Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

Ein Kind zu bekommen und Eltern zu werden, versteht sich nicht mehr von selbst. Kenntnisse und Fertigkeiten, die früher von Generation zu Generation weitergegeben wurden, werden heutzutage über soziale Netzwerke vermittelt und müssen nicht selten in Kursen gelernt wer-den. Eltern werden nicht mehr automatisch in ihre neue Rolle „hinein-sozialisiert“. Familie ist eine Herstellungsleistung geworden, die mehr aber auch weniger gelingen kann.

Ein großer Teil der Mütter und Väter ist eigenständig in der Lage, sich in vorhandene Netzwerke einzuklinken, sich dort zu orientieren und bei Bedarf Rat und Hilfe einzuholen. Aber schon bei mittleren und regelmäßig bei hohen Belastungsniveaus ist dies nicht der Fall. Ob-wohl Hilfen zur Verfügung stehen, sind häufig die Zugangsschwellen zu hoch und die bestehenden Angebote werden dann nicht in An-spruch genommen.

Hier setzen Frühe Hilfen an. Sie vermitteln Wissen, bieten alltagsprak-tische Unterstützung und öffnen Zugangswege zu weiterführenden Angeboten. Wichtig ist dabei, dass die Hilfe zur Familie geht (Geh-struktur) und nicht die Eltern zu den Hilfen kommen müssen (Kommstruktur). Besonders geeignet für die ersten Kontakte rund um die Geburt sind Hebammen, da sie einen weitgehend barrierefreien Zugang zu Frauen auch in schwierigen Lebenssituationen haben.

Damit Frühe Hilfen gelingen, müssen Mitarbeiter(innen) aus Schwan-gerenberatung, Gesundheitswesen, Frühförderung sowie Kinder- und Jugendhilfe sinnvoll und einander ergänzend kooperieren. Dies ist leichter gesagt als getan, da hier unterschiedliche Systemlogiken auf-einander treffen, die verschiedenen Sozialgesetzbüchern zugeordnet sind und differierenden Finanzierungssystemen angehören. Entschei-dend ist, dass der Hilfebedarf von der individuellen Lebenssituation des Kindes und seiner Eltern und nicht von den Angeboten der ein-zelnen Leistungssysteme her definiert wird.

Das von der Bundesregierung geplante neue Kinderschutzgesetz soll unter anderem die Prävention von Gefährdungen durch Frühe Hilfen stärken. Eltern sollen nach der Geburt eines Kindes über vorhandene Hilfen informiert werden und ein persönliches Gespräch in Anspruch nehmen können. Ein Baustein der Angebote sind die von der Liga gemeinsam mit zahlreichen Partnern veröffentlichten Kurzfilme „Wie Babys sich entwickeln. Für Eltern mit Kindern von null bis zwei“. Die DVD mit sechs Filmen in sieben Sprachen kann zum Kostenbeitrag von fünf Euro (inkl. Versandkosten) bei der Geschäftsstelle bestellt werden.

Unter dem Titel „Jedes Kind ist anders, alle Kinder sind gleich. Inklu-sion ja – aber wie?“ findet am 21./22.10.2011 in Hamburg die diesjäh-rige Jahrestagung der Liga statt. Vor dem Hintergrund der UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung soll erörtert werden, wie eine gemeinsame Bildung und Erziehung von Kindern mit und ohne Behinderung in Kindertageseinrichtungen und Schulen bestmöglich gelingen kann. Das Programm ist ab sofort unter www.liga-kind.de erhältlich.

Mit herzlichen Grüßen

Prof. Dr. Franz Resch, Präsident der Deutschen Liga für das Kind
Prof. Dr. Jörg Maywald, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind