Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

„Mutter und Kind wohlauf“

Ein stationäres Konzept zur Stärkung der frühen Eltern-Kind-Bindung

von Christine Armbruster, Anke Reinbach und Grit Vater

Wie können wir vielfach belastete Familien mit kleinen Kindern unterstützen, wenn unsichere oder chaotische Bindungen drohen und Armut, Unwissenheit und ein unzureichendes psychosoziales Versorgungsnetz die Zugangswege zu fachlicher Hilfe erschweren? Welche Möglichkeiten gibt es für so genannte Multiproblemfamilien, ohne zusätzliche Alltagserschwernis elterliche Kompetenzen zu entdecken und diese in einem wohlwollenden Klima von Entlastung zu üben? Unser stationäres Konzept in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Hanseklinikum Stralsund zur Mutter-Kind-Interaktionstherapie will hier ein Angebot machen.

In einer traditionell strukturschwachen Flächenregion wie Mecklenburg-Vorpommern ist es schwer, eine angemessene Versorgung bei belasteten frühen Mutter-Kind-Beziehungen anzubieten. Armut, mangelnde alltagspraktische Kompetenz, lange Anfahrtswege und Unkenntnis verhindern, dass insbesondere hoch belastete Multiproblemfamilien frühzeitig Unterstützung in der Bewältigung der komplexen Pflege- und Erziehungsfragen erhalten, nachdem die ersten Wochen und Monate des Mutterschutzes beendet sind. Das stationäre Behandlungskonzept, das wir hier vorstellen wollen, bietet durch die gemeinsame Aufnahme von Mutter und Kind eine intensive Erlebniseinheit, in der sowohl die kindlichen Bedürfnisse ausreichend beachtet werden und gleichzeitig die erschöpfte Mutter das für sie notwendige Maß an „Bemutterung“ erfährt und damit eine der Grundvoraussetzungen für den Aufbau einer sicheren Bindung zum Kind erhält.

Fallbeispiel
Leon-Lukas, 13 Monate, schlägt seit einigen Wochen immer und immer wieder seinen Kopf gegen Wände, Möbel, feste Gegenstände und ist davon nicht abzubringen. Auch wenn er auf den Arm genommen wird, beruhigt er sich nur schwer, die 17 Jahre alte Mutter ist ratlos. Die Familienhelferin ist ebenfalls verunsichert, die Vormünderin des Jugendamtes fürchtet um das Kindeswohl und fragt nach, ob die junge Mutter geeignet ist, ihr Kind angemessen zu versorgen. Die hinzugezogene Kinderärztin kann einen neurologisch-somatischen Hintergrund ausschließen, schlägt aber eine Vorstellung des Kindes in der Klinik für Kinder und Jugendpsychiatrie vor. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich Leon-Lukas bezüglich seines Körpergewichtes und seiner Körpergröße zwischen der dritten und zehnten Perzentile. Er wird überwiegend über die Flasche mit Milchnahrung ernährt, die Zufütterung von Brei erweist sich als mitunter recht schwierig. Nach einem ambulanten Vorkontakt kommt es zügig zur stationären Aufnahme der Kindesmutter, ihres Lebensgefährten und des Kindes auf unserer Station.

Seit Frühjahr 2006 halten wir auf unserer Kinderstation in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik von den dort vorhandenen zehn Behandlungsplätzen vom dritten bis zehnten Lebensjahr einen Behandlungsplatz frei für die Aufnahme von Müttern (Eltern) und Kindern von der Geburt bis zum dritten Lebensjahr. Vereinbart werden 14 Tage zur stationären Interaktionsdiagnostik und -therapie. Das dazwischen liegende Wochenende verbringt die Familie im eigenen häuslichen Bereich. Die Familie bewohnt ein eigenes gemeinsames Zimmer und nutzt darüber hinaus die gesamten gemeinsamen Räumlichkeiten der Kinderstation.

Am Aufnahmetag erfolgt eine regelhafte stationäre Aufnahme nach den kinder- und jugendpsychiatrischen Leitlinien unter besonderer Berücksichtigung der speziellen Entwicklungsbedingungen von Kindern zwischen null und drei Jahren durch die ärztliche Bezugstherapeutin sowie die Bezugsbetreuerin aus dem Pflege- und Erziehungsdienst. Darüber hinaus wird für jede Schicht im dreischichtigen Versorgungssystem unseres Krankenhauses eine Ansprechpartnerin benannt, die die Familie in allen Erziehungs- und Versorgungsfragen begleitet und Eindrücke rückmeldet.

Eine Infomappe klärt zudem die Familie über die Gegebenheiten vor Ort auf, dient als Nachschlagewerk und Therapietagebuch und nimmt erste Unsicherheiten. Ein Tagesablaufplan hilft der Familie sich in der neuen Rolle zurechtzufinden, Aufgaben und Freiraum festzulegen und ausreichend Zeit am Tag insbesondere für die Kindesmutter zu schaffen, in der sie Möglichkeiten der Selbstfürsorge und Erholung findet.

Fortsetzung Fallbeispiel:
Leon-Lukas ist aufmerksam, schaut wach um sich, er scheint zu spüren, dass sich in seinem Alltag etwas ändert. Bereits beim Ankommen der Familie, Auspacken der Koffer, Nutzen der örtlichen Gegebenheiten fällt der Kollegin des Pflege- und Erziehungsdienstes auf, wie unsicher die Kindesmutter alltägliche und eigentlich vertraute Verrichtungen vornimmt und wie sie aufgrund der Verunsicherung kaum in Kontakt mit Leon-Lukas tritt. Weder Mimik, noch Gestik noch Stimme geben Leon-Lukas Orientierung, Rückmeldung oder emotionale Bindung.

In diesem Behandlungskonzept ist das gesamte Team intensiv geschult worden, bewusst auf die Stärken und Kompetenzen der Familie zu fokussieren und damit Wertschätzung und Zutrauen in die elterlichen Kompetenzen zu äußern, auch wenn mitunter große Unbeholfenheit oder gar feindselige Ablehnung zu dominieren scheinen. Getragen von diesem Vertrauen erfahren insbesondere die Mütter häufig erstmals, dass sie sehr wohl eine liebevolle Bindung bereitstellen können. Sie genießen die Entlastung von der Alltagsstrukturierung und öffnen sich für die Hinweise unseres Teams.

Die Bezugsbetreuerin übernimmt psychoedukative Aufgaben, klärt über altersangemessene Kindespflege auf und erklärt entwicklungspsychologische Besonderheiten. Die ärztliche Psychotherapeutin führt eine standardisierte Interaktionsdiagnostik durch, wertet standardisiert eine Schlaf-, Fütter-, Wickel- und Sprechsituation aus und erarbeitet mit den Kindeseltern eine gemeinsame Auswertung der Videosequenzen. Die Eltern werden dabei systematisch dazu angehalten , eigene gute elterliche Kompetenzen zu entdecken.

Nicht selten treten behandlungsrelevante psychische Belastungen bei den Kindeseltern zu Tage, so dass wir Kontakte in die benachbarte Klinik für Erwachsenenpsychiatrie vermitteln. Sofern vorhanden binden wir eine bereits bestehende Familienhilfe in unser Behandlungskonzept ein, leiten diese mit an und sichern die ambulante Fortdauer der gewonnenen Beziehungs- und Erziehungskompetenz

Fortsetzung Fallbeispiel:
Noch während des stationären Aufenthaltes remittiert die Symptomatik von Leon-Lukas vollständig, die Kindesmutter geht angemessener auf die Bedürfnisse ihres Sohnes nach Anregung ein. Eine Woche nach Therapieende kommen Kindesmutter, Sohn und Familienhelferin zu einem ambulanten Termin. Leon-Lukas gedeiht sichtbar, die Mutter ist souveräner im Umgang. Ein noch stationär vereinbartes Trainingsprogramm wurde täglich umgesetzt und von der Familienhelferin unterstützt. Die Mutter von Leon-Lukas ist sehr stolz auf sich.

Dieses Behandlungsprogramm wird nicht gesondert finanziert, die Behandlung der Eltern wird über den Tagessatz der Behandlung des Kindes finanziert. Es wurden keine besonderen Ausstattungsmerkmale zur Verfügung gestellt. Auch wenn wir aus diesem Grund nur einen Behandlungsplatz pro Zeiteinheit bereitstellen können, erreichen wir damit Familien, die von anderen meist ambulanten Versorgungsangeboten aufgrund der eigenen psychosozialen Belastung nicht profitieren können. Die von uns registrierte klinische Effektstärke ist bedeutsam, die Warteliste für diesen Behandlungsplatz ist anhaltend lang.

In diesem Setting integrieren wir in einer Kurzzeittherapie psychotherapeutische, psychoedukative und pädagogische Aspekte der Bindungsunterstützung, um möglichst früh in der kindlichen Entwicklung ausreichend gute Beziehungsbedingungen garantieren zu können und somit die weitere gedeihliche Entwicklung des Kindes zu gewährleisten. Zudem erreichen wir mit diesem Angebot, in dem die Versorgung der Eltern zentraler Bestandteil der Behandlung ist, Familien, die sich sonst nur schwer auf psychotherapeutische Hilfsangebote einlassen können.

Christine Armbrusterist Assistenzärztin in Ausbildung zur Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Hanseklinikum Stralsund sowie in Ausbildung zur analytischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin.

Anke Reinbach ist Oberärztin in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Hanseklinikum Stralsund.

Grit Vater ist Erzieherin in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Hanseklinikum Stralsund und in Ausbildung zur Fachkraft für Kinder- und Jugendpsychiatrie.