Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Buchrezensionen

„Best Practise“ im Bereich Fingerspiel

Muss ich das haben: noch ein Buch – noch mehr Fingerspiele? Ja! Denn es sind gute: praxis-erprobt, künstlerisch gestaltet, handwerklich meisterhaft, in präziser Ausarbeitung. Sie vermitteln Spielfreude und wecken kindliche Begeisterung, indem sie die Vielfalt der Natur einfangen.

Wilma Ellersiek, Folkwangschülerin, Dozentin für Schauspiel und Sprecherziehung, bis 1983 Professorin für „Rhythmik in der Vorschulzeit„ an der Musikhochschule Stuttgart entwickelte in den 1960er Jahren ein Spielkomplexmodell für Mutter und Kind, eine Elternschule auf musikalisch-rhythmischer Basis.

Es entstand ein Fundus an Spielideen, Liedern, Hand- und Körpergestenspielen, der jahrzehntelang in Kindergärten und Spielgruppen mündlich weitergegeben wurde. Im Verlag Freies Geistesleben konnten in den letzten Jahren viele dieser kleinen Werke in einer Reihe erscheinen.

Im neu erschienen Buch „Wer schleicht heran mit leiser Tatz?“ werden die Vertreter der heimischen Fauna, wie Hase, Fisch, Igel und „Quakulein und Brummelbein„ in Geschichten, Liedern und Gedichten durch Wort, Klang und Geste lebendig, nachdem zu Anfang in den ellersiekschen Ansatz und die Grundlagen der Technik von Körper und Stimme eingeführt wird.

Eine Zeile für Zeile, Bewegung für Bewegung ausgeschriebene Choreografie und kleine Zeichnungen erleichtern das Erlernen. Wer als Elternteil, Familienbildner(in) oder Erzieher(in) in die nötige Probenarbeit investiert, erobert sich Kleinode und wird zum Finger- und Gestenkünstler, der dann „ganz Mensch ist„, wenn er für und mit seinem kleinen Publikum spielt.

Stella Valentien

Wilma Ellersiek
Wer schleicht heran mit leiser Tatz?
Handgesten- und Bewegungsspiele mit Tiermotiven
Verlag freies Geistesleben 2005, 117 Seiten
19,90 Euro

Musik als Brücke zum verlorenen Paradies

Was macht Menschen im Gegensatz zu Tieren über alle Kulturen hinweg so empfänglich für Musik? Wie erklärt sich der große Einfluss von Musik auf unsere Gefühle und unser Befinden?

Die Beiträge des von Bernd Oberhoff herausgegebenen Sammelbandes beleuchten die Bedeutung der vor- und nachgeburtlichen Erfahrungen unseres frühen Lebens für unsere musikalischen Fähigkeiten.

In faszinierenden, manchmal verblüffenden und durchweg spannenden Thesenbildungen laden die überwiegend verständlich geschriebenen Texte dazu ein, sich in die Wahrnehmungswelt des sich entwickelnden Menschen hineinzufühlen und den Zusammenhang von Bewegung, Rhythmik und Melodie und dem Entstehen von Gefühlen und dem Bezogensein auf ein Du zu erkunden.

Zunächst wächst beim Fötus die Empfindlichkeit der Haut heran. Er fühlt die eigenen Bewegungen und seine Lage in der Gebärmutter. Gleitend, schwebend, gewiegt- und geschaukelt werdend erlebt er das Einssein mit naturhaften Kräften und Elementen.
Etwa in der Mitte der Schwangerschaft tritt eine neue Qualität hinzu: der Hörsinn. Der kleine Mensch kann nun die Geräusche des mütterlichen Körpers, des Herzschlags, der Körperbewegungen, der Nahrungsaufnahme und –verdauung, der Atmung sowie die menschliche Stimme wahrnehmen, die laut Oberhoff dem Kind erstmalig die Teilhabe am Gefühl eines Anderen ermöglicht. Das Kind schwingt mit den Stimmbewegungen mit und bekommt eine „Ahnung und ein Gefühl für die Erfahrung von Begegnung und Beziehung“.

Die Fähigkeit zu diesen Sinneswahrnehmungen bildet das Bindeglied zwischen den vor- und nachgeburtlichen Erfahrungswelten des Kindes. So kann es durch die zugewandte Fürsorge seiner Bezugspersonen, durch beruhigendes Streicheln, Schaukeln und Sprechen auch nach der Geburt die Erfahrung des Aufgehobenseins machen.

In diesem Sinne ist Musik mit ihren Elementen von Rhythmik, Melodie und Harmonie ein Weg, die vorgeburtliche Urgeborgenheit immer wieder neu zu erahnen und zu erleben.

Marita Salewski

Bernd Oberhoff (Hg.)
Die seelischen Wurzeln der Musik
Psychoanalytische Erkundungen

Psychosozial Verlag 2005, 155 Seiten
19,90 Euro