Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Das Kinder-Museum im Deutschen Hygiene-Museum Dresden

von Petra Lutz

Ist ein Kinder-Museum ein Ort, der pädagogisch wertvolle Angebote für Kinder entwickelt und anbietet? Ein interaktives Museum zum Anfassen? Ein Kommunikationsforum, das kulturell-ästhetische Bildungsprozesse inszeniert? Oder ist es ein außerschulischer Lernort? Ein zusätzlicher didaktischer Raum im Museum, in dem die Auseinandersetzung mit den Themen einer Ausstellung vertieft werden können? Ist es eine moderne, sozialpädagogische Betreuungsstätte oder ein eigenständiger Kulturort? Ein Abenteuerspielplatz oder eine Bastelstube? Solche konzeptionellen Überlegungen standen am Anfang der Planung des Kinder-Museums im Deutschen Hygiene-Museum Dresden, das Ende 2005 eröffnet wurde. Als ständiges Angebot für Kinder zwischen vier und zwölf Jahren entstand es fast zeitgleich zur großen neuen Dauerausstellung des Museums.

Das Deutsche Hygiene-Museum hat ein Publikum aus allen Alters- und Bildungsschichten, etwa die Hälfte der Besucher sind Kinder und Jugendliche – das war bereits vor der Eröffnung des Kinder-Museums so. Sie kamen (und kommen natürlich weiterhin) in Grundschulen und Förderklassen, Kindergarten- und Hortgruppen, mit ihren Familien und Freunden oder alleine. Sie feiern Kindergeburtstage, nehmen an museumspädagogischen Aktionen teil, besuchen die ständige Ausstellung, die Sonderausstellungen – und ganz besonders die für Kinder entwickelten Mitmachausstellungen. Einige „Lern-Mit-Mach-Ausstellungen“, die vor der Eröffnung des Kinder-Museums präsentiert wurden („Klangkörper: Wie entstehen Töne? „, „Im Inneren des Körpers: Eine Reise durch verschiedene Körperorgane“ und „Mathematik zum Anfassen: Welche Bedeutung haben Zahlen für unser Leben?“), erwiesen sich als große Besuchermagneten. Nicht Schulklassen, sondern primär Einzelbesucher, junge Familien sowie Großeltern mit ihren Enkeln besuchten sie. Der Erfolg dieser Ausstellungen deutete darauf hin, dass es ein großes Bedürfnis einer bestimmten Zielgruppe nach solchen „Lern-Mit-Mach-Ausstellungen“ gab. Das Museum wurde als ein Ort des Spielens und des Experimentierens wahrgenommen und so setzte das Profil dieser Ausstellungen offenbar die Schwellenängste mancher Besucherschichten deutlich herab. Neue Zielgruppen konnten dadurch für die kulturelle Arbeit erreicht werden.

Der Erfolg dieser Ausstellungen war somit auch ein wesentlicher Anstoß dafür, neben der neuen Dauerausstellung ein Kinder-Museum zu planen. Auch die Dauerausstellung, die 2004 und 2005 sukzessive eröffnet wurde, richtet sich an ein breites Publikum – Kinder, Jugendliche und Familien eingeschlossen. Die Vermittlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen an Kinder und Jugendliche gehört zu den Kernaufgaben des Deutschen Hygiene-Museums. Gerade in diesem Zusammenhang bot ein eigenes Kinder-Museum die Möglichkeit, sich noch einmal gezielt an eine Besuchergruppe zu wenden, die sonst im kulturellen Leben eher zu kurz kommt – man könnte sagen: an die Besucher von morgen. Die Intention war, ein fokussiertes Angebot für diese Zielgruppe zu schaffen und einen zusätzlichen didaktischen Raum für vertiefte, erlebnisorientierte pädagogische Arbeit, nicht zuletzt für Gruppen, zu schaffen. Das Kinder-Museum wurde als Lernort konzipiert, nicht als Spielplatz mit kreativem Zweck. Inhalte haben Vorrang, ohne dass deswegen das Erlebnis vernachlässigt wird. Zwei zentrale Befunde der bildungspolitischen Debatten, wie sie etwa im Rahmen der PISA-Debatte auch öffentlich geführt wurden, verdeutlichten, warum ein Museum für diese Zielgruppe ein wichtiger Ort sein kann. Erstens: Gerade die frühkindlichen Erfahrungen prägen die Entwicklung des Gehirns entscheidend – Kinder brauchen Erfahrungen. Nur wenn sie aktiv werden können, können sie das Lernen lernen. Und zweitens: Die Ausstattung vieler bundesdeutscher Kindergärten und Grundschulen erschwert es teilweise, Konsequenzen aus dieser Erkenntnis zu ziehen – nicht alle Kinder werden optimal gefördert. Damit wächst die Bedeutung außerschulischer Lernorte – zum Beispiel die von Kindermuseen. Ihr weltweiter Erfolg beruht darauf, dass sie von einem erfahrungsbezogenen Lernmodell ausgehen. Sie bieten Lernumfelder, die nur nutzen kann, wer aktiv wird: hands on, minds on.

Das Kinder-Museum ist integraler Bestandteil des Deutschen Hygiene-Museums, und das hatte natürlich Folgen für die Konzeption. Das Kinder-Museum versteht sich sowohl als Ort wissenschaftlicher als auch ästhetischer Bildung. Es geht um den Menschen und – wie in der Dauerausstellung – darum, komplexe humanwissenschaftliche Sachverhalte allgemeinverständlich und diskutierbar darzustellen, wenn auch mit altersgerechten Methoden. Das für das Kinder-Museum gewählte Thema, die Sinne des Menschen, ist dafür besonders geeignet, da es an vielen interaktiven Stationen erforscht werden kann. Man könnte sagen, dass die Besucher das wichtigste Exponat der Ausstellung selbst mitbringen: ihren Körper.

Die Umsetzung und Gestaltung
Kinder sind Entdecker. Sie erobern ihre Welt mit allen Sinnen, mit dem ganzen Körper, mit Logik und Unlogik, mit Gefühl und Fantasie. Das Kinder-Museum bietet Raum für diese Entdeckerlust. Hier können Kinder mit Eltern und Freunden, Erziehern oder Lehrern lernen und experimentieren, hier dreht sich alles um die fünf Sinne und den Körper.

Ein Erlebnis- und Lernparcours führt auf etwa 500 Quadratmetern durch ganz unterschiedliche Räume – manchmal ist es heimelig wie bei der Großmutter, manchmal geht es aufregend zu wie in der Geisterbahn; mal ist es labyrinthisch, mal großzügig: Ein Dunkelbereich zum Beispiel, in dem man sich nur fühlend orientieren kann, steht neben kleineren Spiel- und Lernstationen; Angebote für alle Kinder neben solchen, die sich speziell an die ganz Großen oder die ganz Kleinen richten; Museumsobjekte, zu denen man Geschichten und Wissenswertes hören kann, neben Mitmach-Installationen, an denen Kinder alleine oder zu mehreren etwas tun können. Die Räume sind gezielt in unterschiedliche Zonen gegliedert: Es gibt Freiflächen, in denen sich Gruppen versammeln konnten, Ebenen, in denen man sich körperlich betätigen kann, aber auch Rückzugsorte, an denen man sich mit einzelnen Themen beschäftigen oder etwas anhören kann.
Viele Stationen richten sich nicht an Einzelbesucher, sondern an Gruppen oder Familien, denn Kinder kommen selten alleine ins Museum. Anlässe zu gemeinsamen Erlebnissen, zu sozialem Lernen zu bieten, war eine wichtige konzeptionelle Zielsetzung.

Das Kinder-Museum ist in vier Abteilungen gegliedert, in denen Kinder mit ihren Eltern oder Lehrern lernend und experimentierend erkunden können, wie wir sehen, fühlen, hören, riechen und schmecken. Das Thema ist zugleich das Gestaltungsprinzip: Anfassen, Ausprobieren, Mitmachen und Mitdenken sind ausdrücklich erwünscht. Das gilt für die interaktive Ausstellung, wie auch für den Garten, der noch hinzukommen wird. Auch viele Objekte können – zumindest im Rahmen von Führungen – angefasst und untersucht werden. Medien werden eher sparsam eingesetzt, die Ausstellungstexte wurden möglichst einfach formuliert, für Noch-nicht-Leser gibt es eine weiter vereinfachte Textebene zum Hören.

Die Abteilungen „Sehen“, „Hören“, „Riechen und Schmecken“ und „Fühlen“ fügen sich zu einem Erlebnis-Parcours, der zahlreiche interaktive Stationen mit ausgewählten, sorgfältig präsentierten Objekten verbindet. Letztere bieten zugleich eine kindgerechte Einführung in die Institution „Museum“ als Ort der Anschauung.

Im Zentrum jedes Bereichs steht eine große Installation, welche die Möglichkeit bietet, den eigenen Körper und seine Wahrnehmungsmöglichkeiten auf überraschende Weise kennen zu lernen. Während diese Erlebnisräume für alle Altersstufen der Zielgruppe eine Attraktion bieten und sich weitgehend selbst erklären, bieten vertiefende Stationen und Objekte altersspezifische Erlebnisse, Spielmöglichkeiten und Erkenntnisse – bis hin zur Möglichkeit, Aufbau und Funktionsweise des jeweiligen Sinnes kennen zu lernen, z.B. an anatomischen Modellen.

Das pädagogische Prinzip der gesamten Ausstellung ist einfach und entspricht zugleich den Anforderungen, die sich aus der neueren Hirn- und Lernforschung ergeben: Erst findet die Erfahrung statt, die Interesse erzeugt, dann folgen die kognitiven Lernschritte, die schließlich zum „Verstehen“ führen.

Die Abteilung „Sehen“
Das Sehen führt unsere Hierarchie der Sinne an. Der Sehsinn prägt unsere „Sicht der Dinge“ und wird von Leitmedien wie Fernsehen oder Kino pausenlos adressiert und mit Reizen überflutet. Und doch ist (bewusstes) Sehen auch etwas, was man lernen kann – nicht zuletzt im Museum. Das Auge ist unser differenziertestes Sinnesorgan, aber wie wir unsere Welt visuell wahrnehmen und bewerten, geht über die biologische Ebene noch weit hinaus.

Daher zeigt die Abteilung einerseits Aufbau und Funktion des Auges, lässt die biologisch gegebenen Grenzen des menschlichen Sehsinns erkunden (über ein Mikroskop ist zu sehen, was man eigentlich nicht sehen kann; Sehtests und Sinnestäuschungen zeigen, wie alles, was wir sehen, bereits durch das Gehirn interpretiert ist) und präsentiert interaktive Elemente, in denen zum Beispiel erforscht werden kann, wie aus vielen einzelnen Bildern in unserer Wahrnehmung ein „Film“ wird. Andererseits wird die Rolle des Sehens bei der Orientierung im Raum erfahrbar, auch wird den sozialen Aspekten des „Sehens und Gesehen-Werdens“ großer Stellenwert eingeräumt.

Um räumliche Orientierung einerseits, um „Sehen und Gesehen-Werden“ andererseits geht es auch in der zentralen Installation der Abteilung: in einem Spiegelkabinett, das einen in sich geschlossenen Bereich bildet. Hier entsteht eine labyrinthische eigene Welt, in der man sich verlaufen, sich selbst und andere aus immer wieder ungewöhnlichen Perspektiven wahrnehmen, sich verkleidet in ungewohnten Rollen wiederfinden kann, und auf allen diesen Wegen der Frage begegnet, wie wir unsere Welt wahrnehmen und wie wir irritiert werden, wenn plötzlich alles anders aussieht.
Installationen wie „Fly in a Mirror“ (hier entsteht durch eine spezifische Anordnung von Spiegeln der Eindruck, der Betrachter würde fliegen) und „Swap Faces“ (hier setzen sich zwei Besucher einander gegenüber und betrachten sich durch einen in regelmäßigen Abständen unterbrochenen Spiegel, wodurch jeder das eigene Gesicht mit dem des Gegenübers „vermischt“ sieht) verstärken diese produktive Verwirrung.

Die Abteilung „Hören“
Hier geht es darum, sich vom großen Spektrum des Themas „Hören“ faszinieren zu lassen – vom unterschiedlichen Hören unterschiedlicher Lebewesen über das Fühlen von Tönen und die Frage, auf welche verschiedene Weisen, Menschen miteinander kommunizieren können und wie Tiere kommunizieren, bis zur Musik. Hier gibt es zwei zentrale Installationen: Eine große, begehbare Klaviertastatur am Boden, über die Musik gemacht werden kann – an ihren beiden Enden geht es in den für Menschen unhörbaren Ultra- und Infraschall über – und ein Feld, in dem verschiedene Geräusche erraten werden können. Hier ist zugleich zu entdecken, wie stark auch der Hörsinn ein Orientierungssinn ist – wir können auch mit geschlossenen Augen wissen, ob wir in einem Schwimmbad sind, ob Menschen durch Schnee gehen oder ob ein Düsenjäger startet. Weitere Stationen sind etwa ein großer Gong, dessen Schallwellen den Bauch vibrieren lassen, eine Hörinstallation, an der deutlich wird, dass Fische keineswegs stumm sind, sondern ganz unterschiedliche Geräusche von sich geben, eine lange Schallröhre, durch die man sich unterhalten kann, oder unterschiedlich große Trichter, durch die das Hören jeweils verändert wird.

Die Abteilung „Riechen und Schmecken“
Zentrales Element dieser Abteilung sind „Riechsäulen“. Auf ihrer einen Seite kann man die Nase an Löcher halten und zu erraten versuchen, was man riecht, auf der anderen Seite sieht man die Geruchsquelle – etwa einen Turnschuh. In einer Tiernasen-Installation kann man erraten, welche Nase zu welchem Tier gehört – und erfährt zugleich etwas über Riechorgane und Riechvermögen unterschiedlicher Tiere. Wie (und wo) Menschen riechen und schmecken, wird an Modellen und in Filmen erklärt.

Die Abteilung „Fühlen“
Beim Thema „Fühlen“ steht die Möglichkeit, Erfahrungen zu machen besonders im Vordergrund. Wichtigster Bestandteil ist ein völlig dunkler Gang, durch den sich die Besucher tasten und dabei ganz unterschiedlichen Materialien begegnen. In einem weiteren abgedunkelten Raum können Spiele und Versuche unternommen werden – anschließend kann man bei Licht betrachten, was man zuvor produziert hat. An weiteren Stationen geht es unter anderem um Temperaturempfinden, die Möglichkeit, den eigenen Körper abzuformen, den Zusammenhang von Hören und Fühlen, das Ertasten und Beschreiben von Materialien und Gegenständen sowie den Aufbau und die Funktionsweise der menschlichen Tastkörperchen.

Das Kinder-Museum richtet sich an eine Zielgruppe, die dem Museum sehr wichtig ist – und es wird von dieser auch wahrgenommen: Bis heute hatte das Kinder-Museum über 200.000 Besucher. Wir wünschen uns, dass die Kinder nicht nur neues Wissen, sondern auch viel Begeisterung für ihre eigenen fünf Sinne aus dem Museum mit nach hause nehmen.

Petra Lutzist Historikerin, Literaturwissenschaftlerin und Kuratorin am Deutschen Hygiene-Museum in Dresden.

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