Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Der Vater in der familienorientierten Geburtshilfe

von Michael Abou-Dakn und Achim Wöckel

Den werdenden Vater mit in den Kreißsaal zu nehmen, ist ein Trend, der sich seit Mitte der siebziger Jahre durchsetzte. Während bis dahin die Norm darin bestand, dass dem Partner in der Zeit um die Geburt gesellschaftlich eher die Rolle des Versorgers zugesprochen wurde, gehört es heute in Mitteleuropa beinahe zur Selbstverständlichkeit, dass der Mann bereits an geburtshilflichen Vorbereitungsprogrammen teilnimmt und die Partnerin während der Geburt begleitet und unterstützt. Neuerdings werden auch vermehrt familienpolitische Akzente in Richtung einer aktiveren Beteiligung des Mannes nach der Geburt gesetzt (z.B. Vätermonate) und stellen auch somit ein Abbild dieses ideologischen Wandels dar.

Im Mittelpunkt sozio-psychologischer und medizinisch-wissenschaftlicher Fragestellungen standen bei diesem Umbruch in Richtung der familienorientierten Geburtshilfe aus traditionellen Gründen vorwiegend die Belange der Schwangeren oder später von Mutter und Kind. Bis heute liegen jedoch wenige Daten zur Bedeutung des Partners innerhalb geburtshilflicher Systeme vor. Aussagekräftige Ergebnisse aus den bestehenden Untersuchungen setzen hierbei aber eindeutige Signale.

Es besteht einerseits international ein hohes Bedürfnis von Männern, die Partnerin unter der Geburt zu begleiten und zu unterstützen. Während dies in vielen skandinavischen Ländern bereits umfassend realisiert wird, setzt sich dieser Trend erfreulicherweise sogar mehr und mehr bis in südliche Mittelmeerländer fort, in denen Gebärende teilweise ausschließlich von weiblichen Verwandten begleitet wurden.

Andererseits scheinen Partner oft unzureichend informiert, verunsichert oder überfordert zu sein, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. So zeigen Untersuchungen, dass sich viele Partner bei deutschen Geburtsvorbereitungskursen lediglich als Begleiter oder Beobachter fühlen. Eigene Bedürfnisse aber auch Befürchtungen werden in diesem Rahmen zu selten artikuliert. So liegen auch Umfragen unter Männern zufolge die am häufigsten angegebenen Gründe dafür, nicht bei der Geburt im Kreißsaal anwesend zu sein, darin, die Partnerin leiden zu sehen und nicht adäquat helfen zu können. Gleichzeitig führt hoher Erwartungsdruck von außen nicht selten zu Stress und reduziert somit die Wahrscheinlichkeit eines positiven Geburtserlebnisses für das Paar. Befragt man in Querschnittsstudien Schwangere aus Paaren, die sich gegen eine Begleitung des Partners bei der Geburt entschieden haben, nach den Gründen, finden sich ähnlich richtungsweisende Aussagen: An erster Stelle stehen Befürchtungen der Frauen, dass der werdende Vater wenig helfen kann und die Sorge, dass der Partner zuviel Stress bei der Begleitung unter der Geburt erleide und dies eben von den Frauen als vermeidbare Zusatzbelastung erlebt wird. Tatsächlich hat man herausgefunden, dass das Stresserleben des Mannes im Kreißsaal wächst, je weniger seine Funktion definiert und er über die Möglichkeiten einer optimalen Unterstützung der Partnerin informiert ist.

Diese Probleme machen deutlich, dass die Umsetzung der ganzheitlichen familienorientierten Geburtshilfe zukünftig den Fokus mehr auf die Belange des Partners legen muss, um dem Namen gerecht zu werden. Beispiele für gute Praxis, um die Bedeutung der Väter rund um die Geburt zu stärken, wurden auf einem internationalen Symposium im St. Joseph-Krankenhaus im März 2007 in Berlin vorgestellt. Lösungsmöglichkeiten scheinen nach derzeitiger Datenlage vor allem dann zu entstehen, wenn eine Väter-spezifische Vorbereitung und so die Vermittlung spezieller Informationen gefördert werden. Die Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe im Berliner St. Joseph-Krankenhaus bietet innerhalb ihrer Elternschule solch ein spezielles Vorbereitungsprogramm für werdende Väter an, welches wissenschaftlich evaluiert wurde und damit als erstes seiner Art die positiven Effekte belegen konnte.

Im Rahmen des Berliner Symposiums wurden erstmals die Ergebnisse einer im St. Joseph-Krankenhaus durchgeführten Interventionsstudie präsentiert, in der nach dem Zufallsprinzip von insgesamt 170 Paaren, die an einem mehrstündigen Geburtsvorbereitungskurs teilnahmen, 90 Männer für eine Stunde zusätzlich von einem männlichen Gynäkologen geschult wurden. In der Kontrollgruppe wurden die Partner nicht getrennt. In der Männerrunde wurden ähnliche Informationen vermittelt wie in der Paar-Gruppe, zusätzlich ging es aber auch um die eigene zukünftige Rolle der werdenden Väter und um Ängste angesichts der bevorstehenden Entbindung. Drei Monate nach dem großen Ereignis bewerteten die Männer, die bei der Vorbereitung eine Weile unter sich gewesen waren, die Zeit im Kreißsaal deutlich positiver. Aber auch die Partnerinnen, deren Männer speziell trainiert waren, beurteilten die männliche Unterstützung als wesentlich hochwertiger. In qualitativ geführten Interviews wurde der Erfolg der Teilnehmer der Interaktion selbst darin gesehen, dass diese unter sich waren und sich leichter und ohne Druck durch die fehlende Anwesenheit einer Frau „öffnen konnten“.

Zusammenfassend scheint die Berücksichtigung folgender Punkte bei der Geburtsvorbereitung von Männern am Erfolg versprechendsten zu sein: Vor allem dann, wenn werdende Väter allein unter sich mit männlicher Moderation sind, kommt die erforderliche Kommunikation leichter zustande. Offenbar fällt es vielen Teilnehmern im Rahmen herkömmlicher Geburtsvorbereitungskurse schwer, sich in Anwesenheit der Partnerin und weiterer Schwangerer entsprechend zu öffnen, um auch eigene Bedürfnisse und eventuelle Befürchtungen zu formulieren. Eine Besprechung dieser Aspekte scheint jedoch unabdingbar für die Wahrnehmung im Kreißsaal. Bei diesen Gesprächen schildern viele werdende Väter eigene Verunsicherungen, die aus Erzählungen von männlichen Verwandten oder Kollegen mit Erfahrungen im Kreißsaal resultieren. „Die Geburt war heftig, aber ich würde nie wieder mitgehen. Ich war echt fertig, weil meine Frau solche Schmerzen hatte“ oder „Die Geburt dauerte drei Tage. Ich wusste nicht mehr, wie ich meiner Partnerin helfen soll“, sind typische Aussagen, mit denen Unerfahrene konfrontiert werden und dann in solchen Kursen besprochen haben möchten. Eine Schilderung der realen Situation durch den Moderator und die Erkenntnis, dass auch andere Partner ähnliche Befürchtungen äußern, führt dann meist zu erheblicher Erleichterung der Kursteilnehmer. Im weiteren Verlauf können positiv stützend die Vorteile einer Teilnahme im Kreißsaal erläutert werden (z.B. frühes Bonding zu dritt nach der Geburt).

Aber auch die Erklärung des normalen Geburtsverlaufes sollte unter Berücksichtigung der jeweiligen Möglichkeiten, die für den Partner existieren, ausgiebig gegeben werden. Dabei sollten nicht nur Hilfestellungen für die Partnerin (z.B. Atem- und Massagetechniken) erläutert, sondern auch das jeweilige Eigenempfinden des Partners angesprochen werden. Geburtshilfliche Interventionen (z.B. Kaiserschnitt) sollten ebenfalls ausführlich besprochen werden. Trotzdem scheint gerade die Betonung, dass man als Partner selbst eigene Schwächen zulassen darf und auf die medizinische Betreuung des Personals vertrauen sollte, zu einer weiteren nachhaltigen Entlastung zu führen.

Vorbereitungsprogramme für werdende Väter sind allerdings nur ein Bestandteil, um die Bedeutung des Partners in der familienorientierten Geburtshilfe hervorzuheben. Mindestens genauso wichtig erscheint darüber hinaus die innere Überzeugung des medizinischen Personals von den Vorteilen einer stärkeren Beachtung des Partners. Denn nur durch eine entsprechende Interaktion zwischen dem Paar und der Hebamme oder dem Arzt können die in den Kursen theoretisch vermittelten Inhalte im Kreißsaal und im Wochenbett letztendlich auch realisiert werden.

Dr. med. Michael Abou-Daknist Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtsmedizin im St. Joseph-Krankenhaus in Berlin.

Dr. med. Achim Wöckel ist Assistenzarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtsmedizin im St. Joseph-Krankenhaus in Berlin.