Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

Zur Entfaltung der genetischen Anlagen bedarf es einer förderlichen, das Lernen anregenden Umwelt. Umgekehrt kann sich das Lernen nicht ohne die notwendigen genetischen Voraussetzungen vollziehen. Während die Reifung der unterschiedlichen Funktionen den jeweils günstigsten Zeitpunkt vorgibt, die angebotenen Lerninhalte auch tatsächlich aufzunehmen, ist das, was ein Kind lernt, weitgehend kulturell geprägt.

Eine anregungsarme, die Neugier des Kindes vernachlässigende Umgebung ist ebenso schädlich wie ein Überangebot an Reizen, mit denen das Kind zur Unzeit konfrontiert wird. Besonders förderlich ist eine dem Alter des Kindes angemessene, abwechslungsreiche Umwelt, die das Gehirn zu verstärkter Aktivität anregt.

Wichtigster Bestandteil anregungsreicher Lernumgebungen sind bedeutungsvolle soziale Beziehungen. Die emotionale Beteiligung des Kindes ist essentiell für höhere kognitive Lernprozesse. In der frühen Kindheit kommt es daher weniger auf eine hochwertige intellektuelle Förderung des Kindes an, sondern vielmehr auf stabile emotionale Bindungen zu mindestens einer Bezugsperson.

Die ursprünglichste Form des kindlichen Lernens ist das freie, nicht instrumentelle Spiel. Bildungsangebote in den ersten Lebensjahren sollten auf spielerische Weise das explorative Verhalten der Kinder ganzheitlich fördern. Ein vorzeitig eingeführter, am schulischen Lernen orientierter Leistungsdruck hemmt die Lernfreude des Kindes und führt nicht zu besseren Lernerfolgen.

Auf die Frage, wie Eltern heutzutage ihr Kind am besten fördern können, antwortet der Altmeister der Deutschen Entwicklungspsychologe, Prof. Rolf Oerter, in diesem Heft: „Eltern sollten für ihre Kinder eine möglichst breite Bildung anstreben, ihnen Freiheit in Grenzen gewähren, ihr Selbstbewusstsein stärken und ihnen das Gefühl der Selbstwirksamkeit vermitteln. Schließlich sollten sie den Kindern bewusst machen, dass Leistung und Arbeit nicht das höchste Ziel unseres Daseins sind, sondern die aktive und verantwortungsvolle Mitgestaltung unserer Zukunft und die Weiter-entwicklung unserer Kultur.“

„Frühe Kommunikation und Beziehung“ lautet das Thema der diesjährigen Jahrestagung der Liga, die am 10./11. Oktober 2008 im Neuen Rathaus in Leipzig stattfindet. Die neuronalen Grundlagen der Kommunikation und die Rolle des emotionalen Dialogs werden dort ebenso thematisiert wie die Bedeutung von Gleich-altrigenbeziehungen und die Chancen und Risiken von Zwei- und Mehrsprachigkeit. Das vollständige Programm erhalten Sie über die Geschäftsstelle sowie im Internet unter www.liga-kind.de. Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme!

Mit herzlichen Grüßen

Prof. Dr. Franz Resch, Präsident der Deutschen Liga für das Kind
Dr. Jörg Maywald, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind