Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Ran an den Computer – Je früher desto besser?

von Michael Gurt

Der Medienmarkt für Klein- und Vorschulkinder boomt: Von der Musik-CD für Säuglinge über Internetangebote für Drei- bis Achtjährige bis hin zu Lern- und Unterhaltungssoftware reicht die Palette. Angesichts dieses Medienangebotes ist die Unsicherheit groß: Sollen Kinder schon im Windelalter mit Medien konfrontiert werden? Kann dieser frühe Medienkonsum ihre Entwicklung beeinträchtigen? Oder eröffnet er die Chance, den rechten Umgang mit den Medien von Klein auf zu erlernen und damit Vorteile im späteren Leben zu haben?

Vor diesem Hintergrund sind für die erzieherische Praxis – sowohl im familiären Alltag, als auch in pädagogischen Einrichtungen – folgende Fragen zu klären: Welche Voraussetzungen bringen Klein- und Vorschulkinder im Hinblick auf Mediennutzung mit? Welche Medien werden in welchem Alter für kleine Kinder wichtig und warum? Welche Kriterien sind bei der Beurteilung von Multimedia-Produkten für Vorschulkinder anzulegen?

Medienbezogene Fähigkeiten im Entwicklungsverlauf

Das nachstehende Schaubild gibt einen Überblick über den Entwicklungsverlauf und setzt die alterstypischen kognitiven und sozial-moralischen Fähigkeiten in Zusammenhang mit medienbezogenen Fähigkeiten. Die zugrunde gelegte Alterseinteilung basiert einerseits auf sozialen Einschnitten, die jeweils neue Entwicklungsaufgaben mit sich bringen, und orientiert sich andererseits an den Phasen der kognitiven Entwicklung nach Piaget.

Alter in Jahren kognitive Fähigkeiten sozial- moralische Fähigkeiten medien- bezogene Fähigkeiten
audio- und audio- visuelle Medien Computer- medien
bis 2 Die Koor dination von Wahr nehmung und Bewegung nimmt zu und die unmittel bare physische Umgebung wird erkundet. Das Sprach- ver ständnis ist noch sehr begrenzt. Das eigene Ich wird zunehmend als getrennt von der Umwelt wahr genommen. Die Bindung an die Bezugs personen wird aufgebaut. Die Auf merksam keit wird nur für kurze und einfache Sequenzen geringen Tempos aufrecht- erhalten. Wieder- erkennen spielt eine wichtige Rolle Computer- medien spielen noch keine Rolle, sie überfordern
3 bis 6 Denken ist an den unmittel baren Augen schein gebunden. Es findet eine Zentri erung auf einzelne Aspekte statt Bezie hungen werden egozen trisch betrachtet Ausschnitte und Figuren werden wahr genommen, wenn ein Bezug zum eigenen Ich entdeckt wird. Einfache Episoden werden verstanden Einfache Lernspiele sind möglich und ab ca. 5, 6 Jahren auch einfache Geschick- lichkeits- spiele, z.B. auf dem Gameboy
6 bis 10 An konkreten Beispielen werden verschiedene Aspekte gedanklich verbunden und Handlungs- folgen abgeschätzt Situa tions- bezogen wird zunächst die Sicht weise eines direkten Gegenübers nachvoll zogen. Allmählich gelingt es, sich selbst aus der Warte des Gegen übers zu be urteilen Inhalte und Figuren mit Bezug zur eigenen Lebenswelt werden in größeren Handlungs- kontexten verortet, zunächst in Episoden, dann in Geschichten. Send ungen werden zunehmend differen- ziert betrachtet Der Computer ist v.a. Spielmedium. Spiele, die Konzen tration, Geschick- lichkeit, Regel- verstehen und taktis ches Vorgehen verlangen, werden zunehmend bewältigt. Internet- nutzung ist unterstützt möglich

Die Bildung von Altersstufen kann natürlich nur eine ungefähre Orientierung bieten. Denn:

  • Je nach individuellen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen sind deutliche Abweichungen möglich, ohne dass dies unbedingt als problematisch zu werten wäre. So wird z.B. ein vierjähriges Kind, das vom Fernsehen bislang weitgehend ferngehalten wurde, mehr Schwierigkeiten haben, zwischen Werbung und Programm zu unterscheiden als ein gleichaltriges Kind, das bereits viel mit den älteren Geschwistern fernsieht.
  • In der individuellen Entwicklung finden sich mehr kontinuierliche Veränderungen und fließende Übergänge als auffallende qualitative Sprünge, was durch eine Einteilung in Stufen suggeriert wird.
  • Generationeneffekte spielen gerade auf dem Gebiet der Medien eine bedeutende Rolle. Welche Medien für welche Altersgruppe einschlägig sind, hängt auch davon ab, ob der Medienmarkt eine Altersgruppe für ein bestimmtes Medium durch angepasste Angebote erschlossen hat.

Welche Medien für Klein- und Vorschulkinder eine Rolle spielen

Kleinkinder bis drei Jahre sind großteils damit beschäftigt, ihre nahe Umgebung zu erkunden. Sie nehmen Blick- und Körperkontakt mit den Bezugspersonen auf, entdecken ständig Neues um sich herum, wagen erste Schritte in die Welt. Sie machen Erfahrungen mit allen Sinnen, ertasten und erspüren, was um sie herum liegt. Sie begreifen nur, was sie sehen und anfassen können. Medien sind für sie nur Randerscheinungen. Ob Kleinkindern z.B. überhaupt klar ist, dass das Fernsehen mediale Botschaften vermittelt, ist fraglich. Auch was Computermedien angeht, sind Kinder unter vier Jahren kaum in der Lage, diese sinnvoll zu nutzen.

Das Bilderbuch dagegen ist ein Medienangebot, das gerade für die Kleinsten von Interesse ist. Dabei kommt es nicht nur auf den Inhalt an. Kleinkinder lieben es, mit den Buchseiten zu hantieren, gemeinsam mit Eltern oder anderen Bezugspersonen Altbekanntes und Neues zu entdecken und sich ihre Lieblingspassagen immer wieder vorlesen zu lassen oder sie selbst „vorzulesen“.

Die Vorschulkinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren sind schon weiter. Sie gehen in den Kindergarten, machen Erfahrungen mit Gleichaltrigen usw. Sie beginnen, eigene Ideen zu entwickeln und diese auch mal eigenständig auszuprobieren. Im Vorschulalter spielen Hörspielkassetten eine große Rolle. Kurze, geradlinig erzählte Geschichten können die Kinder gut erfassen. Die einfachen Abspielgeräte können sie zudem selbständig nutzen, was beliebige Wiederholungen ermöglicht. Für die Erwachsenen mag dies nicht immer ein Quell der Freude sein, den Kindern helfen die Wiederholungen beim Verständnis der Geschichte und auch beim Erlernen der Sprache.

Die Neugierde dieser Altersgruppe wird immer häufiger auch vom Fernsehen geweckt. Sie begreifen, dass dieses Medium einiges zu bieten hat, nämlich Spaß, Spannung und Unterhaltung. Das Interesse an Kindersendungen und Zeichentrickserien wächst – nicht zuletzt durch das Vorbild der Großen. Wichtig ist dabei, den Kleinen nicht zu viel zuzumuten, ihre Aufmerksamkeitsspanne und Verstehensfähigkeiten setzen dem Fernsehkonsum Grenzen.

Computermedien werden frühestens ab vier Jahren attraktiv. Lern- und Spielprogramme mit bekannten Figuren sowie animierte Bilderbuchgeschichten sind am beliebtesten. Allerdings sollten sich Eltern nicht unter Zugzwang setzten. Wenn die Mädchen und Jungen – trotz ihrer schier unerschöpflichen Neugier – den Computer links liegen lassen, muss man sie auf keinen Fall dazu drängen. „Je früher sich die Kinder mit dem Computer beschäftigen, desto besser“ – dieser Leitsatz ist aus pädagogischer Sicht nicht haltbar. Für die Vorschulkinder gibt es wichtigere Lern- und Erfahrungsräume als den Computer.

Kriterien zur Einschätzung medialer Angebote für Vorschulkinder

Medienangebote für drei bis achtjährige Kinder gibt es zuhauf, eine sorgfältige Auswahl ist gerade bei dieser Altersgruppe erforderlich. Egal ob Fernsehen, Computer oder Hörmedien: Brauchbare Angebote für Vorschulkinder sind solche, die

  • in Inhalt und Gestaltung ihren Voraussetzungen und Bedürfnissen entsprechen,
  • interessante Figuren bieten, mit denen sie sich im wahrsten Sinne des Wortes anfreunden können,
  • Bekanntes und Vertrautes zeigen, das die Vorschulkinder aus ihrem Alltag wiedererkennen.

Bei Computermedien kommen einige medienspezifische Kriterien hinzu:

(1) Formale Gestaltung: Besonderen Wert muss bei Multimedia-Anwendungen für Vorschulkinder auf die Nachvollziehbarkeit und Handhabbarkeit für diese Altersgruppe gelegt werden. Die Spiel- oder Lernangebote sollten eine verständliche und eindeutige Menüführung aufweisen, die auch ohne Lesefähigkeit nachvollziehbar ist. Aufgaben oder Spielanregungen sollten durch Geräusche, Musik, Farben und Formen veranschaulicht werden.

(2) Inhaltliche Ausrichtung: Wie bei anderen Medienprodukten für Vorschulkinder auch, sollten die Programme an den Erfahrungen und Vorkenntnissen der Altersgruppe ansetzten. Bei Lernangeboten ist die Relevanz der vermittelten Informationen für die Altersgruppe ein wichtiges Kriterium. Insgesamt sollte das Angebot die Neugierde der Kinder wecken, eigene Aktivitäten fördern und das Interesse und eine weitere Beschäftigung mit dem Thema anregen.

Konsequenzen für die Medienerziehung im Alltag

Kleinkinder sind sehr damit beschäftigt, die wirkliche Welt zu begreifen und sich darin zurechtzufinden. Deshalb sollten mediale Angebote im Alltag keinen zu großen Raum einnehmen, sondern eher die Ausnahme bleiben. Kinder bis drei Jahre können mit Fernseher und Computer eigentlich nichts anfangen. Mit Vorlesen oder Hörmedien sind sie besser bedient. Für Klein- und Vorschulkinder ist generell das gemeinsame Medienerlebnis wichtig. Eltern sollten sich deshalb darauf einstellen, die Jungen und Mädchen beim Lesen, Fernsehen oder bei Spielen am Computer zu begleiten.

Medienprodukte, die Werbung und Inhalt vermischen, sind für Klein- und Vorschulkinder nicht sinnvoll – weil die Kinder noch nicht verstehen, was Werbung ist und was dahinter steckt.

Michael Gurt ist Medienpädagoge und wissenschaftlicher Mitarbeiter am JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, München

Informationen und Einschätzungen konkreter Multimedia-Angebote für Kinder unter http://www.felsenweginstitut.de
http://www.ifak-kindermedien.de
http://www.feibel.de

Spiel und Lernsoftware pädagogisch beurteilt
Broschüre der Fachstelle Medienpädagogik/Jugendmedienschutz der Stadt Köln
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