Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Eingangsstufe: Auslauf- oder Zukunftsmodell?

Die Erfahrungen an der Holzhausenschule in Frankfurt am Main

Von Rita Konetchy und Ulrich Reyher

Die zweijährige Schul-Eingangsstufe ist ein pädagogisches Modell, das in den 1970er Jahren an ausgewählten Frankfurter Schulen zur Erprobung eingeführt und wissenschaftlich begleitet wurde. Dahinter stand die Erkenntnis, dass die Kinder bei Beginn der Schulpflicht – also im Regelfall mit sechs Jahren – über äußerst heterogene familienbezogene Bildungsvoraussetzungen verfügen, was die pädagogische Arbeit im ersten Grundschuljahr erschwert.

Zudem waren die pädagogischen Konzeptionen der verschiedenen Kindergarten-Einrichtungen oft ebenfalls unterschiedlich, so dass die Grundschule bei Schuleintritt der Kinder familiär bedingte, soziokulturelle und sprachliche Differenzen der Schüler auszugleichen hatte. Ins Blickfeld rückten dabei insbesondere benachteiligte Kinder, die durch „kompensatorische Erziehung“ in der zweijährigen Eingangsstufe gefördert werden sollten.

Zentrale Idee war also eine curricular abgesicherte Beschulung bereits mit fünf Jahren unter der Perspektive, das Lernprogramm des traditionellen ersten Schuljahrs (also Lese- und Schreiblernprozess sowie die Beherrschung des Zahlenraums bis 20) auf zwei Schuljahre auszudehnen. Außerdem sollte durch den zusätzlichen Einsatz von Sozialpädagogen in der Eingangsstufe die kompensatorische Aufgabenstellung erleichtert werden.

Das Eingangsstufen-Modell war in diesem Sinne erfolgreich, aber flächendeckend in Hessen nicht zu finanzieren. Die Bildungsverwaltung ließ die Modell-Eingangsstufen institutionell bestehen, sorgte auch für die entsprechenden personellen Ressourcen, bildungspolitisch wurde die Eingangsstufe jedoch zum „Auslaufmodell“. Erschwerend kam für manche Eingangsstufen der Umstand hinzu, dass sie aus Kapazitätsgründen nicht in der ganzen Jahrgangsbreite arbeiten konnten, sondern zum Beispiel wie die Holzhausenschule nur eine Klasse aufnehmen konnten.

Dadurch verstärkte sich auf der Nachfrageseite der Druck bildungsorientierter Eltern, ihr Kind in die Eingangsstufe zu schicken, die mit dem Vorschulprogramm des zuständigen Kindergartens nicht zufrieden waren. Inzwischen muss die Holzhausenschule für 25 Plätze in der Eingangsstufe jedes Jahr mit mehr als doppelt so vielen Anmeldungen rechnen. Oft melden sogar Eltern aus anderen Schulbezirken ihr Kind für die Eingangsstufe an – ein verständlicher Wunsch, der aber nicht erfüllt werden kann.

Ein Hinderungsgrund für Eltern, für ihr Kind den Besuch der Eingangsstufe anzustreben, ist dann gegeben, wenn die entsprechende Schule noch keine Ganztagsschule ist. Die berufstätigen Eltern müssten dann eine Halbtags-Betreuung (Schule) gegen eine Ganztagsbetreuung (Kindergarten) eintauschen. Die genannten Faktoren führen zu ein einem schwierigen, komplexen Anmeldeverfahren.

Vorteile der Eingangsstufe
Dem unterschiedlichen körperlichen, geistigen und seelischen Entwicklungsstand wird in der Eingangsstufe durch die zwei Grundschuljahre umfassende Eingangsphase und durch die Verbindung von sozialpädagogischen und schulischen Lern- und Arbeitsformen in besonderem Maße Rechnung getragen. Der Lernstoff der ersten Jahrgangsstufe ist auf zwei Schuljahre verteilt, und die Kinder bilden einen stabilen Klassenverband. Nach der zweijährigen Eingangsstufe kommen die Kinder in die zweite Klasse, es folgen danach noch drei Jahre Grundschulzeit im bestehenden Klassenverband bis zum Ende der vierten Jahrgangsstufe.

In der Eingangsstufe unterrichten Sozialpädagogen und Grundschullehrkräfte im Team, somit kommen Inhalte der vorschulischen und schulischen Erziehung des Kindergartens und der Grundschule gleichermaßen zur Geltung. Es findet ein behutsamer Übergang zum schulischen Alltag statt. Zeit für Spiel und Bewegung, mehr Zeit zum Einüben schulischer Lerntechniken und Arbeitsformen, sind optimale Voraussetzungen für einen erfolgreichen Schulstart. So nehmen die ästhetische und musische Bildung, die Einübung motorischer Fertigkeiten, die Förderung der Sprachkompetenz und die soziale Erziehung einen großen Raum ein.

In der Eingangsstufe werden feste Unterrichtszeiten garantiert. Ein gleitender Schulanfang bietet Kindern die Möglichkeit, vor Unterrichtsbeginn langsam in der Klasse anzukommen, mit den Klassenkameraden zu spielen, zu malen, basteln oder mit der Lehrerin ein persönliches Gespräch zu führen. Das Rhythmisieren des Unterrichts sorgt für einen ausgeglichenen Schulvormittag. Arbeits-, Spiel und Entspannungsphasen wechseln sich ab.

Ein typischer Schulvormittag beginnt mit einem offenen Anfang, dem ein Gesprächskreis und eine Arbeitsphase folgen. Nach der großen Pause auf dem Schulhof frühstücken alle Kinder gemeinsam in der Klasse. Wir legen großen Wert auf ein gesundes Frühstück und ausreichend Zeit zum Essen. Nun schließt sich eine weitere Arbeitsphase oder nach Bedarf eine Spielzeit und Bewegungszeit an. Anschließend folgt die zweite große Pause. In der letzten Schulstunde wechseln sich kleinere Arbeitsphasen, freie Beschäftigungen und Spielzeiten ab, den individuellen Bedürfnissen der Kinder entsprechend.

Fazit
Die Eltern nehmen das Angebot der Eingangsstufe bereitwillig an, und für die Kinder bleibt viel Zeit für das individuelle Lernen. Aus Sicht der Holzhausenschule ist die Eingangsstufe dann ein zukunftweisendes und erfolgreiches pädagogisches Konzept, wenn die ganze Jahrgangsbreite aufgenommen werden kann und eine Ganztagsbetreuung gewährleistet wird.

Rita Konetchy ist Sozialpädagogin an der Holzhausenschule in Frankfurt am Main.

Ulrich Reyher ist Rektor an der Holzhausenschule in Frankfurt am Main.