Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Warum das Vorlesen so wichtig ist

von Bettina Mähler und Heinrich Kreibich

„Mama, aufstehen! Bücher lesen!“ 6.23 Uhr. Der vierjährige Marius steht neben Karin Hoffmanns Bett. Wie jeden Morgen folgt die 34-Jährige ihrem Jüngsten in die Küche, alle anderen schlafen noch. Und wie immer liegt dort ein Stapel Bücher, den Karin Hoffmann am Abend vorher zurecht gelegt hat. Marius greift zum obersten Titel, seinem Lieblings-Wimmelbuch über eine Tankstelle. Damit fängt das Lesen morgens meistens an. Marius kann über dieses Buch schon ganze Romane erzählen. Dann nimmt er die zwei Titel vom Kleinen Raben Socke und von Rötte Häschen. Die muss seine Mutter Wort für Wort vortragen. Marius lauscht gespannt. Und ganz zuunterst liegt „Juli und das Monster“.

Die Mutter fängt an vorzulesen. Doch nach wenigen Seiten unterbricht Marius seine Mutter: „Mama, die Line im Kindergarten hat auch in die Hose gemacht, genau wie Juli im Buch.“
„Ist dir das auch schon einmal passiert, Marius?“
„Ja, Mama, aber es hat keiner gelacht wie bei Juli. Da wäre ich bestimmt ganz böse geworden.“
„Da haben die anderen aber gut reagiert.“
„Ja, es war gar nicht so schlimm.“
„Soll ich jetzt fertig lesen?“
Marius nickt. Am Ende des Buches angekommen, wirkt er sehr zufrieden.
Karin Hoffmann will die morgendliche Lesestunde beenden: „So, jetzt müssen wir Katharina wecken, sie hat um acht Uhr Schule.“
„Nein, Mama, es ist sooo kuschelig.“
„Doch, Marius, aber wir lesen heute abend wieder. In Ordnung?“
„O.k., Mama.“

Vorlesen hat viele Bedeutungen und bietet viele Möglichkeiten für die Kommunikation zwischen dem zuhörenden Kind und dem vorlesenden Erwachsenen – wenn man die Rahmenbedingungen dafür schafft.

Vorlesen heißt für Kinder viel mehr als nur das Hörbarmachen von Geschichten. Es heißt Nähe und Zuwendung. Deshalb ist es auch ganz und gar nicht gleichgültig, wer vorliest, es müssen Vater, Mutter, Opa oder Oma sein. Oder ein Babysitter, an den der kleine Zuhörer gewöhnt ist. Diese Menschen liebt das Kind, von diesen Menschen will es geliebt werden. Und Vorlesen ist eine sehr überzeugende Art, Zuneigung zu einem Kind auszudrücken.

Vorlesen bedeutet noch mehr: Es heißt auch, teilhaben am Wissen und an der Erfahrung der älteren Menschen, die nicht nur das Kind lieben, sondern die es auch selber liebt. Sicher gibt es keine intensivere Lernmöglichkeit insbesondere für kleinere Kinder als Kuscheln und Vorlesen.

Vorlesen bietet noch etwas, und zwar das Miteinander-ins-Gespräch-Kommen. So wie bei Marius. Während des Lesens erinnert er sich an die Situation im Kindergarten, in der Line ein Missgeschick passiert – und an sein eigenes. Das Buch ist hier Erinnerungsbrücke und gleichzeitig eine Verarbeitungsmöglichkeit. Es ist sowohl der Inhalt des Buches als auch die Situation von viel Nähe, die Kinder öffnet, sie bereit macht für Gespräche.

Das gilt übrigens auch für die Erwachsenen. Die Momente im Alltag, in denen sie sich ganz ihrem Kind zuwenden, ihm zuhören, sind in den meisten Familien nicht allzu viele. Beim Vorlesen müssen sich beide Seiten auf die Situation und auf den anderen einlassen, sonst funktioniert es nicht.

Ganz entscheidend ist die letzte Bedeutung: Vorlesen heißt Spaß haben, miteinander etwas tun, was beiden Freude bereitet. Denn fast immer überträgt sich der Spaß des Kindes beim Vorlesen auch auf den Erwachsenen. Es ist wunderschön zu beobachten, wie Kinderaugen anfangen zu leuchten, wenn eine Geschichte oder ein Bild im Buch sie berühren. Da muss man ein arger Leseabstinenzler sein, um das nicht wahrzunehmen.

Das Vorleseritual

Kinder lieben Rituale, mehr noch, sie brauchen sie. Sie vermitteln – wie Grenzen und Werte – Sicherheit und Orientierung. Und zwar im Tagesablauf ebenso wie im Jahresablauf. Eltern wissen darum. Oft laufen Aufstehen, Mahlzeiten, Pausen, Spiele, Ins-Bett-Gehen nach einem immer gleichen Schema ab. Davon profitieren beide Seiten, sowohl das Kind als auch die Eltern. Denn so ersparen sich beide Seiten Ärger. Aber nicht nur das: Rituale bringen auch Freude. So wie im Jahresablauf die wiederkehrenden Feste Geburtstag, Ostern, Nikolaus und Weihnachten immer neu erwartet werden, so erwarten Kinder auch die kleinen Familienrituale. Nichts ist besser geeignet dafür als das Vorlesen.

In sehr vielen Familien gibt es ein so genanntes Abendritual. Dazu gehört nicht nur das Vorlesen, sondern auch Umziehen, Waschen, Zähneputzen, Vorlesen, über das Buch und/oder über den Tag sprechen, Beten, Singen immer zur gleichen Zeit und immer im gleichen Ablauf. Dieses Ritual sollten Eltern so früh wie möglich „installieren“, d.h. schon im Babyalter mit dem Vorsingen beginnen. Je älter das Kind wird, desto mehr regelmäßige Elemente sollten dann dazu kommen.

Haben Eltern das Abendritual fest in den familiären Tagesablauf eingebaut, dann müssen sie sich klar machen: Ein Ritual ist nur dann eines, wenn es tatsächlich täglich praktiziert wird. Wehe also, wenn Eltern sich nicht daran halten, dann erwartet sie heftiger Protest.

Je jünger Kinder sind, desto häufiger am Tag wünschen sie sich, vorgelesen zu bekommen. Es gibt Kleinkinder, die zigmal am Tag dem Vater oder der Mutter mit einem Bücherstäpelchen auf die Pelle rücken. Und häufig haben Eltern gerade dann keine Zeit. Oder sie wollen sie sich nicht nehmen. Und stellen in solchen Momenten lieber den Fernseher an. Oder die Kleinen drücken selber den Knopf am Flimmerkasten.

Deshalb mein Rat: Versuchen Sie, solange Ihre Kinder noch zu Hause oder im Kindergarten betreut werden, nicht nur ein Vorleseritual am Tag einzuführen, sondern vielleicht noch ein zweites oder ein drittes.

Natürlich ist das nicht in jeder Familie möglich. Weil die Eltern getrennt sind, weil beide unregelmäßig arbeiten müssen oder aus anderen Gründen. Dann sind Vorleseminuten noch kostbarer, und das Kind wird dafür auch dankbar sein, wenn sie nicht regelmäßig stattfinden, sondern eben dann, wenn es den Erwachsenen möglich ist.

Noch mal und immer wieder

„Noch mal!“ hören Eltern beim Vorlesen oft. Für das „Noch-Mal“ gibt es drei Situationen.

Die Faszination des Neuen
Die erste tritt auf, wenn Kinder neue Bücher vorgelesen bekommen, deren Inhalt und Bilder sie interessieren. Dann reicht einmal vorlesen einfach nicht, es muss direkt danach noch Mal passieren. Und das hat zum einen mit dem Wunsch nach Verständnis, aber auch mit der Faszination eines neuen Buches zu tun. Kinder, die Bücher lieben, sind oft begeistert von neuen Titeln. Für die fünfjährige Melissa zum Beispiel ist jedes neue Buch, das sie anspricht, so spannend, dass sie mit dem Band den ganzen Tag hinter ihrer Mutter herläuft, damit sie es wieder und wieder mit ihr anschaut.

Die Faszination des Bekannten
Die zweite Wiederholungssituation tritt auf, wenn die Kinder nach einem Buch am nächsten Tag noch einmal verlangen. Und manchmal auch am übernächsten und noch an den Tagen danach. Das kann monatelang so weiter gehen. Dann wissen Eltern: Dieses Buch beschäftigt mein Kind, es will die Geschichte immer wieder hören, bis es sie ganz verarbeitet hat. Dieser „Wiederholungszwang“ ist übrigens auch von anderen Medien bekannt. Auch Kassetten oder Filme werden von Kindern zigmal gehört oder gesehen, bis eine für sie bedeutsame Situation so durchlebt ist, dass sie ad acta gelegt werden kann.

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‚Last but not least „konsumieren“ Kinder Bücher anders als Erwachsene. Diese lesen ein Buch selten ein zweites Mal, und wenn, dann nicht gleich im Anschluss an die erste Lektüre. Kinder hingegen wollen die Bücher, die ihnen Spaß machen, sie zum Lachen verführen, die sie zum Lernen und Mitdenken bringen, ganz oft hören und anschauen. Und es dauert oft sehr, sehr lange, bis ihnen diese Lieblingsbücher langweilig werden. Je kleiner die Kinder sind, desto länger. Da braucht es geduldige Erwachsene, die diese Begeisterung nach dem dreißigsten oder vierzigsten Mal vielleicht nicht mehr teilen, aber dennoch weiterhin vorlesen.

Reden über Bücher

Schon „Sprachanfänger“ reden gern über Bücher. Denn sie sind durchaus in der Lage, die Situation im Buch auf ihr Leben bzw. anders herum zu übertragen. Je älter Kinder sind, desto besser gelingt ihnen das. Die Anlässe allerdings, wann die Kleinen ein Buch mit Gesprächen verarbeiten wollen, sind sehr verschieden.

Beim Vorlesen oder direkt danach
Am einfachsten ist ein Reden über Bücher während des Vorlesens oder direkt danach. Nicht wenige Kinder unterbrechen die Vorleser gar, weil ihnen etwas einfällt, das an die Situation im Buch erinnert.

Dem Kind Zeit lassen
Eltern sollten aber nicht darauf drängen, sofort über ein Buchthema zu reden. Denn manche Kinder brauchen erst mehrere Wiederholungen, bevor sie über etwas sprechen möchten. Und einige äußern den Wunsch zu ganz anderen Zeiten.

Sinnvoll ist es auf jeden Fall, das Kind von sich aus ein Thema ansprechen zu lassen. Insbesondere bei „heiklen“ Themen wie Eifersucht mag es sonst sein, dass ein Kind blockiert, nicht darüber sprechen will, weil es das noch nicht kann.

Den Spaßfaktor betonen
Im Familienalltag kann es häufig passieren, dass sich ein Kind genau wie eine Figur im Bilderbuch benimmt. Das zu erkennen, ist für ein Kind nicht nur lehrreich, sondern es macht ihm auch einfach Spaß. Und nicht nur, wenn es positive Figuren nachahmen kann.

Kinder mögen Bücherlesen a priori genauso wie Sich-Unterhalten. Kinder lieben Gespräche. Sie genießen es, wenn Erwachsene mit ihnen reden – über ihre Themen.

Eltern als Vorbild

Eltern und Pädagogen haben neben dem Vorlesen noch eine Aufgabe: den eigenen Umgang mit den Medien reflektieren. Denn Eltern sind für Kinder Beispiel, und zwar in allen Lebensbereichen, in der Wertevermittlung, im Geschlechtsrollenverständnis und auch im Umgang mit Medien. Wenn Kinder ihre Eltern vorwiegend vor dem Fernseher antreffen und der immer nebenbei läuft, werden sie nicht einsehen, warum sie selber nicht davor sitzen oder ihn ständig anlassen dürfen. Wenn Eltern keine Bücher, keine Zeitungen und Zeitschriften im Haus haben und sie nie mit dem Kind in die Bibliothek oder in die Buchhandlung gehen, werden sie auch ihr Kind nicht vom Nutzen des Lesens überzeugen. Eltern müssen also nicht nur die Kinder, sondern vielleicht auch ein bisschen sich selber erziehen. Eine Mutter drückte das so aus: „Man muss sich als Eltern immer so gut benehmen, das ist anstrengend.“ Stimmt. Auch wenn es vielleicht viel verlangt ist.

So gelingt das Vorlesen:

  1. Suchen Sie einen ruhigen, gemütlichen Ort, an dem Sie mit Ihrem Kind auch ein bisschen kuscheln können.
  2. Wählen Sie günstige Augenblick zum Vorlesen, also Ruhephasen oder den Abend. Ritualisieren Sie – wenn möglich – diese Zeiten.
  3. Haben Sie Geduld mit Ihrem Kind, d.h. akzeptieren Sie Zwischenfragen.
  4. Lassen Sie Ihr Kind , sobald es alt genug dafür ist, die Bücher auswählen. Und auch wenn es das dreißigste Mal ist, dass Sie ein und denselben Titel vorlesen sollen, nehmen Sie den Wunsch Ihres Kindes ernst.
  5. Versuchen Sie, mit Engagement vorzulesen.
  6. Kaufen Sie Bücher, die Ihnen auch selber gefallen, davon profitieren beide Seiten.
  7. Nehmen Sie sich Zeit für Gespräche im Anschluss an das Vorlesen.

Dieser Beitrag ist entnommen aus dem Buch „Spaß am Lesen. Leseförderung in der Mediengesellschaft“ von Bettina Mähler und Heinrich Kreibich, das im August 2003 im Velber im OZ Verlag erscheinen wird. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Bettina Mähler ist freie Journalistin und Fachbuchautorin sowie Erziehungsberaterin an der Elternakademie am Burckhardthaus, Gelnhausen

Heinrich Kreibich ist Geschäftsführer der Stiftung Lesen in Mainz

Informationen über Kinder- und Jugendbücher:

Stefan Aufenanger/Bettina Mähler (Hg. Stiftung Lesen)
Die besten Medien für Ihr Kind
Der neue Elternservice der Stiftung Lesen gibt Ratschläge und Tipps zur Medienerziehung
32 Seiten, Broschüre, kostenlos

Bezugsadresse:
Stiftung Lesen
Fischtorplatz 23, 55116 Mainz
Tel.: 06131 – 28 89 00
www.stiftunglesen.de