Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Erziehungsstellen – Soziale Elternschaft mit pädagogischem Auftrag

von Kurt Sternberger

Immer mehr Kinder und Jugendliche, die nicht in ihren Familien aufwachsen können und deren Eltern auf die im Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) gesetzlich vorgesehene „Hilfe zur Erziehung“ (§ 27 ff. KJHG) angewiesen sind, sollen mit Hilfe von professioneller Familienerziehung in ihrer persönlichen Entwicklung gefördert werden. Die Erziehungsstelle ist Ende der 1960er Jahre bundesweit als Folge der Kritik an der damaligen Heimerziehung entstanden. Sie soll die Kinder in der Bewältigung ihrer bisherigen Lebensgeschichte, die oft von Verlust, Versorgungsmängeln und Traumata geprägt ist, unterstützen, bestehende Bindungen zur Herkunftsfamilie wertschätzen und die Gestaltung der Kontakte begleiten. Bei der Erziehungsstelle handelt es sich um eine besonders komplexe soziale Elternschaft, die als individuelle Erziehungshilfe zwischen privatem und öffentlichem Bereich für manche Kinder und Jugendliche besonders günstige Entwicklungsmöglichkeiten bietet.

Bei einer voraussichtlich langfristigen Unterbringung wird als Vorteil angesehen, dass die Einmaligkeit (Exklusivität) des Platzes und die Kontinuität der erziehenden (Pflege-) Elternpersonen den betroffenen Kindern und Jugendlichen bessere Möglichkeiten gibt, sich mit ihrem neuen Lebensumfeld zu identifizieren. Diese traditionell der Pflege- oder Adoptivfamilie zugeordneten Vorteile sollen bei Erziehungsstellen verbunden sein mit der bewussten Entscheidung, eine „öffentliche“ Familie zu sein, die selbstverständlich die Unterstützungsangebote der Jugendhilfe in Anspruch nimmt, fachlich vorgebildet ist und bereit ist, für ihr Tun eine unabhängige Supervision zu nutzen. Wichtiger Bestandteil des Konzeptes ist die feste Verbindung zwischen aufnehmender Familie und einer Fachberatung. Diese soll einerseits die Familie in den komplexen menschlichen und pädagogischen Fragen unterstützen und andererseits Ansprechpartner für das Kind sein. Sie ist darüber hinaus Kontaktstelle für die Institutionen und die Herkunftsfamilien.

Menschen, die sich in einer Erziehungsstelle engagieren und ihre eigene Familie in diese Aufgabe einbeziehen, schätzen die Möglichkeit, langfristig, eigenverantwortlich und mit ihrer ganzen Individualität sowie frei von Dienstplänen und Vorgesetzten pädagogisch und sozial tätig zu sein und ihre Familie um einen jungen Menschen zu erweitern. Auch die Möglichkeit, sich persönlich und fachlich weiter zu entwickeln, können von Erziehungsstellenfamilien auf der Gewinnseite verbucht werden. Menschen, die zuvor jahrelang in institutionellem Rahmen fremde Kinder (mit-)erzogen haben, berichten, dass sie sich in der Erziehungsstelle völlig neu erleben und tiefer mit ihrer ganzen Persönlichkeit beteiligt sind.

Auf der Risikoseite steht die Öffnung der eigenen Familie gegenüber den Institutionen und gegenüber sozialem und gesellschaftlichen Leid wie Gewalt oder Sucht, die zu den Lebenserfahrungen der aufgenommenen Kinder gehören. Die Öffnung der sonst so privaten Familie beinhaltet auch die Gefahr eines Verlustes an Selbstbewusstsein, Originalität und Spontaneität.

Kurt Sternberger ist Sozialpädagoge und seit 1980 Fachberater für Erziehungsstellen in Hessen