Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Psychosoziale und emotionale Belastungen im ersten Lebensjahr

Früherkennung und Frühintervention

von Gabriele Koch

Im ersten Lebensjahr ist ein Kind in ganz besonderer Weise auf zuverlässige und vor allem emotional verfügbare Bezugspersonen angewiesen. Nur so sind Eltern in der Lage, die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen und zu verstehen, so dass eine altersentsprechende Versorgung mit entsprechender kommunikativer und spielerischer Anregung möglich ist.>

Woran erkennt ein Arzt, eine Hebamme, eine Stillberaterin, eine Eltern-Kind-Gruppenleiterin, dass die „Matrix der frühkindlichen Entwicklung“ – die Eltern-Kind-Beziehung – gestört ist? Worauf müssen wir unseren professionellen Blick richten, damit ernst zu nehmende Risiken rechtzeitig erkannt und richtig bewertet werden? Wie können Auffälligkeiten an Säuglingen, Eltern oder deren Beziehung verdeutlicht und einer weiteren fachlichen Abklärung und gegebenenfalls Behandlung zugeführt werden? Und vor allem, welche Form der Begleitung, Unterstützung oder Behandlung ist im Einzelfall angezeigt? Diesen und ähnlichen Fragen widmet sich ein aktuelles Forschungsprojekt der Elternberatung „Vom Säugling zum Kleinkind“ an der Fachhochschule Potsdam. Ziel ist eine Qualitätsentwicklung in der Qualifizierung von Fachkräften mittels Methoden der Früherkennung und Indikationsstellung im ersten Lebensjahr.

Häufig sind familiäre Belastungen, Beeinträchtigungen der elterlichen Kompetenzen und Überforderungen kindlicher Bewältigungsmöglichkeiten nicht auf den ersten Blick erkennbar. Überlastete Eltern behalten das Ausmaß ihrer Erschöpfung sowie Gefühle der Ambivalenz und Aggression dem Kind gegenüber häufig für sich. Vielfach führt der erste Weg ratloser Eltern in die Kinderarztpraxis, z.B. bei chronischer Unruhe, exzessivem Schreien, Schlaf- oder Fütterproblemen. Doch häufig bleibt die Behandlung ergebnislos, weil die begrenzte Zeit gerade reicht, um beispielsweise eine „Drei-Monats-Kolik“ zu behandeln, nicht aber eine Eltern-Kind-Beziehungsstörung zu erkennen, die der Symptomatik zugrunde liegen kann und diese aufrechterhält.

Das Wissen um die Genese frühkindlicher Regulationsstörungen und Störungen der Eltern-Kind-Beziehung sowie deren diagnostische Erfassung sind in den verschiedenen Disziplinen noch nicht weit verbreitet. Zuverlässige Anhaltspunkte und diagnostische Kriterien stehen dem Praktiker jedoch z.B. durch die spezifischen Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlich medizinischen Fachgesellschaften zur Verfügung (vgl. Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie: „Regulationsstörungen im Säuglingsalter“ bzw. Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin: „Störungen der frühen Eltern-Kind-Beziehung“; www.leitlinien.net). Das diagnostische Klassifikationssystem „Zero to Three“ (Hrsg. vom National Center for Infants, Toddlers and Families) hilft zudem, die oft sehr subjektiven Eindrücke der interaktionszentrierten Verhaltensbeobachtung auf fünf Achsen systematisch zu benennen und Störungen der Eltern-Kind-Beziehung auf einer Schweregradskala zu beurteilen. Durch die Anwendung dieses Verfahrens ist der Praktiker – unabhängig von seiner Profession – dazu angehalten, sich ein umfassendes Bild der Lebenswelt und der Entwicklungsvoraussetzungen eines Kindes zu machen. Er entwickelt Hypothesen, die er laufend zu überprüfen und zu ergänzen hat. Der Kinderarzt verliert die psychosoziale Situation nicht aus den Augen, der Sozialarbeiter zieht bei der Einschätzung physiologischer Belastungen den Kinderarzt zu Rate. Erscheint ein Eltern-Kind-Paar belastet, auffällig oder gefährdet, entsteht so ein interdisziplinärer Rahmen der Früherkennung.

Diese wie auch einige andere Früherkennungsinstrumente (z.B. Care-Index, Emotional Availability Scale, Parental Stress Index etc.) sind sehr spezifisch und erfordern ein entsprechendes Training der Anwender, um in der Lage zu sein, die Kommunikations- und Interaktionsformen und insbesondere die Qualität des affektiven Austausches zwischen Eltern und Kind zuverlässig zu beurteilen. Sie ermöglichen es aber, den gewohnten Blick auf das Kind, die Mutter, den Vater um die Dimension des „Interaktionellen“ zu erweitern sowie die Blickwinkel unterschiedlicher Disziplinen miteinander zu verschränken. Nicht zuletzt bedeutet diese Interdisziplinarität – die in der Praxis oft an kommunikativen Hürden scheitert – nicht nur einen diagnostischen Zugewinn, sondern auch eine gemeinsam getragene Verantwortung, die insbesondere in der Arbeit mit psychosozial und emotional schwer belasteten Familien dringend nötig ist.

Sind kompetente Ansprechpartner in der Lage, die psychosoziale und emotionale Belastungssituation (z.B. aufgrund frühkindlicher Regulationsstörungen, Wochenbettdepression, Partnerschaftskonflikte, Überforderungssituationen, Erschöpfungszuständen etc.) sensibel wahrzunehmen und einzuschätzen, so wird es ihnen am ehesten gelingen, die Eltern zu ermutigen, rechtzeitig die richtige Hilfe in Anspruch zu nehmen. Je nach Problematik und Schweregrad der Störung sowie je nach Vorlieben, Bildungsgewohnheiten, familiären Vorerfahrungen und Ausmaß an Selbstreflexivität können Eltern indikationsspezifische Angebote der Familienbildung, Elternberatung und/oder Eltern-Säuglings-/Kleinkind-Therapie empfohlen werden.

Die Elternberatung „Vom Säugling zum Kleinkind“ an der Fachhochschule Potsdam hat sich in den vergangenen sieben Jahren zu einem Institut für Prävention und Intervention in Familien mit Säuglingen und Kleinkindern entwickelt. Die Arbeit mit diesen Familien (Begleitung, Bildung, Beratung, Therapie) verlangt eine problem-, personen- und situationsgerechte Kombination von Informationsvermittlung, entwicklungspsychologischer Beratung, Aufdeckung und Bearbeitung funktionaler und dysfunktionaler Kommunikationsmuster und konkreter Verhaltensregeln. Darüber hinaus kann es notwendig sein, unbewusste Repräsentationen zu bearbeiten, innere Konflikte und Übertragungen des Beziehungsgeschehens zwischen Eltern und Kind zu verstehen und positiv zu beeinflussen. Ziel ist jedoch immer, die selbstregulatorischen Kompetenzen des Kindes zu fördern, die intuitiven Kompetenzen und die Introspektionsfähigkeit der Eltern zu stärken sowie bei der Bewältigung emotionaler Belastungen zu unterstützen.

Immer auf der Suche nach Finanzierungsmodellen gelingt es dem Potsdamer Institut schrittweise, das Angebotsspektrum an die vielfältigen Bedürfnisse (werdender) Eltern anzupassen, Zugänge zu bildungsfernen Familien zu gewinnen und eine kontinuierliche Begleitung durch die ersten Lebensmonate und -jahre anzubieten. Darüber hinaus werden Fortbildungen für Fachkräfte im Arbeitsschwerpunkt „Säuglings-/Kleinkind-Eltern-Beziehung – Prävention und Intervention in der Beratung“ sowie „Analytische Eltern-Säuglings-/Kleinkindpsychotherapie“ angeboten.

Die Literaturangaben sind über die Geschäftsstelle erhältlich.

Gabriele Koch ist Dipl.-Psychologin und Mitarbeitern der Elternberatungsstelle „Vom Säugling zum Kleinkind“ des Instituts für Forschung, Fortbildung und Entwicklung (IFFE) an der Fachhochschule Potsdam

Elternberatung „Vom Säugling zum Kleinkind“
an der Fachhochschule Potsdam
Projektleitung: Prof. Dr. Christiane Ludwig-Körner
Friedrich-Ebert-Straße 4, 14467 Potsdam

E-Mail: http://mbtsells.com/
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