus ist am Kind orientiert. Die Orientierung an den Entwicklungsbedürfnissen und am Wohl der teilnehmenden Kinder ist Hauptanliegen des Programms. Aufgabe der Erzieher(innen) ist es, bei der Durchführung des Programms das Wohl jedes einzelnen Kindes und der Kindergruppe insgesamt zu gewährleisten.

Dialog und Beteiligung
Das dialogische Prinzip – Entwicklung durch Begegnung – gehört zu den wichtigsten Grundlagen von Kindergarten plus. Damit Kinder ihre Persönlichkeit entwickeln können, brauchen sie die Begegnung mit Anderen. Die Konstruktion der Welt geschieht im Zusammenspiel von Eigenaktivität, Anregung durch andere Menschen und Herausforderung durch die Dinge der Umgebung. Entwicklung kann daher als ko-konstruktiver Prozess beschrieben werden. Die Kinder werden angeregt und dabei unterstützt, ihre Meinung zu äußern und Entscheidungen mitzugestalten. Auf der Grundlage einer Abfolge klar strukturierter und logisch aufeinander aufbauender Anregungen lässt Kindergarten plus Raum für Spontaneität, Flexibilität und Gestaltungsspielraum. Der genaue Ablauf orientiert sich jeweils an den Bedürfnissen und Interessen der Kinder, unterscheidet sich daher von Gruppe zu Gruppe und wird von den teilnehmenden Kindern mitentschieden.

Lernen am Modell
Kinder beobachten genau, welche Modelle Erwachsene und andere Kinder vorgeben, wie diese reagieren und agieren. So ist z. B. die soziale Bezugnahme (social biofeedback) ein intuitives Lernverhalten, bei dem das Kind die emotionalen Bewertungen von Umweltereignissen des Erwachsenen übernimmt. Auch um Problemlösungen und Regulationsstrategien entwickeln zu können, benötigen Kinder Vorbilder. Beim Modelllernen kann Verhalten, wie die Reaktion auf Aggressivität oder empathisches Reagieren im Rollenspiel, geübt werden, um dann in konkreten Lebenssituationen einsetzbar zu sein.

Die Ziele von Kindergarten plus
Die methodischen Anregungen und didaktischen Materialien von Kindergarten plus unterstützen Erzieher(innen) darin, Interaktionen gezielt zu gestalten sowie entwicklungs- und kompetenzförderliche Kontexte zu etablieren bzw. auszubauen, die Kindern ermöglichen, in selbstbildenden Prozessen und im gemeinsamen Spiel sowie am Vorbild des Erwachsenen zu lernen. Sowohl individuelles Lernen als auch soziale Prozesse innerhalb der Gruppe haben aufgrund ihres Persönlichkeit stärkenden Charakters präventive Aspekte. Die Kindergarten plus-Fortbildungen und Unterrichtsmaterialien unterstützen Pädagog(innen) dabei, eigenes Verhalten zu reflektieren sowie im Team die pädagogische Konzeption der Einrichtung gemeinsam mit den Eltern und unter Einbezug des sozialen Umfelds weiterzuentwickeln.

Kindergarten plus verfolgt sechs Teilziele:
1. Förderung emotionaler und sozialer Kompetenzen der Kinder
2. Unterstützung von Beobachtung und Dokumentation
3. Information und Sensibilisierung der Eltern
4. Qualifizierung der Erzieherinnen
5. Profilierung der Kindertageseinrichtungen
6. Stärkung des öffentlichen Bewusstseins für frühe Bildung

Die sechs Teilziele von Kindergarten plus
Teilziel 1: Förderung emotionaler und sozialer Kompetenzen der Kinder
Gefördert und gestärkt werden das Wissen der Kinder über Gefühle (Emotionswissen), ihre Fähigkeit, Gefühle auszudrücken und zu regulieren (Emotionsausdruck und Emotionsregulation), mit anderen Menschen mitzufühlen (Empathie) sowie die Kompetenz der Kinder, sich in einer Gruppe zu behaupten, mit anderen Kindern zu kooperieren und mit Konflikten angemessen umzugehen. Dieses Ziel wird erreicht über die Durchführung von neun Themen-Bausteinen (Modulen) in einer Kindergarten plus-Gruppe von acht bis zwölf Kindern.

Teilziel 2: Unterstützung von Beobachtung und Dokumentation
Die Erzieher(innen) werden darin unterstützt, die Persönlichkeit des einzelnen Kindes, seine Entwicklung und sein Verhalten in der Gruppe zu beobachten sowie die Beobachtungen zu dokumentieren und in die Gespräche mit den Eltern und im Team einzubringen. Dieses Ziel wird erreicht durch die Zusammenarbeit von zwei Erzieher(innen), bei der eine Erzieherin bzw. ein Erzieher als Trainer(in) für die Durchführung des Programms verantwortlich ist, während sich die zweite Erzieherin oder der zweite Erzieher auf die Mithilfe und Beobachtung der Kinder konzentriert. Instrument der Dokumentation ist die Kindergarten plus-Geschichte, eine Lerngeschichte für jedes Kind.

Teilziel 3: Information und Sensibilisierung der Eltern
Die Eltern werden über die mit den Kindern durchgeführten Module informiert und für deren Inhalte sensibilisiert. Sie erweitern ihr Verständnis für die Entwicklungs- und Bildungsprozesse ihres Kindes. Die Erziehungs- und Bildungspartnerschaft zwischen Eltern und Erzieher(innen) wird gestärkt. Dieses Ziel wird erreicht durch schriftliche Elterninformationen zur Bedeutung des Programms und zu den neun mit den Kindern behandelten Modulen. In zwei Elterngesprächen vor Beginn und am Ende des Programms erhalten die Eltern Gelegenheit, sich über die Entwicklung und Bildung ihres Kindes auszutauschen. Die individuellen Beobachtungen aus der Durchführung können in Entwicklungsgesprächen aufgegriffen werden. Darüber hinaus vermittelt der zum Programm gehörende Film „Klug sein allein genügt nicht. Kinder brauchen emotionale Intelligenz“ wichtige Ideen zur emotionalen Entwicklung und Förderung.

Teilziel 4: Qualifizierung der Erzieher(innen)
Die Erzieher(innen) erweitern ihr Fachwissen und ihre methodischen Kompetenzen, Kinder in emotionaler und sozialer Hinsicht zu stärken und zu fördern. Dieses Ziel wird erreicht durch die Basis-Fortbildung für Erzieher(innen) und mittels der Materialien für die Kindertageseinrichtung, die Auswertung des Programms über den Kindergarten plus-Fragebogen sowie die Reflexion der Durchführung in Aufbaufortbildungen. Die Deutsche Liga für das Kind unterstützt die Fachkräfte darüber hinaus mit einem elektronischen Kindergarten plus-Newsletter und der Durchführung von Fachtagen.

Teilziel 5: Profilierung der Kindertageseinrichtung
Die Kindertageseinrichtung stärkt ihr Profil in Hinblick auf die Persönlichkeitsbildung der Kinder. Mit Kindergarten plus verfügt sie über ein Instrument, dem Bildungsauftrag im Bereich des emotionalen und sozialen Lernens in besonderer Weise gerecht zu werden. Dieses Ziel wird erreicht durch die Beteiligung der Einrichtung an dem Programm, die nach innen (Kinder, Eltern, Fachteam) und nach außen (Träger, Sozialraum, Öffentlichkeit) kommuniziert wird. Die Förderung des Programms z. B. durch Serviceclubs sowie die gemeinsame, meist trägerübergreifende Fortbildung mehrerer Einrichtungen vor Ort unterstützen eine Öffnung der Kindertageseinrichtungen in die Kommunen hinein.

Teilziel 6: Stärkung des öffentlichen Bewusstsein für frühe Bildung
Die öffentliche Aufmerksamkeit und das Verständnis für die Bedeutung früher und ganzheitlicher Bildung in der Kindertageseinrichtung werden gestärkt. Dieses Ziel wird erreicht durch die Einrichtung von Programmpatenschaften (z. B. durch Service Clubs oder weitere Förderer) und durch eine die Durchführung des Programms vor Ort begleitende Öffentlichkeitsarbeit.

Kindergarten plus in der Praxis
„Was passiert da eigentlich mit Tula und Tim, wenn ihr euch trefft? Spielt ihr mit denen? Kommen die auch mal in den Morgenkreis zu uns?“ Das Projekt Kindergarten plus macht bei der ersten Durchführung in einer Kindertageseinrichtung Viele neugierig: die anderen Kinder und deren Eltern, aber auch die Kolleg(inn)en. Warum trifft sich eine Gruppe gleichaltriger Kindern jede Woche für etwa zwei Stunden mit Tula und Tim, den beiden Handpuppen? Warum begleiten zwei Erzieherinnen die Treffen? Ist das etwa ein Verhaltenstraining?

Genau durch diese Fragen an die teilnehmenden Kinder und die Fachkräfte werden auch wichtige Inhalte des Programms deutlich, hier wird ein Austausch über Emotionen angeregt. Die Thematik strahlt aus und wird zum Gespräch in der gesamten Einrichtung. Emotionen zum Thema zu machen, nicht nur, wenn es darum geht, Probleme anzusprechen, ist ein wichtiger Schritt zur Unterstützung der sozial-emotionalen Entwicklung. Um emotionale Kompetenz zu fördern, ist es wichtig, ein positives emotionales Klima schaffen, oft über Gefühle zu sprechen, respektvoll und angemessen mit den Gefühlen von Kindern umzugehen und diese bei der Regulation ihrer Gefühle zuunterstützen (Viernickel 2009, S. 151). Kindergarten plus unterstützt hierbei, auf individueller und auch auf Einrichtungsebene.

Vermitteln, was man gemeinsam erlebt und gestaltet hat, was gelernt wurde und welche wichtigen Fragen bearbeitet und erforscht wurden, dies gelingt, wenn man tief eintauchen kann in Themen und wenn erreichte Ergebnisse gemeinsam dokumentiert werden. Kindergarten plus gibt dafür Raum. Während der neun Treffen des Programms geht es um die Themen Körper, Sinne, Gefühle, Beziehungen, Grenzen und Regeln, Lösung von Konflikten. In Spielen, Übungen, Gesprächen, Liedern und mittels kreativer Methoden werden die Kinder angeregt, sich selbst und andere mit ihren besonderen Eigenarten wahrzunehmen, Körperbewusstsein zu entwickeln, die eigenen Sinne zu erfahren, Gefühle zu erkennen, auszudrücken und zu benennen, Konflikte gewaltfrei zu lösen, Kompromisse zu schließen, selbstbewusst zu werden und Toleranz zu entwickeln.

Wie läuft Kindergarten plus genau ab? Die Kinder werden während der neun gemeinsamen Treffen von zwei Handpuppen, dem Mädchen Tula und dem Jungen Tim, durch das Programm begleitet. Zu den weiteren Praxismaterialien gehören Bildkarten (Gefühlsgesichter und Gefühlsszenen mit Tula und Tim), eine Kinderlieder-CD mit Spiel- und Tanzideen zu den Modulthemen, Gefühlsperlen, Wutkissen, Holzrahmen und Baumwolltücher sowie individuell zu gestaltende kleine Holzfiguren für jedes Kind. Das Programm wird jeweils von zwei Erzieher(innen) durchgeführt. Häufig übernimmt dabei eine Erzieherin oder ein Erzieher die Rolle der Trainerin bzw. des Trainers in der Gruppe einer Kollegin bzw. eines Kollegen. Es können sich auch Fachkräfte aus zwei Einrichtungen zusammenschließen, so dass jeweils die „fremde“ Fachkraft als Trainer(in) arbeitet und dadurch besonders die Neugierde der Kinder weckt.

Die neun Treffen sind inhaltlich und methodisch vorstrukturiert. Sie bauen aufeinander auf und verbinden Spiele, Musik, Bewegung, kreative Ausdrucksmöglichkeiten und Gesprächssequenzen in kindgerechter und anregender Art und Weise. Der genaue Ablauf des Programms gestaltet sich in jeder Kindergruppe unterschiedlich, so z. B. auch der wöchentliche Start. Während in einer Einrichtung die Kinder von den Handpuppen abgeholt werden, steht in einer anderen das Körbchen mit den Kindergarten plus-Namensschildern im morgendlichen Stuhlkreis und verdeutlicht auf diese Weise, dass es heute wieder losgeht. Die Durchführung der einzelnen Module variiert, abhängig von Vorwissen und Entwicklungsstand der Kinder, der Einrichtungskultur und den Interessen in der Gruppe. Auch der familiäre Hintergrund ist wichtig, z. B. stehen emotionale Begriffe Kindern meist zuerst in der Muttersprache zur Verfügung, dies muss berücksichtigt werden.

Für die Fachkräfte besteht deshalb eine wichtige Aufgabe darin, durch ihre Beobachtung den jeweiligen Stand der einzelnen Kinder zu erfassen. Wie ist das Grundverständnis im Bereich Körper und Sinne (Module 1 und 2)? Welche Emotionen sind den Kinder während des dritten Treffens, bei dem es zum ersten Mal um Gefühle geht, besonders wichtig? Welche „Gefühlsvokabeln“ nutzen die Kinder? In den Modulen 4 bis 6 werden Angts und Mut, Wut zund Freude, Traurigkeit und Glück thematisiert. Hier gilt es, sensibel wahrzunehmen und Kinder darin zu unterstützen, sowohl selbstschützende als auch kooperative Handlungsmöglichkeiten zu finden. Was mache ich, wenn ich so wütend bin, dass ich jemanden hauen möchte? Wie kann ich Hilfe bekommen, wenn ich mich fürchte? Gemeinsam stellen die Kinder fest, dass es wirksame Verhaltensweisen gibt, aber auch, dass jeder anders ist und für sich herausfinden muss, was ihm am besten hilft.

In den Modulen 7 und 8 geht es besonders um das Verständnis des Anderen (Perspektivenübernahme und Empathie), und konkret um Regeln und Verhaltensweisen, die das Gelingen von Gemeinschaft ermöglichten. Hier werden die jeweilige Einrichtungs- und Familienkultur zum Thema, z. B. wenn es um Freundschaft oder Grenzen geht. Beim letzten Treffen, im Modul 9, planen die Kinder der Gruppe gemeinsam, wie sie den anderen Kindern, Eltern und Erzieher(inne)n zeigen können, was sie erlebt haben, was „los war“ mit Tula und Tim. Die Module 7 bis 9 bieten Gelegenheit, über die individuellen Erfahrungen der Kinder hinaus den partizipativen Ansatz umzusetzen, Ideen zum Zusammenleben zu formulieren und den Austausch untereinander zu fördern.

Dass diese Anregungen gut umsetzbar sind, zeigen die positiven Rückmeldungen aus der Praxis. So spiegelt die Auswertung der Kindergarten plus-Fragebögen wider, dass die Fachkräfte die Struktur des Programms aufgreifen. Materialien und Ideen werden als praxisnah und effektiv eingeschätzt. Dass die Treffen auf die Bedürfnisse der Gruppe ausgerichtet sind, ist daran ersichtlich, dass in zwei von drei Fällen der Durchführung Varianten gewählt werden, z. B. einzelne Elemente wie Lieder und Spielvorschläge ausgetauscht werden, die Länge variiert wird usw. (vgl. Löchert 2011. S. 33-36).

> Die Kindergarten plus- Materialien
Handpuppen Tula & Tim
Bildkarten-Sets DIN A 4 (10 Gefühlsgesichter und 9 Modulszenen)
CD-ROM (zum Ausdrucken von Bild- und Spielmaterialien, Elternbriefen, Dokumentation- und Beobachtunghilfen)
Holzrahmen, Wutkissen, Baumwoll-Tücher
Namensschilder, kleine Holzfiguren, Perlenset,
Kindergarten plus-Kinderlieder-CD (für jedes Kind)
Kindergarten plus Handbuch für Erzieherinnen
Kindergarten plus-Liederheft und CD für die Einrichtung
Kindergarten plus-Evaluationsbogen
Elternbriefe (1 + 9 Module)
DVD „Klug sein allein genügt nicht. Kinder brauchen emotionale Intelligenz“
Werbematerial (Plakat, Infofaltblatt, Broschüre)
Tragetasche mit der Wortbildmarke Kindergarten plus

Kindergarten plus gibt Impulse für eine zeitgemäße Methodik im Elementarbereich
„Heute muss aber auch überall ein „plus“ drauf! Egal, ob es ein Joghurt ist oder ein Programm für den Kindergarten. Was soll das denn?“ Solche Gesprächsimpulse von Teilnehmer(inne)n greifen die Kindergarten plus-Fortbildner(innen) gerne auf, sie sind wichtige Ansatzpunkte, um in das Gespräch zu kommen. Die Klärung, warum ein „plus“ im Namen des Programms angebracht ist, nämlich um die Ergänzung und Intensivierung der Grundlagenarbeit in diesem Bereich anzudeuten, ist Teil der zweitägigen Basisfortbildung. Das erweiterte Qualitätsprofil für die frühpädagogische Berufstätigkeit (vgl. Bosch Stiftung 2011) benennt im Handlungsfeld 1 „Arbeit mit Kindern (Bildung, Betreuung, Erziehung)“ als Aufgabe von Erzieher(inne)n: „Die Durchführung von Bildungsangeboten und Projekten theoriegeleitet zu reflektieren, weiterzuentwickeln und zu vertreten“. Entsprechend kann auch die Einführung von Kindergarten plus, beginnend schon in der Fortbildung zum Programm, eine Reflektion und Erweiterung des eigenen pädagogischen Handwerkszeugs anregen. Pädagog(inn)en sind aufgefordert, sich mit den ihnen angebotenen Praxiswerkzeugen fachlich kritisch auseinanderzusetzen.

Inhalte und Methoden von Kindergarten plus sollen Erzieher(innen) dabei unterstützen, wichtige sozial-emotionale Lernprozesse zu intensivieren. Das Zusammenstellen einer altershomogenen Gruppe und den Einsatz einer den Kindern zunächst wenig bekannten „Trainerin“ werden als wichtig angesehen. Weitere wichtige Prinzipien sind die (Vor)strukturierung von Lernsituationen sowie ein ausgewogenes Verhältnis von Anleitung und freiem Spiel.

Kritisch kann eingewendet werden: Geschieht soziales Lernen nicht ständig, warum sich also in einer Extragruppe treffen? Wäre es nicht sinnvoller, mit einer Altersmischung zu arbeiten, um vielfältiges Lernen zu ermöglichen (z. B. den Jüngeren zu helfen)? Und schließt die Aktivität einer Trainerin bzw. eines Trainers nicht von vornherein aus, dass die Kinder ihre Ideen einbringen können, wenn die Erzieherin Anregungen und Abläufe leitet?

Die Entscheidung des Kindergarten plus -Teams für eine kontinuierliche und altershomogene Projektgruppe, die sich dem Thema Emotionen in vorstrukturierter Weise nähert, beruht auf der Annahme, dass für vier- und fünfjährige Kinder der Umgang mit Gefühlen ein Schlüsselthema ist. Positive Aspekte altershomogener Gruppen sind dabei die Möglichkeit ko-konstruktiven Lernens und das Angebot gleichaltriger Spielkameraden (Textor 2011).

Holger Brandes betont den positiven Effekt symmetrischer Beziehungen in selbst gesteuerten Kleingruppen, in denen spielerisches Lernen stattfindet. Dabei sollte die Erzieherin den Selbstbildungsprozess von Kindergruppen unterstützen, einen institutionellen Rahmen schaffen, Regeln für die Interaktion innerhalb der Gruppe mitgestalten, beim Lösen von Konflikten helfen, sich also „in den Dienst der Selbstorganisation und -regulierung der Gruppe“ stellen, die Lernbegleitung der Gruppe übernehmen und den Kindern „möglichst große Spielräume zu gemeinsamer Eigenaktivität und Selbstbestimmung ihrer Gruppenzusammenhänge“ geben (Brandes 2008. S. 165, 180).

Hierbei zeigt sich, dass die Rolle des Erwachsenen nicht allein im Beobachten von kindlichen Selbstbildungsprozessen zu sehen ist. Dies gilt auch für die Kindergarten plus-Trainer(innen). Deren Aufgaben konzentrieren sich nicht auf ein reines Vermitteln von Lernstoff, sondern besonders auf den Aspekt der Persönlichkeitsentwicklung. Die Kindergarten plus-Trainer(innen) sind herausgefordert, eine Balance zwischen Anregung, Struktur, Begleitung und freiem Spiel zu finden. Kindergarten plus unterstützt die Fachkräfte mit einem Extra an pädagogischem Material, Handwerkszeug und Wissen. Dieses Plus in sinnvolles Handeln zu verwandeln, gelingt dann am Besten, wenn ein professioneller pädagogischer Bezug gegeben ist und wenn Beziehungsgestaltung sich durch Dialog und Kommunikation sowie durch eine reflexive und fragende Haltung gegenüber den eigenen wie auch den Lernprozessen des Kindes auszeichnet (Dahlberg & Lenz-Taguchi, 1994).

Über die Dokumentation und Evaluation der Durchführung von Kindergarten plus wirken die reflektierten Erfahrungen aus den Kindertageseinrichtungen auf das Programm zurück. Praxis und Programm befinden sich in einem wechselseitigen Austausch. Dieser findet u. a. auf Reflexionstreffen und Fachtagen sowie über die Auswertung der Kindergarten plus-Fragebögen statt. In den letzten Jahren wird immer deutlicher, dass gerade im Bereich der sozial-emotionalen Entwicklung die Rolle der Kindertageseinrichtungen im Rahmen der Erziehungspartnerschaft mit den Eltern in Veränderung ist. Die familienunterstützende Funktion des frühpädagogischen Bereichs gewinnt an Bedeutung. Hier auf erweiterte und auch neue Anforderungen an die Fachkräfte unterstützend zu reagieren, Methodik und Materialien zu erstellen, wird eine wichtige Aufgabe an die Weiterentwicklung des Programms sein.

www.kindergartenplus.de

Stella Valentien ist Diplom-Pädagogin und Mitarbeiterin in der Deutschen Liga für das Kind im Bereich Kindergarten plus.

Literatur
Bosch Stiftung (2011): Qualifikationsprofile in Arbeitsfeldern der Pädagogik der Kindheit. Ausbildungswege im Überblick.

Brandes, H. (2008): Selbstbildung in Kindergruppen. Die Konstruktion sozialer Beziehungen. München, Basel: Ernst Reinhardt Verlag.

Dahlberg, G., Lenz-Taguchi, H. (1994): Förskola och skola – om tva skilda traditioner och om visionen om en mötesplats. Särtryck-ur: SOU1992:-45, bilaga 3. Stockholm: HLS Förlag. In: Fthenakis, W.E. (21.08.2002, geändert am 21.03.2010.) www.familienhandbuch.de/kindertagesbetreuung/erziehung-im-kindergarten/der-bildungsauftrag-in-kindertageseinrichtungen-ein-umstrittenes-terrain (Abruf am 1.8.2011).

Klinkhammer. J., Köckeritz, M., von Salisch, M. (2010): Zwischenbericht über die Ergebnisse der ersten beiden Messzeitpunkte der Evaluationsstudie zum Programm Kindergarten plus. Leuphana Universität Lüneburg.

Maywald, J, Valentien, S. (2009): Kindergarten plus. Handbuch für Erzieherinnen. Berlin: Deutsche Liga für das Kind.

Löchert, M. (2011): Evaluation des Programms „Kindergarten plus“. Fachhochschule Potsdam.

Petermann F., Wiedebusch S. (2003): Emotionale Kompetenz bei Kindern. Göttingen: Hogrefe.

Viernickel, S. (2009): Grundlage das Lebens: Emotionale Kompetenz. In Maywald, J, Valentien, S: Kindergarten plus. Handbuch für Erzieherinnen. Berlin: Deutsche Liga für das Kind. S. 148-151.

Textor, M: Altershomogene Gruppen – eine weitgehend ungenutzte Alternative. In: Kindergartenpädagogik, Online-Handbuch. www.kindergartenpaedagogik.de/2184.html (abgerufen am 1.8.2011).