Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Kinder im Spannungsfeld der Medien

Sichtwechsel e.V. setzt sich für eine Zurückdrängung der Gewalt im Fernsehen ein

von Irene Wittek-Taránt

Fernsehen ist ein Medium, das geeignet ist, sozialen Konsensus herzustellen. Auf welche Weise geschieht dies heute? Was hat sich seit dem Beginn des Fernsehens verändert? Auffällig ist, dass der so genannte „Krimi“ aus seiner Freitagabendspätvorstellung auf den Prime-time-Platz gerutscht ist, und dass er schließlich, mutiert zum Action-Thriller, jeden Tag der Woche bedient.

Was steht hinter dieser Entwicklung?

Und vor allem, welche Folgen hat die Häufung medialer Gewalt für unsere Gesellschaft?

Als von den ersten Schülergewalttätigkeiten in Amerika berichtet wurde, brachte man dieses Phänomen immer öfter in Bezug zu den violenten Inhalten der Fernsehprogramme, denen Kinder schon in frühestem Alter ausgesetzt sind. Filme können bekanntlich als Vorbild wirken.

Die Lernpsychologie bestätigt, dass nicht nur positive Inhalte aufgenommen werden, sondern dass auch an negativen Beispielen ‘ gelernt’ werden kann.

Die Programmierer der Action-Filme sind wenig damit befasst, dass die Häufung des immergleichen gewaltbeinhaltenden Verfolgungsschemas einen prägenden Einfluss auf die kindliche Psyche haben kann. Wichtig ist ihnen nur die gespannte Aufmerksamkeit der Zuschauer, um sie an ‚ ihre‘ Sendungen zu bannen.

Im Gegenzug zu dieser Entwicklung wurde 1995 „Sichtwechsel” gegründet, ein gemeinnütziger Verein, der sich vornahm, die Untersuchungen zu den Wirkungen medialer Gewalt einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen, um eine allgemeine Debatte anzuregen. Zunehmend nehmen Medienwissenschaftler von der unhaltbaren These Abstand, Gewaltdarstellungen hätten keinen Einfluss auf die psychische Entwicklung von Kindern.

Der Medienpsychologe Dr. R.H. Weiss nimmt gegen die jahrzehntelange, gezielte Fehlinformation der Öffentlichkeit Stellung, wenn er beim Kongress „Mediengewalt: Handeln statt Resignieren!“, der 2002 an der Münchner Universität stattfand, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Medienwirkungsforschung wie folgt zusammenfasst: „Mediengewaltkonsum erhöht Aggressivität und Gewalttätigkeit bei 10%-15% der Kinder und Jugendlichen. Das sind in Deutschland rund 1,5 Millionen. In Risikogruppen ist die Wirkung noch stärker.“

Der Hauptgrund für die häufige Programmierung von harten Thrillern liegt in der Verquickung der Einnahmequellen der Sender mit den Einschaltquoten. Die Sendeplätze für Werbespots werden umso teurer verkauft, je mehr Zuschauer die Programme sehen, in denen die Werbefilme laufen. Und Spannung ist eines der probatesten Mittel um ein Publikum zu fesseln. Die „Quote“ ist also kein wirklicher Gradmesser für die Qualität eines Programms.

Die unpopuläre Maßnahme, die Rundfunkgebühren zu erhöhen und die Eröffnung neuer Einnahmequellen für die privaten Sender führten sicher dazu, die aktuelle Quotenabhängigkeit zu beenden. Die Unabhängigkeit der Medien und eine strikte Beachtung der Jugendschutzgesetze sollten geeignet sein, unsere Kinder vor einem Überangebot an Thrillern zu schützen. Der soziale Konsens kann nicht auf Dauer über die Darstellung von violenten Extremsituationen hergestellt werden.

Dr. Irene Wittek-Taránt ist Vorsitzende des Vereins Sichtwechsel e.V.