Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Kino für die Kleinen

Das Bilderbuch auf der Leinwand

von Renate Zylla

Aufgrund meiner Erfahrungen als langjährige Leiterin des Kinderfilmfestes der Internationalen Filmfestspiele Berlin möchte ich Hinweise geben auf die positive Wirkung von Film. Der Einfluss der Medien bereits in den frühkindlichen Entwicklungsphasen ist in unserer Zeit unübersehbar. Das Zauberwort im Umgang damit heißt Medienkompetenz. Ich bin davon überzeugt, dass es bei der Diskussion der Konzepte letztendlich darauf ankommt, welche Erfahrungen Kinder mit vorbildlichen Filmen machen können. Es ist wichtig an sie heranzutragen, was der bedeutsame Film zu bewirken vermag. Auf diese Weise werden sie befähigt, Qualität zu erkennen, die für sie lebensbereichernd sein kann. Gleichzeitig sollten Kinder die Fähigkeit erlangen, sich von oberflächlich aggressiven, aufdringlich marktorientierten Medien abzuwenden.

Wenn die 4-Jährigen das Kino erobern, bringen sie ihre Freude auf das bevorstehende Film-Ereignis lauthals zum Ausdruck: „Kino, Kino, Kino!“, schallt es durch`s Foyer. Die Kleinen haben zwar keine Vorstellung davon, worüber sie sprechen, denn die meisten von ihnen waren noch nie im Kino. Diese Kinder, die voller Erwartung sind, sollten nicht enttäuscht werden. Weltweit wurden und werden kurze Animationsfilme in unterschiedlicher Tricktechnik sensibel konzipiert und phantasievoll gestaltet. Sie sind sozusagen das Bilderbuch auf der Leinwand und damit die ideale „Kost“ für die jüngsten Kinogänger. Viele dieser Trickgeschichten basieren tatsächlich auf Bilderbüchern, und so gibt es für die Kleinen manchmal ein Wiedersehen vertrauter Helden.

Dass einige Kinder ihre ersten Medienerfahrungen nicht allein vom Buch ableiten, merkt man spätestens dann, wenn es im Kinosaal dunkel wird und das Licht auf die Leinwand fällt: „Ist das aber großes Fernsehen“, so der Kommentar zu den ersten Szenen. Das Medium Film im Kino fordert die Kinder jedoch neu heraus. Es soll sie fordern aber nicht überfordern. Der dunkle Ort ist bisweilen unheimlich und zugleich verheißungsvoll für sie. Er hat etwas Magisches. Alle Effekte, die von der Leinwand ausgehen, sind von unbekannter Dimension, von einer Intensität, die die Kinder in Bann zieht. Ein ganz anderes Film-Erleben als zu Hause vor dem Fernseher, der im hell erleuchteten Raum steht und von dem man sich leicht wegbewegen kann. Im Kino entfalten Filme erst ihre ganze Wirkung. Die Kinder, vor allem die 4-6-Jährigen, fühlen sich angeregt durch die Kraft der Bilder, der Geräusche und der Musik. Ein Kino-Film ist ein Gemeinschaftserlebnis für die Kleinen. Sie reagieren spontan und direkt auf das Gesehene, teilen ihre Gefühle mit, ob sie nun bangen mit den Helden oder sich mit ihnen freuen, und sie stellen Fragen – im wahrsten Sinne des Wortes – in den Raum. Wenn ein Film durch Musik begleitet wird, stimmen sie mit Vorliebe in die Melodie ein und klatschen im Rhythmus. Die Kinder fühlen sich nicht gestört von einander, sondern spüren so die anderen im dunklen Saal.

In phantastischen Geschichten werden Kindern im Film Charaktere vorgestellt, mit denen sie sich wunderbar identifizieren können. Einer davon ist PINGU, den der Schweizer Otmar Gutmann ins Leben gerufen hat. PINGU setzt gern seinen eigenen Willen durch, was die Mutter wie den Vater immer aufs neue provoziert. Am Ende wird der übermütige kleine Pinguin aber liebevoll von seinen Eltern in die Arme genommen. PINGU`s Abenteuer, alle nicht länger als 5 Minuten, sind der Lebenswelt von Kleinkindern nachempfunden und funktionieren deshalb so gut für sie. Hier wird die Handlung ohne Dialog transportiert, allerdings hat der Regisseur eigenwillige Pinguinlaute kreiert, um Emotionen stärker herauszustellen. Und beim Publikum setzt er dadurch einmal mehr Emotionen frei: Lachen, sich freuen und mitfühlen. Der Film macht Mut, Dinge auszuprobieren und lehrt, dass Eltern ihre Kinder lieben. PINGU, der Held aus Plastilin, hat inzwischen Weltruhm erlangt. In Deutschland wurde er nach seinem Kinoauftritt vor allem durch das Fernsehen populär.

Ein weiteres positives Beispiel ganz anderer Art ist DIE DORNENHECKE, ein poetischer Animationsfilm, der nach der Bilderbuch-Vorlage „Floris & Maja“ von Elzbieta entstanden ist. Eine Filmempfehlung für Kinder ab fünf Jahre. Die kreative Regisseurin Anita Killi begegnet dem Thema Krieg auf behutsame Weise und beschönigt dennoch nichts. Dieser Film spricht die Sinne an. Kinder werden unter anderem in ihrer visuellen Wahrnehmung gefordert, sie entdecken Details, die Erwachsene übersehen, denn Kinder sind mehr auf das einzelne Bild fixiert. Mit leisen Tönen aber starker Aussagekraft vermittelt DIE DORNENHECKE in fast philosophischen Worten eine Botschaft. Im frühkindlichen Lebensalter werden zwar die Zusammenhänge der Handlungsstränge nicht unbedingt erkannt und Symbole nicht gedeutet, aber entsprechend der Entwicklungsphase können Kinder einzelne Figuren und zum Teil deren Beziehung zueinander nachvollziehen, und sie spüren sehr genau Atmosphäre und Stimmungen. Dieser Film geht mit seinem Publikum würdevoll um, er zeigt Respekt vor der kindlichen Seele. Erstaunlicherweise – oder eben gerade nicht, denn Qualität kennt keine Altersgrenze – werden auch ältere Kinder und Erwachsene von diesen 13 Film-Minuten emotional berührt.

Durch Dichte, Genauigkeit und perfekten Einsatz filmischer Mittel werden im Trickfilm menschliche Gefühle sowie Lebenssituationen produziert. Je mehr Lebenserfahrung beim Rezipienten vorhanden ist, desto differenzierter ist ein Film für ihn interpretierbar und um so mehr kann er assoziieren. Kleine Kinder werden sich mit einem Kinoerlebnis natürlicherweise nicht in erster Linie auf verbaler Ebene auseinandersetzen. Sie drücken sich in eigenen Werken zum Film aus, wenn ihnen die Möglichkeit der Nachbereitung gegeben wird. Unter Einsatz verschiedener Materialien und inspiriert durch die Filmbilder, entwickeln die Kinder ihre Kreativität.

Bei Kurzspielfilmen können Kinder meist bis zum siebten Lebensjahr zwischen Fiktion und Realität nicht unterscheiden. Die überzeugend inszenierte Darstellung macht sie glauben, dass das Geschehen eins zu eins dem Leben abkopiert ist. So zitiere ich liebend gern die Äußerung eines kleinen Jungen aus dem Publikum zu einem Spielfilm: „der war ja wie aus dem Leben gefischt!“ Gespräche nach den Vorführungen zeigen immer wieder, dass die Kinder die Realität beim Film hinterfragen, wie zum Beispiel: „war der in echt dein Vater, bist du wirklich verletzt worden, ist das auch jetzt noch dein Freund?“ Verblüfft hat mich einmal die Reaktion eines 7-Jährigen direkt nach Ende des Films. Der Vorhang ging zu und noch im Halbdunkel traten die Schauspieler auf die Bühne. Bevor der Applaus losbrach, vernahm ich seine Stimme: „Wie kommen denn die da aus dem Film heraus?“

Leinwandgeschichten für die Kleinen sind leider rar im deutschen Kino und werden oft nur im Rahmen von Sonderveranstaltungen und Filmfestivals präsentiert. Auch wenn sie für höchste Kinoansprüche auf 35 mm produziert sind, finden sich keine Verleiher mit geeigneten Konzepten. In den skandinavischen Ländern ist das anders, da sind diese Produktionen und somit auch das jüngste Publikum relevant fürs Kino. Dennoch finden einige wenige dieser Filme dank ideal konzipierter Fernsehprogramme wie „Die Sendung mit der Maus“ oder „Das Sandmännchen“ ihre Auswertungsfläche.

Anders ist es bei Produktionen von über 60 Minuten, eben bei den Filmen, die Kinolänge haben. Um auch ein positives Beispiel für eine kommerzielle Auswertung im Bereich des Kinder-Kinofilms anzuführen, sei die erste Verfilmung von „Petterson und Findus“ nach den Bilderbüchern von Sven Nordquist genannt. Der Film ist ein Publikumsmagnet. Kinder wie deren Eltern sind von den Büchern fasziniert und haben ganze Handlungsabläufe verinnerlicht. In der ersten Kino-Fassung findet man eine liebevolle Umsetzung des Buches wieder, deren episodischem Erzählrhythmus jüngere Kinder gut folgen können. Bei dieser Buch-Verfilmung hat noch ein anderes Konzept seine Wirkung gezeigt: Merchandising. Findus mit der grünen Hose gab es bereits vor der Kinopremiere als Stoffpuppe. Die Wesenszüge des Bilderbuch-Charakters sind im Spielzeug erhalten geblieben. Gerne erinnere ich mich an die Premiere des Films, bei der begeisterte Erst-Kinogänger ihren Findus ganz fest im Arm hielten, während der gleichnamige Kater auf der riesigen Leinwand seine Abenteuer zu bestehen hatte. Kinder brauchen gute Filme, es lohnt sich sie aufzuspüren!

Renate Zylla ist im Film- und Medienbereich tätig, u.a. als Supervisorin und Ehren-Direktorin für das Kinderfilmfest Japan. Von 1988 bis 2002 war sie Leiterin des Kinderfilmfestes der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Sie ist Mitglied im Vorstand des Vereins Sichtwechsel e.V.