Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Familie aus der Sicht der Kinder

von Christian Alt

Kindern gehört die Welt, ihnen gehört zumindest die Zukunft. Wer solches sagt, der vermittelt den Eindruck, als habe er die Perspektive der Kinder für seine Sicht der Dinge eingenommen. Oftmals aber gelangt man trotz solcher Aussagen zu der Überzeugung, diese oder ähnliche Parolen werden zum Besten gegeben, ohne zu wissen, was man unter dieser Kinderperspektive verstehen soll. Ursächlich dafür ist nicht zuletzt die große Unkenntnis darüber, wie sich die Welt aus der Perspektive der Kinder darstellt.

Die Kinderperspektive kann nicht so aussehen, wie wir das auf Grund der gängigen Betrachtungsweise sozialer Umwelten gewohnt sind. Die dafür gewählte Perspektive der Eltern ist untrennbar mit deren Einstellungen, Wünschen und Zielen verbunden, Faktoren also, die Eltern mit ihren jeweils geltenden oder gewollten Lebensumständen verbinden. Für diese Eltern kommt zusätzlich die Möglichkeit der „freien“ Entscheidung über die Ausgestaltung der als passend angesehenen Lebensform hinzu. Nicht zuletzt darin unterscheiden sich die Kinder deutlich von der Erwachsenenwelt, weil ihnen die Entscheidungsgewalt für zentrale Bereiche des Lebens nicht zugestanden wird. Sie sind zwangsläufig immer nur Betroffene, nie Verursacher der herrschenden Lebensumstände. Dies hat Folgen für die Partnerschaft, die Lebensform und die Wahrnehmung der Chancen und Risiken, die auf Grund der Entscheidung der Eltern automatisch eintreten.

Stützt man sich dennoch nur auf die Perspektive der Eltern, stellt sich die Frage, wie weit diese tatsächlich für die korrekte Darstellung der Lebenswelt von Kindern trägt. Gemeinhin nimmt man an, dass die strukturellen Aspekte der herrschenden Lebensumstände damit abgedeckt sind. Eine Übertragung der Elternperspektive auf die Kinder wäre für diese Bereiche mithin gerechtfertigt. Bei der Frage aber nach dem Wohlbefinden von Kindern oder den Selbstbildungsprozessen würde man diesen Schritt nicht tun. Im folgenden will ich zeigen, dass bereits bei Strukturanalysen die unreflektierte Übernahme der Elternperspektive für die Lebenssituation der Kinder durchaus fragwürdig sein kann. Ausgehend vom lange Zeit gültigen Verständnis einer elternbasierten Sozialberichterstattung sollen dann mögliche Unterschiede in den Auswirkungen der stattgefundenen Entwicklungen aus der Perspektive der Eltern und Kinder aufgezeigt werden.

Die Eltern-Kind-Beziehung als Gegenstand der Sozialberichterstattung

Aussagen über die Lebensumstände von Kindern in Familien zu machen hieß lange Zeit, die Perspektive der Eltern einzunehmen und die familiäre Situation der Kinder als ein vom elterlichen Verhalten bedingtes Phänomen wahrzunehmen. So wird ausführlich beschrieben, welche Konsequenzen Kinder für die innerfamiliale Arbeitsteilung haben, welche Kosten durch Kinder entstehen, welche Formen der innerfamilialen Betreuung zu leisten sind, welche Betreuungsformen extern zur Verfügung gestellt werden und welche Aufgaben die Eltern im Laufe der Entwicklung der Kinder zu bewältigen haben. Eltern, Mütter wie Väter, sind daher aufgefordert, ihre soziale Kompetenz zu erhöhen, wenn im Zeitalter der Individualisierung gefordert wird, dass die Familie als der Raum anzusehen sei, in dem jedem die Möglichkeit gegeben werden soll, sich nach seinen Möglichkeiten frei zu entfalten.

Angesichts des Ausmaßes, in dem Kinder von Scheidungen betroffen sind, und der Zunahme jenes Anteils von Kindern, die nicht in einer Ehe geboren werden, ist es schon erstaunlich, wie auffallend gering das Interesse der Wissenschaft bislang war, sich mit dieser Population im Sinne einer auf Dauer angelegten Berichterstattung über die Situation der Kinder zu beschäftigen. Familien, Scheidungen, Ehen und Geburtenzahlen sind durchaus geläufige Themen, die hinsichtlich ihrer Entwicklung und ihrer Befindlichkeit immer wieder Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzung waren. Nicht so die Kinder. Erst in jüngster Zeit sind auch sie in den Mittelpunkt einer wissenschaftlich fundierten Berichterstattung über ihre eigene Befindlichkeit gerückt worden, mit dem Ziel, die Auswirkungen der im Rahmen der Individualisierung stattfindenden Prozesse auf die kindliche Lebenswelt näher kennenzulernen.

Individualisierung wird in diesem Kontext gerne als der Motor für die Modernisierung der Gesellschaft angesehen. Dies beinhaltet die Zunahme der Realisierungschancen eigener Vorstellungen und Bedürfnisse. Die normative Kraft aus Herkunft, Geburt oder Stand hat gemäß dieser Vorstellung an Einfluss verloren. Individuen können ihre Biographie selbst bestimmen und unterliegen nun mehr dem Zwang, sich für bestimmte Optionen zu entscheiden. Neu ist, dass die einmal getroffenen Entscheidungen nicht irreversibel sind. Sollte sich herausstellen, dass mit der Wahl einer Option nicht die gewünschten Ziele erreicht werden, können oder müssen neue Entscheidungen getroffen werden, die die alten ersetzten. Bezogen auf die Lebensform kann dies dazu führen, dass die gewählte Form grundsätzlich in Frage gestellt werden kann. Soziale Beziehungen werden brüchiger, ihre Selbstverständlichkeit wird vager. Ausgenommen hiervon ist die Eltern-Kind-Beziehung. Sie bleibt die einzige Beziehungsform, die selbstverständlich ist. Weil diese Beziehung unkündbar ist, kann sie auch nicht durch irgendeine Entscheidung für oder gegen eine neue Option in Frage gestellt werden. Dieser Umstand bedingt die Notwendigkeit wissenschaftlicher Analysen zu den Auswirkungen elterlichen Handelns auf die Lebensverhältnisse von Kindern. Nach Qvortrup (1993) besteht eine explizite Aufgabe der Soziologie darin, sowohl die Ähnlichkeit als auch die Unterschiede der Population der Kinder zu anderen Gesellschaftsgruppen festzustellen. Trotzdem wurde in aller Regel die Perspektive der Kinder in der Soziologie nicht berücksichtigt.

Wiederverheiratung und Zweitehen – Neubeginn oder Wandel?
Wenn Eltern neu beginnen …

Bestimmend für die Zahl der Eheschließungen ist nicht zuletzt der Altersaufbau der Bevölkerung. Viele junge Leute erhöhen dabei den Anteil der Eheschließungen, viele Alte verringern ihn. Mit dem Vergreisen einer Gesellschaft sinkt die Quote der Eheschließungen z.T. dramatisch. Differenziert man danach, welche Art von Eheschließung tatsächlich eingegangen wird, so kann es sich dabei um eine Erstheirat – beide Ehepartner waren vor ihrer Eheschließung ledig – handeln, eine Wiederverheiratung – beide Ehepartner waren vor der Eheschließung bereits geschieden – oder eine Zweitheirat – einer der Ehepartner war vor der Eheschließung bereits geschieden. Nach dieser Unterscheidung sinkt seit den 1960er Jahren der Anteil der Erstehen stetig ab und die Anteile der Zweitehen oder der Wiederverheiratungen nehmen stetig zu. Waren im Westen 1960 etwa 10% bzw. 12% Zweitehen oder Wiederverheiratungen amtlicherseits registriert worden, so sind es Ende der 1990er Jahre bereits 15% bis 20%. Im Osten stieg im gleichen Zeitraum der Anteil ebenfalls jeweils von 10% auf ca. 20%. Damit fällt der Anteil von Erstehen in den späten 1990er Jahren auf 60% bundesweit ab. 4 von 10 Ehen sind damit potentielle Stieffamilien oder reorganisierte Familien. Für Kinder wird also die Möglichkeit, einen Stiefvater oder eine Stiefmutter zu bekommen, größer.

Als Ursache für diese Entwicklung kann die Individualisierung angesehen werden. Danach können alle Arten von Bindungen durch andere, meist neue Bindungen ersetzt werden. Ein Effekt dieses Strukturwandels ist es, die Selbständigkeit und damit die Individualität eines Menschen zu unterstützen. Die Diskussion um die Individualisierungsfolgen kreist somit auch darum, in welchem Umfang sich in einer Gesellschaft die grundlegenden Strukturen von herkunftsbestimmten Bindungen auf wählbare Bindungen verlagert haben. Unterscheidet man zwischen freien und aufgezwungenen Entscheidungen, so können aufgezwungene Entscheidungen nicht als eine Erweiterung des Handlungsspielraumes im Sinne eines Individualisierungsgewinnes verstanden werden. So ist die Entscheidung eines Ehepartners, die Scheidung zu wollen, für den anderen Ehepartner eine womöglich ungewollte, aufgezwungene Entscheidung, die mitnichten als Gewinn einer gelungen Individualisierung zu bezeichnen ist.

Individualisierung ist aber nur eine Seite von modernen Gesellschaften. Die andere Seite bezeichnet Hondrich mit dem Begriff der Rückbindung. Darunter versteht er die Tatsache der Rückverwandlung von Wahlbindungen in nicht gewählte Herkunftsbindungen. Wenn Eltern ihre Partnerschaft (Wahlbindung) heute vermehrt aus freien Stücken aufgeben, gleichzeitig aber vehement um die Bindung zum Kind oder den Kindern kämpfen (Herkunftsbindung), so erscheint das Beweis genug für diese These. Hinzu kommt, dass sich Wahlbindungen in dem Maße selbst entwerten, in dem sie gewechselt werden. Damit aber steigt gleichzeitig der Wert oder die Bedeutung der Herkunftsbindungen insofern, als diese zuverlässig zur Verfügung stehen bleiben.

Abbildung 1: Entwicklung der Erst-Ehen, Zweitehen und Wiederverheiratungen zwischen 1951 und 1999 in den Alten Bundesländern (in Prozent)

Quelle: DJI-Regionaldatenbank auf der Basis der Daten des Statistischen Bundesamtes

Dennoch wäre es verkehrt annehmen zu wollen, dass der Wert einer Ehe an Bedeutung verloren hätte. Werden und wurden auch die Ansprüche und Anforderungen an die Ehe und Familie immer wieder als derart hoch beschrieben, dass die dabei involvierten Individuen stets der Gefahr ausgesetzt sind, überfordert zu werden, so zeigt sich doch, dass dieses verschiedentlich auch für die Veränderung der Einstellung zu Ehe und Familie beschriebene Phänomen dazu führt, dass die Auflösung einer als unbefriedigend empfundenen Ehe lediglich als ultima ratio erscheint, ohne dass das Ideal der Ehe dabei Schaden erleiden würde. Im Gegenteil: Die nicht erreichte erfüllte Ehe und Partnerschaft erfährt durch diesen Schritt eine weitere Glorifizierung. Dies mag mit ein Grund dafür sein, dass Eltern – heute mehr denn je – mit der Ehe oder Partnerschaft einen Neuanfang wagen.

… wird daraus Wandel für die Kinder

Was für die Eltern als neue Chance oder gar als Neubeginn gelten mag, nämlich die Entscheidung, eine alte Wahlbindung zugunsten einer neuen aufzugeben, führt aus der Sicht der Kinder zu einem deutlichen Wandel. Neben die eigenen, biologischen Eltern, tritt eine, im Falle der Wiederverheiratung sogar mehr als eine Person zusätzlich ins Leben der Kinder, welche die Position der weggefallenen Person neu aber auch anders besetzen soll. In der Nomenklatur der eben zitierten Bindungsbeschreibung tritt aber für die Kinder neben die Herkunftsbindung eine weitere, aufoktroyierte Wahlbindung.

Abbildung 2: Entwicklung der Erst-Ehen, Zweitehen und Wiederverheiratungen zwischen 1951 und 1999 in den Neuen Bundesländern (in Prozent)

Quelle: DJI-Regionaldatenbank auf der Basis der Daten des Statistischen Bundesamtes

Schmidt-Denter und Beelmann (1995) können in ihren Analysen zur Veränderung familiärer Beziehungen in Folge einer Scheidung aufzeigen, wie sich diese Situation ausformt. So sind drei Jahre nach der Scheidung neue Formen stabiler Nachscheidungsfamilien erst in sehr geringem Umfang vorhanden. D.h. im Verlaufe von drei Jahren ist es kaum zur Gründung neuer fester Partnerschaften gekommen oder gar zu einer Ehe. Die gesamte Zeitspanne lässt sich eher als eine Phase beschreiben, in der die Expartner sich abgrenzen bzw. versuchen sich gegenseitig auszugrenzen. Davon wird auch die Kontakthäufigkeit der Kinder mit dem jeweils anderen Elternteil betroffen. Sieht man aber einmal davon ab, so zeigt sich, dass sich sechs Jahre nach der Scheidung die ehemals heftigen Konflikte zwischen den Expartnern beruhigt und einer gewissen Normalität Platz gemacht haben.

Für Kinder ist dieser Prozess des Partnerwechsels mit der Herausbildung von z.T. äußerst komplexen Strukturen verbunden. Dies zeigt sich insbesondere in der Art und Weise, wie Kinder auf diese Veränderung reagieren. Schmitz und Schmidt-Denter unterscheiden prinzipiell drei mögliche Familienkonzepte, wie sie von Kindern als Reaktion auf die Veränderung des familiären Umfeldes gelebt werden:

  • Orientierung auf die alte Kernfamilie
  • Orientierung auf die erweiterte Kernfamilie
  • Orientierung auf die Mutterfamilie (Vater wird nicht mehr als zur Familie zugehörig betrachtet)

Dabei erweist es sich nur für ein knappes Drittel (30%) der Kinder, dass sich die familiären Beziehungsstrukturen nicht erweitert haben. Es handelt sich dabei um jene Kinder, die sich auf die Mutterfamilie hin orientiert haben. 70% der Kinder aber haben ein binukleares Familienkonzept mit einem Zuwachs an Personen, mit denen sie soziale Beziehungen aufnehmen können. Die Studie von Schmidt-Denter zeigt ein hohes Interesse dieser Kinder, nach einer Scheidung sowohl ihre Mütter als auch ihre Väter in die eigene Familie mit einzubeziehen. Danach zählen 98% der Kinder ihre Mutter zu ihrer Familie, 70% den Vater, 77% die Geschwister, 35% den Partner der Mutter und 16% die Partnerin des Vaters. Darüber hinaus werden von 21% der Kinder die Verwandten der Mutter zu der Familie gezählt und von 9% die Verwandten des Vaters. Bei dem eben beschriebenen Verhalten der Eltern, sich innerhalb von sechs Jahren zum großen Teil wieder in einer stabilen Partnerschaft zu befinden, ergibt sich für die Kinder eine deutliche Steigerung der Komplexität der familiären Beziehungsstrukturen.

Perspektive der Kinder – die Kinderperspektive

Wenn wir heute Kinder als einen eigenen Bereich einer Sozialberichterstattung wahrnehmen, dann deshalb, weil es ein wachsendes Bedürfnis gibt, den sozialen Wandel für alle Bevölkerungsgruppen in seiner Bedeutung und seinen Unterschieden auf die Lebensverhältnisse erklären zu können. Kinder und Kindheit erreichen in diesem Kontext eine eigene Bedeutung dadurch, dass diese Phase prägend für eine ganze Reihe von späteren Entscheidungen und Verhaltensweisen ist. Aber nicht dieser Aspekt ist es, dem im Folgenden die besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird, sonder vielmehr jener Art und Weise, in der die Kinderperspektive der Familienforschung und der Sozialforschung das Ausmaß der Veränderung sozialer Strukturen aufgrund individueller Entscheidungen (auf Seiten der Eltern) aufzeigen kann. Dazu wird zunächst einmal ein Modell vorgestellt, welches, ausgehend von den immer wieder unterstellten Formen der „traditionellen Familie“, die Entwicklung der familialen Konstellation über vier Generationen hinweg verdeutlicht.

In dem traditionellen Familienentwicklungsmodell wird unterstellt, dass jeweils ein auf Dauer zusammenlebendes Ehepaar gemeinsame, leibliche Kinder hat, welche ihre eigene Familienplanung nach den gleichen Grundsätzen gestalten und entwickeln. Dies ist in Abbildung 3 für die schwarze und weiße Familie für vier Generationen schematisch dargestellt. Jeweils ein Paar hat mindestens ein Kind. Diese Kinder bilden dann die Paare der nächsten Generation mit wieder eigenen Kindern. In der dritten Generation wird auf die Paardarstellung verzichtet und lediglich durch die Verbindungslinie angedeutet, dass es sich dabei tatsächlich um ein Paar handelt. Die schwarz-weiß gestreiften Kinder sind kein Paar im bisherigen Sinne, sondern weisen darauf hin, dass sich in dieser Generation die beiden Familien (schwarz und weiß) „vereinigt“ haben. Dieses Modell schließt eine Scheidung explizit aus.

Abbildung 3: Familienentwicklung am Beispiel einer traditionellen Viergenerationenfamilie

Beschränkt man zunächst seinen Blick in diesem Modell auf die ersten drei Generationen, so haben die Kinder in der dritten Generation jeweils zwei Eltern und vier Großeltern, die als Paare zusammen leben. Auch durch die Ehe in der dritten Generation zwischen einem Mitglied der schwarzen Familie und einem der weißen Familie ändert an dieser Tatsache nichts. Diese Perspektive sei für den gesamten Beitrag als Elternperspektive benannt. Auch aus der Sicht der „Enkelgeneration“ (Kinderperspektive) ergibt sich die bekannte Konstellation von zwei Eltern und vier Großeltern und – bei der heutigen Lebenserwartung durchaus möglich – acht Urgroßeltern. Bezogen auf die eingangs aufgestellte Behauptung, der Wandel würde sich insbesondere in dem Perspektivenwechsel zeigen, muss bislang festgestellt werden: Es gibt keinen Unterschied in der Beschreibung der vorgefundenen Konstellation, gleich welche Perspektive man einnimmt. Immer läuft die Entwicklung innerhalb der Familie nach dem Muster, dass jede Person einer nachfolgenden Generation zwei Eltern und vier Großeltern hat. Dies ist nicht weiter verwunderlich, da die explizite Annahme war, dass in diesem Modell gar kein Wandel stattgefunden hat.

Erwähnenswert – und darin liegt auch die Berechtigung für die Darstellung dieses Modells – ist die Tatsache, dass die amtliche Statistik mit ihrer Querschnittsberichterstattung (Berichtsjahre) eben diese Unterstellung machen muss, wenn es die Haushaltsperspektive und die Berichterstattung der Haushaltsvorstände zur Basis ihrer Darstellung macht. Ihre Daten führen dann und nur dann zu richtigen Aussagen über den Wandel von Strukturen, wenn zwischen den Perspektiven der Eltern und Kinder kein Unterschied besteht. Dies ist mit Sicherheit der Fall, wenn es keinen Wandel gibt.

Die Realität ist aber, wie oben gezeigt wurde, nicht von dieser Art. Veränderungen sind – wenn auch nicht an der Tagesordnung – so doch eine nicht mehr weg zu leugnende Tatsache geworden. Damit muss man auch die Annahmen für das Familienentwicklungsmodell modifizieren, muss einen, wenn auch zunächst einmal noch geringen Wandel auf der Ebene der Eltern zulassen, und diese sind, wie gezeigt worden ist, die Träger der dafür notwendigen Entscheidungen.

Abbildung 4: Familienentwicklung nach einer Scheidung am Beispiel einer Viergenerationenfamilie

Darauf geht Abbildung 4 ein. Eines der Elternpaare (die zweite Generation der schwarzen Familie) hat sich noch vor der Paarbildung der Kinder getrennt und der leibliche Vater ist eine neue Partnerschaft eingegangen (kenntlich gemacht an der Verbindungslinie zwischen der grauen Figur und der männlichen schwarzen). In dieser lebt neben der neuen Partnerin auch noch deren Tochter. Die weiße Familie entspricht wieder dem traditionellen Verständnis von Familie.

Auf der Ebene der Eltern hat sich demnach in der zweiten Generation eine Veränderung vollzogen. In der Querschnittsbetrachtung der amtlichen Statistik drückt sich dies darin aus, dass aus einem Ehepaar und einer Alleinerziehenden ein Ehepaar und eine Alleinerziehende (jetzt in der schwarzen Familie) werden und in der weißen Familie alles beim Alten bleibt. Es entsteht der amtlichen Betrachtungsweise der Eindruck, dass im Bereich der Familie alles stabil geblieben ist. Für die Personen der dritten Generation aber zeigt sich, dass die bekannte Konstellation, zwei Eltern und vier Großeltern für alle Personen einer nachfolgenden Generation, in der schwarzen Familie nicht länger zutreffen. Zwar können für alle schwarzen Personen der dritten Generation zwei leibliche Eltern bestimmt werden. Diese leben aber nicht mehr in einer Ehe und dem gemeinsamen Haushalt zusammen. Durch einen sozialen Elternteil können die Kinder drei Eltern haben. Dies trifft dann zu, wenn die Kinder sich wie in den von Schmidt-Denter (1999) gewonnenen Ergebnissen verhalten und ihre leiblichen Eltern weiterhin zu ihrer Familie zählen und entsprechende Kontaktpflege betreiben und gleichzeitig zu den Ersatzeltern eine Beziehung aufgebaut haben. Dies sollte für 70% der Kinder in solchen Konstellationen zutreffen.

Durch den Perspektivenwechsel von der amtlichen Statistik zur Elternperspektive zeigen sich die Folgen der elterlichen Entscheidung der zweiten Generation. Während man aus der Sicht der Eltern (diese wollen keinen Kontakt mehr zu ihren Expartnern) und auf der Eben der amtlichen Statistik keine Veränderung „wahrnehmen“ kann, ist für die „Kinder“ der geschiedenen Eltern die Welt komplexer geworden. Dies gilt nicht nur für den Möglichkeitsraum, sonder in vielen Fällen auch für den gelebten Alltag. Auf der Ebene der Enkelgeneration und mithin also in der Kinderperspektive wirkt sich die geringe Veränderung schon gewaltig aus. Jedes Enkelkind in der vierten Generation verfügt hier neben den beiden leiblichen Eltern potentiell über fünf Großeltern und über zehn Urgroßeltern. Die Anzahl der möglichen sozialen Beziehungen ist damit nicht nur geringfügig, sondern recht deutlich angewachsen. Gemessen an der Enkelgeneration der traditionellen Familienkonstellation um gut 20%.

Dies Überlegungen verdeutlichen, was eine Veränderung auf der Ebene der Eltern für die Biographie und die Beziehungsvielfalt der Kinder und damit der nachwachsenden Generation heißen mag. Es wird offensichtlich, was die Veränderungen infolge einer Scheidung in den nachfolgenden Generationen bewirken kann, z.B. was die Anzahl der möglichen Beziehungen anbelangt oder was die Anzahl möglicher Verwandter betrifft. Dieses Ergebnis soll nochmals bei einer extremen Familienkonstellation veranschaulicht werden.

Abbildung 5: Multipel reorganisierte Viergenerationenfamilie

In diesem Fall handelt es sich um eine Konstellation, in der die leiblichen Eltern der Kinder, die früher ein Ehepaar gebildet hatten, sich jetzt getrennt haben und gleichzeitig neue Partnerschaften eingegangen sind. Dies gilt für die schwarze wie für die weiße Familie. Die neuen Partnerkonstellationen sind durch die graue Einfärbung sichtbar gemacht worden. Ferner sind aus diesen neuen Partnerschaften auf der Elternebene Kinder hervorgegangen, die jetzt als Halbgeschwister zusätzlich als Bezugspersonen vorhanden sind. Aus dieser Generation (der dritten Generation) haben sich – so die Darstellung – die schwarze männliche und die weiße weibliche Person verehelicht und zwei Kinder bekommen.

Die vielen Veränderungen unterworfene Familienkonstellation lässt sich wiederum aus der Perspektive der Eltern (dritte Generation) oder der Kinderperspektive (vierte Generation) beschreiben. Aus Sicht der dritten Generation sind jetzt vier Ehepaare der sich reorganisierten (Groß)Eltern (zweite Generation) vorhanden (schwarz-grau und weiß-grau), die auch in der amtlichen Statistik als solche kenntlich gemacht werden würden, übrigens mit der inneren Zuversicht, dass auf dem Sektor der Familie alles in bester Ordnung wäre. Bestenfalls würden diese Familien nach der darin vorkommenden Anzahl von Kindern und Stiefkindern zu unterscheiden sein. Abgesehen davon aber wäre in der amtlichen Statistik wenig Auffälliges zu berichten, es sei denn, dass die Wiederverheiratungsrate angestiegen ist. Aus der Perspektive der Eltern führt dies jetzt zu zwei leiblichen Eltern und zwei sozialen Eltern, was in der Folge (vierte Generation) zu acht Großeltern führt. Im traditionellen Familienentwicklungsmodell entspricht dies der Anzahl von Personen, die einem „Paar“ zur Verfügung steht. Der Möglichkeitsraum für soziale Beziehungen hat sich damit (mindestens) verdoppelt. Auch wenn diese Darstellung mit „aus der Sicht der Kinder“ eingeleitet wurde, so handelt es sich dennoch um die Elternperspektive, da hier die familiale Konstellation der dritten Generation dargestellt wurde.

Die Perspektive der Kinder setzt mit der nun folgenden vierten Generation ein. Auf dieser Ebene (der Enkelgeneration) lassen sich weitere gravierende Veränderungen erkennen. Da sich jeweils die biologischen Eltern der zweiten Generation scheiden ließen und beide eine neue Partnerschaft eingingen, haben die Enkel dieser geschiedenen Generation jetzt bereits acht potentielle Großeltern. Unter der Annahme, dass der Generationenabstand nur 25 Jahre betragen würde, hätte diese Generation 16 Urgroßeltern. Gleichzeitig verfügt sie über einen möglichen (Halb-)Onkel und potentiell über zwei (Halb-)Tanten. Verglichen mit der Darstellung der „traditionellen Familie“ haben die „Enkel“ in diesem Modell weit mehr als eine Verdoppelung ihrer möglichen Bezugspersonen erfahren. Wie die Erkenntnisse der Scheidungsstudie von Schmidt-Denter (1999) gezeigt haben, wird diese Optionenvielfalt tatsächlich von den „Kindern“ genutzt, werden diese Beziehungen auch tatsächlich gelebt. Die Komplexität ist damit nicht nur virtuell oder optional, sondern durchaus real. Gescheiterte Beziehungen aus der Sicht der Eltern werden zu Beziehungspotentialen für die Kinder. Ein Neubeginn der Eltern wird damit in der Tat zu einem umfassenden Wandel für die Kinder und Kindeskinder.

Zusammenfassung und Ausblick

Ziel dieses Beitrags ist es, die Perspektive von Kindern auf Wandel und Entwicklung familialer Lebensformen darzustellen. Die Veränderungen der Lebensverhältnisse von Erwachsenen sind seit geraumer Zeit Stoff wissenschaftlicher Auseinandersetzungen gewesen und können damit als bekannt vorausgesetzt werden. Die Auswirkungen des elterlichen Verhaltens auf die Lebenssituation der Kinder aber wurden bislang im Rahmen einer Sozialberichterstattung über Kinder nur sehr unzureichend thematisiert. Dies liegt an dem lange Zeit herrschenden wissenschaftlichen Desinteresse an der Kinderfrage. Dabei ist es vollkommen klar, dass die Veränderungen der Lebensform auf Seiten der Eltern auf die Lebensverhältnisse der Kinder durchschlagen.

Motor dieser Entwicklung ist der Prozess, der als Individualisierung und Pluralisierung Eingang gefunden hat in die Debatte um die Modernisierung der Gesellschaft. Eigene Vorstellungen und Bedürfnisse realisieren zu können, gewinnt im Kontext dieses Prozesses zunehmend an Bedeutung. Neu ist, dass die einmal getroffenen Entscheidungen hinsichtlich der gewählten Lebensform für die Erwachsenen nicht mehr irreversibel sind.

Die wachsende Zahl der von einer Scheidung betroffenen minderjährigen Kinder und die zunehmende Wiederverheiratungsneigung auf Seiten der Eltern lassen vermuten, dass alles, was in den bisherigen Überlegungen noch als bloße Theorie erscheint, bereits Realität geworden ist. Insbesondere unter der Rahmenbedingung der Zunahme der Lebenserwartung der handelnden Personen ergibt sich daraus ein Bild, das die heutige Normalität (traditionelles Familienkonstrukt) alsbald als überholt gelten lassen wird. Bereits heute lassen sich mit Hilfe der Kinderperspektive einzelne Phänomene dieser Entwicklung beobachten. Mitnichten wird die Gesellschaft vaterlos, mutterlos oder gar elternlos sein. Die hier vorgetragenen Überlegungen verweisen eher in die Richtung auf multiple Vaterschaft oder Elternschaft als „moderne Familienmodelle“. Dieser Trend wird dazu führen, dass das Modell der Bohnenstangenfamilie, wonach durch das Ausbleiben von Geschwistern die Linienverwandtschaft nur mehr aus einer Person (verheiratet aus einem Paar) besteht, durch ein Großfamilienmodell ersetzt werden muss, welches unter ganz neuen Vorzeichen ein sehr altes Modell wieder auferstehen lässt.

Diese Veränderungen lassen sich (noch) nicht mit der bislang bevorzugten Elternperspektive erkennen. Hierzu benötigen wir die Perspektive der Kinder: Während sich der Wandel aus Sicht der Erwachsenen bzw. Eltern in einem Entweder-Oder vollzieht, bedeutet die Veränderung der familialen Lebensform durch eine Trennung oder Scheidung für die Kinder ein Sowohl-Als auch. Die Andersartigkeit der Interessen an den Beziehungen zu den Personen, die der Familie zuzurechnen sein sollen, ist dafür ausschlaggebend. Sind die Erwachsenen in der Regel nicht an weiteren Kontakten mit dem Expartner interessiert, wollen die Kinder die Beziehung – zum Teil gegen den Willen des jeweils anderen Elternteils – nicht abbrechen. Sie leben diese Beziehungen.

Stets nur Betroffener, nicht aber Handelnder sein zu können, lässt Kinder ihre Interessen an der „eigenen“ Familie nur dann realisieren, wenn sie die Beziehungsgrenzen der Erwachsenen überschreiten. Weit über den von den biologischen Eltern angegeben Kontext hinaus leben die Kinder ihre eigenen Beziehungen mit allen möglichen Familienmitgliedern und beherrschen so auch sehr komplexe Familienstrukturen. Wer ihnen auf diesem Wege folgt, wird mehr über die Familien herausfinden, als die Erwachsenen davon preisgeben.

Die Literaturangaben sind über die Geschäftsstelle erhältlich.

Dr. Christian Alt ist Projektleiter der Kinderpanels am Deutschen Jugendinstitut in München und Lehrbeauftragter an den Fachhochschulen in München und Landshut