Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

Reifungsprozesse sind mit Übergängen verbunden. Auf Phasen rela-tiver Ruhe folgen stürmische Entwicklungen, bis eine neu gewonnene Stabilität auf einem höheren Niveau eintritt. Die ersten Lebensjahre sind eine Zeit besonders dynamischer Veränderungen. Auf die Geburt ins Leben folgen die ersten Schritte und die Erfahrung wachsender Selbstständigkeit, die Entdeckung der Sprache und das Eintauchen in Kultur und Sozialität.

Neben reifungsbedingten Veränderungen spielen institutionelle Über-gänge eine bedeutsame Rolle. Krippe oder Kindertagespflegestelle, Kindergarten und Schule sind die wichtigsten Institutionen, die mit ihren jeweils eigenen Herausforderungen und Systemlogiken das Leben der meisten Kinder prägen. Damit Kinder Übergänge für ihre Entwicklung nutzen können, müssen diese altersgerecht gestaltet sein. Wechsel müssen vorbereitet, Trennungen angebahnt und Über-gänge müssen markiert werden. Da jedes Kind anders ist und Ent-wicklungsverläufe und -geschwindigkeiten sich sehr unterscheiden können, müssen sich die Institutionen auf die Eigenarten jedes Kindes einstellen.

Eine besondere Herausforderung stellt der Übergang vom Kindergar-ten in die Schule dar. An dieser Schnittstelle treffen unterschiedliche professionelle Milieus, rechtliche und administrative Verantwortlichkei-ten, Bildungsüberzeugungen und Handlungsmuster aufeinander. Aus einem jahrzehntelangen Nebeneinander muss endlich ein Miteinander werden, das nur durch eine allmähliche Angleichung im Lern- und Bildungsverständnis erreicht werden kann.

Bis dorthin ist es jedoch noch ein langer Weg. Denn eine Schule, die individualisiert arbeitet sich auf die unterschiedlichen Ausgangslagen der Kinder einstellt, ist nur selten vorhanden. Letztlich geht es darum, dass nicht nur vom Kind verlangt wird, sich der Institution an-zupassen, sondern dass die Institutionen in die Lage kommen, sich auf die unterschiedlichen Voraussetzungen der Kinder einzustellen. Nicht allein die Kinder müssen schulfähig, auch die Schule muss kindfähig werden. Dies verlangt neben besserer Ausstattung und Ausbildung vor allem eine konzeptionelle Orientierung, die konsequent vom einzelnen Kind ausgeht.

Kinder sind erstaunlich robust und die meisten bewältigen den Eintritt in die Schule problemlos. Eine beträchtliche Anzahl zeigt jedoch er-hebliche Anpassungsschwierigkeiten. Oft schon bestehende Bezie-hungs- und Erziehungsprobleme, aber auch psychische Störungen treten gerade in Übergangssituationen besonders deutlich hervor. Hier ist eine individuelle Förderung unter Einbeziehung der Eltern dringlich. Genaues Hinschauen, gegebenenfalls diagnostische Abklärung und die interdisziplinäre Zusammenarbeit der beteiligten Berufsgruppen lohnen hier ganz besonders. Denn kritische Lebensereignisse sind nicht nur mit Belastungen verbunden. Sie bieten auch die Möglichkeit, Fehlentwicklungen zu erkennen, und damit die Chance zur Korrektur.

Mit herzlichen Grüßen

Prof. Dr. Franz Resch, Präsident der Deutschen Liga für das Kind
Prof. Dr. Jörg Maywald, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind