Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Buchrezensionen

Moralische Erziehung beginnt ab der Geburt

Wie konnen Eltern ihren Kindern Werte vermitteln? Wie konnen Kinder sich zu einfuhlsamen und rucksichtsvollen Menschen entwickeln, ohne sich dabei unterkriegen zu lassen? Wie konnen sie die Meinungen anderer verstehen und anerkennen, ohne sich selbst zu sehr anzupassen?

Sowohl die „alten“ Werte wie Disziplin, Gehorsam und Pflichtbewusstsein als auch die antiautoritare Erziehung als Reaktion auf uberma?ige Strenge haben sich als unbrauchbar fur eine friedliche und demokratische Erziehung erwiesen.

In ihrem Buch „Kindern Werte geben – aber wie?“ beschreibt Gerda Pighin einen Weg der Liebe und Uberzeugungskraft und geht dabei von den Bedurfnissen und Entwicklungsschritten des Kindes aus.

Kinder kommen ohne Vorstellungen von gut und bose zur Welt. Durch Eigenaktivitat und aufgrund der Reaktionen der Umwelt finden sie allmahlich heraus, nach welchen Mustern und Regeln die Welt funktioniert, vor allem die zwischenmenschlichen Beziehungen.

Wenn Eltern es schaffen, ihrem Kind von der Geburt an mit Wertschatzung, Respekt und Achtung zu begegnen, so legen sie den Nahrboden dafur an, dass ihr Kind zu einem Menschen mit Selbstwertgefuhl, Selbstachtung und Selbstsicherheit heranwachst, unverzichtbare Eigenschaften fur die Werteentwicklung.

Einfuhlsam beschreibt die Autorin am Beispiel besonders wichtiger Werte wie Respekt, Ehrlichkeit, Empathie, Hilfsbereitschaft, Rucksichtnahme, Toleranz sowie Verantwortung und Zivilcourage, was Kinder in welchem Alter lernen und verstehen konnen und wie wichtig die elterliche Vorbildfunktion ist. Erganzende Literaturempfehlungen und Internettipps machen das Buch zu einem gelungenen Elternratgeber.

Marita Salewski

Gerda Pighin
Kindern Werte geben – aber wie?
Reinhardt Verlag 2005
102 Seiten
9,90 €

Vom anderen beruhrt werden

Die kindliche Seele ist mehr als die Summe von Rechnerleistungen des Gehirns. Sie wachst aus den Begegnungen mit der Seele anderer, fur das Kind bedeutungsvoller Bezugspersonen. Das Gelingen fruher zwischenmenschlicher Begegnungen ist daher entscheidend fur das kindliche Wohlergehen.

Kinder konnen nicht von Computern oder Robotern erzogen werden. Denn „es ist die Seele des anderen, die Kinder schon fruh wahrnehmen und deren Au?erungen sie beruhren und bewegen wie kein anderes Ereignis in ihrer dinglichen Umwelt“, lautet die zentrale These, die Martin Dornes in seinem neuen Buch „Die Seele des Kindes“ entfaltet. Daraus folgert er, dass es fur die normale oder pathologische Entwicklung des Denkens und Fuhlens in erster Linie auf die Qualitat fruher zwischenmenschlicher Beziehungen ankommt.

Detailliert und – was auf diesem Feld eine Kunst ist – zugleich fesselnd und verstandlich fuhrt Dornes den Leser und die Leserin durch die Erkenntniswelten von Psychoanalyse und Kleinkindforschung. Die Bedeutung der vorsprachlichen Intersubjektivitat und der Beginns der Symbolik werden ebenso behandelt wie das Konzept der Mentalisierung und der Stellenwert infantiler Sexualitat. Bei der exzellenten Darstellung des interdisziplinaren Forschungsstands bleibt der Autor aber nicht stehen. Im letzten Drittel des Buches erortert er vor dem Hintergrund internationaler Untersuchungsergebnisse gesellschaftspolitisch hochaktuelle Themen, darunter die Wirkungen mutterlicher Berufstatigkeit fur die Entwicklung des Kindes, die Bedeutung des Vaters und die familiaren Wurzeln der Jugendgewalt.

Dieses Buch ist eine Fundgrube sowohl fur praktisch tatige Therapeuten und Padagogen als auch fur theoretisch Interessierte und nicht zuletzt fur Verantwortliche in der Konzeptentwicklung (policy makers), die sich mit Entstehung und Entwicklung der kindlichen Seele befassen und zugleich Orientierung fur reflektiertes und verantwortliches Handeln suchen.

Dr. Jorg Maywald

Martin Dornes
Die Seele des Kindes
Entstehung und Entwicklung
Fischer Verlag 2006
438 Seiten
10,95 €