Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Betreuung nach Bedarf
Die Kindertagesstätte im Mütterzentrum Darmstadt

von Eva Orth

Eine Mutter mit zwei Kindern im Alter von vier und sieben Jahren will eine Umschulung zur Heilpraktikerin machen. Die Ausbildung findet jede Woche montags von 8 bis 18 Uhr in einem kleinen Ort im Taunus statt, eine Stunde Fahrzeit von Darmstadt entfernt. Sie sucht daher für ein Kindergartenkind und für ein Hortkind einmal in der Woche einen Ganztagesplatz für zwölf Stunden.

Eine junge italienische Frau, Mutter einer zweijährigen Tochter, arbeitet täglich von 16 bis 18 Uhr als Reinigungskraft in einem Großraumbüro. Sie benötigt deshalb an fünf Tagen in der Woche einen Krippenplatz von 15.30 bis 18.30 Uhr.

Leider gibt es solche Betreuungsplätze in der Regel nicht.
Diese Beispiele sind keine Ausnahmen, sondern typische Fälle, die zeigen, daß das herkömmliche Betreuungskonzept für Kindergärten, Krippen und Horte für viele Frauen keine Entlastung bringt. Den zunehmend flexiblen Arbeitszeiten im Berufsleben stehen meist starre Öffnungszeiten in den Regeleinrichtungen gegenüber.

Flexible Betreuungzeiten

Die Kindertagesstätte im Mütterzentrum Darmstadt ist von 7 bis 19 Uhr geöffnet. Eltern haben die Möglichkeit, je nach Arbeitszeit und persönlicher Situation ihre Kinder in diesem Zeitraum betreuen zu lassen. Um eine Gruppenintegration der Kinder zu gewährleisten, wurde eine Mindestbetreuungszeit von drei Stunden an zwei Tagen pro Woche festgelegt.

Die folgende Aufstellung zeigt den Bedarf und die unterschiedliche Nutzung des Angebots:

  • ganztägig 5 Tage/Woche 17%
  • ganztägig 2 bis 3 Tage/Woche 7%
  • halbtags, 5 Tage/Woche ca. 7.30 Uhr bis max. 14 Uhr 24%
  • halbtags 2 bis 3 Tage/Woche ca. 7.30 Uhr bis max. 14 Uhr 17%
  • halbtags nur nachmittags 13 bis 18 Uhr 15%
  • nach der Schule (Essen, Hausaufgaben, Spiele) bis ca. 16 Uhr 20%

Eine große Entlastung für die Eltern besteht darin, daß es keine starren Abholzeiten gibt. Ein Telefonat reicht aus, die Betreuungszeit unbürokratisch zu verlängern. Die zusätzliche Zeit wird in einer Anwesenheitsliste eingetragen und berechnet. Die Elternbeiträge sind nach Alter des Kindes und nach Länge der Aufenthaltsdauer zu bezahlen. Für ein Kind unter drei Jahren kostet die Stunde 5,50 DM, für ältere Kinder 5,- DM.

Die Eltern genießen es sehr, daß sie sich mit dem Abholen ihres Kindes Zeit lassen können. Die Möglichkeit des „Ausklingens“ – sei es eines Arbeitstages (aus Sicht der Eltern) oder eines Betreuungstages (aus Sicht des Kindes) – führt dazu, daß sich Kind und Eltern stressfrei aufeinander einstellen können.

Die flexible Betreuungszeit der Kinder hat ihr Spiegelbild in der flexiblen zeitlichen Arbeitsstruktur der Mitarbeiterinnen. Das Vormittags- und Nachmittagsteam besteht aus jeweils zwei pädagogischen Fachkräften und zwei Personen, die keine pädagogische Ausbildung haben. Hinzu kommen Praktikantinnen und Honorarkräfte.

Platz-Sharing

Die unterschiedlichen Betreuungszeiten ermöglichen ein sogenanntes Platz-Sharing. Nach Abstimmung kann ein Ganztagesplatz mehrfach genutzt werden. Das bedeutet zum Beispiel, daß bei dem Bedarf eines Kindes von zwei ganzen Tagen pro Woche ein anderes Kind die übrigen drei Tage kommen kann – oder ein Kind bleibt täglich bis 14 Uhr, während ein anderes Kind diesen Platz am Nachmittag beansprucht usw. Trotz der unterschiedlichen Betreuungszeiten der einzelnen Kinder wird insgesamt genau darauf geachtet, daß die Zahl der gleichzeitig anwesenden Kinder die vom Landesjugendamt genehmigte Platzzahl nicht überschreitet.

Diese Lösung ist nicht mit einer sogenannten Doppelbelegung gleichzusetzen, z.B. mit einer starren Vormittags- und einer Nachmittagsgruppe. Beim Platz-Sharing geht es um eine flexible Integration in die bestehende Gruppe, die aus unterschiedlichen Konstellationen von Kindern zusammengesetzt ist. Es hat sich gezeigt, daß die sogenannten Vollzeitkinder die Kerngruppe bilden und die zu anderen Zeiten gebrachten Kinder sich darum gruppieren. Insgesamt haben die Kinder schnell gelernt, wer wann da ist und empfinden dies nicht als Verunsicherung. Voraussetzung dafür ist allerdings die Möglichkeit, die Kinder lange genug einzugewöhnen sowie ausreichende personelle Ressourcen, sich bei Bedarf einem Kind besonders zu widmen.

Altersmischung

In die Kita gehen Kinder im Alter zwischen eineinhalb und zwölf Jahren. Diese große Altersmischung wurde unter dem Gesichtspunkt eingeführt, die Eltern zu entlasten. Ist es doch unsinnig, wenn Eltern sowohl beim Hinbringen als auch beim Abholen verschiedene Einrichtungen – aufgeteilt nach Krippe, Kindergarten und Hort – aufsuchen müssen.

Inzwischen hat sich gezeigt, daß sich die Altersmischung auch für die Kinder positiv auswirkt. Die großen Kinder helfen den Kleinen. Sie spielen mit ihnen, lesen vor, helfen bei den Mahlzeiten, suchen verlorene Spielsachen und trösten bei kleinen Unfällen. Die kleinen Kinder lieben und bewundern die Großen und sind ein begeistertes und unermüdliches Publikum, wenn die Großen Theater oder Sportkunststücke vorführen.

Eltern und Mitarbeiterinnen Service Paket

Zur Entlastung der Eltern werden verschiedene Dienste angeboten. Dazu gehören Bring- und Abholdienste, ein Mittagstisch für Eltern, Unterstützung bei den Hausaufgaben der Kinder.

Einige Kinder werden morgens aus der Einrichtung in die Schule gebracht und mittags wieder abgeholt. Das ist für die Eltern sehr wichtig, denn sie wissen, daß die Kinder rechtzeitig und sicher in die Schule kommen und nach der Schule ohne Umwege in den Hort gehen. Manche Kinder werden zu Musik-, Sport- oder Malkursen oder zu Kindergeburtstagen begleitet.

Der Mittagstisch für Eltern und Mitarbeiterinnen ist ein beliebter Treffpunkt. Eltern, die ihre Kinder bringen oder abholen, bleiben zum Mittagessen und haben häufig größere oder kleinere Kinder dabei, die früher die Einrichtung besuchten oder bald aufgenommen werden sollen. Außerdem kommen Frauen mit ihren Freundinnen aus der Nachbarschaft, die es schon immer schön fanden, daß man im Mütterzentrum so gut, so viel und so preisgünstig essen kann.

Die Hausaufgabenhilfe ist für alle Eltern von Schulkindern eine große Entlastung.

Zusammenarbeit von Fachkräften und Laien

Eine der Bedingungen für die Betriebserlaubnis war es, Fachkräfte einzustellen. Glücklicherweise gibt es unter den im Mütterzentrum engagierten Frauen Pädagoginnen, die bereit sind, als Fachfrauen zusammen mit Laien in der Kindertagesstätte zu arbeiten. Dennoch steht weiterhin der Laiengedanke im Mittelpunkt. Es gibt in dem Zentrum genügend Frauen ohne pädagogische Ausbildung, die über Jahre hinweg mit Begeisterung gute Kinderbetreuung leisten. Für die einen ist es eine zufriedenstellende Aufgabe, solange die eigenen Kinder noch klein sind, für andere, deren Kinder erwachsen sind, ist es eine Freude, mit Kinder zusammen zu sein und Verantwortung für sie mitzutragen. Fachkräfte und Laien arbeiten gleichberechtigt zusammen.

Eva Orth ist Initiatorin des Mütterzentrums in Darmstadt und Vorsitzende des Mütterzentren Bundesverbandes e.V.