Zeitschrift frühe Kindheit – Archiv

Chancen und Probleme für Kinder in Stieffamilien

von Wilfried Griebel

Ein Wandel in gesellschaftlichen Auffassungen von Trennung und Scheidung sowie Wiederheirat und der Bildung von Stieffamilien schlägt sich auch in den Forschungsansätzen nieder, mit denen die Entwicklung von Kindern untersucht wurde (Fthenakis, Niesel & Griebel, 1997; Walper & Schwarz, 1999). Zunächst wurden im Rahmen eines Defizitmodells nachteilige Konsequenzen für Kinder aus Nachscheidungs- und Stieffamilien mit Kindern in Kernfamilien festgestellt.

Über längere Zeit angelegte Studien erwiesen, dass einerseits Konflikte der Eltern auffällige Reaktionen von Kindern bereits lange vor einer Scheidung bedingten, und andererseits die Bedingungen des Lebens in der Nachscheidungsfamilie unterschiedliche Auswirkungen hatten: Einkommensverluste, weiterbestehende Konflikte auf der Elternebene mit negativen Folgen, Nachlassen der Elternkonflikte, weiterbestehende Beziehungen zum außerhalb lebenden Elternteil, erfolgreiche Anpassung des Erziehungsstils des sorgeberechtigten Elternteils mit relativ wenigen nachteiligen Folgen für die Kinder.

Negative Erwartungen, die mit dem Wort „Stief-“ verknüpft sind, erschweren Mitgliedern von Stieffamilien die Anpassung. Unterstützung beim Familieneinkommen und bei der Erziehung der Kinder konnte auch durch einen Stiefelternteil mit positiven Konsequenzen einher gehen.

Dieses Reorganisationsmodell erfasste die Bedingungen der kindlichen Entwicklung unter veränderten Familienstrukturen bereits sehr viel präziser (Griebel, 1994). Scheidung und Wiederheirat wurden in die Forschung zu Stress und kritischen Lebensereignissen eingeordnet (Filipp, 1990), die nicht nur Nachteile, sondern auch Bewältigungskompetenzen und Chancen für die Beteiligten ins Auge fasst und von daher viele Anstöße für Hilfen für betroffene Familien entwickeln ließ, so dass sie sich bewusst der Tatsache stellen können, eine Stieffamilie zu sein (Dusolt, 2000).

Die systemorientierte Sichtweise von Familie ließ die familialen Beziehungen insbesondere zu Eltern, die nicht mehr mit dem Kind im selben Haushalt leben, verstärkt ins Blickfeld rücken (Fthenakis, 1986); das Familiensystem besteht in veränderter Form weiter und lässt die Entwicklung nicht bei „Elterntrümmern“ und „Scheidungswaisen“ (Lempp, 1989) stehen.

Der Übergangs- oder Transitionsansatz schließlich ordnet Scheidung und Wiederheirat der Familienentwicklungspsychologie zu und schließt die Suche nach Entwicklungspotentialen ein, die mit der Anpassung an Veränderungen der Familienstruktur sich eröffnen (Fthenakis u.a., 2000; Griebel, 1999; Griebel & Fthenakis, 2000).

Übergänge sind prozesshafte Geschehen. Sie bringen einen Wandel im Selbstbild, in der Identität mit sich, die über einen veränderten sozialen Status und über Kompetenzgewinn erlebt wird. Auf der Ebene bisherigen und neuer Beziehungen findet ein Rollenwandel mit Erwartungen an das Verhalten statt, die neues Verhalten lernen lassen. Ein Pendeln zwischen zwei Lebensumwelten setzt ein, weil das Kind in mehr oder weniger großem Umfang Mitglied in den beiden Haushalten seiner Eltern ist. Es müssen starke Emotionen und Stress bewältigt werden, die mit der kurzzeitigen Anpassung an Veränderungen in diesen unterschiedlichen Lebensbereichen verknüpft sind. Während die Erwachsenen die Richtung von Veränderungen – nämlich Trennung und Eingehen einer neuen Partnerschaft – weitgehend selbst bestimmen, sind Kinder eher abhängig beteiligt.

Die Anpassungsleistungen, die das Kind in unterschiedlichen Bereichen erbringt, lassen sich als Entwicklungsaufgaben formulieren (Griebel, 1996). Sie lassen sich mehr oder weniger erfolgreich lösen, wobei die Verantwortung für günstige Bedingungen nicht beim Kind liegt. Tatsache ist aber, dass nicht wenige Kinder in unserer Gesellschaft mit diesen komplexen Aufgaben konfrontiert sind – etwa jede 5. Familie in Deutschland ist mittlerweile eine Stieffamilie bzw. stieffamilienähnliche Lebensgemeinschaft, wobei die überwiegende Mehrzahl der Stiefkinder in einem Haushalt mit einem Stiefvater lebt (Ritzenfeld, 1998). Etwa 20-25% der Kinder in Nachscheidungsfamilien und Stieffamilien zeigen auffälliges Verhalten, verglichen mit 10% in nicht geschiedenen Familien (Hetherington et al., 1998).

Die überwiegende Mehrzahl der betroffenen Kinder zeigt damit keine weiterreichenden Probleme und entwickelt sich zu kompetenten Persönlichkeiten innerhalb der normalen Bandbreite von Anpassung (Reis & Meyer-Probst, 1999; Schmidt-Denter & Schmitz, 1999) – das heißt, sie lösen die Entwicklungsaufgaben, und wohlgemerkt zusätzlich zu denen, die alle Kinder im Laufe ihrer Kindheit bewältigen müssen.

Im Folgenden sollen die Entwicklungsaufgaben auf dem Weg zum Kind in einer „funktionierenden“ Stieffamilie kurz aufgezeigt werden.

Juristischer Bereich:

Das Kind, das erst ab 14 Jahren verstärkt bei Sorgerechts- und Umgangsregelungen mitwirken kann, muss sich in Verhandlungen etwa bei Anhörung oder Beratung kompetent einbringen und seine Bedürfnisse äußern. Im ökonomischen Bereich kann vom Kind kein direkter eigenständiger Beitrag zum Familieneinkommen erwartet werden, wohl aber indirekt über verändertes Konsumverhalten und auch durch Mithilfe bei der Hausarbeit, die den Erwachsenen mehr Zeitaufwand für Erwerbsarbeit erleichtert. Es beteiligt sich an Aushandlungsprozessen.

Ökologischer Bereich:

Im ökologischen Bereich der Wohnumgebung nutzt das Kind seine Gestaltungsmöglichkeiten für ein seinen Bedürfnissen gerechtes Wohnen. Da es Mitglied in zwei Haushalten ist, trägt es seinen Teil bei der Organisation des Hin- und Herwechselns und der Anpassung an Regeln und Routinen. Dem Stiefelternteil und Stief- oder Halbgeschwistern muss Platz zugestanden werden. Wichtig ist auch das Aushandeln davon, welche Familienfeste bei wem und auf welche Weise begangen werden sollen, d.h. Familientraditionen müssen gestaltet werden.

Psychisch/emotionaler Bereich:

Im psychisch/emotionalen Bereich müssen gegebenenfalls neue oder erneut erlebte Gefühle des Verlustes verarbeitet werden, der Ablehnung, der Selbstabwertung, der Wut und der Niedergeschlagenheit. Eine Fixierung auf Probleme und Konflikte beim Übergang in die Stieffamilie muss aufgegeben werden. Die neue Partnerschaft der Eltern muss akzeptiert werden – was nicht gleichbedeutend ist mit dem Aufgeben von Wiedervereinigungsphantasien. Vertrauen in familiale gegenseitige Zuneigung und Unterstützung muss wieder gewonnen werden sowie darin, dass sich die Lebenssituation in veränderter Form stabilisieren wird. Spezifische Bedingungen, die toleriert werden müssen, sind z.B. die offenen Grenzen des Haushaltes wegen der weiterbestehenden Beziehungen zum außerhalb lebenden Elternteil. Der individuelle Lebensrhythmus und Lebensstil des Kindes und seine eigene Zukunftsperspektive muss wiedergewonnen werden. Insgesamt geht es um das Ausbilden eines angemessenen Selbstbewusstseins als kompetentes Kind und Stiefkind.

Intergenerationaler Bereich:

Im intergenerationalen Bereich haben wir es mit einem „elternreichen Kind“ zu tun, das sich mit mehr als zwei Erwachsenen mit Elternfunktionen auseinandersetzt. In der Beziehung zum anwesenden leiblichen Elternteil muss es akzeptieren, dass die Beziehung wegen dessen neuer Partnerschaft weniger ausschließlich ist als zuvor. Es muss den Elternteil mit dessen neuem Partner teilen und dass es Bereich von Selbständigkeit wieder aufgeben muss. Das Kind muss sich gegebenenfalls aus risikoreichen Beziehungsformen zurückziehen: Kein Partnerersatz zu sein, kein Spion oder Botschafter in Bezug auf den jeweils anderen Elternteil zu sein. Stattdessen muss es sich verstärkt wieder der Gleichaltrigengruppe zuwenden.

Beziehung zum zweiten leiblichen Elternteil:

In der Beziehung zum zweiten leiblichen Elternteil geht es um die Sicherung der Beziehung, die auch entwicklungsfähig bleiben muss, mit der Entwicklung eigener und gemeinsamer Interessen (z.B. Hobbies). Auch gegenüber dem zweiten Elternteil muss das Kind eventuell Parentifizierung und Rivalität zwischen Eltern- und Stiefelternteil vermeiden, z.B. in dem es Erwachsene nicht in dieser Hinsicht manipuliert.

Beziehung zum Stiefelternteil:

In der Beziehung zum Stiefelternteil geht es um den Aufbau einer Beziehung. Angesichts der fehlenden gemeinsamen Beziehungsgeschichte muss das Kind sich mit dem neuen Erwachsenen verständigen. Es kann eine emotional vertraute und vertrauensvolle Beziehung zwischen ihnen entstehen, sie wird und muss nicht in jedem Fall entstehen. Dem Kind bleibt dann die Aufgabe, zu einer „Arbeitsbeziehung“ mit klaren Regeln das seine beizutragen und den Stiefelternteil als zusätzliche Ressource für seine eigene Entwicklung zu nutzen. Die Rolle des Stiefkindes ist eine zusätzliche Rolle, bei der die Erwartungen daran abgeklärt werden müssen.

Erweiterter familialer Bereich:

Im erweiterten familialen Bereich verändern sich mit dem Hinzukommen von Stief- und Halbgeschwistern Geschwisterbeziehungen. Auch hier werden neue Beziehungen, neue Rollen, ein neues Selbstverständnis entwickelt. Außerdem gehört hierher die Anpassung an einen beträchtlichen Zuwachs an Beziehungen zum verwandtschaftlichen Netz des Stiefelternteils: Großeltern, Tanten, Onkel, Vettern und Cousinen. Dieses Netz muss in die eigene Familie integriert werden, wenn auch teilweise lockerer als in einer Kernfamilie, und kann als Unterstützungssystem vom Kind genutzt werden.

Sozialer Bereich außerhalb der Familie:

Nicht zuletzt im sozialen Bereich außerhalb der Familie, in Kindergarten und Schule, muss sich das Kind als Kind und als Stiefkind artikulieren und einbringen und sich gegebenenfalls bei Diskriminierung zur Wehr setzen, seinen sozialen Status neu definieren und kompetent vertreten.

Es wird deutlich, wie komplex die Anforderungen an Kinder sind, die sich über eine Elterntrennung und neue Partnerschaft von Eltern hinweg zu kompetenten Kindern und Stiefkindern entwickeln. Die Erwachsenen ihrerseits haben Aufgaben zusätzlich zu „normalen“ familialen Aufgaben als Eltern und Stiefeltern zu bewältigen. Wenn wir aus der Kenntnis der umfangreichen Forschungsliteratur die Richtung andeuten können, in die eine erfolgreiche Bewältigung der Probleme geht, können wir Kindern und Eltern helfen, ihre Chancen zu realisieren. Sie haben erlebt, dass Familie nicht selbstverständlich ist, dass sie einen eigenen Beitrag geleistet haben, und dass sie daraus für eine eigene spätere Familie lernen konnten – das sagen viele erwachsen gewordene Stiefkinder.

Wilfried Griebel ist Diplom-Psychologe und Referent im Staatsinstitut für Frühpädagogik in München