Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Fernsehen nach wie vor am beliebtesten

Eine Übersicht über die aktuelle Mediennutzung von Kindern

von Mike Friedrichsen

Die Medienangebote für Klein- und Kleinstkinder haben sich in den letzten Jahren vervielfacht, beschränken sich aber durchweg auf unverbindliche Kurzweil, Belustigendes, kommerzielle Vermarktung im Medienverbund. Bildung und Erziehung, die Vermittlung von sozialen Kompetenzen und elementarem Umweltwissen für Vorschulkinder sind in Deutschland schon heute weniger entwickelt als in anderen Ländern.

Trotz steigender Nutzerzahlen für die neuen Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten wie Internet und Computer ist das Fernsehen nach wie vor das wichtigste Medium für Kinder in Deutschland (die neuesten Ergebnisse stammen von Sabine Feierabend und Walter Klingler, SWR-Forschung 2003). Die jüngsten Ergebnisse zeigen, dass derzeit acht von zehn Kindern jeden bzw. fast jeden Tag den Fernseher nutzen, während beispielsweise Computer auf eine Nutzungsintensität von 17 Prozent kommen. So ist es nicht überraschend, dass die Kinder auf die Frage, auf welches Medium sie am wenigsten verzichten wollen, zu drei Viertel das Fernsehen angeben.

Grundsätzlich kann festgestellt werden, dass die Fernsehnutzung von Kindern trotz der ständigen Erhöhung des Programmangebots seit zehn Jahren stabil geblieben ist. Dies betrifft sowohl die tägliche Reichweite als auch die Seh- und Verweildauer. Der in der öffentlichen Diskussion oft beklagte Zuwachs bei der Fernsehnutzung trifft auf Kinder demnach kaum zu, vielmehr betrifft dies Personen, die 14 Jahre und älter sind. Bei den 3-5-Jährigen hat die Sehdauer im Vergleich zu den Vorjahren (2000 und 2001 jeweils 76 Min./Tag) deutlich abgenommen (2002 70 Min./Tag). Auch bei der Verweildauer (2000 128 Min./Tag, 2001 127 Min./Tag) liegen die Werte 2002 mit 117 Min./Tag unter den Vorjahreswerten.

Jedoch ist bei Kindern mit eigenem Fernseher ein weiterer Anstieg der Sehdauer festzustellen. Während 3- bis 13-Jährige ohne eigenen Fernseher durchschnittlich 90 Minuten am Tag vor dem Fernseher sitzen, sehen Kinder mit eigenem Fernsehgerät 133 Minuten täglich fern. Das ist immerhin eine knappe dreiviertel Stunde länger.

Die Zuwendung der Kinder zum Fernsehen findet nicht an allen Tagen in der Woche in gleichem Maße statt. So ist der Sonntag der Tag mit den höchsten Reichweiten (bei den 3-5-Jährigen 60 Prozent oder besser 83 Minuten) im Vergleich zum Wochendurchschnitt von 55 Prozent. Die Sehdauer am Sonntag – wie auch an den anderen Wochentagen – nimmt mit fortschreitendem Alter kontinuierlich zu (Sonntag: 6-9 Jahre 106 Minuten, 10-13 Jahre 129 Minuten).

Bei den Drei- bis Fünfjährigen findet eine überdurchschnittliche Zuwendung zum Fernsehen in der Zeit von 7.00 bis 9.00 Uhr statt, bis 18.00 Uhr ist dagegen eine unterdurchschnittliche Nutzung zu verzeichnen. Die Kurve hat gegen 18.45 Uhr bei einer Sehbeteiligung von knapp 20 Prozent ihren höchsten Punkt erreicht (siehe u.a. die Sendung „Sandmännchen“). Etwas Besorgnis erregend ist die Tatsache, dass selbst um 23.00 Uhr noch 4 Prozent der 3- bis 13-Jährigen vor dem Fernsehgerät sitzen (das sind etwa 330.000 Kinder).

Bei den Präferenzen für Sender gibt es eine deutliche Präferenz für private Programmangebote. Die RTL-Senderfamilie (RTL, Super RTL, RTL II) erreicht zusammen ca. 40 Prozent Marktanteil bei den Kindern, während die Öffentlich-Rechtlichen Angebote (ARD, ZDF, die Dritten und der KIKA) nur auf etwa 26 Prozent kommen. Allerdings werden die Drei- Fünfjährigen vornehmlich von den Öffentlich-Rechtlichen erreicht.

Eine weitere wichtige Nutzung von Medien liegt im Bereich Cassetten, CD`s sowie Hörfunk. Für kleinere Kinder sind die auditiven Medien besonders wichtig und attraktiv, weil bei Ihnen der Sehsinn noch nicht so weit entwickelt ist wie bei Erwachsenen, somit ihre Umwelt- und Wirklichkeitswahrnehmung in erheblich höherem Maße über den Hörsinn erfolgt. Das Hören spricht zudem stärker Gefühle an, wirkt auf Kinder gefühlsbetonter und intensiver als das Sehen. Beim Zuhören werden gleichzeitig sprachliche wie nichtsprachliche Informationen vermittelt. Kinder lernen, sich in besonderer Weise auf die gesprochenen Worte oder die Musik zu konzentrieren. Wörter, Geräusche, Musik, Klänge jeder Art lösen Gefühls- und Ideenassoziationen aus, erschließen neue Räume, ermöglichen neue Erfahrungen.

Neuere Untersuchungen zeigen, dass Kinder, die häufiger Lesungen oder Hörspiele hören, eher bereit sind, auch Texte selbst zu lesen. Auditive Medien könnten somit also in unterschiedlicher Weise, aber systematisch zur Lektüre motivieren, könnten somit auch einen konkreten Beitrag zur Förderung der Lesekompetenz deutscher Schüler leisten.

Formen und Funktionen des Lesens werden sich im Informationszeitalter weiter verändern. Die Fähigkeit, Texte sinnentnehmend lesen zu können, dürfte zukünftig noch wichtiger werden als heute. Kinder- und Jugendbücher haben an Bedeutung im Medienalltag verloren. In der Mediengesellschaft haben sich Formen und Funktionen der Buchlektüre verändert. Jüngere Kinder schätzen es, in Büchern, Zeitschriften, Comics den aus anderen Medien – vor allem Fernsehen – vertrauten und von ihnen geliebten Charakteren wieder zu begegnen. Kinder wachsen heute in einer audiovisuell und multimedial geprägten Umwelt auf. Für Kinder im Kleinkind- und Vorschulalter ist das Fernsehen mittlerweile der wichtigste Geschichtenerzähler. Täglich bekommen sie kurze Episoden, Geschichten in Form von Serienfolgen und Spielfilmen erzählt, unter Umständen mehr als 1.000 Geschichten im Jahr. Nur noch ein Bruchteil der bis zum Beginn der Schulzeit rezipierten Geschichten erreicht Kinder durch die gemeinsame Lektüre von Büchern in der Familie oder durch Vorlesen. Die Wünsche von Kindern nach Action, Spannung und Unterhaltung werden gerade bei jüngeren Kindern aber auch noch durch Hörspiele befriedigt, bei Jugendlichen dann eher durch Computerspiele, Spielprogramme oder interaktive Spielgeschichten. CD`s ersetzen oder verdrängen Bücher zwar nicht gänzlich, sie können aber bestimmte Funktionen von anderen Medien substituieren.

Wie kann man diese Erkenntnisse über die Mediennutzung konkret umsetzen? Bereits für Kinder im Kindergartenalter könnte es Bedeutung gewinnen, wenn man deren Ansprüche auf nachvollziehbare Hörspiele aufnähme, die an den beliebten Geschichten auf Hörkassette oder Fernsehen angelehnt und in eine Und-dann-Struktur, ähnlich wie in beliebten Märchen, erzählt werden. Vor allem jüngere Kinder, doch auch noch Kinder im Grundschulalter, möchten unaufdringlich an die Hand genommen und durch die „Sendung“ geführt werden. Dies bedeutet vor allem, ihnen Identifikationsfiguren anzubieten, die sie mit auf die Reise in abenteuerliche und doch an ihre Alltagserfahrung orientierte Audio-Welten mitnehmen. Daneben interessieren sich Kinder dieses Alters besonders für ihre unmittelbare Umgebung, also auch dies sollte sich in medialen Angeboten stets wieder finden lassen. Es ist nicht neu, immer wieder auf das Zauberwort „spielerisches Lernen“ für diese Altersgruppe hinzuweisen, das an ihren unmittelbaren Interessen und vor allem ihren jeweiligen altersgerechten Verstehensleistungen festgemacht werden muss.

Prof. Dr. Mike Friedrichsen ist Hochschullehrer für Medienforschung an der Hochschule der Medien in Stuttgart