Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Konstruktiv, lösungsorientiert, innovativ

Zusammenwirken im Familienkonflikt e.V.: eine interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft im 23. Jahr ihres Bestehens

von Joachim Hollnagel und Frauke Decker

Als Anfang 1982 im Westteil Berlins erstmals regelmäßig Anwälte und Anwältinnen, Psycholog(inn)en, Richter(innen) sowie Vertreter(innen) anderer am Familien(rechts)konflikt beteiligter Berufsgruppen zum interdisziplinären Diskurs zusammenkamen, ahnte keiner der Beteiligten, dass damit ein nicht zu unterschätzender Grundstein für inzwischen bundesweit gültige Perspektiven, das professionelle Selbstverständnis sowie das Zusammenwirken der im Familienkonflikt miteinander vernetzten und agierenden Berufsstände gelegt wurde. Heute, eine gutes Vierteljahrhundert später, nach tief greifenden gesellschaftlichen Umbrüchen, familienpolitischen Veränderungen und nicht zuletzt vielfältigen Reformen im Kindschafts-, Familien-, und Verfahrensrecht, ist mit dem Inkrafttreten des FamFG am 1. September 2009 die stabile und strukturierte interdisziplinäre Zusammenarbeit der am Familien(rechts)konflikt beteiligten Berufsgruppen nicht nur nicht mehr wegzudenken sondern eine der wesentlichen Grundvoraussetzungen für eine lebendige und fruchtbare Umsetzung dieser jüngsten Gesetzesnovelle.

Wie der Gedanke des interdisziplinären Zusammenwirkens selbst, ist heute ebenso der aus den eingangs benannten Motiven und Aktivitäten hervorgegangene und im Jahre 1986 gegründete Verein „Zusammenwirken im Familienkonflikt – Interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft e.V.“ (ZiF) mit seinem Sitz in Berlin-Kreuzberg fest verankerter, zuverlässiger Bestandteil unabhängiger Unterstützungsangebote für von Trennung und Scheidung betroffene Eltern, Kinder und Jugendliche Berlins.

Seit nunmehr 23 Jahren ist das Bestreben von ZiF, Modelle von Menschlichkeit, Würde und Fairness in einem nicht selten sehr destruktiven Trennungs- und Auflösungsprozess von Familien zu entwickeln und in deren praktischer Umsetzung geeignete, auf die Stärkung elterlicher Verantwortung und Kompetenz und die Notwendigkeit der Reorganisation sich trennender Familien sowie die Entwicklungspotentiale und -chancen der Kinder ausgerichtete Angebote zu etablieren.

In diesem Sinne nahm bereits 1987 eine von ZiF gegründete Beratungsstelle ihre Arbeit auf, die sich in den gut zwei Jahrzehnten ihres Wirkens zu einem „Zentrum für Beratung und Mediation bei Trennung und Scheidung“ entwickelte, und deren Konzepte und integrative Angebote ungezählten Menschen im Zusammenhang mit dem Scheitern ihrer familiären Lebensentwürfe sowohl neue Möglichkeiten und Perspektiven für einen konstruktiven Neubeginn eröffnen konnten als auch entsprechende Impulse geben und bisweilen von den Eltern selbst kaum noch wahrnehmbare elterliche Potentiale erschließen konnten.

Das Engagement unserer Berater(innen), die sich konsequent dem Prinzip der Vertraulichkeit, der Freiwilligkeit der Unterstützung Suchenden sowie der Stärkung und Förderung der elterlichen Autonomie und des interdisziplinären Beratungsansatzes verpflichtet sahen, entwickelte sich im Zusammenhang mit den Fortschritten des Familien- und Kindschaftsrechts in den 1990er Jahren auch insofern, als dass die juristischen Neuerungen zu einem erneuten Bedürfnis der Intensivierung von interdisziplinärer Zusammenarbeit unter den am Scheidungskonflikt beteiligten Berufsgruppen führten. Diesem Bedürfnis entsprach der Verein bereits ab 1994 mit dem Angebot von in jährlicher Folge beginnenden interdisziplinären Ausbildungen zum Mediator (Schwerpunkt Familien-Mediation). Das sich nun kontinuierlich erweiternde und professionalisierende ZiF-Bildungswerk gab sich nach der Jahrtausendwende den Namen Berliner Institut für Mediation (BIM), ein Name, unter dem es inzwischen auch weit über die Grenzen Berlins hinaus als anerkanntes Ausbildungsinstitut für Mediator(inn)en sowie als Ausrichter von Seminaren, internationalen Workshops, interdisziplinären Weiterbildungen und Trainings geschätzt ist.

Während in den 1980er und 1990er Jahren die Angebote unserer Beratungsstelle vor allem von Eltern wahrgenommen wurden, die bei der Klärung ihrer familiären Trennungskonflikte einen zum Verfahrensrecht alternativen und eigenverantwortlichen Weg suchten, weil ihnen z. B. das geltende Scheidungsrecht keine ihnen adäquate Rechtsposition einräumte, sahen wir unsere Aufgabe und unser Ziel stets auch darin, mit unseren Beratungs- und Mediationsangeboten den vom Trennungskonflikt der Eltern betroffenen Kindern ein Maximum und Optimum an Elternschaft zu erhalten und die Fähigkeit zur elterlichen Kooperation durch die Reduzierung des Konfliktniveaus der sich trennenden und getrennten Partner zu unterstützen. Mit dem Inkrafttreten des Kindschaftsrechtsreformgesetzes 1998 wurde dieses Anliegen sowohl gesellschaftspolitisch als auch juristisch nachvollzogen und es begann sich zunehmend eine Sichtweise zu etablieren, die davon ausgeht, dass die Familie auch nach Trennung bzw. Scheidung der Eltern als psychosozialer Verband fortbesteht, sich eine gemeinsame Elternverantwortung auch auf die Nach-Trennungs- bzw. Scheidungszeit erstreckt, eine eigenverantwortliche Elternvereinbarung regelmäßig die für Kinder günstigste Lösung ist und das Aufrechterhalten emotionaler Bindungen an beide Eltern dem Kindeswohl zumeist am ehesten entspricht.

Zu unseren Angeboten, die wir kontinuierlich weiterentwickelten und erweiterten, gehören heute:
– Informations- und Themenabende zum Trennung- und Scheidungsgeschehen für Betroffene und diesen Prozess begleitende Berufsgruppen;
– Trennungs und Scheidungsberatung als Einzel- und Paarberatung von Eltern in der Ambivalenz-, Trennungs-, Scheidungs- und Nachscheidungsphase;
– Mediation als strukturiertes und ergebnisorientiertes Konfliktbearbeitungsverfahren bei elterlichen Trennungs-, Scheidungs- und Umgangskonflikten als frühzeitige vorgerichtliche Intervention mit präventiver Zielsetzung;
– Mediation als gerichtsbegleitende und unterstützende Intervention im Kontext familiengerichtlicher Sorgerechts- und Umgangsreglungsverfahren;
– Beratung für Jugendliche und junge Erwachsene in Konfliktsituationen mit ihren Eltern bzw. Elternteilen;
– Begleiteter Umgang bei drohendem oder erfahrenem Kontaktabbruch zwischen Kindern und ihren Eltern(-teilen) und Familienangehörigen;
– Trennungs- und Scheidungs-Kindergruppen mit intensiven Elterngesprächen bzw. Elternabenden und begleitender bzw. nachfolgender Beratung und Mediation;
– Elternkurse „Kinder im Blick“ zur Stärkung von Erziehungs- und Beziehungskompetenzen bei Trennung und Scheidung.

Mit diesen integrativen Angeboten, die auch einander flankierend bzw. ergänzend in Anspruch genommen werden können, folgen wir unserer Erfahrung, dass unabhängig vom jeweils geltenden Recht in streitigen Auseinandersetzungen eines Teils der sich trennenden Eltern die Interessen und Bedürfnisse der Kinder häufig zumindest zeitweise für die Durchsetzung einseitig elterlicher Interessen und die Austragung partnerschaftlicher Beziehungskonflikte instrumentalisiert werden. Es hat sich in diesem Zusammenhang gezeigt und immer wieder bestätigt, dass erst die Chance der parallelen Bearbeitung des beziehungsdynamischen und des reglungsbedürftigen Konfliktanteils der Trennungssituation diese Eltern in die Lage versetzt, ein verantwortungsbewusstes und kooperatives Elternverhalten wieder herzustellen und die Zukunft zum Wohle auch ihrer Kinder zu gestalten.

Insofern freuen wir uns insbesondere auch über unserer jüngstes, indirekt kindzentriertes Angebot, den Elternkurs „Kinder im Blick“. Ziel dieses Trainings ist es, durch eine sich innerhalb des Kurses verändernde Haltung und Sichtweise sich trennender oder bereits getrennter Eltern auf die eigenen Kinder, in der schmerzhaften Zeit solcher Übergänge eine gute Beziehung zu ihnen pflegen zu können und die Kinder dabei so zu begleiten und zu unterstützen, dass sie sich fröhlich und gesund entwickeln können. Um dies zu erreichen, wird in systematisch aufeinander aufbauenden Trainingseinheiten der Fokus insbesondere auf die Bedürfnisse der Kinder, die Selbstfürsorge der Eltern und den Umgang mit dem jeweils anderen Elternteil gelenkt. Der Kurs folgt dabei zum einem in Kurzvorträgen und konzentrierter Wissensvermittlung einem aufklärenden, direktiv-erzieherischen Ansatz. Zum anderen bekommen die Eltern in praktischen Übungssequenzen und im angeleiteten Austausch innerhalb der Gruppe Gelegenheit, sich selbst und über geeignete Rollenspiele auch die Bedürfnisse ihrer Kinder nachzuvollziehen und besser wahrzunehmen.

Neben allen bis hierhin beschriebenen Anliegen und seinen Beratungs- und Unterstützungsangeboten hat ZiF seit seiner Gründung der Vereinssatzung entsprechend nicht nur die interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Beratungstätigkeit verfolgt, sondern sich stets auch als ein Forum des interdisziplinären Meinungsaustausches für konzeptionelle gesellschaftspolitische Entwicklungen im psychosozialen und rechtlichen Bereich von Trennungs- und Scheidungsprozessen verstanden. Die kontinuierliche finanzielle Förderung unserer Arbeit durch den Berliner Senat, die Einbeziehung der Ergebnisse unserer Engagements und unserer Erfahrungen in wissenschaftliche Forschungsarbeiten und nicht zuletzt die professionelle Anerkennung unserer Mitarbeiter(innen) in Netzwerken, Arbeitsgemeinschaften und interdisziplinären Veranstaltungen zeugen regelmäßig auch von der kollegialen und politischen Wertschätzung und dem Vertrauen in unsere Arbeit und sind für uns Ansporn, unseren eingeschlagenen Weg gewohnt engagiert und ideenreich fortzusetzen.

Zusammenwirken im Familienkonflikt – Interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft e.V.
Mehringdamm 50, 10961 Berlin
www.zif-online.de

Joachim Hollnagel ist Paar- und Konfliktberater, Coach, Mediator und Mitarbeiter von Zusammenwirken im Familienkonflikt in Berlin.

Frauke Decker ist Diplom-Psychologin, Psychotherapeutin, Mediatorin (BAFM) und Leiterin des „Zentrum für Beratung und Mediation bei Trennung und Scheidung“ von Zusammenwirken im Familienkonflikt in Berlin.