Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Der Berliner Großelterndienst

Vermittlung von Wunschgroßeltern für Kinder von Alleinerziehenden

von Jörg Maywald

Wer kümmert sich eigentlich um die Kinder, wenn die Arbeitszeiten von Alleinerziehenden nicht mit den Öffnungszeiten von Krippe, Kindergarten oder Hort harmonieren? Wen anrufen, wenn ein lange gehegter abendlicher Ausgehwunsch endlich verwirklicht werden soll und ein Babysitter nicht bezahlbar ist? Was tun, wenn auf die Erkältung des Kindes auch noch Scharlach folgt und dadurch der Arbeitsplatz des betreuenden Elternteils in Gefahr gerät?

Seit einigen Jahren gibt es – vorerst in wenigen Städten – Großelterndienste, die als Retter in der Not Unterstützung anbieten, von der alle Beteiligten profitieren: die Alleinerziehenden, die Großeltern und vor allem die Kinder.

In Berlin leben rund 180.000 Alleinerziehende. Der Bedarf an Kinderbetreuung ist groß, vor allem in Zeiten, in denen die Regelangebote der Kindertagesbetreuung geschlossen sind: Am frühen Morgen, am späten Nachmittag und Abend, an den Wochenenden. Klassisch waren hierfür die leiblichen Großeltern zuständig oder eine freundliche Nachbarin, die sich anbot, nach den Kindern zu sehen.

Aber wo gibt es diese traditionellen Strukturen noch? Die Entfernungen zwischen Eltern und Großeltern sind im Alltag oft unüberwindlich, nicht nur geografisch. Ein Teil der älteren Menschen grenzt sich bewusst ab, will von Kinderbetreuung nichts wissen, lebt ganz einfach sein eigenes Leben. Die Nachbarschaften haben sich anonymisiert, zumal in der großen Mehrzahl der Haushalte keine Kinder mehr anzutreffen sind. Hinzu kommt die häufig unverschuldete Not der Alleinerziehenden selbst. Wenn dann noch das Kind aus der Spur gerät, bricht das ganze Familiensystem zusammen. Die Sozialarbeiterin Frau Winterstein berichtet von ihren Erfahrungen: „Manchmal überfällt mich ein Gefühl von Barmherzigkeit, wenn ich an Situationen denke, wie Alleinerziehende kämpfen müssen. Und dann kann man nicht sagen: na, warum sind sie denn alleinerziehend? Das ist nicht legitim. Vor diesem Alleinstehen steht ja meistens sehr viel Not, die wir nicht beurteilen sollten. Nicht jedes Schicksal ist so, dass man da in Tränen ausbrechen muss, aber wir haben harte Sachen. Dort, wo Kinder an Krebs erkrankt sind, auch Scheidungskinder, die dann wieder einnässen, und Stotterer, Asthma-Kinder, Mutti frisch gestorben, und du hörst den Kleinen schon auf dem Flur. Und dann kommt die Oma rein, erkennt die Situation und füllt so gut sie es kann die Rolle aus. Und der kleine Kerl hört mit seinem Asthma auf, und das Bettnässen hört wieder auf, weil er das Stückchen Mutter-Sein gefunden hat.“

„Die Älteren fangen sehr viel ab“

Die „Oma“, von der hier die Rede ist, wurde vom Berliner Großelterndienst vermittelt, dessen Leiterin Roswitha Winterstein ist. Das Projekt des Berliner Frauenbundes 1945 e.V. wurde zu Beginn der 1990er Jahre auf Initiative der Hochschullehrerin Prof. Hilde von Balluseck gegründet. Inzwischen gibt es zwei Vermittlungsteams mit je einem Büro im Ost- und Westteil der Hauptstadt.

Der Großelterndienst vermittelt vitale Ältere zwischen 45 und 69 als „Wunschoma“ bzw. „Wunschgroßeltern“ an Alleinerziehende zur Betreuung der Kinder außerhalb der Öffnungszeiten der Tageseinrichtungen und bei Erkrankung der Kinder. „Die Älteren fangen sehr viel bei dem Kind ab“, erläutert Frau Winterstein, „bei längeren Beziehungen ist es auch so, dass die Kinder, wenn sie krank sind, zur Oma gehen. Sie haben dann dort ihr Sofa, ihr Bett. Das ist doch eine gute Sache. Was macht denn sonst eine Mutter, wenn sie nicht frei haben darf vom Betrieb und das Kind ist krank. Und dann darf es zur Oma und weiß schon, was dort für ein Ritual abläuft.“

Im Durchschnitt betreuen Wunschgroßeltern ihre Wunschenkel ein bis zwei mal wöchentlich für jeweils zwei bis sechs Stunden. Die Helferinnen erhalten für ihre Tätigkeit von den Alleinerziehenden eine Aufwandsentschädigung, die – unabhängig von der Anzahl der Kinder – von der ersten bis fünften Betreuungsstunde je Stunde 4,- ? beträgt, für die weiteren Stunden des Tages je 2,50 ?.

Wenn Eltern nicht in der Lage sind, die Aufwandsentschädigung in voller Höhe zu zahlen, können sie sich dennoch um eine Helferin bewerben. Bei entsprechender Notsituation der Alleinerziehenden ist ein Teil der Helferinnen bereit, auf eine volle Aufwandsentschädigung zu verzichten.

Professionelle Vermittlung

Entscheidend für das Gelingen der Hilfe ist eine gute Vermittlung. In einem einstündigen Eingangsgespräch lernen die Großeltern-Bewerber den Großelterndienst kennen und die Mitarbeiterinnen machen sich ein Bild von den Erwartungen. Wenn dann auf beiden Seiten Klarheit zur Sache besteht, beginnt die eigentliche Vermittlung. Aus den zahlreichen Mütter- und Väteranträgen suchen sich die Großeltern in spe ihre Wunschfamilie aus. Eine große Rolle spielen die Wohnortnähe aber auch Wünsche das Alter des Kindes betreffend. Letztlich entscheidend ist gegenseitige Sympathie.

Das erste Kennenlernen findet in den Räumen des Großelterndienstes statt. Manchmal ist bereits die erste Familie ein Treffer, manchmal klappt es erst bei der vierten Familie. Wenn dann Bedarf und Angebot übereinstimmen, gestalten die Helferinnen mit den Wunschfamilien ihre Beziehungen eigenständig in einer freundschaftlich familiären Atmosphäre.

Im Jahr 2003 wurden über den Berliner Großelterndienst 662 Kinder von 350 Ehrenamtlichen betreut. Hierdurch konnte 508 Alleinerziehenden Unterstützung gegeben werden. Pro vermittelte Einelternfamilie werden monatlich ca. 20 Betreuungsstunden durchgeführt. Jährlich gehen etwa 300 Anträge Alleinerziehender ein. Die Warteliste ist lang. Am Ende des Jahres lagen fast 1.000 unvermittelte Anträge vor.

Großeltern erfahren Wertschätzung

Um besser in diese Aufgabe hineinzuwachsen, bietet der Großelterndienst den Ehrenamtlichen einmal im Monat einen Weiterbildungsnachmittag zu pädagogischen, psychologischen, gesundheitlichen und rechtlichen Themen rund um Kind und Familie an. Des weiteren treffen sich die Helfer zu einem monatlichen Gesprächsfrühstück. Ausflüge mit den Wunschfamilien werden etwa dreimal pro Jahr angeboten. Diese Möglichkeiten des Austauschs und der Weiterbildung sind wichtig, denn, so Frau Winterstein, „der ältere Mensch soll sich nicht nur in seiner Wunschfamilie vernabelt fühlen, sondern er soll sich auch im besten Sinne mit dem Großelterndienst verbunden fühlen. Dann geht er in die Familie hinein, und dann ist es auch nicht so schmerzlich, wenn es auseinander gehen sollte, denn er ist ja beim Großelterndienst. Hier ist er ein wertgeschätzter Mensch. Wir machen viel miteinander.“

Ehrenamt auf tönernen Beinen

Der Erfolg des Großelterndienstes liegt auf der Hand. Dennoch steht die Finanzierung auf wackeligen Beinen. Das Büroteam besteht lediglich aus einer vom Berliner Senat finanzierten Vollzeitkraft, einer über das Arbeitsamt finanzierten und demnächst auslaufenden Stelle und vier Ehrenamtlichen. Frau Winterstein äußert sich besorgt: „Ein bisschen angst und bange wird mir, wenn ich über die Medien mitbekomme, dass man einiges aufstecken will und sagt: wir können das ganz dem Ehrenamt überlassen. Ich denke, das ist kein guter Ansatz. Was uns hier anbelangt, wünschte ich dem Projekt, dass man bei aller Mittelproblematik einmal fragt: Wie kommen die überhaupt mit den Mitteln aus. Danach ist überhaupt noch nicht gefragt worden. Es wird eben einfach gekürzt. Auf diese Weise könnten wir eines Tages vor der Frage stehen, dass wir die nächste Telefonrechnung nicht mehr bezahlen können. Wir kosten dem Staat so viel, wie der Staat für vier bis fünf Alleinerziehende ausgibt, die wegen ihrer Kinder nicht arbeiten gehen können. Wir betreuen aber 600 Alleinerziehende. Wenn man nun diese Projekte ganz abfahren lässt, dann wird das für den Staat unter dem Strich teurer.“

Förderung des Ehrenamtes durch professionelle und finanziell abgesicherte Vermittlung und Begleitung, so könnte der Erfolg des Großelterndienstes Schule machen, nicht nur in Berlin. Und auch die Aufwandsentschädigung für die Ehrenamtlichen müsste verbessert werden. Frau Winterstein: „Mein kleiner Traum ist, dass die Leute, die im Ehrenamt tätig sind, eine Fahrgeldvergünstigung erhalten. Wie das möglich ist, das weiß ich nicht. Das wäre eine öffentlich Wertschätzung. Denn das Ehrenamt wird nicht dadurch geehrt, dass ich irgendeine Person herausnehme und ihr eine Goldmedaille umhänge.“

Dr. Jörg Maywald ist Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind

Großelterndienst Berlin
Ansbacher Str. 63, 10777 Berlin
Tel.: 030-213 55 14