Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

ZEITPUZZLE

Kinderbetreuung zwischen Flexibilität und Stabilität

von Verena Sommerfeld

„Mehrere Kinder standen bereits morgens um sieben Uhr vor der verschlossenen Tür der Kindertagesstätte und warteten auf Einlaß. Die offizielle Öffnungszeit begann erst um 7.30 Uhr. Eltern mußten ihr Kind frühzeitig abstellen, um pünktlich zur Arbeit zu kommen. Aus der Sicht der Erzieherinnen fiel die Mehrzahl der Kinder – vor allem morgens- durch betont aggressives bzw. passives Verhalten auf. Diese prekäre Morgensituation forderte die Mitarbeiter der Gruppe der Kindertagesstätte auf, ihr sozialpädagogisches Konzept zu überprüfen…“

Im hessischen Modellversuch „Lebensraum Kindergarten“, aus dem dieses Beispiel stammt, wurde das Konzept der Betreuungseinrichtung der Lebenswirklichkeit der Familien angepaßt. Eine solche Dienstleistungsorientierung ist aber bisher noch selten. Berufstätige Eltern messen die Qualität einer Kindereinrichtung auch daran, wie sich Betreuungs- und Arbeitszeiten in Übereinstimmung bringen lassen. Pädagogen warnen demgegenüber häufig, längere Öffnungszeiten schadeten dem Kindeswohl.

Zeitdruck ist eine Hauptklage berufstätiger Eltern. Die zunehmende Arbeitszeitflexibilisierung greift immer mehr in das Familienleben ein und macht ein oftmals kompliziertes Zeit-Puzzle erforderlich. Verschiedene Studien und Modellversuche der letzten Jahre haben die Chancen und Risiken der Flexibilisierung elterlicher Arbeitszeiten und Betreuungszeiten der Kinder untersucht.

Jedes dritte Kind unter drei Jahre ist täglich auf drei oder mehr Betreuungsformen (5. Familienbericht der Bundesregierung, 1994)angewiesen. Dahinter verbergen sich oft zeitraubende und unsichere Konstruktionen, die für alle Beteiligten hohen Streß bedeuten. Nach Einschätzung des Deutschen Jugendinstituts ist die Hektik und Unberechenbarkeit der familialen Lebensstile heute ein zentraler Risikofaktor für die Entwicklung von Kindern. Eine in Schweden durchgeführte qualitative Studie mit Kindern im Alter von vier bis zehn Jahren zeigt auf, daß die Aufsteh- und Morgensituation in der Familie mit dem Druck des Arbeitszeitbeginns und die Abholsituation in der Kinderbetreuungseinrichtung mit dem Druck der Schließzeiten der Einrichtung von den Kindern selbst als Hauptstreßpunkte im Zusammenleben mit ihren Eltern benannt werden. Vor allen Dingen fühlen sich die Kinder in diesen Situationen absolut macht- und hilflos. Kommt das manchmal komplizierte Zeitkonstrukt ins Wanken (z.B. durch Überstunden, Krankheiten, Schließzeiten oder ganz einfach Verkehrsstau), entstehen Spannungen und „Zweikämpfe“ zwischen Eltern und Kindern, aber auch zwischen Eltern und Erzieherinnen. „Ungelöste Betreuungsprobleme erhöhen nicht nur die Fehlzeiten, sie bewirken auch eine insgesamt geringere Arbeitsleistung“, schätzt ein Personalreferent der Deutschen Lufthansa AG die betrieblichen Folgen ein (Management&seminar 2/97). Amerikanische Untersuchungen berichten von dem „Drei-Uhr-Syndrom“: in der Zeit von 15 bis 17 Uhr sinkt die Produktivität von Arbeitnehmerinnen mit Kindern unter 12 Jahre, die Zahl der Arbeitsfehler und Unfälle am Arbeitsplatz steigt. Dies ist die Zeit nach Schulschluß in den USA. Die „National Study of Changing Work Force 1993“ weist umgekehrt darauf hin, daß Eltern, die stabile Betreuungsverhältnisse haben, sich besser fühlen, weniger gestresst und damit produktiver sind.

„Wir müssen umdenken. Die Berücksichtigung der Arbeitszeiten der Eltern bei der Gestaltung der Öffnungszeiten der Kindergärten darf nicht als unpädagogische Fremdbestimmung verstanden werden, die Berücksichtigung der Lebensverhältnisse der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie ihrer Kinder gehört zum Sozialkapital der Betriebe“, fordert deshalb Prof. Dr. Ingo Richter vom Deutschen Jugendinstitut.

Flexiblere Arbeitszeiten und längere Öffnungszeiten der Betreuungseinrichtungen sollen eine neue Balance zwischen Familie, Arbeit und Betreuung herstellen. Dr. Harald Seehausen, der das dreijährige Modellprojekt „Betriebliche Förderung von Kinderbetreuung“ des DJI leitete, sieht darin die Voraussetzung für stabile Eltern-Kind-Beziehungen. Durch bewegliche Betreuungszeiten sollen Familien Zeitsouveränität erlangen. Wo der Zeitstress entfiel, nutzten die Familien die gewonnene Zeit für mehr Spielaktivitäten mit ihren Kindern, so ein Befund der DJI-Studie.

Der Familien- und Kindheitsforscher Hans Bertram sieht allerdings auch die Gefahr einer Überbetreuung. „Wieviel Freiräume wollen wir Kindern zugestehen, ihr Leben, wenn auch nur stundenweise täglich, unabhängig von den pädagogischen Bemühungen der Erwachsenen mit selbstgewählten Freunden oder auch nur für sich zu verbringen?“ Familien müssen deshalb im Interesse der Kinder beides zeitlich koordinieren: den Zugang zu einer qualitativ guten Betreuung und genügend Freiraum für selbstgestaltetes Kinderleben im Nahbereich der Wohnung.

Verena Sommerfeld ist selbstständige Supervisorin und Organisationsberaterin im Bereich Kindertagesbetreuung.

Literaturhinweise:
Familienfreundliche Personalpolitik. Zeitschrift Management und Seminar, 2/97

Deutsches Jugend-Institut, Regionale Arbeitsstelle Frankfurt/Main., Zeit-Puzzle.Balance zwischen Famile, Arbeit, Kinderbetreuung. Frankfurt. Mai 1997

Hans Bertram, Neue Eltern-neue Kinder ? In: Ebert (hrsg. Zukunft für Kinder, München 1991,

Harald Seehausen, Sozialpädagogische Qualität der betrieblichen Förderung von Kinderbetreuung. In: Kita aktuell 5/98

„Das Ziel … sollte sein, qualitativ minderwertige Kinderbetreuung so unakzeptabel wie Trunkenheit am Steuer zu machen. Sicherlich können die folgen einer unangemessenen Betreuung so zerstörerisch wie die Folgen von Trunkenheit am Steuer sein. Um qualitativ minderwertige Betreuung ausmerzen zu können, muß die Öffentlichkeit fähig sein, qualitativ hochwertige Kinderbetreuung zu erkennen und auszuwählen.“ (Patton, C. What can we do to increase public knowledge about child development and quality child care ? Young Children 1993, 49 (1), S. 30-31

Zitiert bei Textor, Erziehungspartnerschaft….