Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Adoption – ein lebenslanger Prozess

von Gesine Wischerhoff

Der Evangelische Verein für Adoptions- und Pflegekindervermittlung Rheinland e.V. berät jährlich eine große Anzahl erwachsener Adoptierter, die mit seiner Hilfe in Adoptivfamilien vermittelt wurden. Alle Adoptionsakten werden zeitlich unbegrenzt archiviert, um auch erwachsenen Adoptierten, die sich erst spät in ihrem Leben auf die Suche nach ihren Wurzeln machen, Hilfe bei ihrer Auseinandersetzung mit ihrer Identität anbieten zu können.

Frau L., 53 Jahre alt, im Jahre 1947 zu Adoptiveltern vermittelt

Im Januar 1947 wurde ich geboren und vier Wochen später, ein paar Tage nach meiner Taufe, in einem Kinderheim untergebracht.

Am 7.7.1947 begann für mich wieder das Leben, meine Adoptiveltern haben mich zu sich geholt, in das Haus, in dem ich heute noch gerne lebe, das meine Heimat geworden ist. Meine Eltern konnten mir viel Liebe und Geborgenheit geben, und ich spüre heute noch, lange nach ihrem Tod, starke Gefühle der Liebe zu ihnen.

Sie waren meine Rettung und meine Sicherheit. Am 27. Januar 1997, im Alter von 50 Jahren, hatte ich ein besonderes inneres Erlebnis, eine Verbindung zu meiner natürlichen Mutter auf Seelenebene. Ich muss mich auf die Suche machen – dieser Gedanke lässt mich nun nicht mehr los. Aber ich weiß überhaupt nicht, wie ich das machen soll! Ein Jahr vergeht. Am 11. März 1998 beginne ich mit der Suche.

Nach Telefonaten mit der Gemeinsamen Zentralen Adoptionsstelle (GZA) in Hamburg und mit dem Jugendamt in Mainz bin ich bei der für mich richtigen Stelle in Düsseldorf, beim Evangelischen Verein für Adoptions- und Pflegekindervermittlung. Meine Adoptionsakten von 1947 sind noch im Archiv, eine wunderbare Nachricht!

Beim Gesprächstermin am 12. Juni 1998 beim Evangelischen Verein höre ich zum ersten Mal in meinem Leben von meinen Wurzeln, von meiner Mutter und von meinem Vater. Und Halbgeschwister, eine Schwester und einen Bruder, habe ich auch.

Meine Eltern haben mir in meiner frühen Kindheit schon gesagt, dass sie mich adoptiert haben, aber in meinem Elternhaus war dieses Thema das große Geheimnis; darüber wurde nicht gesprochen und nichts aufgeklärt, und ich habe nichts gefragt, auch nicht als Erwachsene.

Am 27. August 1998 erhalte ich einen Anruf der Adoptionsstelle. Meine Mutter, 1916 geboren, ist gefunden worden und hat eingewilligt, dass ich sie besuche. Sie lebt 300 km von mir entfernt. Einen Tag nach der Nachricht, dass ihr Kind sie sucht, sagt sie ihren Kindern Bescheid, dass sie noch eine Tochter hat. Sie hat nie darüber gesprochen und niemand wusste von meiner Existenz. Meine Mutter erleidet einen Schlaganfall und wird ins Krankenhaus gebracht.

Am 29. August 1998 begleitet mich mein Mann auf dem Weg zu meiner Mutter. Nach einer schlaflosen Nacht kann ich das Krankenzimmer in Ruhe und Gelassenheit betreten. Wir sehen uns in die Augen. Ich höre mich sagen: „Du bist meine Mama und ich bin Dein Kind.“ Und sie antwortet: „Ja!“

Ich bleibe lange bei ihr und erzähle ihr aus meinem Leben. Sie hat mich in einer ganz schwierigen Zeit und Situation geboren, und dafür kann ich ihr jetzt danke sagen.

Inzwischen lebt sie im Altenheim, und wir telefonieren sehr viel miteinander. An manchen Tagen erzählt sie mir aus der Tiefe ihres Herzens, und wir fühlen uns einander nah. Viele Fragen, die mich so lange gequält haben in meinem Leben und die ich nie zu stellen gewagt habe, sind nun geklärt.

Das Wiedersehen mit meiner Mama war ein beglückendes und befreiendes Erlebnis. Wir können noch ein Stückchen Gemeinsamkeit erleben. Das gibt uns Beiden inneren Frieden.

Vier Wochen nach dem Treffen mit meiner Mutter hat sich meine Schwester telefonisch bei mir gemeldet. Auch wir sind uns nah gekommen, wir besuchen uns, und bei ihr sehe ich dann auch meine Mutter. Wir halten regen Kontakt, und es tut uns gut. Und der Mama gefällt das auch.

Meinen Bruder habe ich im vergangenen Jahr anlässlich des 83. Geburtstages meiner Mutter kennen gelernt. Zu ihm und seiner Familie gibt es keinen Kontakt.

Immer wieder mal fragt mich meine Mama: ‚Wie haben wir das nur gemacht, mit dem Suchen und dem Finden?’

Und ich antworte ihr: ‚Mit unseren Herzen und unseren Seelen, Mama’. Und sie sagt: ‚Ja, mein Kind.’

Die Bedeutung der Suche nach den leiblichen Eltern für die Adoptierten

In unterschiedlichen Phasen ihres Lebens beschäftigen sich fast alle Adoptierten stark mit ihren biologischen Wurzeln. Besonders wichtig wird die Beschäftigung mit der Herkunftsfamilie in der Pubertät, in der die Frage nach der eigenen Identität in den Vordergrund tritt. Manchmal ist auch die eigene Familiengründung ein Anlass, mehr über die biologischen Eltern erfahren zu wollen. Sich auf die Suche machen zu wollen, mehr erfahren zu wollen, ist also etwas, was nahezu alle Adoptierten erleben, und es tut vielen gut, zu erfahren, dass es anderen Adoptivkindern ähnlich geht.

Die Fragen, die Adoptierte haben, ähneln sich. Oft steht der Wunsch im Vordergrund zu wissen, wie die leiblichen Eltern aussehen, ob es Ähnlichkeiten mit ihnen gibt, wie die Eltern leben und ob noch Geschwister oder andere Verwandte da sind. Wenn die Vermittlung in die Adoptivfamilie nicht unmittelbar nach der Geburt erfolgte, besteht der Wunsch nach Informationen über die frühe Kindheit, die oft eine Lücke im Lebenslauf ist. Aber auch die schmerzhaften Fragen danach, warum sie von den leiblichen Eltern abgegeben wurden, ob sie selbst „Schuld“ daran tragen und warum vielleicht Geschwisterkinder bei den leiblichen Eltern aufwachsen konnten, beschäftigen Adoptierte stark.

Konnte in der Adoptivfamilie offen über die Tatsache der Adoption und die leiblichen Eltern gesprochen werden, machen sich Adoptierte oft mit Unterstützung der Adoptiveltern auf die Suche nach den leiblichen Eltern. Schwieriger ist es für Adoptierte, wenn die Adoptiveltern die Suche ihrer Kinder nach den leiblichen Eltern ablehnen oder die Adoption ein Tabuthema ist. Adoptierte geraten dann in eine emotionale Zwickmühle, die sie zu Heimlichkeiten zwingt. Manchmal warten sie dann mit ihrer Suche nach den leiblichen Eltern, bis die Adoptiveltern gestorben sind.

Die Suche nach den biologischen Wurzeln birgt viele Chancen in sich, ist aber auch mit Ängsten und Risiken verbunden. Das Risiko besteht darin, erneut Ablehnung zu erfahren, wenn die leiblichen Eltern keinen Kontakt wünschen. Möglicherweise sind sie schon gestorben. Die leiblichen Eltern könnten unsympathisch sein oder in „schlechten“ Verhältnissen leben. Vielleicht erwarten sie sogar finanzielle Unterstützung oder haben andere Erwartungen, die Angst machen.

Die Chance besteht darin, Antworten auf ungeklärte Fragen zu bekommen und damit die eigene Identität zu finden. Es kann zu einer Aussöhnung mit dem Thema „ich wurde abgegeben“ kommen. Der Kontakt mit den biologischen Eltern und möglicherweise den Geschwistern kann eine Bereicherung des eigenen Lebens werden.

Die Bedeutung der Kontaktaufnahme für die leibliche Mutter

Während das Adoptivkind, von dem die Initiative ausgeht, viel Zeit hatte, sich auf einen möglichen Kontakt, eine Begegnung mit der leiblichen Mutter einzustellen und sich darauf vorzubereiten, wird die gesuchte leibliche Mutter unvorbereitet in ihrer gegenwärtigen Situation von dem Anliegen überrascht.

Der einschneidende Lebensabschnitt der Schwangerschaft, der Geburt und der Entscheidung, das Kind zur Adoption freizugeben, liegt viele Jahre zurück. Die meisten Frauen haben diese Zeit in ihrem Leben als schwere Krise, die mit vielen schmerzhaften Erfahrungen und Ängsten verbunden war, erlebt. Mit dieser Krise gehen die abgebenden Mütter unterschiedlich um. Manche Frauen verdrängen die schmerzhafte Erfahrung und sprechen mit niemandem darüber. Oft wissen auch die nächsten Freunde und Verwandten nichts von der Existenz des Adoptivkindes. Andere erinnern sich häufig an diese Zeit und haben schon lange gehofft, dass das Kind Kontakt zu ihnen aufnehmen würde. In jedem Fall haben sich die Lebensumstände der Frauen seit dieser Zeit verändert.

So unterschiedlich die leiblichen Mütter mit ihrer Vergangenheit auch umgehen, durch die Kontaktaufnahme des Kindes zu ihnen werden sie wieder mit der Krisenzeit konfrontiert. Die damaligen Gefühle und schmerzhaften Erfahrungen, die nicht verarbeitet wurden, kommen wieder an die Oberfläche.

Die leiblichen Mütter haben Angst, mit Vorwürfen und Verurteilungen konfrontiert zu werden. Sie befürchten, dass das Kind es in seiner Adoptivfamilie vielleicht nicht gut gehabt hat und sind unsicher, wie sie in ihrem jetzigen Umfeld mit der Situation umgehen sollen.

So löst die Adoptionsvermittlungsstelle mit dem an die leibliche Mutter herangetragenen Kontaktwunsch des Adoptierten viele Fragen und möglicherweise auch Probleme bei ihr aus. Gleichzeitig hat die Mutter aber die Möglichkeit, sich mit ihrer damaligen Lebenssituation auseinander zu setzen, Vergangenes zu verarbeiten und sich mit ihrer Geschichte auszusöhnen. Dem Kind persönlich die damalige Lebenssituation beschreiben und die Gründe, die zu der Entscheidung führten, nennen zu können, hilft dem Adoptierten mehr Verständnis zu entwickeln und fördert gegenseitige Akzeptanz. Umgekehrt ist es erleichternd für die leibliche Mutter, wenn sie feststellt, dass sich das Kind positiv entwickelt hat und sie etwas über seinen Lebensweg und die Adoptivfamilie erfahren kann. Durch die Begegnung und das gegenseitige Kennenlernen können abgebende Mütter und Adoptierte wichtige persönliche Fragen klären und Lücken in ihrer Lebensgeschichte schließen.

Das Beratungsangebot der Adoptionsvermittlungsstelle

Adoptierte, die sich Unterstützung bei der Suche nach ihren leiblichen Eltern wünschen, sollten sich an „ihre“ Adoptionsvermittlungsstelle wenden. Diejenigen, die das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, benötigen die Zustimmung ihrer Adoptiveltern.

Die Adoptionsvermittlungsstelle berät und informiert über den Gewinn und die „Risiken“ der Suche, über die in der Akte der Vermittlungsstelle vorliegenden Informationen zu den leiblichen Eltern und über die Arbeitsweise der Mitarbeiter(innen) der Vermittlungsstelle.

Zunächst versucht die Adoptionsvermittlungsstelle über Auskünfte beim Einwohnermeldeamt, die Adresse der gesuchten Person zu ermitteln und stellt schriftlich den ersten Kontakt zu der gesuchten Person her. Sie berät die gesuchten und gefundenen leiblichen Eltern und klärt, ob sie den Kontakt zum Suchenden wünschen. Auf Wunsch leitet sie Briefe zwischen den Beteiligten unter Wahrung des Inkognitos weiter. Sie organisiert und begleitet auf Wunsch ein Treffen der Beteiligten auf „neutralem Boden“ in der Vermittlungsstelle und bietet nach dem Treffen Gespräche an, um das Erlebte besser verarbeiten zu können.

Im Leben Adoptierter, aber auch abgebender Eltern und der Adoptiveltern ist die Beschäftigung mit den eigenen Wurzeln, der Adoptionsfreigabe ihres Kindes bzw. der Adoption ein häufig lebenslanger Prozess, bei dem alle Beteiligten die Unterstützung „ihrer“ Adoptionsvermittlungsstelle in Anspruch nehmen können.

Gesine Wischerhoff ist Sozialarbeiterin und stellvertretende Geschäftsführerin des Evangelischen Vereins für Adoptions- und Pflegekindervermittlung Rheinland e.V. und verantwortlich für die Adoptions- und Pflegekindervermittlung im Bereich der Rheinischen Landeskirche