Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Lasst Kindheit klingen!

Ein Plädoyer für eine Erziehung mit und durch Musik

von Dorothée Kreusch-Jacob

Lange bevor ein Kind geboren wird, beginnt seine musikalische Biografie. Im Klangraum Mutterleib reagiert es auf Musik und Melodien, die die Mutter hört. Es nimmt die Vibrationen ihrer Stimme mit dem ganzen Körper wahr – und hört ihren Herzschlag, den Ur-Rhythmus des Lebens. Diese Biografie schreibt sich später weiter in allem, was an Klängen, Tönen und Geräuschen an sein Ohr dringt. Und wir alle schreiben sie mit, ob Eltern, Erzieher oder Lehrer, indem wir mit Kindern singen, musizieren, gemeinsam Musik hören oder tanzen.

„Musik ist die Hefe im Teig!” – Unterstützung der Intelligenzentwicklung und Ganzheitlichkeit durch Musik

Bereits in der Antike sahen Philosophen und Mathematiker eine enge Verbindung zwischen Musik und Intelligenz. Sokrates hielt die Musik gar für die Grundlage einer guten Erziehung: Was damals galt, ist bis heute aktuell und wird gerade in letzter Zeit von vielen Wissenschaftlern bestätigt. Ihre Studien und Versuche zeigen auf beeindruckende Weise, wie sich Musik auf die kindliche Entwicklung auswirkt.

Musik berührt uns nicht nur im Innersten, sondern weckt auch verschiedenste Begabungen in uns. Langzeitstudien (z.B. Hans Günther Bastian an Berliner Grundschulen) haben ergeben, dass Musizieren bei Kindern sich nicht nur auf Ihre Intelligenz auswirkt, sondern auch ihre sozialen Fähigkeiten entwickelt. So wurde festgestellt, dass Musik sie einfühlsamer, erlebnisfähiger, toleranter, kommunikativer und ausgeglichener macht. Die frühe Begegnung mit Musik sensibilisiert nicht nur die Sinne und das kindliche Wahrnehmungsvermögen, sie fördert Fantasie und Kreativität, macht Kinder emotional stark, kann Ängste und Spannungen lösen. Im Spiel mit Klängen und Tönen können sie bereits früh Kompetenzen entwickeln, die sie brauchen, um Lernen zu lernen. Die Ergebnisse von Hirnforschern und Intelligenzforschern sprechen von einer intensiven Transferleistung des Musizierens zwischen unserer Gefühlswelt und dem abstrakten Denken und Verarbeiten von Informationen. Deshalb sollte jedes Kind, ohne Einschränkung auf etwaige spezielle „Begabung”, schon früh in den Genuss einer intensiven musikalischen Förderung kommen. Schon in Familie und Kindergarten bietet sich dafür eine Fülle von Möglichkeiten, Musik in ihrem wunderbaren Wesen Kindern nahe zu bringen.

Musikalische Erziehung ist im Sinne einer ganzheitlichen Erziehung und Förderung eine Notwendigkeit und Chance für jedes Kind. Eine einseitig kognitive Förderung, die in der PISA-Debatte immer wieder gefordert wird, kann und wird in eine Sackgasse führen. Denn nach Ansicht der Hirnforschung ist Gleichgewicht angesagt: horchen, singen, sich bewegen, tanzen, Rhythmus erleben, den eigenen Körper spüren und beherrschen, ein Instrument spielen – und dabei mit anderen kommunizieren. So kann Musik die kindliche Persönlichkeitsentwicklung positiv beeinflussen und Fähigkeiten und Kompetenzen entwickeln, die weit über einen rein musikalischen Rahmen hinausgehen. „Bei Bildung geht es immer um den ganzen Menschen. Wer sich nur an die Köpfe der Menschen wendet, der hat nicht den ganzen Menschen erreicht. Darum ist Musik so wichtig, sie ist eben nicht die Sahne auf dem Kuchen, sondern die Hefe im Teig“ (Alt-Bundespräsident Johannes Rau am 7.11.2003).

„Muttersprache” Musik

„Es musiziert in jedem Kind, ob es das weiß, will oder nicht” (Hans Günther Bastian).
Wenn wir ganz selbstverständlich Musik als Sprache der Sinne in den Alltag mit Kindern hineinnehmen, werden wir kaum mehr zwischen „musikalischen” und scheinbar „unmusikalischen” Kindern unterscheiden können. Wir werden es nicht mehr wagen, ein Kind für unmusikalisch zu halten – denn jedes Kind ist musikalisch! Musikalität bedeutet im Grunde nichts anderes, als offen sein für alles, was klingt; nichts anderes, als sich von Musik berühren zu lassen, sich die eigene musikalische Sprache und die gewachsene Sprache unserer Kultur Schritt für Schritt zu erobern.

Welches Kind hätte diese Gabe nicht? Wie auf allen Gebieten seiner Entwicklung läuft der Weg, den es dabei einschlägt, über die Sinne. Spielerisch und voller Neugier erweitert es im Laufe der Zeit allmählich seine musikalischen Möglichkeiten. Und kann dadurch das weiterentwickeln, was bereits in ihm angelegt ist.

Gestehen wir ihm also dieses natürliche Wachsen seiner musikalischen Anlagen zu! Fragen wir etwa nach spezieller Begabung, wenn Kinder laufen, sprechen oder malen lernen? Auch in der Musik gibt es eine musikalische Vorsprache, ähnlich den Kritzelbildern. Wenn wir wirklich „musikalische” Kinder möchten, sollten wir ihnen vor allem Musik schenken und das uneingeschränkte Vertrauen in das, was sie bereits mitbringen, ihre ursprüngliche Musikalität.

Sprache setzt Musik voraus

Mit ihrem persönlichsten Instrument „Stimme” spielen sich Kinder in die Welt. „Ohne Musik oder Musikalität wären wir vermutlich nicht imstande, eine Sprache zu lernen” (Stefan Kölsch). Sprache setzt also Musik voraus. Mithilfe der Magnetresonanztomografie lassen sich Stoffwechselprozesse im Gehirn sehr genau lokalisieren und beobachten. Dabei fand man heraus, dass das gesamte Sprachnetzwerk durch Musik aktiviert wird. So wie das Neugeborene ein ausgeprägtes Gedächtnis für vorgeburtliche Höreindrücke hat, reagiert es auch vom ersten Lebenstag an auf die Sprache der Menschen, die es umgeben. Es horcht und spielt mit Silben und Lauten, ahmt sprachliche Muster nach.

Auf die gleiche Weise können sich auch die musikalischen Fähigkeiten entwickeln. Auch hier ist der wichtigste Energielieferant das Ohr: horchen, ausprobieren, singen, sich bewegen, spielen. Da kann es kaum ein Zuviel geben. Neugierig und voller Wissensdurst holen sich Kinder an Sinneseindrücken das, was ihr Informations-System verarbeiten kann. So kann in einer Umgebung voller musikalischer Anregungen Musik zu einer Art Muttersprache werden, die sich mühelos und spielerisch erlernen lässt. Analog zum Erlernen der Sprache entwickeln Kinder Vorstellungen von Musik, Rhythmen, Melodien, Harmonien oder Instrumenten – ein noch zwar unbewusster Erfahrungsschatz, auf den jedoch später mühelos zurückgegriffen werden kann.

Musik mit allen Sinnen

„Keine andere künstlerische Tätigkeit ist mit so vielfältigen Sinneswahrnehmungen verknüpft”, so der Psychologe Niels Bierbaumer. Lernen mit allen Sinnen – diesen Weg geht jedes Kind. Sinnesimpulse schaffen neuronale Verbindungen im Gehirn. Je mehr und je intensiver Sinnesreize wahrgenommen werden, desto dichter werden die Schaltkreise im Gehirn angelegt und miteinander verknüpft. Aus vielen verschiedenen Sinneserfahrungen holt sich das Kind das, was es für seine körperliche, seelische und geistige Entwicklung braucht. Die „Zeitfenster” während der sensiblen Phasen stehen also gerade für die Jüngsten weit offen, um emotionale, motorische, logische, sprachliche oder musikalische Entwicklungen anzustoßen.

Gerade Musik kann ein breites Erfahrungsfeld für alle Sinne bieten. Hier ist Einfachheit und Komplexität gleichzeitig angesagt. So kann sich z.B. ein Lied aus ganz verschiedenen Perspektiven zu einem musikalischen Gesamtbild zusammenfügen, bei dem nicht allein das Ohr hört oder die Stimme Melodie und Text zum Ausdruck bringt. Hier können Kinder erleben, wie sich Rhythmus auf der Haut anfühlt, wie Klänge Farben und Bilder aufs Papier zaubern, wie Atem zu tönen beginnt, wie das Blut beim Singen pulst und der ganze Körper schwingt und vibriert, wie Füße ein Lied verstehen und beim Tanzen Ohren kriegen.

Mit Auge und Ohr, Herz und Hand wollen Kinder hören und entdecken, was um sie herum vor sich geht, wollen Geräusche machen, Klängen nachlauschen, Schwingungen spüren – und Ruhe genießen. Sie wollen wissen, wie und warum etwas klingt. Wollen über den Zaun horchen in die Musik fremder Kulturen, wollen Musik aller Stilrichtungen, auch der „anspruchsvollen” Kunst begegnen. Sie wollen sich „musikalisches Weltwissen” aneignen.

So kann es zum spannenden Spiel werden, aktiv Musik zu erforschen und ihren Geheimnissen in selbsttätigen Experimenten auf die Spur zu kommen, sie nicht nur passiv zu konsumieren oder einseitig trainierend einzuüben. Hier können Kinder ein wirksames Gegengewicht gegen die übermächtig anbrandende Welle der kommerziellen „Ware” Musik aus den Medien schaffen.

Gelingt es uns, den kleinen Forscher und den „Spieler” im Kind anzusprechen, setzt sich ein doppelter Entwicklungsprozess in Gang. So wie Kinder dann ihr motorisches, geistiges, emotionales und kreatives Potential entfalten, begreifen sie gleichzeitig auch die Musik in ihrer ganzen Vielfalt und mit ihren künstlerischen Gestaltungsformen. Beides ergänzt sich und wirkt dadurch besonders intensiv und nachhaltig (und diese Nachhaltigkeit erwarten wir ja , wenn wir uns über Bildung Gedanken machen) – weil es der menschlichen Freude am Entdecken, Spielen, Aktiv- und Kreativ-Sein entspricht.

Lebensfreude, Wohlbefinden und Ausgleich durch Musik

Musik tut gut. Dieses Wissen ist so alt wie die Menschheit selbst. Schon immer wussten die Mütter aller Zeiten, wie sie ihre schreienden Kinder mit Tönen beruhigen und trösten konnten. Schon immer haben sich die Menschen bei extrem schmerzlichen Situationen den Schmerz in Klageliedern von der Seele gesungen. Man weiß, dass im alten Griechenland Musik und Medizin eng miteinander verbunden waren. Die berühmtesten Ärzte, z.B. Asklepios oder Pythagoras, waren Musiker und Heiler zugleich. Sie versuchten seelische und körperliche Leiden mit Musik zu heilen.

Auch die Musiktherapeuten unserer Zeit wissen um die heilsame Kraft der Töne, die unser Lebensgefühl, unser Denken und unsere Kreativität anregen. Hören und Erleben, vor allem aber auch das aktive Musizieren kann unbewusste oder bewusste Wirkungen auslösen. Mehr als durch Sprache lassen sich durch Klänge und Töne Gefühle verschiedenster Art ausdrücken: Freude, Zorn, Glück, Trauer, Angst usw. Zudem werden auch körperliche Reaktionen spürbar. Atem oder Herzrhythmus können sich verändern: Musik geht „ins Blut” oder „unter die Haut“. Wir fühlen uns, je nachdem, was wir hören oder spielen, entspannt oder angeregt. Mit einer Trommel zu „sprechen” oder „auf die Pauke zu hauen”, weckt nicht nur kindliche Lustgefühle, solches Aus-sich-herausgehen ermöglicht es auch, unausgelebte Spannungen loszuwerden. Harmonische Klänge wiederum wecken die alte Sehnsucht nach Einklang mit sich selbst oder Gleichklang mit anderen. Spontan und spielerisch können auf diese Weise Entwicklungen angestoßen werden oder Veränderungen geschehen. Im Mittelpunkt therapeutischer Arbeit steht deshalb nicht das klingende Ergebnis, sondern das, was dazu führt! Und genau hier können wir auch in der alltäglichen Arbeit mit Kindern ansetzen.

Dies erfordert jedoch eine Atmosphäre des Vertrauens und der Achtsamkeit, aber auch sensibles Beobachten und Hinhören auf das, was Kinder bereits mitbringen. Welche Gefühle kommen zum Ausdruck? Wo zeigt sich Scheu? Wie wirkt Musik auf einzelne Kinder bzw. auf die Gruppe? Was löst sie aus? Was kann sie verändern? Wo tauchen bestimmte Bedürfnisse, Widerstände, Schwierigkeiten auf? Wie kann sich kindliche Unbefangenheit erhalten und kreativ entfalten? Hier sind neue Wege nur möglich, wenn wir Erwachsenen uns auf den Prozess selbst einlassen, der sich am Erlebnis des Kindes und seiner Entwicklung orientiert.

Der Klang der Stille

Damit Musik ihre wohltuende Wirkung entfalten kann, ist Zeit und Ruhe notwendig. Zeit für schöpferische Pausen, in denen Erfahrungen vertieft und Wahrnehmungen intensiviert werden können. Seien es Atempausen zwischen den Strophen eines Liedes, wo innere Bilder in Ruhe betrachtet oder Bewegungsimpulsen nachgespürt werden kann. Oder Ruhephasen nach Tanz- und Bewegungsspielen, welche die Aufmerksamkeit auf taktiles Spüren und Fühlen lenken, aber auch Klanggeschichten und musikalische Traumreisen. Eine Art „musikalische Eutonie”, die ein Spannungsgleichgewicht zwischen Klang und Stille, Bewegung und Ruhe, Aktivität und konzentriertem Lauschen schafft und damit dem Bewegungshunger von Kindern ebenso entgegenkommt, wie ihrem Bedürfnis, in der Stille das „Lied” zu entdecken, das „in allen Dingen schläft” (Eichendorff).

Das gilt für einzelne Kinder genauso, wie für eine ganze Gruppe, die ja in sich ein lebender atmender Organismus ist, ein sensibler energetischer Körper, beeinflussbar oft durch feinste atmosphärische Strömungen – und auch Störungen. Hier kann das Spiel mit Klängen und Tönen – und sei es noch so einfach! – zu einem „Tonikum” werden, das Körper und Seele ins Gleichgewicht bringt.

Wir sind alle Mitspieler!

„Elementare Musik ist eine Musik, die man selbst tun muss, in die man als Mitspieler miteinbezogen ist”( Carl Orff).
Kinder lernen durch Spielen. Und gerade die Musik kann es ihnen ermöglichen ihre Spielfreude auszuleben. Sei es im freien Experimentieren, im Rollenspiel oder im musikalischen Spiel, das sich nach einfachen Regeln gestaltet. Das Spiel ermöglicht es ihnen, sich zu vertiefen, emotional ganz „dabei zu sein” – und gleichzeitig ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten zu entwickeln und zu erweitern.

Aber auch Erwachsene sind Mitspieler. Wenn wir uns einmal auf den Prozess selbst einlassen und die Fixierung auf ein erwartetes hörbares Ergebnis loslassen, können wir bisweilen erstaunliche Überraschungen erleben: musikalische Gestaltungen, die ganz erstaunlich sind! Gemeinsam mit Kindern lassen sich oft ganz neue und spannende Zugänge zur Musik erleben. Und wir spüren, dass und wie Musik wirkt, auch (oder gerade dann) wenn sie sehr einfach und elementar ist.

Ein indisches Sprichwort vergleicht Erziehung mit dem Stimmen einer Laute. „Sind die Saiten zu schlaff, gibt es keine Musik. Sind sie zu straff, so brechen sie”. Wenn Kindheit klingen soll, müssen wir Kindern helfen, ihr Instrument zu stimmen, auf dass sie Töne hervorbringen können, mit denen sie mit sich selbst und der Welt in Einklang kommen!

Dorothée Kreusch-Jacob ist Konzertpianistin, Musikpädagogin, Schriftstellerin und Liedermacherin in Ottobrunn.