Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Warum kreativ gestaltende Kinder besonders intelligent werden

von Klaus Lumma

Wissenschaftlich erwiesen ist, dass mit der Verbesserung der Feinmotorik des heranwachsenden Menschen zugleich seine Lernfähigkeit reift. (Verstehen = BeGreifen, und das findet am Besten auch mittels Greifen statt.) Schreiben, Zeichnen, Malen, Basteln sind fundamentale Übungen für die Ausbildung der neuronalen Vernetzungen im Gehirn. Tun mit den Händen kann als Vorstufe dessen verstanden werden, was die Erwachsenenwelt mit den Begriffen Denken und Intelligenz beschreibt. In diesem Sinne können auch Tätigkeiten wie Kneten mit Knetgummi, Kritzelbilder mit Bleistift oder Buntstiften als Vorstufe des Schreibens, des Gestaltens von Buchstaben und Sinnzusammenhängen verstanden werden. Buchstaben sind für Kinder wie Bilder, die aneinander gereiht eine Geschichte ergeben.

Für jede Entwicklungsphase der Kindheit (und Jugend) bedarf es pädagogisch sinnvoller und ergonomisch angepasster Schreibgeräte, Malfarben, Malstifte und Zeichenutensilien, die Kindern Spaß machen und sie spielerisch an das Arbeiten von Hand heranführen.

Ausgeprägte geistig und kreativ gestalterische Fähigkeiten unserer Kinder sind die Grundvoraussetzung für das Bestehen in einer komplizierten Welt. Nur durch gezielte Motivation zu kreativer Hand-Arbeit erziehen wir eine vernunftgeprägte, sensible und intelligente (emotional und rational intelligent geprägte) nächste Generation und leisten damit einen nachhaltigen Beitrag zur Zukunftssicherung der Menschheit und ihrer Systeme.

Die neuere Hirnforschung hat deutlich werden lassen, dass die mit den Händen ausgeführten Tätigkeiten mehr sind als das bloße Zusammenspiel von Muskeln und Gelenken. Solche Tätigkeiten aktivieren die direkte Verbindung (corpus callosum/Hirnlappen) der rechten (bildhafte Seite) mit der linken Hirnhälfte (rationale Seite) und sorgen für ganzheitliches Lernen im Sinne der Entwicklungspsychologie.

Um zu testen, wie sich Mit-der-Hand-Schreiben auf die kognitive Leistung auswirkt, ließ der Bildungsforscher Steve Graham (Vanderbilt Universität Nashville/USA) eine Gruppe von Schülern dreimal wöchentlich in Handschrift-Entwicklung unterrichten. Anschließend konnte sie – verglichen mit einer Testgruppe – nicht nur schneller schreiben, sie konnte ihre Gedanken auch komplexer und differenzierter äußern. Schreiben von Hand ist im Sinne der Entwicklungspsychologie ein klarer Ausdruck der Identität des Menschen und ist in seiner Bedeutung so hochwertig wie jede andere Form der Gestaltung mit den Händen.

Auch die Fähigkeit, eine Sprache zu erlernen, wird durch das Schreiben von Hand (die persönliche Gestaltung von Buchstaben) gezielt unterstützt. Es gilt als neurowissenschaftlich nachgewiesen, dass Kinder, die mit der Hand schreiben, sich die visuelle Form eines Buchstabens zusammen mit der Aussprache und der notwendigen Bewegung einprägen (ganzheitliche Erfassung). Ein solcher „Handgriff“ wirkt wie eine motorische (durch Bewegung gesteuerte) Verstärkung: Kinder erinnern sich an das Gesamtbild, auch zum Beispiel an den damit verbundenen Klang (und auch an die Geräusche, die der Schreibstift auf dem Papier macht).

Frühe Erfahrungen prägen sich am markantesten ein
Auf die frühen Erfahrungen greift der Mensch im Erwachsenenalter und auch im hohen Alter immer wieder zurück. Das heißt, je früher Eltern damit beginnen, ihren Kindern gute Erfahrungen mit dem BeGreifen zu vermitteln, desto solider und langfristiger sind Aufbau und Wirkung der damit verbundenen Denkleistungen des Gehirns, zunächst auf emotionaler, dann auch auf rationaler Ebene. Frühe Erfahrungen werden im menschlichen Gehirn im so genannten limbischen System gespeichert, und wir greifen im Verlauf unseres Lebens immer wieder (auch automatisch) darauf zurück – sowohl auf die positiven als auch auf die negativen Erfahrungen.

Je früher und deutlicher Eltern die Erlaubnis zum freien Gestalten (Malen, Zeichnen etc.) geben, umso besser für die Entwicklung des Denkens, die Entwicklung von emotionaler und rationaler Intelligenz. Die Erlaubnis zum freien Gestalten müssen sich manche Eltern erst selbst geben, bevor sie an ihre Kinder weiter gegeben werden kann. Gut ist auf alle Fälle regelmäßiges, gemeinsames Malen und/oder Basteln. Kinder bis zu sechs Jahren fordern einen ja geradezu dafür auf: „Mal’ mal dies…, mal’ mal jenes“.

Solche Einladungen anzunehmen ist eine feine Grundlage dafür, Kinder kreativ im Sinne einer Entwicklung der beiden klassischen Intelligenzebenen (emotional und rational) zu fördern. Kinder lieben das Betrachten davon, wie andere etwas machen, und dann beginnen sie selbst und hoch motiviert mit eigenen Gestaltungen. Auch lieben sie es, wenn ihre eigenen Bilder durch Bilder der Erwachsenen „kommentiert“ werden (Methode des Resonanzbildes). Das heißt, wir malen dann ein Bild zu dem, was das Kind bereits gemalt hat. Das Kind erfährt dabei auf unbewusster Ebene die Bestätigung: „Ich habe Einfluss – die reagieren auf das, was ich gemalt (und damit gedacht) habe. Ich bewirke Resonanz. Ich werde gehört.“

Der frühe Gebrauch von Buntstiften ist die beste Vorbereitung auf eine „farbige“ Identität des Menschen
Der Stift überhaupt (ob mit Farbe oder als reiner „Bleistift“) ist wichtig für das Haptische. Ganz einfach: Kinder, welche in der Zeit der Stärkung ihrer ersten Identitätskräfte viel mit Buntstiften malen dürfen (so, wie sie wollen), entwickeln große Chancen für eine farbige Identität und Intelligenz in späteren Entwicklungsphasen. Haptik, Farben und Gestaltungen wirken konstruktiv auf die rechte Hirnhemisphäre, animieren „innere Bilder“, bestärken die Sinne des Fühlens, Tastens, Riechens etc. Kinder können Farben gut „riechen“ – sie mögen sie grundsätzlich. Kindern muss man nicht „beibringen“, Farben zu mögen. Das Mögen wird oft allein schon durch den Geruch transportiert. Das „Wasser-Vermalen“ von Bildern, die mit aquarell-fähigen Buntstiften gestaltet wurden, gehört in das Kapitel „Förderung von vielseitiger Intelligenz und gestalterischer Geschicklichkeit“.

Bunt gestaltete Bilder sind die beste Grundlage für eine Entwicklung der Dialogfähigkeit des Menschen
Erwachsene sollten ein Kinderbild immer als Grundlage für Gespräche nutzen – auch bereits im ganz frühen Alter. Kinderbilder sollten (zu Hause, im Kindergarten oder in der Schule) nie diagnostiziert und von oben herab besserwisserisch betrachtet werden. Jedes Kinderbild ist Ausdruck des Inneren, und dem Inneren eines Menschen sollte man grundsätzlich mit Würde begegnen. Fragen wie „Was ist das?“ oder „In welcher Reihenfolge hast Du gemalt?“ sind entwicklungsfördernder als Plattitüden wie „Das ist aber schön!“ Gefragt zu werden stärkt das Selbstbewusstsein, regt zum weiteren Denken an, und das Kind bekommt Mut zum Weitermachen.

Verstehen hat mit Stehen (die Identität aufrichten), Begreifen hat mit Greifen (Gestalten mittels der Hände) zu tun. Alles Motorische (Stehen gehört auch dazu, denn es gibt kein wirkliches Stehen ohne Bewegung) wirkt grundsätzlich auf die kreative (rechte) Seite des Gehirns und fördert die Intuitionskraft des Menschen, seine Fähigkeit, etwas intuitiv (aus dem Bauch heraus und ohne rationale Erklärungen) zu erfassen und zu verstehen. Musik beim Gestalten zu hören, verstärkt diese Fähigkeit um ein Vielfaches. Musik hören, Singen und Musik machen assistieren dem Gehirn bei der „Automatisierung“ gewisser Funktionen in den Bereichen Ausdrucksstärke und Erinnerung. Musik hat ihre größte Langzeitwirkung, wenn sie früh (etwa ab drei Jahren) zum BeGreifen dazu genommen wird, denn lange bevor Kinder lesen können, haben sie bereits die Fähigkeit, Worte in Musik umzuformen. Sie lernen dabei, Klängen Ordnung, Struktur und Bedeutung zu geben.

Frühes Zeichnen – auch von Kraxelbildern – wirkt sich prägend auf das Gehirn des Menschen aus. Das Corpus Callosum (Hirnlappen) übersetzt Bilder in Sprache, auch in kindliches Kauderwelsch. Das heißt: Auch das Anfertigen von Kritzelbildern wirkt sich positiv auf die Entwicklung aus, ebenso wie Ausmalen oder Übermalen. Beliebt zum Beispiel bei Zweijährigen ist das Ausmalen von Sonne, Mond, Sternen. Und man braucht sich nicht zu wundern, wenn Ausmalen sich auf eine ganze Blatt-Seite und nicht zum Beispiel nur bis zum Rand einer Sonne bezieht. Die kindliche Logik dahinter: Der Sonnenschein reicht ja auch weiter als die Sonne selbst.

Auch soziale Intelligenz will früh gefördert sein
Malen, Schreiben und Gestalten fördern die Intelligenz des Individuums, jedoch ohne Ergänzung noch nicht das, was mit sozialer Intelligenz gemeint ist. Das geschieht durch Arbeitsformen der Teamentwicklung, so zum Beispiel durch die Besprechung von Bildern oder Gestaltungen in Untergruppen, durch Anleitungen zu kollektiv gestalteten Objekten (Bildern oder Skulpturen), zum Beispiel mit dem Thema „Wie ich mir die Welt am liebsten wünsche“.

Die Förderung sozialer Intelligenz geschieht auch durch einen guten Rahmen, in dem Eltern, Erzieher und Lehrer an den Gestaltungen der Kinder (und Jugendlichen) mitwirken, anstatt sie ausschließlich zu beaufsichtigen. Wenn wir Kinder zum Beispiel in Dreier- oder Vierergruppen gemeinsam ein Bild zu einem aktuellen Thema malen lassen, dann kann im Sinne eines guten Rahmens die Einladung lauten: „Ihr dürft jeder malen, was und wie er will, doch keiner darf übermalen, was ein anderer gemalt hat.“ Solche Einladungen haben einen konstruktiven Einfluss auf jenen Bereich des menschlichen Gehirns, welcher „Reptil-Komplex“ genannt wird. Hier sind ansonsten fast ausschließlich die archaischen Stressmuster für Kämpfen, Fliehen und Sich-tot-stellen angesiedelt.

Die Literaturangaben sind über die Geschäftsstelle erhältlich.

Dr. Klaus Lumma ist Erziehungswissenschaftler und Kunsttherapeut in Aachen-Eschweiler und New Orleans.