Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Das Spiel als Medium zur Bewältigung von Konflikten

von Annette Streeck-Fischer

„Und wir spielten und spielten und spielten, so dass es das reine Wunder ist, das wir uns nicht tot gespielt haben.“ Astrid Lindgren, Das entschwundene Land

Seit den Ergebnissen von Pisa, die deutschen Schülern ein schlechtes Leistungsniveau bescheinigt haben, werden unsere Kinder überflutet mit Lernmaterialien. Das geschieht nicht nur in der Schule, sondern auch schon im Kindergarten und in der Vorschule. Spielen demgegenüber gerät in den Hintergrund, es wird sogar vernachlässigt, weil es als unwichtig angesehen wird, obwohl wir wissen, welche hervorragende Bedeutung und heilsame Funktion es in der Entwicklung hat.

Ein Spiel, das aus kreativen Spielsequenzen mit einer Mischung von Fantasie und Realität besteht, ist ein zentrales Medium im Erwerb von Fähigkeiten und Kompetenzen, zur Bewältigung von Konflikten und eine wichtige Lernressource, die häufig übersehen wird. Gemeint sind damit nicht etwa Computerspiele, die Geschicklichkeit und Schnelligkeit fördern, sondern ein Spiel bei dem beispielsweise ein umgedrehter Tisch in der Fantasie zum Segelboot wird, über die Weltmeere gesegelt wird und jede Menge Gefahren bewältigt werden.

Statt neue Lernziele zu formulieren, sollten sich die maßgeblichen Politiker für Frühförderung überlegen, wie Kinder zum Spielen gebracht werden können und wie sie es lernen, ihre Fantasie zu nutzen. Denn gerade solche Fähigkeiten helfen dabei, die Belastungen zu bewältigen, denen sie täglich ausgesetzt sind. Im Spiel werden ganzheitliche Erfahrungen gemacht, denn Spielen setzt sich zusammen aus einer geistigen Aktivität, die bewusste und unbewusste Fantasien einschließt, einer körperlichen Aktivität und der Fähigkeit, dass das, was in Handlung umgesetzt wird, nicht real ist (Neubaur).

Das Kind erwirbt Fähigkeiten in der sensomotorischen Integration, es lernt in einem Raum des Als-ob – ein Raum, der real und nicht real ist – mit Gefühlen und Impulsen umzugehen, es wird mit Problemen konfrontiert, für die es Lösungen sucht und es kann sich eine eigene Welt erschaffen, die nach seinen eigenen Regeln funktioniert. Es kann kreativ etwas Neues erschaffen, es kann aber auch Kriege führen, zerstören oder töten, ohne dass es reale Folgen hat.

Im Spiel werden unbewältigte Erfahrungen und konflikthafte Situationen nicht einfach nur wiederholt, sondern aktiv neu hergestellt. Das Spiel hat die Funktion eines Beschützers für das Selbst. Erfahrungen mit anderen werden im Spiel gleichsam „durchgekaut“, überprüft, ins Selbstbild integriert oder verworfen. Normales Spielen ist eine mit Freude und Hingabe ausgeübte Tätigkeit, die spontan begonnen und über ein sich entwickelndes Thema zu einer Lösung geführt wird. Erikson (1937) spricht von Spielsättigung, wenn das Thema natürlich beendet wird und damit einer vorläufigen oder auch definitiven Bewältigung gedient hat. Das Spiel wird so zu einer Quelle von Selbstachtung und Lebensbewältigung.

Ist das Spiel einer Person jedoch rigide und eingeengt, weist es in sich Brüche auf, werden immer dieselben Themen konflikthaft wiederholt, herrschen negative Gefühlszustände vor und ist Entwicklung nicht erkennbar, dann bildet sich darin eine Problematik ab, die auch in anderen Lebensräumen auftaucht (Kernberg 1995, Arlow 1987). Ein weiteres Problem ist, wenn Spielen nicht gelernt wurde, bzw. die Fähigkeit verödet ist. Wenn im Fernsehen und Computerspiel Erfahrenes nur mehr nachgeahmt werden kann, dann ist diese heilsame Funktion eines Spiels zerstört. Hier ist therapeutische Hilfe sinnvoll, die einen heilsamen Spielfluss wieder in Gang bringen kann. Unter der Voraussetzung eines sicheren Spiels können Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Spiel Erfahrungen machen, die ihnen helfen, Konflikte und schwierige Realitätsbedingungen zu bewältigen. Das Spiel erlaubt ihnen, sich aus einer enttäuschenden und unangenehmen Welt zurückzuziehen. Es mildert Konflikte und bietet illusorische Gratifikationen und bessere Alternativen (Ostow 1987).

Dazu ein Beispiel aus meiner Erfahrung als Mutter im Umgang mit meinem Sohn: Er hatte eine besondere Faszination für das Gefährliche und Beängstigende. Mit drei Jahren liebte er es, eine ‚Giftsuppe’ zu kochen, die er mit Totenkopf und gekreuzten Knochen versah. Mit vier sammelte er Knochen, die es besonders viel in einem kleinen Steinbruch gab, wo offenbar Nachbarn ihre Knochenabfälle entsorgten. Mit fünf lief er hoch bewaffnet durch das Dorf – mit zwei Plastikschwertern, einer Spielzeugpistole, einem Helm und einem Schild. Maskiert als ‚wilder starker Mann’ konnte er offenbar überall hingehen, ohne sich bedroht zu fühlen. Es waren Spiele mit der Angst, die ihn beschäftigte und die er spielerisch im Anderen auslöste, letztlich um zu lernen, mit beängstigenden Situationen umzugehen.

Und mit sieben Jahren liebte er es, in seinem Zimmer eine Geisterbahn aufzubauen. Ich musste immer wieder durch diese Geisterbahn durch und mit dem Schrecken fertig werden. Mit der Zeit fand ich in dieser Geisterbahn aber weniger den Schrecken als unerwartete plötzliche Attacken – plötzlich fuhr mir der Handbesen durch das Gesicht, dann stolperte ich über einen Stock und ich wurde in die Ecke geschubst usw., so dass ich mehr und mehr den Eindruck bekam, es gehe jetzt gar nicht mehr um Schrecken, sondern dass man in dieser Geisterbahn alles mögliche an Attacken aushalten und lernen musste, seinen Weg zu gehen und zu überleben. Ich war immer richtig froh, wenn ich das hinter mich gebracht hatte. Und ich sagte ihm dann auch, dass es ja ganz schön unangenehm und manchmal auch schmerzhaft sei, durch diese Geisterbahn zu gehen und dass ich mich ganz schön zusammen reißen müsste, das durchzustehen. Ich erklärte mir dieses Spiel auch mit seinen beängstigenden Erfahrungen, die mit der Schule zusammenhingen, in die er noch nicht lange ging und wo er schwierigen Situationen ausgesetzt war. Mit mir und an mir wiederholte er all die Schubsereien, die kleinen Attacken und unberechenbaren Vorfälle, in denen ich das Opfer wurde, das er zuvor gewesen war. Indem er es an mir aktiv in Szene setzte, trug ich wohl dazu bei, dass er diese Erfahrungen bewältigen konnte bzw. einen Weg fand damit umzugehen. Es ist ein heilsames Spiel.

Die Fähigkeit mit der Realität zu spielen, ist – wie hier deutlich wird – so bedeutsam, da sie dazu führt, dass eine Art Reflexionsraum hergestellt wird, in dem Erfahrungen im gehandelten Spiel neu betrachtet und beleuchtet werden können. Es handelt sich dabei um Vorläufer der Fähigkeit zur Selbstreflexivität, einer Fähigkeit, die bedeutet, dass ein Zwischenraum gebildet wird zwischen dem, was man denkt und dem, was man tut. Dies ist ein wichtiger Schritt in der Entwicklung eines Kindes, denn er bedeutet, seine Gefühle von Angst, Wut und Enttäuschung nicht unmittelbar und ungesteuert raus zulassen und den anderen in eine schwierige Situation zu bringen, sondern in einem Raum des Als-ob Probe handelnd damit umgehen zu lernen. Über solche Zwischenräume verfügen beispielsweise Kinder mit ADHS häufig nicht und können dann auch nicht spielerisch ausdrücken, was sie beschäftigt. Aufgrund dessen sind sie im Umgang mit Belastungen und Konflikten häufig gehandicapt.

Die Literaturangaben sind über die Geschäftsstelle erhältlich.

PD Dr. Annette Streeck-Fischer ist Psychoanalytikerin und Kinder- und Jugendpsychiaterin und leitet die psychotherapeutische Abteilung für Kinder und Jugendliche in Tiefenbrunn bei Göttingen.