Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Das Wort GRIPS bedeutet in der norddeutschen Umgangssprache vor allem „schnelle Auffassungsgabe“, „wacher Verstand“. GRIPS ist Vernunft mit Witz; es ist Denken, das Spaß macht.

„Unsere Stücke haben kein Happy End, aber sie enden nie ohne Hoffnung“

Dr. Jörg Maywald im Gespräch mit Volker Ludwig, Dramatiker und Leiter des GRIPS Theaters. Das GRIPS Theater in Berlin gilt als das berühmteste Kinder- und Jugendtheater der Welt.

Maywald: Seit mehr als 35 Jahren gehen Kinder ins GRIPS Theater. Warum lieben Kinder das GRIPS?

Ludwig: Das GRIPS Theater hat damit angefangen, die Realität auf die Bühne zu bringen. Bis dahin bestand die Tradition des Kindertheaters beinahe ausschließlich aus Weihnachtsmärchen. Dies war Theater auf einem zumeist sehr niedrigen Niveau, das vor allem dazu da war, viel Geld zu verdienen. Aus einem politischen Kabarett heraus, das von der Studentenbewegung geprägt war, fingen wir an, ein Kindertheater zu machen, das sich mit den Problemen der Kinder beschäftigte. Wir haben damals die Kinder als eine unterdrückte Klasse angesehen. Und es war ja wirklich so: die Kinder waren damals in einer Weise unterdrückt, wie man es sich heute gar nicht vorstellen kann. Unsere ersten Stücke nannte man die antiautoritären Stücke. Unser Hauptbestreben war damals, das Selbstwertgefühl der Kinder zu stärken. Und das hat sich dann immer mehr psychologisiert und weiterentwickelt. Heute ist das GRIPS ein Theater, das die Probleme seines Publikums – darunter Kinder, Jugendliche und Erwachsene – aufnimmt und daraus wirkungsvolle und sinnvolle Stücke macht. Die Kinder lieben das GRIPS, weil es vom Kabarett geprägt ist. Das heißt, es gibt sehr viel zu lachen, die Stücke sind komödiantisch, musikalisch, sie enthalten Lieder, die sie gleich mitsingen können. Vor allem können sich die Kinder mit den Kindern auf der Bühne identifizieren. Die Stücke werden aus Kindersicht erzählt und sie handeln von Problemen, die die der Kinder sind. Es ist eine Art Lebenshilfe, was wir machen. Unsere Stücke haben kein Happy End, aber sie enden nie ohne eine Hoffnung.

Maywald: Sie haben das GRIPS Theater einmal als „Mutmach-Theater“ bezeichnet. Was meinen Sie damit?

Ludwig: Das GRIPS ist ein Theater, bei dem sich die Kinder mit ihren Sorgen und Nöten wieder erkennen. Sie sehen, dass sie mit den Problemen, die sie haben, nicht alleine sind, dass es anderen genauso geht wie ihnen. Und dann fangen sie an, darüber miteinander zu reden, was sie sich vorher zum Teil nicht getraut haben. Die Lehrer oder Erzieherinnen haben sich oft gewundert, wie sich die Kinder plötzlich öffneten und von zu Hause erzählten, weil sie merkten, sie stehen damit nicht allein. Dies hat eine befreiende Wirkung, und so wurden wir bald „emanzipatorisches Theater“ getauft. Dieser Begriff stammt nicht von uns selbst, sondern ist von den pädagogischen Hochschulen geprägt worden. Aber es ist ein Begriff, den wir gerne annehmen. Die Stücke enden mit dem, was wir „konkrete Utopien“ genannt haben. Sie regen die soziale Phantasie der Kinder an. Im besten Falle eröffnen sie ihnen eine Perspektive für ihr eigenes Leben.

Maywald: Der Begriff „Grips“ bedeutet „wacher Verstand“, kann aber auch – wie es auf Ihrer Website heißt – mit „Spaß am Denken“ übersetzt werden. Bringen Sie Kinder durch Ihre Stücke zum Denken?

Ludwig: Ja sicher, der Verstand ist bei uns überhaupt nicht ausgeschaltet. Kinder sind ja schwächer als die Erwachsenen. Und sie können sich nur mit zwei Mitteln durchsetzen: das eine ist Solidarität, also indem sie sich zusammentun. Und das andere ist der Witz, den sie haben. Und der wird bei uns sehr gefördert und ist sehr beliebt. Kinder haben kaum Zugang zu Ironie, aber sie haben einen großen Spaß an Wortwitz.

Maywald: Wenn Sie einmal zurückblicken, in welcher Weise unterscheiden sich die Kinder heute von den Kindern zu Beginn der 1970er Jahre?

Ludwig: Die Kinder unterscheiden sich sehr viel weniger, als immer wieder vermutet wird. Oft wird vermutet, dass die Kinder aufgrund der Fernsehgewohnheiten heute weniger konzentrationsfähig sind. Das ist nicht so, die Kinder sind nach wie vor fasziniert vom Theater, weil im Theater lebendige Menschen sind. Oft sagen Kinder: „Die sind ja echt“. Und das ist für sie eine Sensation. Gerade Kinder, die besonders viel vor der Mattscheibe sitzen, sind besonders begeistert. Manche Kinder im Publikum machen solange auf sich aufmerksam, bis ein Schauspieler sich zu ihnen umdreht, und dann haben sie den Beweis: der ist extra für mich da. Das finden sie sehr schön.

Maywald: Was macht Theater für Kinder unersetzlich?

Ludwig: Theater ist eben immer live. Es ist wirklich der lebendige Schauspieler und das einmalige Ereignis, das auf der Bühne stattfindet. Jede Vorstellung ist anders, je nach Publikum. Bei uns sitzen die Kinder um die Bühne herum, sie schauen auf die Schauspieler herunter. Wenn sie alle ihre Füße ausstrecken würden, könnte man nicht weiterspielen. Und das ist auch ein Risiko. Man muss so spannend spielen, dass die Kinder gar nicht auf die Idee kommen aufzustehen und auf die Bühne zu laufen, was sie natürlich könnten. Wir machen kein Mitspieltheater, was auch nicht ginge, denn dann müssten wir ja jedes einzelne Kind beteiligen. Aber die Kinder sehen sich gegenseitig und die Schauspieler hören, was die Kinder sagen. Es ist also ein sehr kommunikatives Ereignis, das bei uns stattfindet. Bei uns wird nicht einfach brav geklatscht, sondern da wird getrampelt und gebrüllt und gerufen. Und dann versuchen die Kinder auch, mit den Schauspielern in Kontakt zu treten und bewundern sie dafür, wie gut sie Kinder gespielt haben. Sie wundern sich dann manchmal, wie groß die Schauspieler sind, weil sie sie auf der Bühne klein gesehen haben.

Maywald: Es fällt auf, dass auch viele Erwachsene gern ins Kindertheater gehen. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Ludwig: Meistens kommen die Kinder zunächst in einer Schulklasse zu uns, was sehr wichtig ist, denn neunzig Prozent der Kinder würden nie mit ihrer Familie ins Theater gehen. Die Kinder lernen in der Regel nur durch die Schule das Theater kennen. Bei bürgerlichen Familien, die es gewohnt sind, ins Theater zu gehen, kommen die Erwachsenen sehr schnell mit. Diese Eltern erleben dann, dass unsere Stücke zwei Ebenen haben. Da wir wollen, dass auch die Erwachsenen Spaß haben, werden sie in unseren Stücken manchmal ironisch gezeichnet, damit sie etwas von sich wieder erkennen, ohne dass dies die Kinder stört. Es gab eine Zeit, in der diejenigen Zuschauer, die üblicherweise in die Staatstheater gehen, zu uns strömten und sagten „Realität findet dort gar nicht mehr statt, Realität findet eigentlich nur bei euch statt.“

Maywald: Aus einem der ältesten GRIPS Stücke mit dem Titel „Ruhe im Karton“ stammt das Lied „Wir werden immer größer“. Dort finden sich die für Erwachsene ernüchternden Zeilen: „Große bleiben gleich groß, oder schrumpeln ein. Wir werden immer größer, ganz von allein.“ Warum sind ältere Menschen für Kinder wichtig?

Ludwig: Natürlich durch ihre Erfahrungen, das ist ganz klar. Die Kinder spiegeln sich ja auch in den Erwachsenen. Sie überlegen, wie sie selbst später einmal sein werden.

Maywald: Sie haben viel mit Kindern zu tun. Wie reagieren Kinder auf Sie als älterer Mensch?

Ludwig: Ich habe einen Sohn, der ist jetzt dreizehn. Das heißt, ich bin ein später Vater. Oft werde ich von anderen Leuten nicht als sein Vater, sondern als sein Großvater erkannt. Ich hatte immer Angst, dass mein Sohn mit einem so uralten Vater Probleme bekommt. Aber die bekommt er überhaupt nicht. Er macht sich lustig über diese Leute, die so blöd sind und nicht erkennen, dass ich der Vater bin. Viele konventionelle Vorurteile haben Kinder gar nicht, weil sie sehr direkt sind: Was sagt er? Wie ist er und wie benimmt er sich? Kinder erkennen auch bei Erwachsenen, ob sie mit ihnen können oder nicht. Auch wenn Kinder von Erwachsenen gespielt werden und versuchen, sich beim Spielen zu den Kindern herunterzuneigen, dann sagen Kinder sofort „Der spielt ja so babyhaft“. Jede Form der Anbiederung durchschauen Kinder sofort. Ich werde oft gefragt, wie ich als alter Mann Kindertheaterstücke schreiben kann. Das Alter hat damit gar nichts zu tun. Man muss einfach über das, worüber man schreibt, gut Bescheid wissen. Das ist altersunabhängig. Es gibt ja auch sechzehnjährige Greise.

Maywald: Das bedeutet, dass sich Menschen über alle Altersgrenzen hinweg begegnen können?

Ludwig: Das ist überhaupt kein Problem. Es gibt viele Freundschaften zwischen Kindern und alten Leuten. Ältere Menschen sind diejenigen, die wieder etwas mehr Zeit haben. Deswegen sind späte Väter oft gute Väter, weil sie die Fehler nicht noch einmal wiederholen. Die Kinder kommen ja immer zum schlimmsten Zeitpunkt, wenn man mitten in der Karriere ist und dann keine Zeit hat. Wenn man dann etwas älter ist, hat man wieder mehr Zeit.

Maywald: Das GRIPS Theater ist ein Theater für Kinder. Gab oder gibt es Überlegungen, das Theater für Kinder durch ein Theater mit Kindern oder von Kindern zu ergänzen?

Ludwig: Als kleines Theater mussten wir uns zunächst auf unsere Produktionen konzentrieren. Wir haben viel mit Kindern gearbeitet, aber eigentlich nur für den Zweck, dass die Stücke möglichst gut werden. Viele Kinder wollen dann unsere Stücke nachspielen, meistens wortwörtlich nachspielen, damit sie wie die Schauspieler sind. Und bei guten Lehrern kam es vor, dass die Kinder dann ihre eigenen Stücke spielten und dabei ihre Erfahrungen von zu Hause einbrachten. Was dort gespielt wurde, fanden wir sehr schön, aber das konnten wir nur von außen betrachten. Manchmal wurden in den Schulen Stücke gespielt, zu denen die Eltern nicht eingeladen wurden, weil die Kinder zu viel über das Elternhaus verraten haben. Heute haben wir vier Theaterpädagogen. Das ist notwendig, um überhaupt das Theater zu füllen. Nach dem Abgang der 68er-Generation ist es sehr viel schwerer geworden, Lehrer zu überreden, mit den Kindern ins Theater zu gehen.

Maywald: Stücke des GRIPS Theaters werden weltweit gespielt. Sind die Themen Ihrer Stücke universell?

Ludwig: Bei unseren Kinderstücken sind die Themen universell, weil die Grundprobleme der Kinder auf der ganzen Welt ähnlich sind. Das am meisten gespielte Stück ist „Max und Milli“, das in dreißig Ländern in allen Erdteilen aufgeführt wurde. In diesem Stück geht es um Freundschaft und um die Begegnung zwischen Kindern unterschiedlicher sozialer Klassen. Wenn ein Kind sein Geld verliert, ist das auf der ganzen Welt eine Katastrophe. Oder auch, wenn bei zwei Geschwistern der Junge ängstlicher ist als das Mädchen. Diese Themen sind auf der ganzen Welt aktuell und bekommen lediglich unterschiedliche Akzente. In Hongkong beispielsweise haben Kinder keine Angst vor Dunkelheit, weil es dort immer hell ist. In Indien ging es um die Begegnung zwischen zwei Brahmanenkindern und einem Kind einer unteren Kaste. Dieses Thema war in Indien viel explosiver als bei uns.

Maywald: Wird Kindertheater in unserer Gesellschaft als Kunst ausreichend wahrgenommen und wertgeschätzt?

Ludwig: Durch die lange und elende Tradition des Weihnachtsmärchens war diese Wertschätzung lange Zeit überhaupt nicht gegeben. Das musste sich erst entwickeln. Ende der 1960er Jahre haben wir mit dieser Art von Theater angefangen. Weitere sind gefolgt, während es in anderen Ländern wie Schweden oder Holland längst selbstverständlich war, so eine Art des realistischen Theaters von guten und professionellen Schauspielern anzubieten, die sich beruflich darauf konzentrierten. Geholfen hat natürlich, dass wir auch Jugend- und Erwachsenen-Theater machten. Wir waren beim Theater-Treffen in Berlin eingeladen, wir waren auf internationalen Festivals, und das hat natürlich nicht nur unserem Theater, sondern dem Genre insgesamt geholfen. Das Kinder- und Jugendtheater ist heute sehr pluralistisch. Wir mit unserem realistischen Ansatz sind in der Minderheit. Unsere Stücke werden sehr viel mehr im Ausland nachgespielt als in Deutschland, weil jetzt eine andere Art von Theater Mode ist.

Maywald: Von Karl Valentien stammt der Satz „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“. Wie viel Arbeit macht das GRIPS und ist seine Zukunft gesichert?

Ludwig: Kindertheater macht unendlich viel Arbeit. Ein Theaterleiter aus Russland hat einmal gesagt, „Kindertheater muss sein wie Erwachsenentheater, nur besser“. Kindertheater ist anstrengender als Erwachsenentheater, denn Kinder sind nicht höflich. Wenn etwas nicht funktioniert, dann geht dies auch während der Vorstellung daneben. Dann stehen die Kinder auf und unterhalten sich. Bei Kindern ist sehr schnell nachprüfbar, ob etwas funktioniert. Was die Zukunft angeht, so muss sich das Kinder- und Jugendtheater seine Position immer wieder erkämpfen. Das ist auch heute noch so. Wir haben es gerade wieder einmal geschafft, in sämtlichen Feuilletons der Berliner Zeitungen zu erscheinen. Aber bei jedem neuen Kulturchef fängt der Kampf von vorne an. Das GRIPS hat hier wegen seiner Erfolge auch im Erwachsenentheater eine Ausnahmestellung, aber andere Theater erscheinen kaum auf den Kulturseiten der Zeitungen. Es ist nach wie vor ein Kampf, wirklich anerkannt zu werden. Und das betrifft natürlich auch die Finanzen. Wir sind zwar das höchstdotierte private Kinder- und Jugendtheater in Deutschland, aber wenn man es mit einem kleineren Staatstheater wie zum Beispiel dem Maxim Gorki Theater in Berlin vergleicht, dann bekommen die das Vierfache. Das ist einfach so, und das findet auch jeder selbstverständlich und klagt darüber, wie wenig das Gorki Theater bekommt. Manche glauben immer noch, dass die Schauspieler eines Kindertheaters nur halb so viel essen oder in Kinderbetten schlafen. Als Autor habe ich mir zwar eine eigene Produktionsstätte geschaffen, aber meine Haupttätigkeit besteht weiterhin darin, um die Finanzen zu kämpfen. Deshalb habe ich kaum mehr genügend Zeit zum Schreiben.

Maywald: Welche Themen sollte das Kindertheater Ihrer Meinung nach in den kommenden Jahren aufgreifen?

Ludwig: Realistisches Theater heißt, sich mit der Realität zu befassen. Formal-stilistisch kann dies auf sehr unterschiedliche Weise geschehen. Wir haben auch mit Metaphern und Märchenbildern gearbeitet, wenn man auf diese Weise am besten erzählen konnte, worum es geht. Wir beschäftigen uns mit den wechselnden Problemen der Kinder und Jugendlichen. Das ist auch der Grund dafür, weshalb wir nach vierzig Jahren noch mit dem gleichen Elan und dem gleichen Niveau existieren. Die Probleme hören nie auf und sie wandeln sich ständig. Eine permanente Sinnsuche wie bei anderen Theatern besteht bei uns nicht. Wir wissen, warum wir Theater machen, denn wir haben unserem Publikum etwas zu sagen.

Maywald: Gibt es Themen, die sich neu am Horizont abzeichnen?

Ludwig: Wenn ich überlege, was wir als nächstes bearbeiten, dann geht es um Probleme wie die so genannte neue Armut. Typisch für Berlin sind auch die Probleme von illegal hier lebenden Menschen. Außerdem ist das Zusammenleben mit – wie es so schön heißt – Menschen mit Migrationshintergrund ein ganz wesentliches Thema für die nächsten Jahre.

Maywald: Wenn Sie einmal eine Zwischenbilanz ziehen, was hat das GRIPS bewirkt?

Ludwig:Das GRIPS Theater hat die Theaterlandschaft verändert. Bis auf wenige Ausnahmen gab es zuvor keine Kinder- und Jugendtheater. Es gab eben nur die Weihnachtsmärchenaktionen. In den 1970er Jahren entstanden dann viele neue Theater, die nicht nur an Weihnachten, sondern das ganze Jahr über Kindertheater spielen, und die heute ihr eigenes Profil haben. Außerdem haben wir das Bewusstsein geschärft. Die allgemeine Einstellung gegenüber Kindern hat sich gegenüber der Zeit vor 1968 sehr gewandelt. Und dazu haben wir sicher ein bisschen beigetragen. In vielen Schulbüchern sind heute Lieder abgedruckt wie „Wir werden immer größer“, „Doof gebor`n ist keiner“, „Trau dich“ oder „Wir sind Kinder einer Erde“. Das sind Lieder, die zur Bewusstwerdung und zur Emanzipation beitragen.