Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Die Tagespflege-Skala (TAS)

Ein Instrument zur Feststellung und Unterstützung pädagogischer Qualität in der Kindertagespflege

von Eveline Gerszonowicz

Die Kindertagespflege bietet Kindern vor allein in den ersten Lebensjahren eine familiennahe Betreuung, bei der die individuellen Bedürfnisse besonders berücksichtigt werden können. Die Tagesmutter hat die Möglichkeit und die Zeit, sich einzelnen Kindern zuzuwenden. Sie ist grundsätzlich in der Lage, individuelle Förderung oder auch spezielle Ernährung bei gesundheitlichen Problemen anzubieten.

Die Privatheit, in der Tagespflege stattfindet, macht es schwer, fachliche Kontrolle auszuüben. Insbesondere die pädagogischen Fähigkeiten der Tagespflegebewerberinnen zu beurteilen fällt schwer, wenn keine objektiven Kriterien und fachlich begründeten Standards vorhanden sind. Mit der Tagespflege-Skala legen wir ein Verfahren vor, mit dem die pädagogische Qualität in Tagespflegestellen differenziert ermittelt werden kann. Es können Stärken und auch Schwächen bestimmt und damit die Grundlagen für eine systematische Qualitätsverbesserung gewonnen werden. Die Tagespflege-Skala (TAS) dient damit beidem: einer Qualitätsfeststellung nach international anerkannten Kriterien und einer systematischen Qualitätsentwicklung in den Tagespflegestellen.

Die Tagespflege-Skala geht auf die Family Day Care Rating Scale (FDCRS) von Thelma Harms und Richard Clifford (1989) zurück. Inzwischen wird diese Skala in vielen Ländern genutzt und es gibt ein weltweites Netz internationaler Zusammenarbeit. Zahlreiche Wissenschaftler haben die FDCRS bisher in Studien zur Feststellung pädagogischer Qualität eingesetzt und konnten bedeutsame Beziehungen zwischen den Ergebnissen dieser Qualitätsfeststellung und Merkmalen der kindlichen Entwicklung finden. Die vorliegende Form der TAS ist das Ergebnis einer mehrjährigen Erprobung.

Qualitätskonzept der TAS
Pädagogische Qualität rückt die Sichtweise und das stellvertretend wahrgenommene Interesse des Kindes an guter Bildung, Betreuung und Erziehung in den Mittelpunkt und macht diese zum Maßstab für die Qualität einer Tagespflegestelle. Diese Sichtweise stellt zweifellos eine Fokussierung des Blickwinkels dar, wodurch andere, durchaus auch berechtigte Sichtweisen auf die Qualität einer Tagespflegestelle ausgeblendet werden (z.B. hinreichend entlohnte Arbeit). Wir gehen jedoch davon aus, dass dem Wohlbefinden und der Förderung von Kindern Priorität zukommt.

Pädagogische Qualität ist in einer Tagespflegestelle dann gegeben, wenn diese das Kind körperlich, emotional, sozial und intellektuell fördert, seinem Wohlbefinden sowie seiner gegenwärtigen und zukünftigen Bildung dient und damit auch Familien in ihrer Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungs¬verantwortung für das Kind unterstützt. Wir unterscheiden drei Ebenen pädagogischer Qualität:

Pädagogische Orientierungsqualität: Sie bezieht sich auf das Bild vom Kind, das die Tagesmutter hat, ihre Auffassungen über die Bildung und Entwicklung von Kindern, über Bildungsinhalte, über Erziehungsziele und Erziehungsmaßnahmen, über die Aufgaben von Familie und Tagespflegestelle, ihre Zusammenarbeit.

Pädagogische Strukturqualität: Sie bezeichnet die Rahmenbedingungen der Tagespflegestelle. Sie umfasst personale Merkmale wie das Ausbildungsniveau von Tagesmüttern, soziale Merkmale wie Anzahl und Alter der betreuten Kinder und räumlich-materiale Merkmale wie Anzahl und Ausstattung der zur Verfügung stehenden Räume.

Pädagogische Prozessqualität: Sie bezieht sich auf die Dynamik des pädagogischen Geschehens, den Umgang mit dem Kind, auf entwicklungsangemessene, bildungsfördernde Anregungen, auf die Bedürfnisse der Kinder abgestellte Interaktionen und die konkrete Zusammenarbeit mit den Eltern.
Die TAS gibt einen umfassenden Überblick über die pädagogische Qualität der Prozesse in einer Tagespflegestelle. Prozessqualität wird dabei in einem breiten Sinne verstanden. Sie beinhaltet auch gewisse Voraussetzungen wie konzeptionelle Aspekte, Aspekte der räumlich-materiellen Ausstattung und ihrer Nutzung, insbesondere aber solche der bildungs- und entwicklungsfördernden Interaktionen zwischen Tagesmutter und Kindern sowie den Kindern untereinander. In diesem Sinne verstehen wir unter pädagogischen Prozessen all das, was den konkreten Erfahrungs- und Erlebnisraum eines Kindes in der Tagespflegestelle unmittelbar gestaltet und beeinflusst.

Aufbau der TAS
Die TAS beinhaltet 35 Merkmale. Jedes Merkmal beinhaltet verschiedene Aspekte, die das Merkmal differenziert beschreiben. Die 35 Merkmale sind in sechs übergeordneten Bereichen zusammengefasst.

(1) Platz und Ausstattung (6 Merkmale): Die Merkmale beziehen sich auf die Größe der Tagespflegestelle, die Ausstattung mit Mobiliar und Materialien sowie die räumliche Gestaltung.
(2) Betreuung und Pflege der Kinder (7 Merkmale): Die Merkmale beschreiben die Gestaltung von Begrüßung/Verabschiedung, Mahlzeiten, Ruhe- und Schlafzeiten, Körperpflege.
(3) Sprachliche und kognitive Anregungen (4 Merkmale): Die Merkmale erfassen Materialien, Aktivitäten und Anregungen der Tagesmutter, die die Kinder unterstützen, grundlegende Sachverhalte und Zusammenhänge in ihrer Umwelt zu erfassen und die ihren kommunikativen Bedürfnissen und Fähigkeiten gerecht werden und diese weiterentwickeln.
(4) Aktivitäten (9 Merkmale): Die Merkmale erfassen Materialien, Aktivitäten und Anregungen der Tagesmutter, die es den Kindern ermöglichen, ihre Umwelt in vielfältiger Weise zu erkunden, kreativ zu gestalten und ihre Interessen, Fähigkeiten und Fertigkeiten weiter zu entwickeln.
(5) Soziale Entwicklung (5 Merkmale): Die Merkmale beschreiben die Verantwortung und Rolle der Tagesmutter bei der Gestaltung der Eingewöhnungsphase, des Zusammenlebens mit den Kindern und der Übergänge in andere Institutionen sowie die Atmosphäre der Beziehungen zwischen allen Beteiligten und das Klima hinsichtlich Akzeptanz und Toleranz.
(6) Tagesmutter und Eltern/Betreuungsperson (3 Merkmale): Die Merkmale beziehen sich auf die Zusammenarbeit mit den Eltern, die Balance zwischen Betreuung und anderen Aufgaben, Möglichkeiten der Fortbildung, notwendiger Reflexion und Evaluation.

Beschreibung der Skalenstufen
Die einzelnen Merkmale haben die Form von Einschätzskalen mit sieben Bewertungsstufen der pädagogischen Qualität von 1 = unzureichend bis 7 = ausgezeichnet. Die ungeraden Skalenstufen (1, 3, 5, 7) sind inhaltlich beschrieben. Angegeben sind jeweils ein oder mehrere Aspekte, deren Vorhandensein die Qualitätsstufe charakterisieren. Die Einschätzung der Merkmale wird hauptsächlich auf der Basis einer mindestens dreistündigen Beobachtung in einer Tagespflegestelle vorgenommen.

Nutzungsmöglichkeiten der TAS
Die TAS kann sowohl als Verfahren der Fremdeinschätzung als auch der Selbsteinschätzung genutzt werden: Für Tagesmütter kann die TAS eine fachliche Unterstützung darstellen. Stärken und Möglichkeiten der Veränderung können aufgrund der differenzierten Beschreibung der Merkmale identifiziert werden. In der Aus- und Fortbildung von Tagesmüttern können die in der TAS enthaltenen Qualitätskriterien für die reflektierende Auseinandersetzung mit Qualitätsfragen, für die persönliche Entwicklung eines professionellen Verständnisses von pädagogischer Qualität wie auch für eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Ansätzen zur Qualitätssicherung genutzt werden. Jugendamtsmitarbeiter(innen) können die TAS als objektives Verfahren bei der Eignungsfeststellung ergänzend zu Hilfe nehmen. Nicht zuletzt eignet sich die TAS für wissenschaftliche Untersuchungen in Tagespflegestellen.

Die Literaturangaben sind über die Geschäftsstelle erhältlich.

Dr. Eveline Gerszonowicz ist Diplom-Pädagogin und Leiterin des Fachbereichs Kindertagespflege bei der Familien für Kinder gGmbH in Berlin.