Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Spielzeugstadt Nürnberg

von Helmut Schwarz

„Es ist fast kein Kind in der kultivierten Welt, das nicht mit einem Nürnberger Spielwerk tändelte und sich darüber freute; wie viel fehlt einer Stadt, worin kein Nürnberger Laden ist!“ So urteilte der weitgereiste Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein 1779 über die enorme Bedeutung des Nürnberger Spielzeugs schon in vorindustrieller Zeit. In der Tat ist Nürnberg die einzige Stadt der Welt, die auf eine mehr als 600-jährige Tradition in der gewerblichen Herstellung und Verbreitung von Spielzeug zurückblicken kann.

Am Anfang der nachweisbaren Spielzeugherstellung in der Freien Reichsstadt steht die Fertigung von Puppen aus weißem, in Modeln gepresstem Ton, deren modellierte Kleidung auf die zeittypische Mode des späten 14. Jahrhunderts hinweist. Im Jahre 1400 werden in städtischen Steuerlisten bereits zwei „Tockenmacher“, also Puppenmacher, erwähnt. Aus anderen Einträgen geht hervor, dass es auch bereits Holzpuppenmacher gab. Die erste Abbildung eines Nürnberger Spielwarenmachers stammt aus der Mitte des 16. Jahrhunderts und zeigt den „Schachtelmacher und Dockenschnitzer Clauß Schach“ bei der Fertigung einer Holzpuppe. Zu den bemalten oder unbemalten Holz- und Tonpuppen gesellten sich im Laufe der Zeit gekleidete Puppen und andere Figuren aus Alabaster (eine feinkörnigen Gipsart), Tragant (eine harzartige Absonderung bestimmter Pflanzen), Wachs und Stoff. Von besonderer Bedeutung wurde vor allem während des 18. Jahrhundert die Herstellung von Puppen, Tieren und Masken aus Papiermaché. Diese Erzeugnisse wurden arbeitsteilig und in großen Mengen für den Export hergestellt, da sie leicht, robust und billig waren.

Puppen und Figuren der verschiedensten Variationen stellten gegen Ende des 18. Jahrhunderts nur einen Teil der lokalen Spielwarenproduktion dar. Der Nürnberger Kaufmann Georg Hieronymus Bestelmeier(1764-1829) führt in seinen ab 1793 erscheinenden bebilderten Spielwarenkatalogen tausende von Artikeln auf, die aus Nürnberger und auswärtigen Werkstätten stammten. Angefangen von Steckenpferden, Holzbauspielen und -figuren, über vollständig eingerichtete Puppenhäuser und -küchen, Kaufläden, Zinnfiguren, Kindergeschirr und Musikinstrumente bis hin zu Gesellschaftsspielen, magnetischen Spielwaren, optischen und mechanischen Wunderwerken reicht das verblüffend umfangreiche Sortiment von Spielwaren und Lehrmitteln der Bestelmeier-Kataloge.

Dieses vielfältige Angebot ist beredter Ausdruck der reichen und langen Handels- und Gewerbetradition der Freien Reichsstadt, in der sich im Lauf der Zeit vor allem im Exportgewerbe eine besondere Produktionsform, die so genannte Handwerksindustrie entwickelt hatte. Hinter diesem anscheinenden terminologischen Widerspruch von „Handwerk“ und „Industrie“ verbirgt sich die Tatsache, dass zwar in quasi „industriellen“ Quantitäten, aber handwerklich produziert wurde. Konkret: Spielwaren wurden außerhalb und innerhalb der regulierten Gewerbe produziert. Dabei fand die große Differenzierung des Nürnberger Handwerks insgesamt ihren notwendigen Reflex in der starken Differenzierung des Spielwarengewerbes. Gold- und Silberschmiede stellten auf Bestellung vermögender Familien kunstgewerbliche Spielwaren her, Mechanici kleine mechanische Wunderwerke. Zahlreiche „einfache“ Handwerker fertigten hingegen die Gegenstände, die sie für den Alltagsgebrauch herstellten, im Nebenberuf en miniature auch als Spielzeug.

Spielwarenmacher waren also – neben den Dockenmachern – im weiteren Sinne auch alle Handwerker, die im Rahmen ihrer Profession Gegenstände der „großen Welt“ im Spielzeugmaßstab nachbildeten. Insofern ist es kein Zufall, dass in einer Stadt, die sich so sehr auf die Fertigung von Alltagsgegenständen verlegt hatte, nicht nur als grandiose Auftragsanfertigungen patrizische Puppenhäuser entstanden, sondern unter dem Namen „Nürnberger Küche“ auch das bis heute beliebte Spielzeug „Puppenküche“. Und ebenso logisch erscheint es, dass die Zeitgenossen unter dem sprichwörtlichen Begriff des „Nürnberger Tands“, der jahrhundertelang durch „alle Land“ ging, immer auch – aber eben keineswegs ausschließlich – Spielzeug meinten.

„Nürnberger Waren“ oder „Nürnberger Tand“: Hinter diesen Begriffen verbargen sich oftmals Produkte, die – vor allem im Bereich der Holzwaren – außerhalb der Mauern der Reichsstadt gefertigt worden waren. Auch in den Vorstädten und vor allem im benachbarten Fürth waren zahlreiche Arbeitskräfte für die Nürnberger Spielwarenverleger tätig. Die Nürnberger Kaufmannschaft beschränkte ihre Aktivitäten freilich keineswegs auf Franken. Sie pflegte intensive Handelsbeziehungen zu den Zentren der hausindustriellen Spielzeugfertigung, die alle entlang der stark frequentierten Routen des Nürnberger Handels lagen: (1) Berchtesgaden: Beginn der nachweisbaren Holzspielwarenfertigung im 16. Jahrhundert; (2) Oberammergau: Beginn der Holzspielwarenfertigung ebenfalls im 16. Jahrhundert; (3) Grödnertal im heutigen Südtirol: Holzspielzeug seit Mitte des 18. Jahrhunderts; (4) Sonneberg und Meininger Oberland (Thüringen): Holzwarenfabrikation seit dem 14. Jahrhundert, Holzspielzeug insbesondere seit dem 18. Jahrhundert; (5) Erzgebirge: Holzspielwarenfertigung seit Beginn des 18. Jahrhunderts. Die Vernetzung der verschiedenen Spielzeugzentren über die Handelsstadt Nürnberg schuf – zusammen mit dem Vertrieb der einheimischen Produkte – eine solide Basis für die anhaltende Bedeutung des Nürnberg-Fürther Spielzeughandels auch in industrieller Zeit.

Umfassende Modernisierungsprozesse veränderten im Laufe des 19. Jahrhunderts und insbesondere ab etwa 1870 auch Umfang und Struktur des Spielwarengewerbes in starkem Maße. Während Nürnberg zum industriellen Herz des neugeschaffenen Königreichs Bayern heranwuchs, verlor die alte Handwerksindustrie zunehmend an Bedeutung. Durch die schrittweise Einführung der Gewerbefreiheit drängten immer mehr unzünftige Handwerker und Arbeiter in die bis dato von konzessionierten Meistern dominierte Spielwarenfertigung. Bis in die 1860er stieg die Zahl der nun offiziell als „Spielwarenmacher“ bezeichneten Personen auf weit über 400 an, doch erst mit der Einführung der völligen Gewerbefreiheit in Bayern 1869 begann ein explosionsartiges Wachstum. 1895 waren ca. 1.400 Personen, zehn Jahre später sogar etwa 8.000 Personen in dieser Branche tätig. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Betriebe enorm. Das Nürnberger Adressbuch weist für 1914 insgesamt 243 Spielwarenbetriebe aus. Hinter diesen Zahlen verbirgt sich die Wandlung des Spielwarengewerbes vom Handwerks- zum Fabrikbetrieb und – parallel hierzu – der Übergang von den „alten“ Werkstoffen Holz und Papier zu dem „neuen“ Werkstoff Metall.

Ab etwa 1850 ermöglichten der Einsatz von Pressen und Stanzen, die manuell oder motorisch betrieben werden konnten, sowie die Verbilligung der nunmehr industriell hergestellten Bleche die Aufnahme der fabrikmäßigen Produktion von Metallspielwaren. Aus blechverarbeitenden Handwerksbetrieben, aber auch durch Neugründungen kapitalkräftiger Kaufleute entstanden nach und nach Blechspielwarenfabriken, deren hochwertige Produkte als Spiegelbild einer zunehmend technikbestimmten Zivilisation (Eisenbahnen, Dampfmaschinen, Antriebsmodelle, mechanische Figuren, Laternae Magicae etc.) die „Welt aus Blech“ prägten. Die bekanntesten Namen sind hier in der Reihenfolge ihrer Gründungsdaten: Ißmayer (1818), Heß (1826), Bub (1851), Plank (1866), Schoenner (1875), Bing (1879, Handel seit 1863), Carette und Fleischmann (beide 1886). In dieser „metallenen Fabrikationsperiode“, wie sie eine Fachzeitschrift schon 1887 nannte, ging der Trend eindeutig zum Großbetrieb. Allein die damals größte Spielwarenfabrik der Welt, die „Nürnberger Metallwarenfabrik Gebrüder Bing AG“, beschäftigte zu dieser Zeit etwa 2.700 Personen, die allerdings nicht nur in der Spielwarenproduktion eingesetzt waren. Nürnberg war zum unumstrittenen Zentrum der Metallspielwarenindustrie geworden, deren vielfältigen Erzeugnisse von den großen Exporthandelshäusern in alle Welt vertrieben wurden.

Der selbständige Meisterbetrieb alter Prägung spielte spätestens um die Wende zum 20. Jahrhundert keine Rolle mehr. Dennoch kam gerade auch den zahlreichen kleinen Betrieben mit bis zu zehn Beschäftigten, den so genannten „Kleinmeistern“, eine nicht unbedeutende Rolle zu, denn sie fertigten in teilweise drückender Abhängigkeit von den marktbeherrschenden Nürnberger und Fürther Spielwarenexporteuren eine schier unübersehbare Fülle von Blechspielwaren für den kleinen Geldbeutel: Trompeten, Kindersäbel, Rasseln, Kreisel, Glöckchen, Groschenspielzeug („Penny Toys“) aller Art etc. Verbunden mit dem Wachstum der Branche insgesamt war auch ein Anstieg der Heimarbeit, die überwiegend von Frauen und Kindern geleistet werden musste. Sowohl die großen Fabriken als auch die Mittel- und Kleinbetriebe bedienten sich je nach Auftragslage der Arbeitskraft jener schwächsten Glieder der Industriegesellschaft. Um 1900 arbeiteten in Nürnberg, Fürth und Umgebung allein für die zahlreichen Zinnfigurenhersteller zwischen 500 und 600 Malerinnen. Wilhelm Heinrichsen, als bedeutender Zinnfigurenfabrikant Arbeitgeber einer Heerschar von Zinnmalerinnen, bekannte damals freimütig, „dass ein großer Teil unserer deutschen Spielwarenindustrie lediglich auf der Billigkeit der weiblichen Arbeitskraft beruht.“ Parallelen zur heutigen Dominanz Spielzeug produzierender Billiglohnländer wie vor allem China liegen auf der Hand.

Der Erste Weltkrieg beendete die – zumindest für die Unternehmer – „Goldene Zeit“ der Nürnberger Spielwarenindustrie. Die Umstellung auf Rüstungsproduktion und die Abschottung von den internationalen Märkten ließen die Nürnberger Spielwarenproduktion faktisch zum Erliegen kommen. Das Fehlen der übermächtigen Konkurrenz begünstigte während der Kriegsjahre die Entstehung von Spielwarenfabriken im Ausland und hier vor allem in den USA, ein Hauptabnehmer deutschen Spielzeugs. Nach dem Kriege konnte die Nürnberger Spielzeugindustrie nicht mehr zu der einstigen beherrschenden Stellung auf dem Weltmarkt zurückfinden, blieb aber für die Region ein äußerst wichtiger Erwerbszweig.

In den 1920er und 1930er Jahren schritt die Konzentration innerhalb des Spielwarengewerbes weiter voran. Die wachsenden großen Fabriken verdrängten kleinere Betriebe zusehends, die Bedeutung der Heimarbeit nahm ab. Vergleichsweise junge Betriebe der Blechspielwarenindustrie wie Arnold (gegründet 1906, Schwerpunkt: mechanische Figuren), Schreyer & Co. (gegründet 1912, Schwerpunkt: mechanische Figuren, bewegliche Filz- und Plüschspielwaren, Autos) und Neugründungen wie Trix (1925, Metallbaukästen, elektrische Eisenbahnen) erwiesen sich in diesen Jahren aufgrund origineller Spielideen, hoher Verarbeitungsqualität bei vergleichsweise niedrigen Preisen als außerordentlich erfolgreich.

Doch mit der Weltwirtschaftskrise (neben zahlreichen anderen Firmen ging auch der Bing-Konzern 1932 in Konkurs) und der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 änderte sich das Bild. Die Rassenpolitik der Nazis trieb die meisten jüdischen Spielwarenindustriellen und -exporteure aus Nürnberg und Fürth ins Exil, zumeist nach England, Palästina und in die USA. Dieser große Verlust an unternehmerischer Schaffenskraft führte in Verbindung mit dem selbstverschuldeten Boykott deutscher Spielwaren im Ausland zu einer bedeutenden Schwächung der Nürnberger Spielwarenindustrie und begünstigte zugleich den Aufschwung der ausländischen Spielwarenproduktion. Jüdische Unternehmer, die trotz aller Repressionen Deutschland bis 1939 nicht verlassen hatten, weil sie sich die mörderische Konsequenz der Nazi-Barbarei nicht vorstellen konnten, wurden ihres Vermögens beraubt, ihre Betriebe in „arische“ Hände überführt. Mit ihren Familien wurden sie während des Krieges deportiert und ermordet.

Wie im Ersten Weltkrieg mussten auch ab 1939 die Nürnberger Spielwarenfabriken auf die Produktion von Rüstungsgütern umstellen. Im Sommer 1943 kam es zu einem generellen Produktionsverbot für Spielwaren. Nach Kriegsende stand die Nürnberger Spielwarenindustrie vor einem völligen Neubeginn: Die Hälfte aller Spielzeugfabriken war total zerstört, viele qualifizierte Mitarbeiter waren tot oder befanden sich in Kriegsgefangenschaft. Materialnot, Kapitalmangel, der Zusammenbruch der Handelsbeziehungen und Absatzmöglichkeiten ließen die Produktion von Spielzeug zunächst unmöglich erscheinen. In dieser Situation erwies es sich als Glücksfall, dass die amerikanische Militärregierung aus Gründen der Devisenbeschaffung die Produktion von Spielzeug exklusiv für den US-Markt anordnete: Spielzeug gegen Konserven hieß die Devise. Fast zwei Jahre lang arbeiteten einige der renommiertesten Firmen (Trix, Schuco, Fleischmann, Bub) nur für den amerikanischen Markt. Sie hatten damit einen deutlichen Startvorteil, als nach der Währungsreform der Wiederaufbau in geregeltere Bahnen gelenkt wurde.

Die Wirtschaftswunderjahre führten zu einer erstaunlich raschen Erholung der westdeutschen Spielzeugindustrie. Sie wurden nochmals Nürnberger Erfolgsjahre. Schuco avancierte mit über 800 Mitarbeitern zum größten Spielzeugproduzenten Europas. Trix, Arnold, Fleischmann, Bub und Lehmann machten Nürnberg zum Zentrum der Modelleisenbahnproduktion. Und schließlich setzten einflussreiche Industrielle und Kaufleute alles daran, die Spielwarenmesse, die traditionell immer in Leipzig stattgefunden hatte, in Nürnberg anzusiedeln. Der Erfolg gab ihnen recht: Unterstützt von der Stadt Nürnberg und dem Land Bayern entwickelte sich die Messe aus kleinen Anfängen zur mit Abstand bedeutendsten Messe der Branche. Zum 60-jährigen Jubiläum kamen in diesem Jahr 76.000 Fachbesucher aus 115 Ländern nach Nürnberg, um sich dort bei den 2.689 ausstellenden Firmen über die neuesten Trends des Spielwarenmarkts zu informieren. Dieser Weltkongress der Produzenten, Händler und Produkte führt die alte Tradition der Spielzeugstadt Nürnberg in moderner Form fort.

Dennoch ist unübersehbar, dass der Strukturwandel und die Globalisierung der Spielzeugindustrie in den letzten drei Jahrzehnten tiefe Spuren in der lokalen Wirtschaft hinterlassen haben. Die weltweite Konkurrenz und hier insbesondere das außerordentliche Wachstum der amerikanischen und asiatischen Spielzeugproduktion haben Deutschland schon seit Mitte der 1970er Jahre von einem Spielzeugexportland zu einem Importland werden lassen. Die alteingesessenen Nürnberger Blechspielzeugfabriken überlebten diese langfristigen Entwicklungen nicht, zu lange hielten sie am Blechspielzeug fest. Sie übersahen, dass es sich beim Siegeszug des billigeren Plastikspielzeugs, der in den 1950er Jahren einsetzte, nicht um einen vorübergehenden Trend handelte. Sie gerieten unter doppelten Druck: Im Bereich der arbeitsintensiven Produkte konnten sie nicht gegen die Konkurrenz der Billiglohnländer bestehen. Und auf dem Gebiet des forschungs- und kapitalintensiven Elektronikspielzeugs beherrschten von Anfang an Japan und die USA den Markt.

Als Folge dieser Entwicklungen konnten bis in die Gegenwart hinein nur die hochspezialisierten Modelleisenbahnfirmen wie Fleischmann oder Lehmann (LGB) und jene Hersteller überleben, die mit neuen Spielideen, neuer Technik und zeitgemäßen Materialien auf den Markt kamen: Die Erfolgsgeschichte der Lehmann Großbahn, der beliebten Kinder- und Modellfahrzeuge der Fürther Hersteller Bruder und BIG und der freundlich lächelnden Playmobil-Männchen aus Zirndorf sprachen hier lange Zeit eine deutliche Sprache. Doch traf der schrumpfende Markt für Modelleisenbahnen Nürnberg in jüngster Vergangenheit hart: Lehmann musste im Jahr des 125-jährigen Firmenjubiläums 2006 Insolvenz anmelden und auch das Nürnberger Fleischmann-Werk schloss 2008 seine Pforten. Von den verbleibenden Spielzeugfirmen lassen viele mittlerweile ihre Produkte im Ausland herstellen. So erzielt etwa die Fürther Simba-Dickie-Gruppe, die zu den fünf größten deutschen Spielzeugunternehmen zählt, etwa 85 Prozent ihres Umsatzes mit Spielzeug, das in China und Osteuropa gefertigt wird. Ohne Zweifel hat die Nürnberger Region – wie die gesamte deutsche Spielwarenindustrie – in den letzten drei Jahrzehnten einen enormen Bedeutungsverlust auf dem Gebiet der Spielwarenproduktion hinnehmen müssen. Sie bleibt aber nicht zuletzt dank des deutschen Branchenführers Playmobil immer noch ein Zentrum der insgesamt geschrumpften deutschen Spielwarenindustrie. Berücksichtigt man zudem die hervorgehobene Stellung Nürnbergs als Messe- und Handelsstadt, so lässt sich vor dem Hintergrund ihrer reichen Geschichte sicher behaupten, dass Nürnberg auch heute noch einen besonderen Platz in der Spielzeugwelt beanspruchen darf.

Zum guten Ruf der Weltspielzeugstadt trägt mittlerweile auch das im Herzen der Altstadt gelegene Spielzeugmuseum Nürnberg bei. Seit seiner Eröffnung 1971 konnte das auf private Sammeltätigkeit zurückgehende städtische Museum knapp fünf Millionen Gäste aus dem In- und Ausland anlocken. Seine umfangreiche und außergewöhnlich qualitätvolle Sammlung umfasst den Zeitraum von der Antike bis zur Gegenwart. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf den beiden letzten Jahrhunderten und hier vor allem auf dem Spielzeug aus Nürnberg. Hinter der Renaissancefassade eines alten Nürnberger Handelshauses und im angrenzenden Neubau eröffnet sich die ganze Vielfalt historischen Spielzeugs: Holzspielzeug, das vorwiegend aus dem Erzgebirge, aus Thüringen, dem Grödnertal und Oberammergau stammt, empfängt den Besucher im Erdgeschoss. Im ersten Stock geben exquisite Puppenstuben und -küchen einen detaillierten Einblick in die Wohnkultur vergangener Jahrhunderte. Den Aufstellfiguren aus Papier, Zinn und Masse ist ein kleines Kabinett mit einer farbig gestalteten Rokokostuckdecke gewidmet. Eine reich bestückte Abteilung entführt in die Welt der kleinen und großen Puppenliebhaber. Die weltweit bedeutendste Sammlung von Spielzeug der Firma Ernst Paul Lehmann steht im Mittelpunkt einer firmengeschichtlich orientierten Museumseinheit. Eine „Welt aus Blech“ präsentiert sich im zweiten Stockwerk: Zahlreiche Fahrzeuge, Eisenbahnen, Dampfmaschinen, Antriebsmodelle, bewegliche Figuren, optische und andere technische Spielwaren belegen die herausragende Rolle der Nürnberg-Fürther Spielzeugfabrikation im Industriezeitalter. Im Dachgeschoss wird ein unterhaltsamer Überblick über die Spielzeugentwicklung der letzten sechzig Jahre geboten. Dabei spannt sich der Bogen vom Flick- und Bastelwerk der Trümmerzeit bis zum High-Tech-Spielzeug der Gegenwart. In dem großen, künstlerisch gestalteten Kinderbereich „Kids on Top“ haben kleine Besucher die Möglichkeit zu freiem Spiel. An den Wochenenden finden auch betreute Programme von Bastelkursen über Märchenstunden, Spielerunden bis hin zu Laterna-Magica-Vorführungen statt.

Regelmäßig wechselnde Sonderausstellungen geben einen Einblick in die reichhaltigen Depotbestände des Museums und bieten zugleich ein Forum für außergewöhnliche Privatsammlungen. Führungen, Sammlerbörsen, Vorträge, Kurse zur Herstellung von Spielzeug nach historischen Vorbildern und ein gut sortierter Museumsshop ergänzen das Angebot. In der schönen Jahreszeit lockt ein 800 qm großer Außenspielbereich vor allem viele Familien mit Kindern, aber auch zahlreiche Kindergarten- und Schulgruppen mit zahlreichen Spielmöglichkeiten zum Besuch. Unter dem großen Fassaden-Transparent des Gemäldes „Kinderspiele“ (1560) von Pieter Bruegel d. Ä. erfahren Kinder, wie frühere Generationen gespielt haben und können fast vergessene Spiele nach Herzenslust selbst ausprobieren. Direkt unter dem Spielplatz geben regelmäßige Führungen durch das „Schattenreich“ im historischen Kellergewölbe des Museums spannende Einblicke in die Welt der optischen Spielereien. Und nicht zuletzt haben die Besucher des Spielzeugmuseums die Möglichkeit, sich in dem stimmungsvollen „Café La Kritz“ im lauschigen Innenhof zu entspannen.

Literaturhinweis: Die bis heute einzige neuere Gesamtdarstellung der Spielzeugstadt Nürnberg ist: Georg Wenzel, Die Geschichte der Nürnberger Spielzeugindustrie, Diss. Nürnberg 1967. Mit der 1995 begründeten Reihe „Schriften des Spielzeugmuseums Nürnberg“ erforscht das Spielzeugmuseum Nürnberg bislang weitgehend unbekannte Aspekte der allgemeinen und regionalen Spielzeuggeschichte.

Dr. Helmut Schwarz ist Leiter des Spielzeugmuseums Nürnberg.

Spielzeugmuseum Nürnberg
Karlstraße 13-15, 90403 Nürnberg
www.spielzeugmuseum-nuernberg.de