Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Singen mit Kindern in Kinderchören

Aus der Arbeit der Chor- und Kirchenmusikverbände

von Lothar Friedrich

Die Chor- und Kirchenmusikverbände beschäftigen sich seit Jahren intensiv mit der Thematik „Singen mit Kindern“. Unbestritten ist, dass sich die Kirchenmusik bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts für die Bildung von Kinderchören stark gemacht hat. Das war lange Zeit beispielgebend für andere Institutionen. Heute sind Kinderchöre in fast allen Chorbereichen selbstverständlich.

Wir erleben zur Zeit einen Boom an Kinderchören. In vielen kirchlichen Chorverbänden stehen Landeskinderchortage auf der Tagesordnung. Mancherorts gibt es die Einrichtung von kirchlichen Singschulen. Das ist die positive Seite.

Dem steht auf der anderen Seite gegenüber, dass in unserer Gesellschaft immer weniger Menschen selbst singen und musizieren. Werfen wir einen Blick auf die Statistik der Chorverbände auf Bundesebene, dann singen in Deutschland rund 1.790.000 Menschen. Das sind gemessen an der Gesamtbevölkerung etwa zwei Prozent!

Politik und Kirchen haben diese Problematik erkannt. So gibt es z.B. in Baden-Württemberg das „Bündnis für das Singen“, in dem die Kirchenmusik- und Chorverbände mit anderen Verbänden des Landes intensiv zusammenarbeiten. Erste Früchte sind erkennbar. Ein Memorandum bzw. eine Resolution folgt der anderen. Ich erinnere an die Resolution der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Chorverbände, die sich besonders an die für Kindergärten und Schulen zuständigen Ministerien gewandt hat. Der Aufruf und Kongress des Deutschen Musikrats „Musik bewegt!?“ wendet sich gegen den Abbau des schulischen und außerschulischen Musikunterrichts. Der Allgemeine Cäcilienverband hat die Initiative „Singen mit Kindern“ gestartet. Darin soll die Sicherung des chorischen Nachwuchses nicht nur auf musikalische Aspekte beschränkt werden, sondern auch sozial, katechetisch und allgemein musisch wirksam werden. Die einzelnen Maßnahmen werden wiederum mit dem Verband evangelischer Kirchenchöre Deutschlands abgestimmt und durchgeführt. Schließlich gibt es das Projekt „Il canto del mondo“, für das Hermann Rauhe und Dr. Karl Adamek stehen. Dieser Verein setzt sich für eine Erneuerung des Singens im Alltag ein.

Auch die Langzeitstudie von Hans Günther Bastian an Berliner Grundschulen ist hier zu erwähnen, die feststellt, dass musizierende Kinder ihr Sozialverhalten verbessern, ihren IQ-Wert erhöhen, gute schulische Leistungen erbringen und Konzentrationsschwächen kompensieren.

Der Verband evangelischer Kirchenchöre Deutschlands hat sich darüber hinaus auf seinen Tagungen zum Thema „Singen, Tanzen, Musizieren mit Kleinkindern und deren Eltern“ kundig gemacht. Das ist das Konzept des Musikgartens. Dieses kam 1993 aus den USA zu uns nach Deutschland. Es wurde entwickelt von der Organistin und Montessori-Pädagogin Dr. Lorna Lutz-Heyge aus Greensboro in North-Carolina. Hier wird mit Kleinkindern im ganzheitlichen Ansatz Musik gemacht. Die Eltern sind dabei aktiv mit einbezogen. Dahinter steckt das notwendig Anliegen, von Geburt an mit den Kindern zu singen und sich zur Musik zu bewegen.

Eine weitere Tagung mit Dr. Karl Adamek führte uns ein in den Grundgedanken des Netzwerkes von „Il canto del mondo“ zur Förderung der Alltagskultur des Singens. Darin ist das Singen Selbstzweck, noch ohne großen künstlerischen Anspruch. Aus Spaß an der Freude soll den Kindern das Singen wieder von frühester Kindheit an vermittelt werden. Bei kleinen Kindern muss das Singen unbedingt wieder im Mittelpunkt der Frühpädagogik stehen. Aus dieser Tagung ist der Presseaufruf „Eine Antwort auf Pisa: Singen!“ an die Öffentlichkeit gegangen.

Im Verband Evangelische Kirchenmusik in Württemberg gibt es aufgrund dieser Initiativen eine Arbeitsgruppe „Singen mit Kindern“, die sich besonders mit dem Singen in den Kindergärten beschäftigt. Darin arbeiten neben Kirchenmusiker(inne)n auch Dozent(inn)en der Fachschulen für Sozialpädagogik mit. Inzwischen wurde dort eine Liederliste erarbeitet, die mit pädagogischen Anleitungen als Handreichung und Arbeitshilfe für Erzieher(innen) in absehbarer Zeit veröffentlicht wird.

Außerdem ist in Zusammenarbeit mit den Kirchenmusikverbänden und Chorverbänden der evangelischen und katholischen Konfession eine zweiphasige berufsbegleitende Fortbildung hauptamtlicher Kirchenmusiker(innen) für den Einsatz als Musikpädagog(inn)en und Multiplikator(inn)en im Bereich „Singen mit Kindern in Gemeinde, Kindergarten, Grundschule und offener Ganztagsschule“ in der Bundesakademie für musikalische Jugendbildung Trossingen und der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel angedacht.

Die Verantwortlichen der Kirchenmusik und die Verantwortlichen der beiden Bundesakademien haben mit ihren Initiativen längst die Zeichen auf diesem Gebiet erkannt!

Lothar Friedrich ist Kirchenmusikdirektor, Bezirkskantor und Präsident des Verbandes evangelischer Kirchenchöre Deutschlands e.V.

Verband Evangelischer Kirchenchöre Deutschlands e.V.
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