Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

Wer hat die Welt gemacht? Was kommt hinter dem Himmel? Warum müssen wir sterben? Kinder stellen diese und andere Fragen mit großer Selbstverständlichkeit und mit nicht enden wollender Neugier. Auch diesseits des menschlichen Horizonts ist so manche Frage eines Kindes nur schwer zu beantworten: Dürfen Eltern sich trennen? Weshalb sind viele Menschen arm? Ist Lügen manchmal erlaubt?

Je nach religiöser Erfahrung und weltanschaulicher Überzeugung fallen die Antworten der Erwachsenen unterschiedlich aus. Wichtig in jedem Fall ist aber, dass Kinder überhaupt Antworten auf ihre Fragen bekommen. Damit sie ihre Ansichten von der Welt überprüfen und zu einer eigenen Auffassung gelangen können.

In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ist das Recht jedes Menschen auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit festgeschrieben. Die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen greift diesen Anspruch auf und ergänzt es durch das Recht und die Pflicht der Eltern (oder gegebenenfalls des Vormundes), das Kind bei der Ausübung dieser Freiheiten in einer seiner Entwicklung entsprechenden Weise zu leiten.

Kinder brauchen Werte. Eine werteorientierte Erziehung bindet die pädagogischen Handlungen und Unterlassungen der Eltern an ethische Grundprinzipien, die für alle Menschen gelten und ein Zusammenleben überhaupt erst möglich machen. Ob diese Werte religiös begründet werden, darüber können (und müssen) die Eltern – und mit wachsendem Alter das Kind – selbst entscheiden. Die so genannte positive Religionsfreiheit, also die Freiheit zur Religionsausübung, kann von ihnen ebenso in Anspruch genommen werden wie die negative als Freiheit von Religion.

Deutschland ist zu einem multikulturellen und multireligiösen Land geworden. Interreligiöse Erziehung setzt voraus, religiöse Wahrheit (bzw. das Bekenntnis zur Areligiosität) nicht nur für sich allein zu beanspruchen, sondern auch Anderen zuzugestehen und mit dem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Wahrheitsansprüche konstruktiv umzugehen. Dazu gehört das Eingeständnis, dass einem Vieles an (anderen) Religionen fremd bleibt. Ziel religiöser Erziehung muss sein, Kinder auf ihre eigene religiöse Entscheidung vorzubereiten. Damit sie selbst ihre Antworten auf die Frage finden, welchen Platz sie in dieser Welt einnehmen.

Unter dem Titel Familie allein genügt nicht. Frühe Entwicklung und Bildung in Familien und Tageseinrichtungen findet am 1./2. September 2006 in Berlin die Jahrestagung der Liga statt. Hochkarätige Fachleute aus Entwicklungspsychologie, Bindungsforschung, Kleinkindpädagogik und Kindschafts- und Familienrecht formulieren die Bedingungen, die notwendig sind, damit das Zusammenspiel von Familien und familienergänzenden Tageseinrichtungen bereits in den ersten Lebensjahren des Kindes bestmöglich gelingen kann. Wir laden Sie herzlich dazu ein!

Mit herzlichen Grüßen

Prof. Dr. Franz Resch, Präsident der Deutschen Liga für das Kind

Dr. Jörg Maywald, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind