Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Buchrezensionen

Vogel, Biene und die Geschichte von der Wassermelone

Wachsen Babys als Blumen, werden sie über das Internet bestellt oder verschluckt die zukünftige Mutter einen Kern, der im Bauch Wurzeln schlägt? Auch wenn die Zeiten sich ändern, die Kinderfrage „Wo komme ich her?“ wird Eltern und Pädagog(inn)en stets aufs Neue gestellt.

In „So etwas Tolles“ wollen es zwei liebenswerte Protagonisten, der neugierig forschende grüne Kakadu und die etwas zurückhaltende kurzsichtige Biene wissen: Wie sieht der menschliche Körper aus? Jungen und Mädchen, was macht den Unterschied? Und natürlich: Wo kommen die Babys her? Viele Fragen, die mittels witziger Illustrationen und zahlreicher Vorlesetexte Auf-Klärung für Kinder von vier Jahren an schaffen. Stärke des Buches ist die große Bandbreite der Themen und eine Gestaltung, die zum Dialog mit dem Erwachsenen einlädt. Neben Informationen zum Körper und der Entwicklung des Embryos werden u. a. die Heterogenität moderner Familienformen, Fragen respektvollen Umgangs mit dem Körper des Anderen, Freundschaften, Lebensspanne aber auch Themen wie Tandem-Stillen und sogar In-vitro-Fertilisation einbezogen. Vielfalt, die nicht beliebig wird, sondern die Möglichkeit gibt, auf zahlreiche Kinderfragen einzugehen. Der Tonfall ist liebevoll und pfiffig. Die Wertschätzung individueller Fragen und Entwicklungswege bleibt dabei immer wichtig, auch bei Informationen über rein technische Details. Der Bauch der werdenden Mutter wird zwar als groß wie eine Wassermelone bezeichnet, aber nicht, weil sie einen Melonenkern verschluckt hat. Und wie bei den Vögeln und Bienen die Kinder entstehen, erfährt man dann noch als Zugabe.

Stella Valentien

Robie H. Harris und Michael Emberley
So was Tolles. Über Mädchen und Jungen, vom Kinderkriegen und vom Körper
Beltz & Gelberg Verlag Weinheim und Basel 2006
59 Seiten
14,90 €

Sexuelle Bildung: mehr als Aufklärung

Wissen über Sexualität wird gemeinhin mit dem Begriff der sexuellen Aufklärung in Verbindung gebracht. Dass es dabei nicht allein um Informationsvermittlung geht, sondern sexuelle Bildung einen lebenslangen und viel dimensionalen Prozess meint, rückt erst allmählich in das Bewusstsein.

Nach einer ersten Welle der Begeisterung für sexualpädagogische Themen in den 1970er Jahren wurde die Sexualpädagogik rechtlich erstmals 1992 im Zusammenhang mit dem Schwangeren- und Familienhilfegesetz anerkannt. In den Folgejahren wurde es auffällig ruhig um das Thema, sowohl auf wissenschaftlicher als auch auf konzeptioneller Ebene. Das Herausgeberduo Renate-Berenike Schmidt und Uwe Sielert hat nun einen großen Wurf gewagt. Mit ihrem „Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung“ unternehmen sie den Versuch, Sexualpädagogik umfassend zu beleuchten. Die mehr als 60 Artikel der beinahe ebenso vielen Autor(inn)en thematisieren am Lebenslauf orientierte individuelle, institutionelle, gesellschaftliche und kulturelle Aspekte von Sexualpädagogik ebenso wie Moral-, Gefahren- und Schutzdiskurse sowie Fragen der Theoriebildung, Forschung und didaktischen und medialen Vermittlung. Als besonderer Verdienst kommt den Herausgebern zu, den Begriff der sexuellen Bildung systematisch einzuführen. Wissen über Sexualität wird auf diese Weise nicht mehr nur als Folge von Instruktionen verstanden, sondern als vorläufiges Ergebnis der lebenslangen Suche jedes Menschen nach geschlechtlicher Identität und sexuellem Glück.

Dr. Jörg Maywald

Renate-Berenike Schmidt und Uwe Sielert (Hrsg.)
Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung
Juventa Verlag Weinheim und München 2008
790 Seiten
69,- €