Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Buchrezensionen

Balancieren auf der Trennlinie zwischen Sozialem und Biologischem

Was macht die Identität eines Menschen aus? Welchen Einfluss auf unsere Entwicklung haben genetische Faktoren auf der einen und Umwelterfahrungen auf der anderen Seite? Warum ist das Wissen um unsere eigene Herkunft und die Frage, wie wir zu dem wurden, was wir sind, so bedeutend für unser Selbstbild? Diese und weitere Fragen stellen sich der amerikanischen Schriftstellerin A. M. Homes im Alter von 31 Jahren ganz neu, als sie erstmals erfährt, wer ihre leiblichen Eltern sind und die Mutter den Kontakt zu ihr sucht.

In ihrem autobiographischen Buch „Die Tochter der Geliebten“ schildert die Autorin eindrücklich den persönlichen Balanceakt, sich auf die Begegnung mit den leiblichen Eltern mit all den daraus erwachsenden widersprüchlichen Erwartungen und Gefühlen einzulassen.
Ein mehrjähriger Prozess zuweilen fieberhafter Suche und des Ringens um die eigene Identität beginnt, der sowohl von Verwirrung, Unsicherheit, Ängsten, Wut, Anklagen und Scham geprägt ist, als auch von Hoffnungen, Wünschen, Stolz, Verständnis, Annahme und Versöhnung. Durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und der Geschichte ihrer leiblichen Eltern und Adoptiveltern gelingt es Homes, die tauben und unbekannten Stellen ihres Lebens zu bearbeiten und mit Wissen und Erfahrungen so für sich zu erobern, dass sie Teil ihrer eigenen lebendigen Biographie werden. Diese Aneignung mitverfolgen zu können, macht das Buch zu einer spannenden Lektüre.

Marita Salewski

A.M. Homes
Die Tochter der Geliebten
Wilhelm Heyne Verlag München 2010
238 Seiten
8,95 €

Pflegekinderhilfe: auf dem Weg zu fachlichen Standards

Entscheidungen rund um Pflegekinder sind häufig besonders umstritten. Interessen des Kindes, der leiblichen und der Pflegeeltern sowie die Sichtweisen von Jugendämtern und Familiengerichten treffen aufeinander und liegen nicht selten im Konflikt. Am Wohl und an den Rechten des Kindes orientierte, klare fachliche Orientierungen wären hier besonders wichtig. Zugleich ist die empirische Basis in Deutschland dafür noch nicht sehr groß. Ein neues Handbuch soll demnächst Abhilfe schaffen.

Der Anspruch des im Herbst erscheinenden, gemeinsam von Mitarbeiter(inne)n des Deutschen Jugendinstituts (DJI) und des Deutschen Instituts für Jugendhilfe und Familienrecht (DIJuF) herausgegebenen „Handbuch Pflegekinderhilfe“ ist hoch: auf Basis einer Aufarbeitung der neueren wissenschaftlichen Ergebnisse aus dem Ausland und gestützt auf eigene Forschungen soll das Vorhaben nach Angaben der Herausgeber „Erkenntnisse dazu gewinnen, wie in der Praxis der Pflegekinderhilfe das Wohl der Kinder in vielfältiger Art und Weise gefördert werden kann.“ Zu diesem Zweck wurden im Auftrag des Bundesfamilienministeriums im Zeitraum 2005 bis 2008 umfassende Recherchen und Erhebungen durchgeführt, deren Ergebnisse nun als Handbuch veröffentlicht werden sollen. Vor dem Hintergrund vielfältiger Auseinandersetzungen in den zurückliegenden Jahren darf u. a. erwartet werden, dass (1) der ideologisch aufgeladene Streit „Ergänzungsfamilie“ vs. „Ersatzfamilie“ endlich zugunsten einer am Wohl des einzelnen Kindes orientierten differenzierten Betrachtung begraben wird, (2) klare Qualitätsstandards für die mit Pflegekindern befassten Institutionen und Professionen definiert werden, (3) Vorschläge für die Verbesserung der rechtlichen Absicherung von Pflegekindern formuliert sind und (4) Angaben dazu gemacht werden, welche materielle Ausstattung eine qualitativ hochwertige Pflegekinderhilfe in Deutschland haben muss. Auf die Ergebnisse dürfen wir gespannt sein, in wenigen Wochen wissen wir mehr…

Dr. Jörg Maywald

Heinz Kindler, Elisabeth Helming, Thomas Meysen, Karin Jurczyk (Hrsg.)
Handbuch Pflegekinderhilfe
Eigenverlag des Deutschen Jugendinstituts (DJI)
erscheint voraussichtlich im Frühjahr 2011