Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Geschwistererfahrungen

Ich denke, ich habe ein sehr ausgeprägtes soziales Verhalten

Jörg Maywald im Gespräch mit Markus Hartl

Maywald: Sie leben seit vielen Jahren mit (Pflege-)Geschwistern zusammen. Wer gehört heute zu Ihrer Familie und welche Veränderungen hat es im Laufe der Jahre gegeben?

Hartl: Heute zähle ich meine zwölfjährige leibliche Schwester Sylvia, meine 14-jährige Pflegeschwester Maria, die seit ca. 12 Jahren bei uns lebt, und meine Mutter zu meiner Familie.

Als ich sieben Jahre alt war, kam Maria zu uns, ein Jahr später verlies uns mein Vater. Seitdem leben wir zu viert. Zuvor hatte ich im Alter zwischen vier und sechs Jahren eine gleichaltrige Pflegeschwester. Beide Pflegeschwestern sind teilweise körperlich bzw. geistig gehandicapt.

Maywald: Welche Unterschiede und welche Gemeinsamkeiten bestehen für Sie zwischen einem leiblichen und einem Pflegegeschwisterkind?

Hartl: Grundsätzlich, denke Ich, gibt es nach so vielen Jahren keinen Unterschied in dem Sinne, dass man ein Geschwister lieber hat, nur weil es leiblich ist. Auf jeden Fall ist zu sagen, dass das Pflegekind sich sehr stark in den Vordergrund drängt und nach größter Aufmerksamkeit verlangt. Damit umzugehen ist für die leiblichen Kinder äußerst schwer.

Maywald: Erinnern Sie sich an Ereignisse in der Familie, die das Verhältnis der Kinder untereinander belastet haben?

Hartl: Als in den letzten zwei Jahren der leibliche Vater Maria gegen ihren eigenen Willen zu sich holen wollte und dies mehrmals vor Gericht entschieden werden musste, war es außerordentlich schwer für uns leibliche Kinder, weil unsere Mutter natürlich von dieser Sache sehr eingenommen war und auch sonst sämtliche Aufmerksamkeit bei Maria lag. Vor allem für meine kleine Schwester war es ein großes Problem, von der eigenen Mutter sehr wenig Aufmerksamkeit zu bekommen und gleichzeitig zu sehen, dass die Eltern Marias ihrer Tochter ebenfalls große Aufmerksamkeit schenkten, zum Beispiel über Geschenke. Außerdem musste sie sehr verständnisvoll sein, was die Gefühlswelt ihrer Pflegeschwester anging.

Maywald: Gibt es möglicherweise Erfahrungen oder Fähigkeiten, die Sie aufgrund der „bunten“ Zusammensetzung Ihrer Familie anderen jungen Menschen gegenüber voraus haben?

Hartl: Ich denke, ich habe ein sehr ausgeprägtes soziales Verhalten, das sicher auch daher kommt, mit einem behinderten Kind aufgewachsen zu sein. Auch die Tatsache, dass meine Mutter seit meinem neunten Lebensjahr meine Geschwister und mich alleine aufgezogen hat, hat mich als ältestes Kind schnell erwachsen werden und Verantwortung übernehmen lassen. In dieser Hinsicht kann man vielleicht sagen, dass ich manchen in meinem Alter etwas voraus habe!

Maywald: Haben Sie sich schon einmal gewünscht, ganz ohne Geschwister aufzuwachsen?

Hartl: Es gibt sicherlich immer wieder Situationen, in denen man sich wünscht keine Geschwister zu haben. Dies gilt jedoch nur für den Moment. Ernsthaft habe ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht.

Maywald: Wie reagieren Verwandte oder Freunde, wenn sie erfahren, dass Sie mit Pflegegeschwistern zusammenleben?

Hartl: Sehr unterschiedlich, da gibt es die, die zuerst gar nicht wissen, was sie darunter zu verstehen haben. Aber natürlich gibt es auch Leute, die sofort Vorurteile heraus kramen, wie zum Beispiel: „… ach ja, dafür bekommt ihr ja ordentlich Geld …“ Aber es gibt auch gerade in meiner Verwandtschaft viele Menschen, die zwischen uns Kindern keinen Unterschied machen.

Maywald: Gehen Sie davon aus und haben Sie vor, mit Ihren Pflegegeschwistern auch noch in fünf oder zehn Jahren Kontakt zu haben?

Hartl: Ja, natürlich. Wie schon gesagt, mache ich nach so vielen Jahren keinen Unterschied zwischen meinen Geschwistern: Wir sind eine Familie.

Maywald: Was müsste sich verändern, damit Familien unterschiedlicher Zusammensetzung in unserer Gesellschaft die gleiche Wertschätzung erfahren?

Hartl: Aufgrund meiner Erfahrungen würde ich sagen, dass die Gesellschaft an sicht nicht das Problem darstellt. In einer Zeit, in der Patchwork-Familien langsam normal werden, gibt es kein Problem mit der Wertschätzung in der Gesellschaft. Die Probleme liegen meiner Ansicht nach mehr intern. Damit meine ich, dass die großen Probleme zwischen Pflege- und Herkunftsfamilie liegen. Auch habe ich oft den Eindruck, dass das Jugendamt und der Gesetzgeber nicht den Wert schätzen, den die Pflegeeltern haben. Wobei ich an dieser Stelle sagen muss, dass da nun viel gemacht wird und ich auch nicht alle in einen Topf werfen will. So habe ich auch gute Erfahrungen mit dem bayerischen Staatsministerium für Familie gemacht. Jedoch ist ganz klar, dass in vielen Fällen – nicht nur in Härtefällen – die Pflegefamilien sowohl rechtlich als auch persönlich, was Beratung und Unterstützung durch das Jugendamt betrifft, benachteiligt sind.

Markus Hartl ist 18 Jahre alt. Er lebt als leibliches Kind in einer Pflegefamilie in Traunwalden

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