Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Sexualaufklärung bei Vorschul- und Grundschulkindern

Von Frank Häßler, Olaf Reis, Katharina Wunsch und Heike Häßler

Wenn es um Sexualaufklärung geht, käme sicherlich niemand auf die Idee, sich einleitend auf Literatur aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts zu stützen. Dennoch mag die „moderne, liberale“ damalige Auffassung manchen noch heute „Verklemmten“ verblüffen. „Im großen und ganzen kann festgehalten werden, dass die objektiven Vorgänge dem Kind sehr zeitig erklärt werden können, und zwar lange vor den gewöhnlich als Beginn der Pubertät angesehenen Jahre. (…) Für den Zweck der sexuellen Aufklärung kommt es aber nicht so sehr darauf an, wann die allerersten Symptome der Reifung vorhanden sind, sondern darauf, wann die ersten sexuellen Gefühle und Empfindungen, die von den unbewussten, rein somatischen Symptomen zu trennen sind, auftreten“ (Moll 1909). Ohne große Abstriche kann diesen Formulierungen aus auch heutiger Sicht zugestimmt werden.

Sexualaufklärung ist sicherlich eine Domäne der Eltern und sollte dies bei entsprechenden Voraussetzungen auch bleiben. Zu diesen zählen einerseits die Bereitschaft zum Gespräch und andererseits das Vorhandensein des notwendigen Wissens. Wenn diese Basisvoraussetzungen gegeben sind, bedarf es darüber hinaus einer vertrauensvollen Beziehung zwischen dem/der Aufklärenden und dem aufzuklärenden Kind sowie dem entsprechenden Einfühlungsvermögen und einem gewissen pädagogischen Geschick. Noch 1968 wurden regelrecht falsche Informationen an die Kinder vermittelt, wie die Geschichte vom Storch (Brückner 1968).

Ergänzend zur vorrangig elterlichen Aufklärung bzw. wenn oben genannte Voraussetzungen nicht gegeben sind, müssen Institutionen wie Kindergarten/Kindertagesstätte/Tagesmütter und Schule diese Aufgabe übernehmen. Zahlreiche mehr oder minder zur Verfügung stehende Materialien können nicht nur unterstützend eingesetzt werden, sondern garantieren durch ihre manualisierte Struktur und mediale Aufbereitung bis hin zu Videos und Demonstrations-CDs eine gewisse Wissens-, bzw. Vermittlungshomogenität. So geht es im Handbuch für Erzieherinnen und Erzieher „entdecken, schauen, fühlen“, das als Bestandteil der „Kindergartenbox“ 2003 von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) herausgegeben wurde, um Informationen zur psychosexuellen Entwicklung und zu Ausdrucksformen kindlicher Sexualität im Kindergartenalter. Inhalt sind u. a. Themen wie „den Körper entdecken“, Körperkontakt und Bewegung, Geschlechtsidentität und Geschlechtsrollen, Gefühle, Sinneserfahrungen, Grenzen setzen, Zeugung, Schwangerschaft, Geburt, Familie, Vertrautes und Fremdes.

Ebenfalls 2003 gab die BZgA das FORUM-Heft „Sexualaufklärung und Familienplanung“ heraus. Im Editorial wird darauf hingewiesen, dass Sexualität ein Thema ist, das Kinder zwischen drei und sechs Jahren so grundlegend interessiert, dass Kindertageseinrichtungen in Deutschland Sexualerziehung möglichst flächendeckend als Bildungsaufgabe wahrnehmen und umsetzen sollen. Die zumindest in den ersten zwei Kapiteln „Was ist Sexen? – Geschlecht, Liebe und Sexualität als Bildungsthemen im Kindergarten“ sowie „Psychosexuelle Entwicklung des Kindes und sexualpädagogische Herausforderungen“ zitierte einschlägige Literatur stammt vorwiegend aus der Zeit von vor 2000. Der Ordner „Sexualerziehung, die ankommt“ aus dem Jahre 1999 ist aber leider bereits vergriffen. Die enthaltenen Fakten beruhen auf einer Studie an Bremer Schulen zu Selbstwahrnehmung, Sexualwissen und Körpergefühl sechs bis 14-jähriger Mädchen und Jungen. Was aber wissen wir über das Wissen von Vorschulkindern über Sexualität, ihr Sexualverhalten und sich bereits manifestierende Abweichungen? Denn nur auf der Basis gesicherten Wissens sind wir in der Lage, entwicklungsadäquat und gezielt über die vielfältigen Facetten von Sexualität aufzuklären.

Sexualwissen
In der Einleitung zur Broschüre „Körper, Liebe, Doktorspiele“, herausgegeben von der BZgA im Jahre 2006 schreibt die Autorin, Frau Philipps, dass zum Thema psychosexuelle Entwicklung von Seiten der Wissenschaft erst vorläufige Antworten gegeben werden können und diese auf nur wenigen empirischen Studien beruhen. „Nach gängigen Vorstellungen ist Sexualität etwas für Jugendliche und Erwachsene. Kinder gelten demgegenüber als unschuldig, ihre lustvollen Äußerungen werden nicht als sexuelle interpretiert.“ Auf solch einer Grundlage ließe sich keine frühe sexuelle Aufklärung aufbauen. Doch möglicherweise schützt Wissen über Regeln, Sexualität, Grenzen und Grenzüberschreitungen vor sexueller Gewalt. Deshalb kann eine frühe grenzsichere Aufklärung möglicher Opfer die „best practice“ in der Primärprävention sexueller Gewalt sein.

Zu den wenigen empirischen deutschsprachigen Untersuchungen zählen zwei ältere Studien aus den Jahren 1983 (Grassel und Bosinski; Sexualwissen und Geschlechtsrollen-Vorstellungen bei Vorschulkindern) und 1996 (Volbert und Homburg: Was wissen zwei- bis sechsjährige Kinder über Sexualität).

Im Gegensatz zu vielen vorhergehenden Studien aus dem angelsächsischen Raum bedienten sich Grassel und Bosinski keiner retrospektiven Aussagen, sondern befragten und beobachteten 99 Kinder im Alter von fünf bis sieben Jahren während eines Kuraufenthaltes (in der DDR). Zum Abschluss der Gespräche wurden den Kindern zehn Bilder mit bekleideten und unbekleideten jungen und alten Menschen beiderlei Geschlechts sowie schwangeren Frauen und einer säugenden Stute vorgelegt. Nach dieser empirischen Studie waren die meisten Kinder gut in der Lage sowohl bekleidete als auch unbekleidete Kinder und Erwachsene hinsichtlich ihres Geschlechtes richtig zu benennen. Das Identifizieren einer Schwangeren gelang 70 Prozent der Kinder, die weibliche Brust wurde von 86 Prozent als solche genannt, während die Genitalien dagegen von 70 Prozent noch „unsachlich“ definiert wurden. 77 Prozent der Jungen und 92 Prozent der Mädchen wussten, woher Kinder kommen; 13 Prozent der Jungen und 22 Prozent der Mädchen schrieben den Genitalien eine Rolle bei der Geburt zu. Mädchen bezogen zu 74 Prozent ihr Wissen von der Mutter, während diese Informationsquelle nur 54 Prozent der Jungen nutzten. Gleichaltrige und Medien wurden zwischen vier und 7,5 Prozent als Quellen der sexuellen Information angegeben.

Volbert und Homburg befragten 147 Kinder im Alter von zwei bis sieben Jahren (im vereinten Deutschland). 60 Prozent der angesprochen Eltern lehnten eine solche Befragung ihrer Kinder, insbesondere der jüngeren, ab. Sowohl bezüglich Geschlechtszuordnungen als auch Geschlechtsidentität machten nahezu alle Kinder richtige Angaben. 80 Prozent kannten für die Genitalien nur umgangssprachliche Ausdrücke. Nur sechs Prozent der Kinder schrieben dem weiblichen Genitale eine Funktion bei der Geburt zu. Über die Zeugung machten nur drei Kinder annähernd richtige Angaben. Auch wenn die Altersbereiche und Fragenkataloge der beiden Studien nicht übereinstimmen, lässt sich annehmen, dass die Fundiertheit des Sexualwissens eher ab- als zunahm, womit Annahmen zu sozialen Mechanismen gemacht werden dürfen.

Möglicherweise wirken sich die Veränderungen in der Einstellung zur Sexualität und veränderte Zugangswege zu sexuellem Material auf die Aneignungsmuster von Wissen über Sexualität aber auch auf das Sexualverhalten selbst aus. Auch möglicherweise zunehmendes norm-abweichendes sexualisiertes Verhalten – wobei die Frage unbeantwortet bleibt, wie entwicklungsadäquates Sexualverhalten aktuell aussieht – kann möglicherweise durch neue Zugangswege zu Sexualwissen erklärt werden. Bisher gibt es Hinweise, dass sowohl Sexualwissen als auch Sexualverhalten (normgerechtes wie abweichendes) mit der sozialen Herkunft korrelieren. Die Geschlechtsrollenzuschreibung in der Familie bzw. die Geschlechtsrollen der Eltern sowie die Präsenz der Eltern bestimmen neben kognitiven Aspekten maßgeblich das sexuelle Rollenverhalten des Kindes (Serbin et al. 1993). Zusammenfassend lässt sich die Entwicklung des Sexualwissens von Kindern wie in Tabelle 1 darstellen.

Tabelle 1: Wissen von Kindern in der Vorpubertät über Sexualität (Volbert 2010)
2 Jahre Fragen zu Geschlechtsunterschieden
Geschlechtszuordnungen werden richtig vorgenommen, nicht begründet
Begriffe für Geschlechtsorgane
3 Jahre Geschlechtszuordnungen nach äußeren Merkmalen
4 Jahre Fragen nach Schwangerschaft und Geburt
vage Kenntnisse über intrauterines Wachstum
sehr vage Kenntnis über Geburtsweg
5 Jahre Geschlechtszuordnungen werden mit genitalen Unterschieden begründet (abhängig vom Material)
Kenntnis über Geburtsweg via Vagina oder Sectio
8 Jahre Fragen zu Empfängnis und Geschlechtsverkehr
9-11 Jahre Wissen über Empfängnis und Geschlechtsverkehr

Sexualverhalten
Nach Volbert (2010) lässt sich Sexualverhalten grob in selbststimulierendes und interpersonelles Verhalten einteilen. Obwohl genital selbststimulierendes Verhalten schon bei Säuglingen beobachtbar ist, spricht man erst nach Vollendung des zweiten Lebensjahres von Masturbation. Während in einer eigenen Untersuchung (insgesamt 158 Kinder, davon 54 im Vorschulalter) knapp über 90 Prozent der Eltern und Erzieher kein masturbatorisches Verhalten ihrer Kinder beschrieben, waren die Zahlen aus den Untersuchungen an gleich alten Kindern von Gagnon (1985) und Gordon et al. (1990) genau umgedreht, 85 Prozent der befragten Mütter bzw. Eltern gaben darin an, dass ihre Kinder an sich selbst genitale Manipulationen vornehmen würden. Die Diskrepanz liegt in der Differenzierung zwischen Anfassen und Spielen am eigenen Genitale und Selbstbefriedigung. Auch in der Untersuchung von Friedrich et al. (1991) berichteten unter 20 Prozent aller Mütter über Masturbation ihrer Kinder. Somit kann man davon ausgehen, dass eigene genitale Berührungen im Vorschulalter häufig sind, Masturbation schon seltener und diese bis zum Orgasmus eher selten praktiziert wird. Auch interpersonell zeigen ein bis zweijährige Kinder bereits Interesse an den Genitalien anderer, insbesondere an denen der Eltern und Geschwister. Mit ca. drei Jahren beginnen dann sexuelle Handlungen an und mit anderen Kindern (Doktorspiele). Die Tabelle 2 gibt einen Überblick über die Entwicklung normalen sexuellen Verhaltens.

Tabelle 2: Entwicklung normalen sexuellen Verhaltens bis hin zur Pubertät (Gordon und Schroeder 1995)
bis 2 Jahre genitale Exploration
Erektionen und vaginale Lubrikationen
Erfahrung von angenehmen genitalen Gefühlen
Berührung der Genitalien anderer
Genießen von Nacktheit
3 bis 5 Jahre lustvolles Masturbieren, ggf. bis zum Orgasmus
sexuelle Spiele mit Gleichaltrigen und Geschwistern, Zeigen der eigenen Genitalien und der von anderen
Genießen von Nacktheit, Ausziehen in Gegenwart von anderen
6 bis 12 Jahre Masturbation, wenn allein
Scham und Verlegenheit, sexuelle Spiele werden vor Erwachsenen verborgen
ggf. sexuelle Träume und Phantasien
Interesse an medial präsentierter Sexualität
Beginn körperlicher Veränderungen: ggf. Menarche und Ejakularche

Bereits im frühen Kindesalter können sich Störungen der Geschlechtsidentität (ICD-10; F 64.2) manifestieren, die als Erkrankung aufgrund eines komplexen biopsychosozialen Bedingungsgefüges gelten. Die betroffenen Kinder wünschen sich dann, dem anderen Geschlecht anzugehören, verleugnen das eigene Geschlecht und die eigenen Genitalien und zeigen gegengeschlechtliche Verhaltensweisen im Alltag (Spielzeugwahl, Kleidung, Freunde) (Korte et al. 2008).

Sexualaufklärung
Bei einer aktuellen Literaturrecherche fällt auf, dass insbesondere einerseits der Wert früher Gespräche zwischen Eltern und ihren Kindern über sexuelle Themen einhellig gesehen wird, andererseits die Realität aber häufig anders aussieht (Wilson et al 2010, Beckett et al. 2010). Sexuelle Aufklärung sollte mit dem Erfragen des entwicklungsabhängigen individuellen Wissens der Kinder beginnen, um die Kinder weder zu über- noch zu unterfordern und selbst als Gesprächspartner glaubhaft zu bleiben. Wenn die Eltern es während des Vorschulalter versäumen, mit ihren Kindern über Sexualität zu sprechen, werden die Kinder, ob sie dazu bereit sind oder auch nicht, ihre Informationen eher ungefiltert und unstrukturiert von Gleichaltrigen, Älteren und/oder aus den Medien beziehen. Durch das Entstehen solcher „Parallelwelten“ kann das Vertrauen in die Eltern soweit gestört werden, dass Kinder auch später – wenn es in der Adoleszenz um Schwangerschaft, Verhütung, Geschlechtskrankheiten etc. geht – den Eltern nicht zuhören oder deren gut gemeinte Ratschläge dann als Einmischung auffassen und sich ihnen oppositionell widersetzen.

Günstige Voraussetzungen für eine effektive sexuelle Aufklärung sind:
– gute Vorbereitung, auch bezüglich des eigenen Wissens, Überprüfung bzw. Reflektion eigener Einstellungen;
– Vorhandensein einer guten, tragfähigen emotionalen Beziehung;
– Vorbereiten oder Nutzen einer günstigen Gelegenheit für solch ein Gespräch, sehr oft reicht es aus, den Fragen eines Kindes nicht auszuweichen;
– von vornherein die Scheu und die Scham vor diesem Thema nehmen;
– das Gespräch suchen, solange die Kinder noch jung sind – möglichst vor der Einschulung (Kindern, die bereits über mediale pornographische Erfahrungen verfügen, braucht man nichts mehr über Geschlechtsunterschiede und die Rolle der Genitalien erzählen);
– Ausstrahlung von Selbstsicherheit, Normalität und Kompetenz;
– Wahl einer dem Entwicklungsstand angemessenen Sprache und eines angemessenen Themas, Verhütung wäre beispielsweise kein Thema für Vorschulkinder;
– kindgerechtes Anschauungsmaterial einbeziehen, andere Ressourcen nutzen;
– besser mehrfach oder kontinuierlich sexuelle Themen besprechen als ein „big talk“ im Rahmen eines Familienrates, das Thema wird damit alltäglicher und die Beziehung zwischen Eltern und Kindern enger.

Wenn Eltern ihre Verantwortung nicht wahrnehmen bzw. delegieren, gelten die erwähnten Voraussetzungen auch für das Personal in den Betreuungseinrichtungen bzw. weitestgehend auch für Grundschullehrer. Je älter das aufzuklärende Kind ist, desto stärker sollte auf seine gemachten Erfahrungen, Einstellungen und Erwartungen eingegangen werden. Das durch entsprechende Aufklärung erworbene Wissen zum eigenen Körper, das eigene Geschlecht und zum normalen Sexualverhalten bestimmt maßgeblich die Sexualentwicklung eines jeden. Sexualität gehört zu den Grundthemen menschlicher Entwicklung, das sich buchstäblich von der Wiege bis zur Bahre zieht. Innerhalb dieses Entwicklungsprozesses gibt es mehrere sensible Phasen und Momente, die die „Weichen für das Kommende stellen“. Die sexuelle Aufklärung ist die erste dieser „Weichen“, daher kommt ihr ein so hoher Stellenwert zu.

Die Literaturangaben sind über die Geschäftsstelle erhältlich.

Prof. Dr. Frank Häßler ist Direktor der Klinik für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter am Universitätsklinikum Rostock.

Dr. phil. Olaf Reis ist Psychologe und Forschungskoordinator an der Klinik für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter am Universitätsklinikum Rostock.

Dipl. Psych. Katharina Wunsch ist Psychologin an der Klinik für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter am Universitätsklinikum Rostock.

Dipl. Psych. Heike Häßler ist Psychologin am Hanseklinikum Stralsund, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie.