Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Gemäldebetrachtung mit Kindern

von Dieter Möhrmann

Die folgenden Überlegungen sind der Versuch, die Wirkungen von Malerei – insbesondere Gemälden – auf Kinder zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr näher zu betrachten. Malerei ist hier nicht als aktive Ausübung in Form von Zeichnen, Tuschen oder dem Erstellen von Kollagen verstanden, sondern als Gesamtheit des Gemäldebestands. Vornehmlich geht es um europäische Malerei des 13. bis 19. Jahrhunderts. Nichtfigürliche Gemälde werden nur am Rande einbezogen.

Der Gang ins Museum – eine offizielle Institution – hebt sich für Kinder vom Alltag mit seinen Routinen ab. Er ruft aufgeregte Erwartungen hervor, auch Erwartungen und Vorfreude auf das gemeinsame Erlebnis mit den Eltern. Anders als später bei Schulbesuchen gehen Kindergartengruppen üblicherweise nicht als Gruppe in die Gemäldegalerie. Ein eventuelles Gruppenerlebnis fehlt noch. Daher nehmen die Eltern ihre Autoritäts- und Zutrauensfunktion voll wahr und rücken in die bewunderte Expertenposition.

Das gemeinsame Zusammensitzen vor den von den Eltern ausgewählten Gemälden, führt zu einer entspannten, frustrationsfreien Stunde. Das Stichwort heißt hier „sitzen“. Eltern und Kinder sollten sich die in vielen Museen vorhandenen Hocker holen. Sind keine vorhanden, sucht man sich die Bank in der Nähe des ausgesuchten Gemäldes oder sitzt schlicht auf dem Fußboden. In den großen und touristisch häufig überladenen Museen wählen die Eltern Gemälde zur Betrachtung aus, die vom Besuchergedränge entfernt liegen. Selbst im Pariser Louvre finden sich hochkarätige Gemälde in Seitenbereichen, wie die beiden später behandelten Beispiele belegen. Hier kann man ziemlich ungestört auf dem Boden sitzen und Kindern ist es egal, ob die Gemälde im Museumskatalog einen, zwei oder keinen Stern haben. Stehen jedenfalls ermüdet die Kinder und der Spaß ist dahin. Denn freudvoll muss der Museumsbesuch gestaltet sein, auch mit einer Kuchenpause in der Cafeteria, niemals mit einer Unterbrechung im Museumsshop.

Sammlung statt Bildung
Noch sind die jungen Museumsbesucher keine Bildungsbürger. Jedoch gilt das psychologische Moment der Sammlung, das bei Fernsehen und Computerspiel vollständig fehlt. Beim Anblick beeindruckender Gemälde in der ruhigen Museumsatmosphäre kommen selbst hypermotorische Kinder zur Ruhe, wenigstens zu Beginn des Besuchs. Durch die Erzählung und das Frage- und Antwortspiel lassen sich die Kinder konzentriert auf das Gemälde ein.

Sprachkompetenz
Das Gespräch mit den Eltern vor den Gemälden vermittelt Sprachkompetenz. Bei behutsamem Vorgehen erkennt das Kind die Umsetzung von bildlicher Darstellung in den verbalen Ausdruck. Sicherlich kann man ein Kind in diesem Alter nicht zu einer Bildinterpretation heranführen. Aber zum Erkennen von Dingen, Personen und vermutlich auch Handlungsabläufen sind schon Vierjährige fähig. Bei durchdachter Anleitung gelingen den Fünf- und Sechsjährigen dann eigene sprachliche Formulierungen des Bildinhaltes. Insofern ist eine möglichst frühe Gemäldebetrachtung ein nicht zu unterschätzender Faktor zum Erwerb sprachlicher Kompetenz.

Werterkenntnis und Wertzumessung
Damit sind wir bei der Frage angelangt, inwieweit Gemäldebetrachtungen zur Herausbildung von Werteinschätzungen und Urteilsvermögen beitragen. Fördern sie eigene Ansichten und Kritikfähigkeit? Nach zahlreichen Gesprächen mit Kindern dieser Altersgruppe vor, während und nach Gemäldebetrachtungen glaube ich, alle Punkte bejahen zu können. Im Gespräch bilden sich Mädchen wie Jungen schnell eine – wenn auch häufig korrekturbedürftige – Ansicht zum Gemäldegeschehen, und zwar auch die erst Vierjährigen. Zur Frage nach den Möglichkeiten von Werteinschätzungen und Wertzumessung hier ein konkretes Beispiel eines Sechsjährigen, der auf die Frage der Lehrerin am ersten Schultag: „Wer sind denn eure Helden?“ wie selbstverständlich „Jesus“ angab. Während alle anderen Batman, James Bond, Pokemon u. Ä. nannten, blieb er unbefangen bei seiner Zuordnung, obwohl er nicht einem christlichen Elternhaus stammte. Seine Mutter hatte wiederholt mit ihm Museen besucht und christliche Bildinhalte erklärt.

Persönlichkeit
Elterlicher Vortrag und Frage- und Antwortspiel stimulieren das Erleben der eigenen Persönlichkeit des Kindes. Dies bewirkt vor allem die Tatsache, dass das Kind sich ernst genommen fühlt, wenn Mutter oder Vater mit ihm als vollwertigem Gesprächspartner bei einer Bildbesprechung umgehen. Seine Akzeptanz wird dem Kind anlässlich des herausgehobenen Besprechungsgegenstands, eben des Gemäldeinhalts, stärker deutlich, als bei sonstigen alltäglichen Gesprächen.

Vorstellungsfähigkeit
Bei der Vorstellungsfähigkeit geht es um zwei Dinge: (1) Sachen und Personen in Gemälden zu erfassen und (2) historisches oder gesellschaftliches Geschehen und dessen Entwicklung nachzuvollziehen. Für die Gemäldebetrachtung ist relevant, ob beim kognitiven Erfassen visuelle Wahrnehmung oder vorhandenes Wissen den Ausschlag geben. Sollte letzteres der Fall sein, so dürften Erläuterungen zu und Erklärungen von Bildinhalten von hohem Nutzen für die Ausbildung der kindlichen Vorstellungsfähigkeit sein. Folgt man der Theorie des visuellen Ansatzes, dann ist zu unterscheiden, ob das Kind vom Einzelobjekt aus wahrnimmt oder von einer Gesamtvorstellung. Mit anderen Worten: nimmt es beim Zeichnen den ganz spezifischen Tisch zur Vorlage oder geht es bei seiner Darstellung von vielen ihm begegneten Tischen aus? Welcher Ansicht man auch zuneigt, für den Nutzen der Gemäldebetrachtung zur Förderung der Vorstellungsfähigkeit kommen beide zum gleichen Ergebnis. Genaues Hinsehen, Aufnahme vieler Einzelheiten und bildliche Rezeption insgesamt fördern die Vorstellungsfähigkeit.

Alternativen
Mit elterlichem Geschick kann das Kind zu alternativen Überlegungen hingeführt werden, indem man es bei der Inhaltsanalyse des Gemäldes in die Rolle des „Untersuchenden“ drängt. Das Frageangebot hierfür ist umfangreich, angefangen von reinen Sachfragen, etwa nach den abgebildeten Tieren, Bäumen oder Blumen über Fragen nach Tages- oder Jahreszeit bis zu der Frage: „Was ist auf diesem Bild anders als bei uns zu Hause?“

Zwei Beispiele
Das Vorgehen einer gemeinsamen Gemäldebetrachtung möchte ich am Beispiel von zwei im Pariser Louvre-Museum dicht beieinander hängenden Gemälden darstellen. Es handelt sich um das „Frühstück“ von François Boucher (1703-1770) und das „Tischgebet“ von Jean Siméon Chardin (1699-1779). Beide Gemälde befinden sich im Saal 40 im Bereich „Sully“, einem etwas abseits liegenden Teil des Louvre. Diese beiden etwa zeitgleich entstandenen Gemälde (1739 bzw. 1740) der beiden herausragenden Franzosen des 18. Jahrhunderts sind etwa gleich groß (50 cm x 40 cm) und nicht mit Gegenständen, Personen und Ereignissen überfrachtet. Somit sind sie für Vier- bis Sechsjährige gut überschaubar. Nimmt man wie hier zwei Gemälde zusammen in den Blick, so kommt zur Einzelbetrachtung der Vergleich.

Die Titel der beiden Gemälde sollten zunächst nicht genannt werden. Die Kinder sollten ermutigt werden, zwischen beiden Gemälden hin und her zu wandern und ihre Beobachtungen mit den Eltern auszutauschen. Zur Auflockerung sollte man mit möglichst allgemeinen Fragen beginnen und die Antworten durch Zwischenfragen hervorlocken. Bei Boucher’s Bild zum Beispiel mit Fragen wie: „Was machen die Leute?“ (essen). „Wo befinden sie sich?“ (im Zimmer) „Was gibt es alles in den beiden Zimmern zu sehen?“ (kostbares Porzellan, goldene Löffel, schöne Sessel, eine Buddhafigur, eine silberne Teekanne, ein großer Spiegel, in dem eine Tür zu sehen ist – durch die Eltern und Kinder kommen würden, wenn sie damals dabei gewesenen wären) usw.

Nach dieser Bestandsaufnahme des ersten Bildes können die Eltern darauf hinweisen, dass dies alles damals sehr teure Gegenstände gewesen sind, es sich hiermit also um eine reiche Familie handeln muss. Danach wird sich gleich ausführlich dem Bild Chardin’s zugewendet: „Wie sehen Teller und Löffel hier aus?“ (einfache Teller, Blechlöffel). Elterlicher Hinweis auf den winzigen Holzkohleofen vorne rechts unten: „Meinst du, dass der Ofen das Zimmer schön warm gemacht hat?“ (nein, also arme Leute).

Nach der zweiten Sachaufzählung wird nach den auf den Bildern dargestellten Personen gefragt, mit Fragen wie: „Wie viele Leute sind auf den beiden Bildern?“, „Wie sind sie gekleidet?“ und „Wer sind sie wohl?“

Während das Gemälde Chardin’s von den Kindern schnell als „Mutter mit zwei Kindern, zwei Töchtern“ entziffert wird, benötigt das Gemälde von Boucher einiges an Unterstützung durch die Begleitperson. Nur Vater und die beiden Kinder sind in diesem Fall einigermaßen leicht zu bestimmen. Die beiden Frauen dagegen bereiten erhebliche Schwierigkeiten „Wer ist die Mutter?“ (die rechts Sitzende), aber „Wer und was ist die Andere, die das kleine Kind füttert?“ Ohne auf die im 18. Jahrhundert herrschende bürgerliche Gesellschaftsstruktur (die bei manchen Kindern durchaus Interesse findet) einzugehen, kann man anbieten: „Eine Tante, die zu Besuch gekommen ist.“ Oder: „Eine Schwester der Mutter, die immer in der Familie lebt.“ Oder Ähnliches. Dass es kein Dienstmädchen ist, kann auch dem Kindergartenkind erklärt werden, denn beide Frauen sind gleich elegant gekleidet und frisiert. Großes Interesse findet der Ring, den das größere Mädchen (rechts im Bild) um den Kopf trägt. Er soll beim Herumtoben den Kopf vor Verletzungen schützen, also auch im 18. Jahrhundert haben Kinder in bürgerlichen Haushalten getobt, sogar die Mädchen.

Dann wird nach der Mutter und ihren beiden Töchtern in dem Gemälde Chardin’s gefragt: „Sieh dir einmal genau an, was das kleine, vorne sitzende Mädchen mit seinen Händen macht.“ Diese und weitere Fragen führen zur gewünschten Antwort, nämlich dass sie betet. Bei aufgeweckten und ein wenig ältern Kindern (ab etwa sechs Jahren) kann eine tiefer gehende Bildanalyse folgen. Da wäre als erster Schritt die Frage nach den Zeiten, Tages- und Jahreszeit, um dann auch die Bildtitel bekannt zu geben. Bei Boucher ist es früh morgens. Die Uhr zeigt 8.00 Uhr an und die Morgensonne stahlt hell durch das Fenster. Das sagt uns auch der Bildtitel „Das Frühstück“.

Subtilere Detektivarbeit erfordert es, die Jahreszeit zu bestimmen. Sechsjährige lassen sich für diese Frage gern begeistern. Durch gemeinsames Einkreisen und Ausschließen kommen Eltern und Kinder zum Ziel. Für den Winter sind alle zu leicht gekleidet, für einen brütenden Pariser Sommer hingegen sind sie zu warm angezogen. Doch ist es Frühling oder Herbst? Die Tageszeit gibt Auskunft: um 8.00 Uhr morgens würde noch keine Sonne so strahlend scheinen, also ist es Frühling.

Bei Chardin gibt der Titel „Tischgebet“ weder zur Tages- noch zur Jahreszeit Aufschluss, auch fehlen Hinweise aus dem Bild. Man sollte die Ansicht des Kindes ohne Wenn und Aber akzeptieren: „Ja, du hast Recht, es ist sicher morgens, mittags, abends“, je nachdem, obwohl der heutige Betrachter gefühlsmäßig eher zu letzterem neigen dürfte.

Bei der Frage des Verhältnisses der Protagonisten zueinander bewegt man sich sehr sicher und gut im Rahmen des dem Kind bestens Vertrauten – der Familie. Bei Chardin wird eine innige Beziehung der drei zueinander ausgestrahlt, vielleicht ist eine Witwe zu sehen. Schwieriger wird es beim Frühstücksbild, denn die distanzierte Haltung adeliger oder großbürgerlicher Eltern zu ihren Kindern im 18. Jahrhundert kann Kindergartenkinder überfordern. Aber es gibt zwei Tatbestände, nach denen die Kinder möglicherweise fragen oder auf die man sie hinweisen kann. Denn je ausführlicher und detaillierter die Gemäldebesprechung ausfällt, um so mehr wächst beim Kind die Freude an der Malerei.

Der erste Hinweis macht dem Kind bewusst, wie wichtig genaues Hinsehen ist. Es handelt sich um den kleinen dunklen Fleck an der linken Augenbraue der Mutter: ein Schönheitspflästerchen, das es zu erklären gilt (ein kleines Stück schwarzer Taft, das auf die Haut geklebt wird). Der zweite Tatbestand betrifft die im Bildzentrum befindliche Kaffeekanne, sowie die vom Vater getragene Küchenschürze. Überraschend ist, dass beide dem Vater zugeordnet sind. Eine sechsjähriges Kind dürfte die Erläuterung verstehen: Kaffee war teuer und selten und sein Genuss wurde entsprechend zelebriert – und das war Männersache.

Nach der gemeinsamen Gemäldebetrachtung lässt man die Kinder im Museumsshop Postkarten der betrachteten Gemälde kaufen. Das frühe Heranführen an Gemälde und Malerei schließt schon fast automatisch Anschlussgespräche bei anderen Museumsbesuchen ein. So lässt sich beispielsweise bei Claude Monet’s Gemälde „Das Frühstück“ im Städel Museum in Frankfurt am Main gut an Boucher’s Gemälde anknüpfen.

Eine ausführliche Darstellung des Themas „Gemäldebetrachtung mit Kindern“ mit zahlreichen Beispielen findet sich in: Dieter Möhrmann. Familientag. Eltern und Kinder gehen ins Museum, Passau 2008.

Dr. Dieter Möhrmann ist Kunsthistoriker und lebt in Berlin.