Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Interkulturelle Trainings in Kindertagesstätten

von Deniz Dülec

In einigen Stadtteilen Berlins sind Kinder und Eltern in Kindertagesstätten heutzutage in der Mehrheit nichtdeutscher Herkunft. Die Erzieher(innen) dagegen sind mehrheitlich deutscher Herkunft. Wie in multikulturellen Gesellschaften üblich begegnen sich hier Personengruppen und Individuen mit Orientierungssystemen, die sich erheblich unterscheiden. Die Erzieher(innen) verbinden diese „unterschiedlichen Orientierungssysteme“ zum Beispiel mit folgenden Fragen:

  • Wie gehen wir mit der Mehrsprachigkeit der Kinder um? Wenn sie untereinander ihre Muttersprache sprechen, verstehen wir sie nicht und wir können nicht eingreifen.
  • Müssen wir jetzt alle Muttersprachen lernen? Wenn Eltern sich untereinander in ihrer Muttersprache unterhalten, verstehen wir nicht um was es geht.
  • Wie gehen wir mit dem Druck der Eltern um? Deutsche Eltern befürchten, ihre Kinder würden wegen der hohen Anzahl nichtdeutscher Kinder in ihrer Sprachentwicklung gestört. Eltern nichtdeutscher Herkunft sind der Meinung, ihre Kinder lernten bis zur Einschulung kein deutsch. Beide Seiten drohen damit, ihre Kinder aus der Kindertagesstätte herauszunehmen.
  • Wie vermitteln wir die Konzeption der Kindertagesstätte denjenigen Eltern, die kein Wort deutsch sprechen?
  • Wie machen wir klar, dass die Kinder pünktlich gebracht und abgeholt werden müssen? Die nichtdeutschen Eltern scheinen ein ganz anderes Zeitverständnis zu haben.
  • Wie gehen wir mit dem Wunsch vieler nichtdeutscher Eltern um, ihre Kinder sollten keine „Doktorspiele“ spielen?
  • Wie gehen wir zum Beispiel mit einem Jungen nichtdeutscher Herkunft um, der keinen Tisch abräumen will, weil ein Junge „das nicht tut“? Wie gehen wir mit den Eltern um, die diesen Jungen erziehen?
  • Wie verhalten wir uns gegenüber Vätern, die Kolleginnen nicht ernst nehmen, weil sie Frauen sind? Sie sehen ihnen nicht in die Augen und viele geben ihnen nicht einmal die Hand.

Um den Alltag miteinander angemessen meistern zu können, brauchen die Mitarbeiter(innen) in Kindertagesstätten Bewältigungsstrategien, die sich von den bisher erlernten unterscheiden: In der interkulturellen Begegnung müssen die Kolleg(inn)en lernen interkulturell zu denken und zu arbeiten. Was heißt das?

Die Erzieher(innen) müssen fähig sein, die eigene subjektive und ihre kollektive kulturelle Kompetenz zu reflektieren: Nach welchen individuellen und kollektiven Regeln und Normen handele ich in Alltagssituationen? Welche Symbole deute ich wie im Alltag?

Nur wenn ich meine eigene kulturelle Identität reflektiere, mir dieser bewusst bin und ein starkes Selbstwertgefühl entwickele, kann ich Unterschiede wahrnehmen und aushalten, ohne die Eigenschaften und Verhaltensweisen von anderen als minderwertig zu deuten.

Die Unterschiede in den kulturbedingten Verhaltensstrategien müssen erkannt und respektiert werden. Die möglichen Interessengegensätze können nur auf dieser Basis identifiziert und als solche formuliert und damit handelbar werden. Dies ist der schwierigste Teil interkulturellen Lernens: es geht um die Bewusstmachung der eigenen Sozialisation und des damit verbundenen Werte- und Normensystems.

Ein Beispiel: Eine Erzieherin muss kompetent genug sein, einem Jungen, der in der Kindertagesstätte nicht den Tisch decken und abräumen will, weil er ein Junge ist, dies dennoch beizubringen, ohne dabei jedoch die Regeln seines Zuhauses in Frage zu stellen und seine Eltern als minderwertig hinzustellen. Und sie muss gelernt haben, sich als Person und Fachkraft kompetent zu erleben. Äußerungen wie „Deine Eltern erziehen dich zu einem Pascha! Bei uns in Deutschland gibt es so etwas nicht!“ erreichen keine für die Situation angemessene Lösung. Hinzu kommt, dass es zum Thema „geschlechtsspezifische Erziehung in Deutschland“ ebenfalls vieles zu sagen gäbe, worum möglicherweise auch die Erzieherin weiß. Hier stellt sich zum Beispiel die Frage, wer bei der Erzieherin zu Hause mehrheitlich den Tisch abräumt und wie es in ihrer Sozialisation gewesen ist.

Interkulturell zu denken und zu arbeiten bedeutet also

  • das Recht jedes Menschen und damit auch jedes Kindes anzuerkennen, nicht nur als einer Rasse und Nation zugehörig, sondern als Person gesehen und geachtet zu werden
  • die Unterschiede zwischen den Menschen u.a. in Bezug auf Aussehen, Hautfarbe, Denk- und Verhaltensmuster, Essgewohnheiten und Sprache bewusst wahrzunehmen und zu respektieren und den Umgang mit diesen Unterschieden gegenüber Kindern, Eltern und Kolleg(inn)en zu thematisieren.

Interkulturalität ist eine Haltung, die sich im interaktiven Prozess täglich neu zeigt und die aktiv gestaltet wird. In der multikulturellen Gesellschaft gibt es eine Vielfalt von Kulturen, die sich in der Kindertagesstätte wiederfinden. Es ist eine Normalität, dass es zu Überschneidungen kommt. Auf der Basis der Anerkennung dieser Tatsache ist es möglich, interkulturell kompetent zu werden.

Der Beitrag wurde als Input-Referat im Rahmen des Forum 1 (Interkulturelle Kompetenz) auf der Jahrestagung der Deutschen Liga für das Kind am 22.9.2000 in Berlin gehalten.

Deniz Dülec ist Soziologin und Familientherapeutin und Mitarbeiterin in der Interkulturellen Familienberatung im Arbeitskreis Neue Erziehung e.V. (ANE) in Berlin