Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Gespräch mit Kazim Aydin

Vorsitzender des Türkischen Elternvereins Berlin-Brandenburg und Gründungsvorsitzender der Föderation Türkischer Elternvereine in Deutschland

fK: Herr Aydin, woran liegt es, daß nur ungefähr die Hälfte der ausländischen Kinder Kindertageseinrichtungen besuchen?

Aydin: Da gibt es ein ganzes Bündel verschiedener Gründe.

So sehen z.B. viele türkische Familien diese Einrichtungen nicht als Erziehungs- und Bildungseinrichtungen, sondern eher als Aufbewahrungsanstalten. Zur Zeit sind ja auch sehr viele Türken arbeitslos und sehen deshalb keinen Grund, ihr Kind in den Kindergarten zu schicken. Außerdem sind die Kosten für den Kindergartenbesuch in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Ungefähr 56% der türkischen jungen Männer und ca. 45% der türkischen jungen Frauen heiraten heute einen Partner oder eine Partnerin, die vor der Ehe nicht in Deutschland gelebt hat. Für eine junge türkische Ehefrau, die kein Deutsch spricht und schon allein deshalb keine Aussicht auf einen Arbeitsplatz hat, ist es selbstverständlich, zu Hause die Kinder zu versorgen. Der dritte Grund schließlich: die erste Einwanderergeneration hat langsam das Rentenalter erreicht. Viele türkische Familien sind der Ansicht, daß die Oma sich viel besser um die Enkelkinder kümmern kann als ein Kindergarten.

fK: Welche Rolle spielen unterschiedliche Einstellungen zur Kindererziehung?

Aydin: Manche Eltern meinen, im Kindergarten wird mein Kind rein deutsch erzogen und verliert dadurch seine türkische Identität. Sie befürchten auch, daß es seine Muttersprache dann ganz verlernt. Probleme gibt es auch mit den islamischen Lebensgewohnheiten, z.B. wenn im Kindergarten Schweinefleisch gegessen wird. Einige Eltern finden das deutsche Erziehungssystem zu freizügig. Besonders für ihre Töchter wollen Eltern islamischen Glaubens das nicht. Ich persönlich teile diese Meinungen nicht unbedingt. Wenn man sich entschlossen hat, hier zu leben, muß man auch kompromißbereit sein. Ich meine aber wohl, daß die Bildungseinrichtungen die kulturelle Identität ausländischer Kinder anerkennen müssen. Geschieht das nicht, wird es eine Gruppe ausländischer Familien geben, die sich abkapseln. Die Folge wäre dann, daß wir nicht miteinander, sondern nebeneinander leben.

fK: Eine Folge ist, daß ungefähr ein Drittel der Schulanfänger große Probleme mit der deutschen Sprache hat. Die ist aber für den Schulerfolg entscheidend. Was sollte da getan werden?

Aydin: Sprachtests, wie sie jetzt vorgeschlagen werden, sind der falsche Weg. Forschungsergebnisse belegen, daß ein einzelner Test keine Aussagekraft hat. Ein Kind muß über einen längeren Zeitraum im Alltag beim Spiel beobachtet werden, um seine Sprachkompetenz und mögliche Defizite zu erkennen. Kindertageseinrichtungen haben große Möglichkeiten, die Kinder sprachlich zu fördern. Ein großer Teil der ausländischen Frauen nimmt wenig Anteil am aktiven Leben außerhalb des Hauses. Deshalb ist es eine Schlüsselfrage, diese Mütter zu erreichen. Wenn sie selbst Sprachkurse und andere Aktivitäten besuchen, können sie dort etwas über die Bedeutung der Bildungseinrichtungen erfahren.

fK: Das heißt, je mehr die Erwachsenen sich in dieser Gesellschaft zu Hause fühlen, Arbeit haben, integriert sind, desto positiver wirken sie auf ihre Kinder ein.

Aydin: Ja, und da haben auch Politiker eine ganz große Verantwortung. Sie müssen den ausländischen Familien und Kindern ein Zugehörigkeitsgefühl vermitteln. Sie müssen deutlich sagen: ihr seid zwar aus der Türkei gekommen, aber ihr seid jetzt ein Teil dieser Gesellschaft. Wenn Politiker Vorurteile bedienen, verlieren Ausländer Vertrauen und ziehen sich zurück.

fK: Und welche Verantwortung sollten die Ausländer übernehmen?

Aydin: Dazu eine kleine Geschichte. Bei einem Mann wurde eingebrochen. Er geht zu seinem Nachbarn und klagt, alles ist gestohlen. Der Nachbar hält ihm darauf einen Vortrag, wie er sein Haus hätte sichern müssen und daß der Dieb es auch sehr leicht gehabt habe. Der Mann hört sich das alles an und sagt dann: Du magst ja recht haben. Aber sag mal, hat nicht der Dieb wenigstens auch ein kleines bißchen Schuld an meinem Unglück?

Ich will damit sagen: wenn jeder nur beim anderen die Schuld sucht, geht es nicht. Ausländische Eltern müssen auf irgendeine Weise ein Zeichen erhalten, daß sie hier gern gesehen sind. Ich muß auch etwas geben, damit ich etwas verlangen kann.

fK: Sie sprachen von den großen Unterschieden zwischen Eheleuten der 2. oder 3. Generation und Paaren, bei denen die Ehefrau bisher in der Türkei gelebt hat. Welche Möglichkeiten sehen Sie, diese Eltern mit ihren starken Vorbehalten zu erreichen?

Aydin: Das ist sehr schwer. Wir haben eine eigene Kindertagesstätte eröffnet, um den Zugang zu erleichtern. Darüber hinaus sind wir der Meinung, daß die pädagogischen Konzepte in Kindertageseinrichtungen wie auch in Schulen zu einseitig sind. In den Kitas, in denen ausschließlich deutsche Erzieherinnen arbeiten, wird eben nur Weihnachten und Ostern gefeiert. Schon wenn eine türkische Erzieherin im Team ist, feiert man z.B. auch den von Kemal Atatürk eingeführten Kindertag, auf den wir sehr stolz sind. Die Erzieherinnen können den Kindern so zeigen, daß die Kulturen gleichwertig sind.

fK: Nun gibt es aber in den meisten Kitas nur deutsche Erzieherinnen. Wie können denn diese Einrichtungen trotzdem ausländische Familien mehr ansprechen?

Aydin: Die einzelne Erzieherin versucht sicher, ihr Bestes zu geben. Veränderungen müssen aber weiter oben ansetzen. Das deutsche Erziehungssystem ist noch weitgehend eine Monokultur. Wir brauchen viel mehr Einrichtungen, in denen mehrsprachig erzogen wird. Erzieherinnen wissen noch viel zu wenig darüber. Manche erwarten z.B. von türkischen Eltern, mit ihrem Kind zu Hause Deutsch zu reden. Sie wissen nicht, wie wichtig die Muttersprache für die Entwicklung von Identität und Selbstwertgefühl eines Kindes ist. Erst die Beherrschung der Muttersprache ist auch Grundlage für das Erlernen von Zweitsprachen. Ganz abgesehen davon ist es verheerend, wenn eine türkische Mutter ihrem Kind vielleicht fehlerhaftes Deutsch beibringt. Nein, das ist Aufgabe der Bildungseinrichtungen. Wir brauchen z.B. Pädagogen mit einer Ausbildung in Deutsch als Zweitsprache. Und wir brauchen regelmäßige Fortbildungen, in denen Erzieherinnen lernen, mit multikulturellen Gruppen zu arbeiten.

fK: Was ist das Besondere an Ihrer Kita?

Aydin: Unsere Kita ist zweisprachig. Wir haben zwei deutschsprachige und zwei türkischsprachige Erzieherinnen. Wir versuchen, die Feste und Traditionen der Kulturen, aus denen die Kinder bei uns kommen, zu berücksichtigen. Das sind Kinder türkischer, deutscher, polnischer, russischer Herkunft. Wir meinen, Kinder müssen von Anfang an das Zusammenleben verschiedener Kulturen als selbstverständlich und bereichernd erfahren.

Jede Erzieherin spricht in ihrer Muttersprache mit den Kindern. So hören und sprechen die Kinder die ganze Zeit beide Sprachen. Die Kinder erleben auch, wie ihre Eltern ganz selbstverständlich miteinander umgehen.

fK: Internationale Feste werden ja bereits in sehr vielen Kindereinrichtungen gefeiert. Schwieriger wird es, wenn Einstellungen völlig entgegengesetzt sind. Etwa wenn eine Erzieherin Streit mit einem Jungen hat, der den Tisch abdecken soll. Am nächsten Tag kommt der Vater in die Kita und sagt: mein Sohn braucht sich von Ihnen als Frau nichts sagen zu lassen. Dann ist die Erzieherin empört.

Aydin: Damit hätte ich auch ein Problem. Da gibt es bei einigen Eltern ein großes Bildungsdefizit. Die Erzieherinnen sollten dem nicht nachgeben. Die Eltern müssen wissen, daß es zum Erziehungskonzept der Kita gehört, daß Jungen und Mädchen die gleichen Rechte und Pflichten haben. Da kann es keine Ausnahme geben.

Eine Erzieherin sollte einen solchen Konflikt aber nicht gleich mit der nationalen Herkunft in Verbindung bringen. Wenn sie zum Beispiel sagt, bei uns in Deutschland machen wir das so und ihr Türken seid rückschrittlich, fühlt der Vater sich diskriminiert. Einen Fehler mache ich doch als Person, nicht als Türke. Deshalb sollte die Erzieherin mit dem Vater über das Konzept der Tagesstätte sprechen. Es gibt diese Diskrepanzen in bestimmten Erziehungsfragen und die Eltern müssen damit leben und ihrem Kind erklären. Also müßte das Konzept der Kindertagesstätte auch in mehreren Sprachen vorhanden sein. Zusammenleben verschiedener Kulturen heißt nicht, alles Andersartige zu akzeptieren. Mir gefällt nicht, wenn wir von Deutschen einen „Ausländerbonus“ erhalten. Wenn etwas nur deshalb akzeptiert wird, weil jemand ein „armer“ Ausländer ist, ist das nur die Kehrseite der Diskriminierung. Wirkliche Gleichheit beginnt doch erst da, wo die Menschen sich von Person zu Person auseinandersetzen und begegnen.

Kazim Aydin ist Vorsitzender des Türkischen Elternvereins Berlin-Brandenburg und Gründungsvorsitzender der Föderation Türkischer Elternvereine in Deutschland.

Das Gespräch führte Verena Sommerfeld