Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Wie zeitgemäß ist unsere Erziehung?

Veränderte Lebenswelten von Kindern und deren Konsequenzen für die Qualität von Tagesbetreuung

von Wassilios E. Fthenakis

Erziehungsvorstellungen und -ziele sowie Qualitätsstandards in der öffentlichen Erziehung sind vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Wandels zu sehen und zu bewerten. Aufgrund kontextueller Veränderungen, aber auch als Folge neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, werden bisherige Praktiken und Annahmen (z.B. über Leben und Lernen in der Kindheit, über die gesellschaftliche Funktion von Kindertageseinrichtungen) in Frage gestellt.

Nach der hier vertretenen sozialkonstruktivistischen Perspektive handelt es sich bei der Betreuung, Erziehung und Bildung von Kindern um soziale Prozesse, die dynamisch, von offenem Ergebnis sowie veränderlich sind. Erziehung ist in Raum und Zeit plaziert; sie tritt nicht in einem sozialen Vakuum auf, sondern ist vielmehr integral verbunden und geformt durch demographische Veränderungen, historische Ereignisse und Muster, kulturelle Normen und Werte, Schichtungssysteme, familiäre Entwicklungen und Arrangements sowie Veränderungen in der sozialen Organisation und Struktur.

Wandel in Familie und Gesellschaft

Vor diesem Hintergrund ist nunmehr die Frage nach den Veränderungen aufzuwerfen, die uns heute veranlassen, über die Bildung und Erziehung unserer Kinder erneut nachzudenken und öffentlich zu diskutieren. Dieser Frage kann im Rahmen dieses Beitrages nicht mit der gebotenen Ausführlichkeit nachgegangen werden (vgl. hierzu Fthenakis, 1998a, 1998b,1998c,1998d). Es sei lediglich darauf hingewiesen, daß solche Veränderungen seit geraumer Zeit sich auf allen Ebenen der Gesellschaft und der Familie vollziehen. Neben strukturellen (etwa Pluralisierung von Familienformen, in denen heute Kinder zur Welt kommen bzw. aufwachsen) und qualitativen Aspekten (z.B. Veränderungen im Selbstverständnis der Partner, in der Qualität der Eltern-Kind-Beziehung und in dem Wert, den Kinder heute für ihre Eltern repräsentieren) des Familienwandels sind vor allem Veränderungen im Familienentwicklungsprozeß zu nennen, die bei der Diskussion um Erziehungsqualität eine zentrale Rolle spielen: Etwa 21% der Kinder in den alten und mehr als 30% der Kinder in den neuen Bundesländern werden ihre Kindheit nicht mit beiden biologischen Eltern verbringen. Kinder und Familien von heute haben mehr Diskontinuität in ihr Leben zu integrieren und eine Reihe von (normativ wie nicht-normativ) bedingten Übergängen in ihrem Leben zu bewältigen. Nicht nur im Familiensystem, sondern auch auf anderen Systemebenen finden weitere Veränderungen statt, die bei der Bestimmung von Erziehungsqualität von Bedeutung sind: (a) Strukturwandel in Wirtschaft und Ökonomie: Wirtschaft und Arbeitswelt befinden sich weltweit in einem Transformationsprozeß, der sich als ein Übergang von der Industrie- zur Informations- und Dienstleistungsgesellschaft abzeichnet. Dabei gewinnen Tätigkeitsfelder an Bedeutung, die Forschung, Entwicklung, Planung, Führung, Organisation, Verteilung, Marketing, Dienstleistungen und Informationsverarbeitung betreffen (Wandel von Hand- zu Kopfarbeit). Eine solche Entwicklung zieht tiefgreifende Veränderungen in den Tätigkeitsprofilen und im Qualifikationsbedarf nach sich: Niedrige Qualifikation verschlechtert die Chancen auf einen Arbeitsplatz; lebenslange und selbständige berufliche Weiterqualifizierung, z.T. auch völlige Neuorientierung, werden erforderlich. Anspruchsvoller gewordene Aufgaben erfordern ein hohes Maß an Konzentrationsfähigkeit, logisch-analytisches Denken in komplexen Zusammenhängen, Problemlöse- und Organisationsfähigkeiten. Veränderte, dezentrale Organisation von Arbeit erfordert Teamarbeit mit Kommunikation über die rein fachbezogene Kompetenz hinaus, wenn Produktion und Innovation gesichert werden sollen. Bezüglich der sozialen Kompetenzen sind auf dem Arbeitsmarkt zunehmend Eigeninitiative, Lernbereitschaft, Verantwortungsübernahme und kommunikative Fertigkeiten gefragt. Fähigkeiten zur Selbstwahrnehmung und Selbstbewertung sowie das Vertrauen in die eigene Wirksamkeit sind Voraussetzungen dafür. (b) Wachsende Kluft zwischen Armut und Reichtum: Folge dieses ökonomischen Strukturwandels ist eine wachsende Ungleichheit in der Einkommensverteilung; die Kluft zwischen Armut und Reichtum scheint dadurch immer größer zu werden. Ein Indikator für diese Entwicklung sind die Zunahme von Sozialhilfebezug und verdeckter Armut, ein Thema, das durch die Veröffentlichung des Kinderberichts durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend an Aktualität gewonnen hat. (c) Kulturelle Diversität: Öffnung der Märkte, wirtschaftliches Ungleichgewicht im Nationalvergleich und Zerfall des Ostblocks haben weltweit Wanderbewegungen in bislang unbekannten Dimensionen ausgelöst. Westeuropa zählt zu den begehrtesten Einwanderungszielen, wobei Deutschland die höchste Anziehungskraft ausübt. (d) Geographische Mobilität: Kinder sehen sich infolge veränderter wirtschaftsstruktureller Bedingungen, innerhalb derer ihre Eltern Erwerbstätigkeit organisieren, zunehmend einer höheren geographischen Mobilität und einer kulturellen und lingualen Diversität gegenüber, die zu einer Restrukturierung von sozialen Netzen und zu weiteren Veränderungen im Leben der Familien führen werden. (e) Verrechtlichung der Eltern-Kind-Beziehung: Der Umfang grundlegender ziviler und protektiver Rechte für Kinder nimmt beständig, wenn auch langsam zu. Nach der Verabschiedung der UN-Konvention über die Rechte des Kindes entwickelt sich europaweit eine Bewegung, die auch die kindlichen Rechte in den verschiedenen Rechtsordnungen kodifiziert, wie etwa die europäische Charta über die Rechte des Kindes des Europarates, begleitet von einer Reihe von Projekten, die eine Neudefinition von Kindheit in Familie und Gesellschaft intendieren. (f) Medien als wesentlicher Bestandteil von Kindheit: Kinder wachsen heute mit Medien auf, dementsprechend sind Medien vertrauter Bestandteil ihres Alltags. Die heutige junge Generation ist eine „Multimediageneration“, deren Nutzungs- und Präferenzmuster weit-gehend individualisiert sind. Für uns alle ist heute die Frage von zentraler Bedeutung, wie Erziehung (in der Familie wie in den Institutionen) gestaltet werden kann in einer Welt, die immer weniger prognostizierbar ist, und in einem Familiensystem, das zunehmend von Brüchen und Übergängen begleitet wird. Mit anderen Worten, Kinder von heute haben mehr Diskontinuität in ihr Leben zu integrieren und aus solchen Übergängen resultierende Anforderungen zu bewältigen.

Konsequenzen für eine zeitgemäße Erziehung

Bei der gegenwärtigen Debatte um Feststellung und nähere Definition des Begriffs „Erziehungsqualität“ lassen sich im wesentlichen drei unterschiedliche Perspektiven ausmachen:

  1. Qualität als relativistisches Konstrukt: Qualität wird als Ausbalancierung der unterschiedlichen Bedürfnisse, Überzeugungen und Wertorientierungen von Eltern, Kindern, Familien und Gesellschaft verstanden. Sie ist nur auf der Basis gesamtgesellschaftlicher, demokratisch organisierter Prozesse zu verstehen und wird als permanenter Klärungsprozeß definiert.
  2. Qualität als dynamisches Konstrukt: Qualität wird als bewegliches Konzept ausgelegt, das zudem transitorischen Charakter hat: Neben gesellschaftlichen Veränderungen wird auch z.B. auf Generationsunterschiede bei der Bestimmung von Qualität hingewiesen. Qualität in diesem Sinne beinhaltet einen sich kontinuierlich verändernden Prozeß, bei dem die Anliegen unterschiedlicher Interessengruppen in Einklang gebracht werden sollen.
  3. Qualität als mehrdimensionales, strukturell-prozessuales Konstrukt: Die Bestimmung entsprechender Qualitätskriterien dient sowohl der externen Evaluation von strukturellen und interaktionalen Dimensionen des Erziehungsprozesses als auch der Selbstevaluation des pädagogischen Personals. Keine dieser Perspektiven hat bislang die im Kontext stattfindenden Veränderungen thematisiert bzw. diese konzeptionell angemessen berücksichtigt. Zudem hat sich sowohl die Qualitätsforschung als auch die fachpolitische Diskussion bisher vorwiegend auf strukturelle Aspekte von Qualität konzentriert. Prozessuale Aspekte von Qualität wurden hingegen vernachlässigt. Unter prozessualen Dimensionen von Qualität versteht man die vom Kind in der Betreuungssituation und im Umgang mit den Erwachsenen und den Kindern gemachten Erfahrungen sowie die Erzieher-Erzieher- und Erzieher-Eltern-Interaktion. Pädagogische Prozeßqualität bezieht sich auf die Gesamtheit der Interaktionen und Erfahrungen, die das Kind in der Kinderbetreuungseinrichtung mit seiner sozialen und räumlich-materialen Umwelt macht.

Meine Position in der Qualitätsdebatte

Sowohl die strukturellen als auch die prozessualen Aspekte der außerfamilialen Kinderbetreuung sind für die Erziehungsqualität von Bedeutung und müssen in die Konzeptualisierung eines Qualitätsmodells einbezogen werden. Das gegenwärtig zu beobachtende Übergewicht der strukturellen Qualitätsaspekte und eine damit einhergehende »Vernachlässigung« der prozessualen Aspekte ist weder nachvollziehbar noch gerechtfertigt. Darüber hinaus ist eine stärkere ökologische Einbettung von Qualitätskonzepten anzustreben. Im Vordergrund einer Bildungsreform im Kindergarten muß daher die Analyse von Interaktionsprozessen und zwar von Interaktionen auf verschiedenen Ebenen stehen: Fachkräfte und Kinder, Fachkräfte und Familien. Eine solche Reform hat auf die Stärkung von Schlüsselkompetenzen zu fokussieren – ein Aspekt, der bisher in der Forschung zur Qualität nur wenig berücksichtigt wurde.

Qualitätskonzepte müssen sich daran messen lassen, was sie zur kindlichen Entwicklung beitragen. D.h. es müssen vor allem solche Qualitätskonzepte weiterentwickelt werden, die sich empirisch als Prädiktoren für die kindliche Entwicklung bewährt haben. Sowohl die Ergebnisse der amerikanischen als auch der englischen Längsschnittstudie belegen eindeutig, daß Qualitätskonzepte, die sich allein auf die Einrichtungen beschränken, nur einen geringen Varianzanteil der kindlichen Entwicklung erklären können. Anders verhält es sich, wenn solche Konzepte kontextuelle (d. h. familiale und andere soziale und gesamtgesellschaftliche) Bedingungen berücksichtigen. Eine solche Feststellung hat tiefgreifende Konsequenzen sowohl für die Konzeptualisierung von Qualität als auch für deren Messung. Meßinstrumente müssen sich nicht nur durch eine theoretisch begründete und in der Praxis evaluierte Qualitätskonzeption legitimieren lassen. Letztere muß zudem stark ökologisch orientiert sein. Wir sind heute weit davon entfernt, über eine solche Konzeption zu verfügen. Vielmehr beharren wir auf institutionsorientierten Konzepten, was angesichts der gegenwärtigen Forschungslage nicht mehr vetretbar erscheint.

Bei dem Versuch, Erziehungsqualität in diese Richtung weiterzuentwickeln, haben wir in den letzten fünf Jahren auf einige Ansätze hingewiesen, von denen hier zwei nur angedeutet werden sollen:

Stärkung von Basiskompetenzen von Kindern

Die Zukunft der Kinder ist hinsichtlich materieller, sozialer und kultureller Lebensbedingungen immer weniger vorhersehbar. Sie werden sich mit wachsender Wahrscheinlichkeit auf die Bewältigung von Diskontinuitäten einzustellen haben. An dieser Anforderung muß sich auch ihre Erziehung orientieren. Die Stärkung kindlicher Kompetenzen ist die Grundlage zeitgemäßer Erziehung von Kindern; sie kommt bei der Schlüsselsituation „Übergänge im Leben des Kindes und seiner Familie“ in besonderem Maße zum Tragen. Neuere Arbeiten aus dem Staatsinstitut für Frühpädagogik zeigen zudem, daß es möglich ist, Übergänge (wie z. B. der Übergang von der Familie in den Kindergarten und vom Kindergarten in die Schule) durch Stärkung kindlicher Kompetenzen angemessener zu bewältigen als ohne diese Intervention, und amerikanische Arbeiten jüngsten Datum belegen, daß die Vermittlung von Kompetenz, solche Übergänge im Leben und in der Insititution zu bewältigen, am ehesten eine langfristige Wirkung frühpädagogischer Förderungsprogramme garantiert. Die Vermittlung von Kompetenz, die Kindern erlaubt, solche Übergänge im ihrem Leben zu bewältigen, diese als Herausforderung anzusehen und die Überzeugung zu entwickeln, daß sie bewältigt werden können, ohne daß sie daran zerbrechen, findet sich derzeit weder in den Qualitätskonzepten noch in den pädagogischen Programmen.

Förderung von Resilienz

Für die Zukunft ist es von grundsätzlicher Bedeutung, daß sich Kinder zu gesunden, produktiven und kompetenten Mitgliedern unserer Gesellschaft entwickeln. Die Kenntnis der Prozesse und Faktoren, die eine positive und gesunde Entwicklung unserer Kinder begünstigen und fördern, hat während der letzten Jahre an Forschungsrelevanz gewonnen. Diesbezügliche Fragestellungen wurden vor allem bei solchen Kindern empirisch untersucht, die mit spezifischen Schwierigkeiten zu kämpfen haben und Hindernisse überwinden müssen, wie z. B. Scheidung der Eltern, sexueller Mißbrauch, Armut und im extremen Fall Krieg, aber dennoch nicht daran zerbrechen, sondern Kompetenzen und Strategien im Umgang mit solchen Belastungen entwickeln. Die Resilienzforschung hat wesentlich zur Beantwortung dieser Fragen beigetragen. Pioniere auf diesem Gebiet haben erkannt, daß uns diese Kinder möglicherweise bessere Wege und Möglichkeiten aufzeigen können, Risiken zu reduzieren, mit diesen erfolgreich umzugehen und Kompetenzen zu entwickeln, welche dabei helfen, die Entwicklung in eine positive Richtung zu lenken. In der Resilienzforschung der letzten Jahre wurde deshalb die Frage aufgeworfen, welche Kompetenzen Eltern ihren Kindern vermitteln sollten, damit sie widerstandsfähig aufwachsen können. Joseph hat eine Konzeption vorgelegt, die zur Entwicklung psychisch widerstandsfähiger Kinder beitragen soll. Masten und Coatsworth haben vor kurzem Ansätze für die Entwicklung von Kompetenzen zur erfolgreichen Bewältigung von günstiger und von ungünstiger Umgebung veröffentlicht. Sie zeigen, wie relevante Systeme, wie das Bindungs-System und das System der Selbstregulation, welche für die Kompetenzentwicklung von Bedeutung sind, durch elterliches Verhalten gefördert werden können. Auch Joseph nennt Möglichkeiten, kindliche Kompetenzen- wie z. B. Selbsteinschätzung, Empathie, die Fähigkeit, richtige Entscheidungen zu treffen- sowie die Erzieherkompetenz, mit Kindern unterschiedlichen bzw. schwierigen Temperamenten umzugehen, mit Nachdruck zu fördern. Angesichts der europäischen Entwicklung wird es künftig eine weitere Aufgabe für Eltern sein, ihren Kindern nicht nur kulturelle Aufgeschlossenheit, sondern auch zusätzlich linguale Kompetenz zu vermitteln; der Erwerb von zwei weiteren Sprachen – neben der Muttersprache – ist bereits Bestandteil einer zeitgemäßen Erziehung geworden. Schließlich stellt Europa für die Eltern eine neue geographische, soziale, politische und kulturelle Realität dar, eine der größten Herausforderungen in der Nachkriegszeit bezüglich der Entwicklung und Förderung ethnischer und kultureller Identität ihrer Kinder.

Fazit

Die gegenwärtige Diskussion um Erziehungsqualität ist unbefriedigend. Sie trägt vielfach vorliegenden Forschungsergebnissen nicht angemessen Rechnung und wird auf einer Ebene geführt, von der man schon heute weiß, daß sie in ihrer primär institutionellen Orientierung nicht vertretbar ist. Es ist deshalb erforderlich, die Qualitätskonzeption stärker in einen ökologischen Rahmen einzubetten und die pädagogischen Konzepte zu hinterfragen, inwieweit sie den veränderten Lebensbedingungen von Kindern Rechnung tragen bzw. unsere Kinder auf eine Welt vorbereiten, die durch ein hohes Maß an Diskontinuität, an kultureller Diversität, an Mobilität und Flexibilität gekennzeichnet ist. Wenn wir unseren Kindern effektiv helfen wollen, dann ist es hoch an der Zeit, unsere Konzeption über Erziehungsqualität zu überdenken und den Erziehungs- und Lernprozeß neu zu organisieren.

Prof. Dr. Wassilios E. Fthenakis ist Direktor des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München.